Großartige Möglichkeiten

Gesichter des SGE- AG Lothar Klein

Consulting, Umwelt, Bildung und Arbeit – dafür stehen die vier Initialen der C.U.B.A. gGmbH. Im Auftrag der Berliner Jobcenter und des Senats bietet der gemeinnützige Träger seit über dreißig Jahren geförderte Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose an und versucht, Betroffene in den regulären Arbeitsmarkt zu vermitteln. Keine Beschäftigungsförderungsmaßnahme, mit der man hier nicht Erfahrung hätte. Kaum ein Ort, an dem sich mehr Expertise im Umgang mit Langzeitarbeitslosen herausbilden konnte.

Konnte ein Pilotprojekt wie das Solidarische Grundeinkommen (SGE), mit dem der Berliner Senat das Thema Langzeitarbeitslosigkeit 2019 auf neue Weise anging, dort mehr als freundliches Interesse hervorrufen? Offensichtlich. Betriebsleiter Lothar Klein kann eine gewisse Euphorie selbst fünf Jahre nach Projektstart nicht verbergen. In einer denkmalgeschützten ehemaligen Produktionshalle von Philips führt er den Betriebsteil Süd in Tempelhof, einen von drei C.U.B.A.-Standorten in Berlin. „Als ich die Ausschreibung las, dachte ich: irre. So etwas hatte es noch nie gegeben“, erinnert er sich. „Ich sah so viele Chancen. Dinge anders anzugehen als üblich. Neu zu durchdenken. Größer zu denken. Näher an der Realität zu denken.“

„Sofort als ich die Ausschreibung las, dachte ich: irre. So etwas hatte es noch nie gegeben.“
Lothar Klein - Betriebsleiter von C.U.B.A.

Lothar Klein begriff instinktiv, dass hier ein innovatives Arbeitsmarktinstrument ungewohnte Spielräume bot. „Die Offenheit im System war sensationell“, sagt er. „Plötzlich ließen sich Bedarfe stillen, die vorher nie abgedeckt werden konnten. Ausgerichtet an unseren Ideen und Erfahrungen konnten wir neuartige Aufgaben und Stellen selbst kreieren und Bewerber*innen einen denkbar niedrigschwelligen Zugang zu guter Arbeit schaffen.“

Damit wäre eine Grundidee des SGE tatsächlich umrissen. Vorgabe war, die Teilnehmenden auf Tätigkeitsfeldern einzusetzen, die es so noch nicht gab und die somit nicht in Konkurrenz zum regulären Arbeitsmarkt standen. Außerdem sollte aus der Beschäftigung ein Mehrwert für die Stadtgesellschaft resultieren. „Zwischen diesen beiden Zielstellungen gab es nicht nur große Spielräume, sondern viel weniger verwaltungstechnische Einschränkungen, als wir es von anderen Maßnahmen gewohnt waren“, so Lothar Klein. „Unter diesen Bedingungen konnten wir wirklich etwas Neues auf die Beine stellen.“

Von Lotsendiensten über Quartiers- und Mobilitätshelfer*innen bis hin zu Schul- und Kulturorganisationsassistent*innen hatte der Berliner Senat rund ein Dutzend Tätigkeitsfelder vordefiniert, an denen sich interessierte Unternehmen und Träger orientieren konnten, um SGE-Stellen zu beantragen. Lothar Klein erkannte hinter den Vorgaben beträchtliches Differenzierungspotenzial. „Wir spezifizierten das aus und schufen ausgehend von den verbindlichen Mustern vier eigene Stellenbeschreibungen, die genau unseren Vorstellungen entsprachen“, sagt er. Einerseits durften diese Beschreibungen nicht im Widerspruch zu den Vorgaben stehen und mussten deshalb von der Senatsverwaltung gegengelesen und genehmigt werden. „Andererseits beschrieb ich gewisse Tätigkeiten bewusst so offen wie möglich, um Teilnehmenden später einen größtmöglichen Spielraum geben zu können, eigene Interessen und Fähigkeiten zu entwickeln.“

Gesichter des SGE- AG Lothar Klein
„Es gab viel weniger verwaltungstechnische Einschränkungen als wir es von anderen Maßnahmen gewohnt waren.“
Lothar Klein - Betriebsleiter von C.U.B.A.

