Wirklich cool

Gesichter des SGE- Arbeitgeber Jens Rudolph

In einem pittoresken Kiez in Prenzlauer Berg, ebenerdig in einem Altbau der Metzer Straße, liegt das Büro von Jens Rudolph. Er ist langjähriger Mitarbeiter der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH, einem 1990 auf dem Pfefferberg gegründeten freien Träger der sozialen Arbeit mit vielfältigen Arbeitsfeldern. Die gemeinnützige Gesellschaft ist im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe tätig und betreibt in Berlin rund sechzig Einrichtungen. Viele Kindertagesstätten, Schulen, Orte der Jugend- und Eingliederungshilfe, Bildungsstätten. Insgesamt beschäftigt Pfefferwerk Stadtkultur über 950 Angestellte. Hinzu kommen 120 Auszubildende.

Ein Schwergewicht also unter den Berliner Sozialträgern. Als der Senat 2019 das Pilotprojekt Solidarisches Grundeinkommen (SGE) aus der Taufe hob, lag es nahe, dass sich auch Pfefferwerk Stadtkultur mit der Frage auseinandersetzte, ob und wie man sich an diesem Projekt beteiligt. Das Thema landete auf dem Schreibtisch von Jens Rudolph, der seit vielen Jahren den Bereich Beschäftigungsförderung leitet.

„Die Leute fingen mit unheimlicher Energie an zu arbeiten.“
Jens Rudolph - Leiter Beschäftigungsförderung bei Pfefferwerk und Betriebsratsvorsitzender

„Es gibt eine große Vielfalt unter unserem Dach“, sagt Jens Rudolph. „Als das SGE-Projekt ausgeschrieben wurde, stellten wir uns deshalb zuerst die Frage, ob und wo es in unseren Einrichtungen überhaupt Bedarf gibt, von Teilnehmenden aus dem Programm unterstützt zu werden. Wo das sinnvoll sein könnte. Die SGE-Tätigkeitsfelder sollten relativ präzise umrissene Zusatzaufgaben sein und wir mussten erst einmal Klarheit darüber gewinnen, welche Tätigkeiten gewünscht und erlaubt waren und ob wir die anbieten konnten. Das war der erste Schritt und es wurde sehr schnell klar, dass wir das positiv beantworten konnten.“

Das SGE-Projekt bot einen Rahmen mit vernünftiger tariflicher Bezahlung und langfristiger Perspektive. Vor allem sollten die Teilnehmenden aus eigenem Antrieb mitmachen. „Freiwilligkeit ist uns überaus wichtig, denn wir wollen engagierte Kolleginnen und Kollegen in unsere Einrichtungen holen“, sagt Jens Rudolph. „Das war immer unser Credo. Wir fördern ausschließlich Menschen, die freiwillig kommen. Wir möchten nicht, dass jemand zu etwas genötigt wird und sind überzeugt, dass weder die geförderten Beschäftigten noch wir davon etwas hätten.“

Gesichter des SGE - Arbeitgeber Jens Rudolph
„Die Erzieher*innen in unseren Kitas, Jugend- und Familieneinrichtungen bekamen spürbar mehr Raum in ihrer Arbeit.“
Jens Rudolph - Leiter Beschäftigungsförderung bei Pfefferwerk und Betriebsratsvorsitzender

Beim SGE-Konzept stimmten also die Parameter. Die Grundsatzentscheidung, SGE-Stellen zu beantragen, fiel deshalb leicht. Anschließend musste es zügig an die konkrete Ausgestaltung gehen. Einerseits, was die Abstimmung mit den Jobcentern anging, andererseits was die Bewerber*innenauswahl anbetraf. „Das war wirklich kompliziert und musste schnell gehen, es war hoher Druck im Kessel“, erinnert sich Jens Rudolph. „Gemeinsam mit den engagierten und freundlichen Mitarbeiter*innen in der Senatsverwaltung überlegten wir, wie das alles eigentlich konkret gehen sollte. Das Projekt war nicht nur für uns neu. Auch für die verschiedenen Jobcenter. In jedem Jobcenter gab es andere Zuständigkeiten, unterschiedliche Formalien und Herangehensweisen. Es gab ein großes Hin und Her, das war eine extrem hohe Belastung. Aber letztendlich funktionierte alles.“

