Wir sind nicht nur irgendwer

Gesichter des SGE - AN Klaus Meier

Bei der Ungleichverteilung von Vermögen nimmt Deutschland selbst im europäischen Vergleich einen Spitzenplatz ein; die Prekarisierung der Arbeitswelt nimmt zu. Es gibt Beschäftigungsverhältnisse, die unsicher sind und schlecht bezahlt. Die Zahl derer ist zu hoch, die von ihrem Lohn kaum leben können. Soziologen und Arbeitswissenschaftler sprechen von working poor, der „Erwerbsarmut“.

Eine prototypisch von Erwerbsarmut betroffene Berufsgruppe stellen Taxi- und Mietwagenfahrer*innen dar. Niemand weiß das besser als Klaus Meier. 1960 in Westberlin geboren, fuhr er Jahrzehnte lang selbst Taxi in der Stadt. Anfangs konnte er davon gut leben. „Doch es ging kontinuierlich bergab“, sagt er. Dafür gab es viele Gründe. Die Zahl der Taxis explodierte derart, dass die einzelnen Fahrer*innen nur noch Hungerlöhne verdienten, Fahrdienste wie Uber drängten mit rücksichtslosen Methoden in den Markt, das Gewerbe wurde dereguliert.

„Es wird weitergehen, auch wenn es die Stelle des Taxisoziallotsen offiziell nicht mehr geben wird."
Klaus Meier - Taxisoziallotse

Nicht zuletzt viele Menschen mit Migrationsgeschichte sahen in Fahrerjobs ihre einzige Chance auf Arbeit und wurden, mit dem deutschen Rechts- und Sozialstaat kaum vertraut, häufig Opfer ausbeuterischer Praktiken. Arbeitsrecht, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder Urlaubsansprüche sind für sie häufig Fremdworte. Unter diesen Bedingungen verfestigen sich Notlagen.

Klaus Meier stieg mit 57 Jahren aus dem Taxibetrieb aus, weil er merkte, dass die Arbeit ihn krank machte. Taxifahrer zu sein, war dennoch längst Teil seiner Identität; das Gewerbe lässt ihn bis heute nicht los. Als der Senat 2019 das Solidarische Grundeinkommen (SGE) auf den Weg zu bringen begann, musste Klaus Meier deshalb nicht lange überlegen, was zu tun war. Er fand, dass die Ziele des SGE mit seinen Vorstellungen von sozialer Arbeit für Taxifahrer*innen übereinstimmten. Einerseits hatte er die Idee, als Taxisoziallotse bislang nicht gekannte, zusätzliche, Leistungen anzubieten. Andererseits war er nun bereits langzeitarbeitslos und suchte eine Arbeit, die in Verbindung zum Taxigewerbe stand. Die Ziele des SGE und das Anliegen von Klaus Meier passten hier gut zusammen. Das Berliner Arbeitslosenzentrum evangelischer Kirchenkreise e.V., kurz BALZ, nahm seine Idee auf und bewarb sich im SGE-Programm.

Gesichter des SGE - AN Klaus Meier

Klaus Meier wurde Taxisoziallotse – der einzige im gesamten SGE-Projekt. Er wollte etwas ändern in der Branche, Gehör in der Politik finden, vor allem aber an die Fahrer herankommen und ihr Problembewusstsein schärfen, sie aufklären. Niemand tat so etwas, der Organisationsgrad im Berufszweig war verschwindend gering.

„Daher ist es ein absurdes Phänomen der Taxibranche, dass die meisten Fahrer weit unter dem Mindestlohn verdienen, sich aber kein einziger von ihnen als Sozialfall betrachtet“, sagt Klaus Meier. „In ihrer Eigenwahrnehmung sind sie alle kleine Unternehmer, die mit ihrem Taxi die Familie ernähren. In Wirklichkeit sind die meisten ganz arm dran.“ Illegale oder halblegale Arbeitsmodelle seien an der Tagesordnung, so Meier, und oft der einzige Weg, überhaupt über die Runden zu kommen. „Es gab Fahrer, die mir berichteten, dass ihr Chef sie nur arbeiten ließ, wenn sie ihm seine Kosten für die Sozialversicherung bar in die Hand drückten!“

„Das Beste war, dass mir das Training für ein professionelles Videoschnittsystem ermöglicht wurde.“
Klaus Meier - Taxisoziallotse

Angestellt wurde Klaus Meier beim Berliner Arbeitslosenzentrum evangelischer Kirchenkreise e.V. (BALZ). Es berät Bürger*innen seit über vierzig Jahren zu allen Fragen rund um (drohende) Arbeitslosigkeit, potenzielle Rechtsansprüche oder Leistungen der Jobcenter. Aber nicht nur das. Als eine der kompetentesten Einrichtungen auf dem Gebiet erweiterte das BALZ zu jener Zeit bewusst sein Beratungsspektrum und nahm die immer zahlreicher werdenden Arbeitsarmen, von prekärer Beschäftigung und Erwerbsarmut betroffenen Menschen in den Fokus.