C.U.B.A. ist ein Schwergewicht unter den SGE-relevanten Berliner Trägern und Lothar Klein wollte sowieso lieber klotzen statt kleckern. Fast alle von weit über vierzig Anträgen wurden genehmigt und insgesamt 42 SGE-Stellen bewilligt. „Den entsprechenden Verwaltungsaufwand sind wir gewohnt, das war für uns relativ leicht zu handhaben“, sagt er. „Ein Spaziergang war es trotzdem nicht, denn nach der Bewilligung mussten die Stellen innerhalb von drei Monaten besetzt werden.“ Bei den 42 Stellen kamen ungefähr drei Mal so viele Vorstellungsgespräche auf Lothar Klein zu, zuzüglich der Abstimmungsprozesse und Rücksprachen mit den Jobcentern, die die Bewerber*innen schickten. „Mindestens eine Stunde dauerte jedes Gespräch“, sagt Lother Klein. „Es war mir wichtig, jeden individuell einzuladen und dabei nicht abzustumpfen. Unser Besprechungsraum war ein paar Wochen lang praktisch durchgehend belegt.“

Der Aufwand lohnte sich und es gelang, innerhalb der kurzen Frist sämtliche Stellen zu besetzen, wobei auf eine ausgewogene Geschlechterverteilung geachtet wurde. Unter den von C.U.B.A. angebotenen Arbeitsplätzen fanden sich die meisten in sogenannten grünen Projekten; außerdem gab es handwerkliche, soziale sowie Tierschutzprojekte. Diese Struktur spiegelte sich sowohl in der Art wie auch der jeweiligen Anzahl zusätzlicher SGE-Stellen wider. Sie verteilten sich bei C.U.B.A. auf vier Einsatzformen: Umwelt- und Grünflächenguides, Kulturlots*innen, Teilhabelots*innen sowie Taubenlots*innen.

Die größte Gruppe der Umwelt- und Grünflächenguides war vor allem im Außeneinsatz. Auf dem nahen Tempelhofer Feld, im Landschaftspark Johannisthal oder im Großen Tiergarten lokalisierten sie zum Beispiel wilde Müllablagerungen und zeigten diese den Ordnungsämtern an. Eine weitere wichtige Aufgabe bestand in der persönlichen Ansprache und Aufklärung von Parkbesucher*innen. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass es im Tiergarten verboten ist, mit Elektrorollern zu fahren. Wenige lesen entsprechende Hinweisschilder und Vorschriften, für die es allerdings gute Gründe gibt. Auf so etwas wiesen die Grünflächenguides hin. „Allein dadurch, dass sie punktgenau auf Müllansammlungen aufmerksam gemacht wurden, konnten die Ordnungsämter deutlich gezielter einschreiten und sparten viel Zeit und Geld“, sagt Lothar Klein. Die Effekte gingen aber darüber hinaus. „Wir bekamen bald die Rückmeldung, dass allein die pure Präsenz unserer Guides in ihren Warnwesten zu deutlich weniger Müll und weniger Scherben führte. In der Folge reduzierten sich ebenfalls Beschwerden von Eltern oder Hundebesitzern. Grillende Freundeskreise fragten unsere Guides plötzlich, wohin sie ihren Abfall bringen sollten. Die Ordnungsämter waren jedenfalls begeistert. Keine Behörde könnte eine Präsenz wie die unserer Guides leisten.“

„Wir versuchten die Teilnehmenden zur Selbstorganisation zu ermuntern.“
Lothar Klein - Betriebsleiter von C.U.B.A.