Als Koordinator der Beschäftigungsförderung kümmerte sich Jens Rudolph vorrangig um die formalen Prozesse. In seiner Funktion hatte er jedoch auch den ersten Kontakt mit den Bewerber*innen. „Es war aber klar, dass die Einrichtungen entscheiden mussten, wer am Ende wo arbeiten sollte. Bewerber*innen und Teams mussten sich kennenlernen und Lust auf die gemeinsame Arbeit haben. Die Teams trafen sich mit den SGE-Bewerber*innen. Sie stellten sich gegenseitig vor und besprachen ihre Erwartungen. Ich bekam nach diesen Treffen im besten Falle die Rückmeldung: ja, wir wollen das angehen, mach die Anträge und Verträge fertig! Und dann ging es los.“

„Das SGE-Projekt führte zu deutlich mehr Akzeptanz und Feingefühl gegenüber Langzeitarbeitslosen.“
Jens Rudolph - Leiter Beschäftigungsförderung bei Pfefferwerk und Betriebsratsvorsitzender

Insgesamt 25 SGE-Stellen wurden Pfefferwerk Stadtkultur bewilligt. Vor allem Kitas meldeten Interesse an und wollten ihre Personalausstattung lieber heute als morgen aufbessern. Siebzehn der 25 SGE-Beschäftigten traten ihren Dienst in einer der Pfefferwerk-Kindertagesstätten an. Ihre Aufgaben variierten. Bei einigen Kitahelfer*innen lag der Schwerpunkt auf hauswirtschaftlichen Tätigkeiten. Sie halfen dem Hausmeister, räumten Tische ab oder übernahmen Küchenarbeiten. Die meisten wurden zur pädagogischen Unterstützung eingesetzt. Sie lasen Kindern etwas vor, boten je nach eigenen Vorlieben und Interessen Freizeitprogramm an oder begleiteten Ausflüge. „Das war eine große Entlastung für die regulären Erzieher*innen, die für ihre Arbeit mit den Kindern spürbar mehr Raum bekamen“, so Jens Rudolph.

Neben den Kitahelfer*innen wurden auf SGE-Stellen zwei Organisationsassistent*innen an der Freien Grundschule Pfefferwerk in Prenzlauer Berg sowie an der Köpenicker W-I-R-Grundschule angestellt. Sie halfen beispielsweise bei der Erstellung von Unterrichtsmaterialien oder kümmerten sich um die Schulbibliothek. Außerdem kamen sechs SGE-Teilnehmende als Lots*innen für Teilhabe und Prävention zu Pfefferwerk. Sie waren an zwei Stadtteilzentren am Teutoburger Platz und an der Demminer Straße in Wedding sowie einem Familienzentrum in der Weddinger Wattstraße angebunden, die Jugendbereiche betreuen sowie Familien- und Nachbarschaftsarbeit pflegen. Diese Kolleg*innen ermöglichten erweiterte Öffnungszeiten der Einrichtungen, bereiteten Veranstaltungen vor und machten eigene Projektangebote zur Bereicherung der Nachbarschaftsarbeit.

Bei Pfefferwerk gab es langjährige Erfahrungen mit Beschäftigungsförderung im Allgemeinen und mit Langzeitarbeitslosen im Besonderen. Diesbezüglich sprang man also nicht ins kalte Wasser. „Ich leite nicht nur seit vielen Jahren die Beschäftigungsförderung, sondern bin selbst systemischer Coach und Supervisor“, sagt Jens Rudolph. „Ich hatte selbst Langzeitarbeitslose gecoacht und wusste, was für Menschen zu uns kommen würden und welche Herausforderungen es sowohl für sie als auch für uns geben wird.“ Egal ob jemand aus gesundheitlichen Gründen in die Arbeitslosigkeit gerutscht war, wegen privater Schicksalsschläge den Anschluss verloren hatte oder Jahre mit der Kindererziehung verbracht hatte – entscheidend blieb, dass die Teilnehmenden den Wiedereinstieg wirklich selbst wollten.