Klaus Meier konnte mit seiner Idee also perfekt andocken. Als SGE-Taxisoziallotse wurde er zum Kümmerer der Berliner Taxiszene. Er klapperte die Haltestände ab, sprach Fahrer*innen an, informierte über alles, was fürs Gewerbe relevant war. Er bot offene Sprechstunden an, am Telefon oder persönlich. Einer seiner größten Erfolge war es, einem Fahrer zu 27.000 Euro Lohnnachzahlung zu verhelfen. „Sein Arbeitgeber hatte ihm weit weniger als den Mindestlohn gezahlt, wir wiesen das nach und konnten ihn haftbar machen.“ Klaus Meier entwarf Flyer und Informationsmaterial, startete einen Internet-Blog und organisierte sogar ein Taxifilmfestival. „Das wurde von der Genossenschaft Taxi Deutschland, der Taxi-Innung und der Berliner Taxivermittlung unterstützt“, erzählt er. „Die letzten zwei Jahre fand es zeitgleich mit der Berlinale in einem Taxi auf der Potsdamer Straße statt. Im ersten Jahr aus Protest gegen das Berlinale-Sponsoring von Uber. Und ein Jahr später wieder, weil es beim ersten Mal so nett war.“

Gesichter des SGE - AN Klaus Meier
„Um Menschen aus Zwangslagen und ausbeuterischen Konstellationen herauszuholen, müssen sie sich zuallererst selbst darüber bewusstwerden.
Klaus Meier - Taxisoziallotse

Mit einem kulturellen Event wie dem Taxifilmfest wollte Klaus Meier nicht nur die „Taxikultur“ bekannter machen. „Die gibt es ja wirklich“, sagt er. Das Festival war gleichzeitig eine tolle Gelegenheit, Kolleg*innen zusammenzutrommeln, Gemeinschaftssinn zu wecken und ihr Bewusstsein für diese Kultur zu stärken. „Es geht darum aufzuzeigen, dass wir es sind, die sie verkörpern, dass wir wichtig sind. Wir sind nicht einfach nur irgendwer.“

In fünf Jahren SGE baute Klaus Meier nicht nur eine Menge auf, sondern konnte sich nebenbei weiter professionalisieren. So belegte er ein Seminar in Sozialrecht bei Harald Thomé, einem einschlägigen Experten im Bereich Existenzsicherung, Bürgergeld, Sozialhilfe und Arbeitslosenrecht. „Das Beste aber war, dass mir das Training für ein professionelles Videoschnittsystem ermöglicht wurde“, sagt Klaus Meier. „Ich wusste überhaupt nicht, dass es so ein Bildungsangebot gab. Die Coachin, die mir über die Zeit des SGE zur Seite stand, brachte mich darauf. Sie war wirklich toll.“

„Das Projekt hat sich bewährt und es ist toll, dass ich die Arbeit aufbauend auf den Erfahrungen der letzten Jahre weiterentwickeln kann."
Klaus Meier - Taxisoziallotse

Professionelle Videos zu erstellen, wird immer wichtiger für Klaus Meier. Über soziale Medien will er künftig spürbar mehr Fahrer erreichen. „Um Menschen aus Zwangslagen und ausbeuterischen Konstellationen herauszuholen, müssen sie sich zuallererst selbst darüber bewusstwerden“, so Klaus Meier. „Dieses Bewusstsein versuche ich zu schaffen. Dazu muss ich Informationen vermitteln und ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Wenn ich mit jemandem rede, geht das. Mit Taxifahrern bekomme ich das vergleichsweise gut hin, weil ich zum Beispiel an Taxihalteständen Kontakte knüpfen kann. Bei Uberfahrern ist das viel schwieriger. Die kriegst du kaum, die haben keine Halteplätze, die sind immer weg.“ Viele sprächen außerdem kein Deutsch, so Klaus Meier. Daher arbeitet er daran, sich in brandneuen Tempelhofer Räumlichkeiten des BALZ ein kleines Videostudio einzurichten, wo er kurze Aufklärvideos in verschiedenen Sprachen produzieren möchte. „Das ist momentan das nächste Projekt.“

Das Videostudio ist nicht der einzige Plan, den Klaus Meier für die nahe Zukunft hat. Nach wie vor ist er voller Tatendrang. Aufmerksame Beobachter mag das verwundern, denn üblicherweise war jeder SGE-Arbeitsvertrag auf fünf Jahre ausgelegt. Auch Klaus Meiers Regelzeit lief ab. Individuell auf ihn zugeschnitten, wäre der Taxisoziallotse damit eigentlich Geschichte gewesen. Doch Klaus Meier wurde bis zum Renteneintritt von seinem Arbeitgeber übernommen.