Die zweitgrößte Gruppe der Kulturlots*innen arbeitete in der Geflüchtetenintegration. „Als das SGE startete war das bereits ein hochaktuelles Thema in Berlin“, sagt Lothar Klein, „und unser Gedanke war, dass sich Menschen über das SGE wunderbar in diese Richtung hineinqualifizieren ließen.“ Kulturlots*innen sollten Geflüchteten Alltagsunterstützung und Orientierungshilfe sein, erklären, beraten, begleiten und vermitteln. Für die entsprechenden Stellen wurden vor allem Personen gesucht, die selbst einen Migrationshintergrund hatten. Dies brachte wichtige Sprachmittlungskompetenzen mit sich und erleichterte generell den Zugang zur Zielgruppe. „Das funktionierte gut“, sagt Lothar Klein.

Teilhabelots*innen wiederum halfen Menschen mit Behinderung, ihren Alltag zu bewältigen. Nachdem sie Ersthelferkurse absolviert und einen sogenannten Rollstuhlschein erworben hatten, boten sie Begleitdienste für mobilitäts- oder auch seheingeschränkte Menschen kostenlos und flexibel an. „Die Idee war mir gekommen, als ich mitten auf dem Tempelhofer Feld zufällig einen völlig entnervten Rollstuhlfahrer getroffen hatte, der am S-Bahnhof Tempelhof versuchte, den damals noch einzigen barrierefreien Zugang zu erreichen“, erzählt Lothar Klein. Das Projekt „Miteinander – Füreinander auf dem Tempelhofer Feld“ setzte genau da an und wurde ein Teil der Teilhabelots*innenarbeit. Außerdem wurde das neue Angebot in Kiezzeitschriften und Artikeln beworben und stieß blitzartig auf Resonanz. „Unsere Lots*innen wurden anscheinend dringend gebraucht. Es gab praktisch keine Anlaufzeit; das ging sofort los.“

„Etliche Teilnehmende fanden überhaupt erst einmal heraus, was ihnen lag oder was es eigentlich für Jobs gab.“
Lothar Klein - Betriebsleiter von C.U.B.A.

Die wohl originellste Mission hatten die Taubenlots*innen. „Ein gutes Beispiel für die Offenheit des SGE-Projekts, auch wenn die Jobbeschreibung bei manch einem erst einmal für Verwirrung sorgte“, sagt Lothar Klein. Dabei war die Idee dahinter gar nicht neu, sondern orientierte sich am erfolgreich erprobten Augsburger Modell zur tierschutzgerechten Taubenreduktion. Die Idee: Durch Einrichtung von Taubenschlägen sollen Verkotung vermindert und die Vermehrung mittels Tausch der Eier gegen Attrappen eingedämmt, die Tauben außerdem gesünder werden und weniger Krankheiten übertragen. „In Berlin hat das großes Potenzial“, sagt Lothar Klein. Seit langem baute man bei C.U.B.A. Bauwagen um, die ebenso als Taubenschläge hergerichtet werden konnten. „Zuerst mussten unsere Taubenlots*innen aber eine Bestandsaufnahme vornehmen, wo die größten Verschmutzungen existierten, potenzielle Taubenschläge Platz hätten und welche Kooperationspartner, wie zum Beispiel die Deutsche Bahn, anzusprechen wären.“ Ein unheimlich großer Datenbestand sei aufgebaut worden, so Lothar Klein. Daneben war die Aufklärung der Bevölkerung ebenso wichtig. Die Taubenlots*innen verteilten Handzettel auf Stadtfesten oder erklärten taubenfütternden Bürger*innen, dass sie den Tauben kaum etwas Schlimmeres antun könnten.