Das Know-How des einen schützte dennoch nicht immer vor den Vorurteilen des anderen, so Jens Rudolph. „Typische Klischees über Langzeitarbeitslose existierten hier und da auch in den Köpfen von Pfefferwerk-Angestellten“, sagt er. „Das Schöne war, dass ich dabei zuschauen konnte, wie sie sich mit der Zeit relativierten. Manch eine Kitaleiterin war überrascht, was für ernstzunehmende Personen ins Team kamen, die sich gut integrierten und eine echte Bereicherung wurden. Das führte in meinen Augen zu deutlich mehr Akzeptanz und Feingefühl gegenüber Langzeitarbeitslosen.“

„Menschen, die längere Zeit arbeitslos waren, stellen sich viele Fragen, die über den Job hinausgehen.“
Jens Rudolph - Leiter Beschäftigungsförderung bei Pfefferwerk und Betriebsratsvorsitzender

Mehrere Einrichtungen berichteten Jens Rudolph, wie die SGE-Tätigkeit die Teilnehmenden deutlich stabilisierte. In zwei Fällen gelang nach Abschluss des Pilotprojektes sogar eine Weiterbeschäftigung. Eine Teilnehmerin absolvierte während der SGE-Phase die berufsbegleitende Ausbildung zur Erzieherin und bekam anschließend einen regulären Arbeitsvertrag als KITA-Erzieherin. Das gleiche Ziel vor Augen hat eine zweite Teilnehmerin mit Migrationshintergrund, die zuvor jedoch ihre Deutschkenntnisse verbessern musste und sich parallel zu ihrer Arbeit auf den Beginn der Ausbildung vorbereitete. Auch sie wurde – zunächst befristet – als KITA-Erzieherin in ausbildungsbegleitender Tätigkeit übernommen. „Ein toller Erfolg für die Einrichtungen und die Teilnehmenden gleichermaßen“, freut sich Jens Rudolph. „Wirklich cool.“ Für eine weitere SGE-Kollegin wird die Übernahmemöglichkeit noch geprüft.

Mit 25 Teilnehmenden in 25 Einrichtungen über fünf Jahre blieben gelegentliche Reibereien und Konflikte nicht aus. In solchen Momenten kamen speziell mit dem SGE-Projekt vertraute Coaches des Trägers Goldnetz ins Spiel, die Ansprechpartner sowohl für Teilnehmende als auch die Einrichtungen waren. Bahnte sich eine Krise an, setzten sich die Coaches für Ausgleich und Lösungen ein und sicherten mit ihrer Intervention die gedeihliche Zusammenarbeit.

„Bei dem Wort Coaching schreckten viele SGE-Teilnehmenden anfangs intuitiv zurück“ erzählt Jens Rudolph. Ursache waren die früheren Erfahrungen mit einer ganzen Reihe von als Coaching deklarierten Hilfs- und Qualifizierungsmaßnahmen. „Deren Ergebnis ist oft eine Haltung nach dem Motto: Bringt mir nichts, interessiert mich nicht, lasst mich in Ruhe.“ Die Kolleg*innen von Goldnetz seien aber ohne Druck und umsichtig vorgegangen, so Jens Rudolph, und hätten ihre Kontakte mit den Teilnehmenden sukzessive aufgebaut.

Gesichter des SGE - Arbeitgeber Jens Rudolph

„In vielen Fällen mündete dieses Engagement in regelmäßige Coachingeinheiten, so dass sich die SGE-Angestellten begleitend zu ihrer Tätigkeit kontinuierlich weiterentwickelten“, sagt Jens Rudolph. „Das war in meinen Augen die wichtigste Funktion der Coaches, dass sie zusammen mit den Angestellten Perspektiven für die Zeit nach dem Programm entwickelten. Gerade Menschen, die längere Zeit arbeitslos waren, stellen sich viele Fragen, die über den Job hinausgehen. Da geht es um Schulden, Wohnungsnot, Gewalterfahrungen, gesundheitliche Probleme oder ähnliches. So etwas konnte in den individuellen Coachings angesprochen und bearbeitet werden. Die Gefahr wäre ansonsten groß gewesen, dass die SGE-Beschäftigten im Alltagsgeschehen einer Einrichtung stecken, ohne darüber nachzudenken, was die nächsten Schritte sein würden und wie die berufliche, aber auch die private Zukunft aussehen sollte. Ich weiß von etlichen Teilnehmenden, dass in dieser Richtung eine erkennbare Entwicklung stattfand.“