„Aus dem Taxisoziallotsenprojekt entsteht nach den ersten fünf Jahren gerade noch viel Neues.“
Klaus Meier - Taxisoziallotse

„Das Projekt des Taxisoziallotsen hat sich bewährt und es ist toll, dass ich die Arbeit aufbauend auf den Erfahrungen der letzten Jahre weiterentwickeln kann“, sagt Klaus Meier. „Aus dem Taxisoziallotsenprojekt entsteht nach den ersten fünf Jahren gerade noch viel Neues. Ich habe eine Kerngruppe von engagierten Kollegen aufgebaut, mit der ich wunderbar arbeiten kann. Wir wollen noch etwas bewegen.“ Die Gruppe verfasste bereits eine Petition, die im Idealfall der Verkehrssenatorin überreicht werden soll. Demnächst wollen sich die Fahrer den problematischen Verhältnissen am Hauptbahnhof widmen, wo Verdienstmöglichkeiten für Taxis mit dubiosen Methoden bis hin zu Gewaltandrohungen kontrolliert und verteidigt würden, so Klaus Meier.

Handlungsbedarf sieht er an jeder Ecke – was er für die Zukunft alles plant, wird allerdings selbst in der Verlängerung bis zur Rente kaum zu schaffen sein. Doch seine Arbeit ist Klaus Meier sowieso viel zu wichtig, als dass er sie von einem Tag auf den anderen aufgeben könnte. „Es wird weitergehen, auch wenn es die Stelle des Taxisoziallotsen offiziell nicht mehr gibt.“ sagt er. „Ich versuche momentan die nötigen Strukturen aufzubauen, um eine Weiterarbeit zu sichern.“

„Ich werde mit der Basisarbeit nicht aufhören. Das Beraten auf der Straße soll unbedingt Teil dessen bleiben, was ich tue.“
Klaus Meier - Taxisoziallotse

Sich auf seiner mickrigen Taxifahrerrente auszuruhen, wäre für Klaus Meier ohnehin keine großartige Aussicht. „Mit meinem Rentenbescheid werde ich als erstes zum Sozialamt gehen und um Aufstockung bitten müssen“, sagt er. Dann schon lieber etwas tun und ein neues Unternehmen aufbauen – von Spendenakquise bis zu technischen Dienstleistungen schweben Klaus Meier verschiedene Szenarien vor. Geld spielt für ihn jedoch nicht die Hauptrolle. Vor allem möchte Klaus Meier das, was er aufgebaut hat, am Leben erhalten und ausbauen.

„Mit meiner Gruppe von Taxiaktivisten möchte ich weitermachen und die entstandene Energie aus dem SGE-Programm weiter nutzen“, sagt Klaus Meier. „Die Basisarbeit werde ich fortsetzen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich hineinstecken kann, doch das Beraten auf der Straße soll unbedingt Teil dessen bleiben, was ich tue.“ Wer wie er stets sein Hobby zum Beruf gemacht habe, so Klaus Meier, verliere so schnell nicht den Elan. „Ich würde das Taxifilmfestival 2026 gern erneut veranstalten und außerdem plane ich, einen Verlag zu gründen. Den Bettlerverlag.“ Natürlich soll in diesem alles erscheinen können, was im weitesten Sinne mit Taxikultur zu tun hat. „Es gibt bereits fünf Buchprojekte, eins davon produktionsreif. Inhaltlich wird der Verlag sicherlich ein breiteres Themenspektrum als der Taxisoziallotse abdecken. Aber meine Identität und Existenz als langjähriger Taxifahrer werden auch in der Verlagsarbeit Bedeutung behalten. Das will ich nicht aufgeben.“

Zwar läuft das SGE auch für Klaus Meier aus. Den Weg, den er über das Programm nahm, wird er dennoch auch über den Renteneintritt hinaus fortsetzen. Der Gedanke, Berlin mit dem SGE lebenswerter zu gestalten, wird in Klaus Meiers anhaltendem Engagement fortwirken. Das Taxigewerbe Berlins hat einen engagierten Kämpfer für soziale Fragen an seiner Seite.

Die Interviews und Texte der Reihe „Gesichter des SGE“ stammen von Sebastian Blottner von Rohnstock Biografien. Die Fotos hat Ina Schoenenburg von der Agentur OSTKREUZ gemacht.

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