Neu und allen SGE-Stellen bei C.U.B.A. gemeinsam war das hohe Potenzial, Eigenverantwortung übernehmen zu können. „Egal auf welchem Feld; wir versuchten, die SGE-Beschäftigten zur Selbstorganisation zu ermuntern“, sagt Lothar Klein. Schon in den Stellenbeschreibungen fanden sich Absätze, in denen der Wunsch festgehalten wurde, dass die Teilnehmenden selbständig Ideen verwirklichen und sich vernetzen sollten. Die Tür für individuelle Entwicklungswege und weitere Unterprojekte sollte offenbleiben. „Etliche Beschäftigte fanden überhaupt erst einmal heraus, was ihnen lag oder was es eigentlich für Jobs gab“, so Lothar Klein. Ausgehend davon, konnten sie ihre Zukunftsvorstellungen entwickeln. War Interesse vorhanden, konnte C.U.B.A. im Zusammenspiel mit den SGE-Coaches passende Qualifizierungen und Kurse anbieten oder empfehlen. „Das war ein weiterer positiver Punkt, dass so etwas von Anfang an mitgedacht worden war.“

Gesichter des SGE- AG Lothar Klein

Das SGE-Projekt sollte nicht zuletzt Langzeitarbeitslose mit multiplen Vermittlungshemmnissen in den Arbeitsmarkt integrieren. Das hieß auch, dass es häufig Krisenlagen gab, die sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirkten, jedoch geklärt werden mussten. „Dabei zogen C.U.B.A. als Arbeitgeber, Goldnetz als Coaching-Partner und mitunter sogar die direkt involvierte Senatsverwaltung an einem Strang“, sagt Lothar Klein. Seien es Wohnungslosigkeit, traumatische persönliche Erlebnisse oder Schulden – mit viel Geduld und mit externer psychologischer Unterstützung ließen sich etliche Schieflagen korrigieren und die Beschäftigungsfähigkeit der betroffenen Teilnehmenden sicher- oder wiederherstellen. „Die damit verbundene persönliche Entwicklung war ebenso ein Erfolg wie die berufliche Qualifizierung vieler Teilnehmenden“, so Lothar Klein.

Natürlich erfordere jede individuelle Entwicklung nicht zuletzt Eigeninitiative; der Wille jedes einzelnen sei erste Voraussetzung dafür, so Lothar Klein. Er beobachtete einen ganz speziellen SGE-Reflex: „Die Weiterbeschäftigungszusage für die Zeit nach dem Programm beruhigte die Menschen, steigerte ihre Motivation und Lernbereitschaft enorm. Bei C.U.B.A. haben wir den Vergleich zu anderen Maßnahmen und ich muss sagen, mir steht dieser Effekt, dieser Unterschied, heute klar vor Augen. Die Sicherheit, die das SGE bot, lässt sich psychologisch kaum überschätzen.“

Im Herbst 2025 haben die meisten SGE- Teilnehmenden Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt aufgenommen, wechselten über die Weiterbeschäftigungsgarantie in den Berliner Landesdienst oder sind in die Rente gegangen. Ein sehr kleiner Teil ist nach dem SGE-Programm wieder arbeitslos.
Die meisten halten Kontakt zu C.U.B.A. oder auch untereinander. Lothar Klein hofft auf zahlreiches Erscheinen der Ehemaligen auf einer Weihnachtsfeier 2025. „Da können sich zum Beispiel die Beschäftigten über ihre neuen Arbeitsstellen austauschen und wir alle können noch mal Rückschau halten auf das gesamte Projekt. Einerseits ist mir das ein persönlicher Wunsch als verantwortlicher Projektleiter. Andererseits wäre das auch im Sinne unseres Qualitätsmanagements ein Gewinn für zukünftige Projekte.“

„Die Weiterbeschäftigungszusage für die Zeit nach dem SGE beruhigte die Menschen, steigerte ihre Motivation und Lernbereitschaft enorm.“
Lothar Klein - Betriebsleiter von C.U.B.A.

Die Interviews und Texte der Reihe „Gesichter des SGE“ stammen von Sebastian Blottner von Rohnstock Biografien. Die Fotos hat Ina Schoenenburg von der Agentur OSTKREUZ gemacht.

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