An der hauseigenen Pfefferwerk Akademie konnten SGE-Beschäftigte außerdem weitere Fortbildungen absolvieren. Viele nutzten diese Möglichkeit, sich während des Programmzeitraums weiter zu qualifizieren und für die berufliche Zukunft fit zu machen. „Verschiedene Kurse und Seminare standen ihnen dort zur Auswahl“, sagt Jens Rudolph. „Allerdings lagen diese Angebote unterhalb der Schwelle zu einer beruflichen Qualifikation im Sinne einer anerkannten Ausbildung.“

„Hätte es Anschlussfinanzierungen gegeben, wären etliche SGE-Kolleg*innen noch bei uns.“
Jens Rudolph - Leiter Beschäftigungsförderung bei Pfefferwerk und Betriebsratsvorsitzender

Die fehlende Ausbildung war dann auch der Grund, warum eine Weiterbeschäftigung bei Pfefferwerk Stadtkultur für die Kitahelfer*innen nicht zur Regel wurde. „Laut dem üblichen Personalschlüssel dürfen unsere Kitas nur Personen mit einer abgeschlossenen Ausbildung zur staatlichen Erzieher*in oder einige im Bereich erfahrende Quereinsteiger*innen anstellen. Die Regelung ist sinnvoll und sorgt für qualifiziertes Personal“, erläutert Jens Rudolph. Die entsprechende Ausbildung sei nicht ohne, erfordere fachliche Qualifikation, Empathie und Durchhaltevermögen. Deshalb und wegen fehlender Finanzierung durch das Land Berlin konnte Pfefferwerk die meisten Kitahelfer*innen nicht weiterbeschäftigen. Das trifft leider auch auf die SGE-Projekte ‚Lotsen für Teilhabe und Prävention‘ sowie ‚Schulorganisations-Assistent*innen‘ zu.

Insgesamt konnte Pfefferwerk Stadtkultur von den 25 SGE-Beschäftigten bisher zwei Frauen einen Arbeitsvertrag geben. „Zum großen Bedauern der Teilnehmenden, aber auch der Einrichtungen.“ Es ist der Wermutstropfen, der sich in Jens Rudolphs Bilanz mischt. „Die Leute fingen 2020 mit unheimlicher Energie an zu arbeiten, das auch noch mitten in der Coronapandemie. Das war hart. Viele Einrichtungen waren geschlossen oder ihr Angebot erheblich reduziert. Dennoch war der Elan groß. Weil wir als gemeinnütziger und von öffentlichen Geldern abhängiger Träger die erhoffte Weiterbeschäftigung in den meisten Fällen aber nicht realisieren konnten, trat gegen Ende des SGE-Projektes bei einigen der Teilnehmenden Ernüchterung ein. Wir erkundigten uns nach Anschlussfinanzierungen, doch das war aussichtslos. Hätte es sie gegeben, wären etliche unserer SGE-Angestellten noch bei uns, denn sie waren richtig gut.“

„Wir wissen nicht bei allen SGE-Kolleg*innen genau, wie es beruflich mit ihnen weiterging“, berichtet Jens Rudolph. „Einige haben einen neuen Job, andere sind in Aus- und Weiterbildung, einzelne haben das Angebot des Landes Berlin für unbefristete Weiterbeschäftigung angenommen. Aber alle haben persönliche und berufliche Fortschritte gemacht – das ist ein großer Erfolg des SGE-Pilotprojekts.“

Die Interviews und Texte der Reihe „Gesichter des SGE“ stammen von Sebastian Blottner von Rohnstock Biografien. Die Fotos hat Ina Schoenenburg von der Agentur OSTKREUZ gemacht.

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