Pankow divers

Gesichter des SGE-Arbeitgeberin Nadja Bungard

Kurz nach der Wende, in den turbulenten Zeiten Runder Tische und grundstürzender gesellschaftlicher Umbrüche, gründete sich in Berlin-Pankow das Frauenzentrum Paula Panke. Chancengleichheit, die gesellschaftliche Partizipation der Frauen sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie waren und sind Kern der Vereinsphilosophie; Freizeit-, und Beratungsangebote Inhalte der Arbeit. Derzeit führt Interimsgeschäftsführerin Nadja Bungard gemeinsam mit Kirsten Wechslberger den Verein. Im März 2020 kam sie im Zuge eines Generationenwechsels zu Paula Panke e.V., hauptverantwortlich für die Programm- und Öffentlichkeitsarbeit.

Kurz zuvor war das Pilotprojekt Solidarisches Grundeinkommen des Berliner Senats (SGE) angelaufen. Nadja Bungard erfuhr davon im Frühsommer 2020, denn die vorherige Geschäftsführung hatte Stellen aus dem Projekt beantragt, die nun bewilligt waren. „Wir waren sofort angetan von der Idee“, sagt sie. „Damals stellten wir Überlegungen an, wie Paula Panke diverser werden könnte. Wir wollten mehr Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Zugehörigkeiten in die Vereinsarbeit integrieren, bewusst auch Personen, die gerade neu ins Land gekommen waren. Mit dem SGE bot sich da ein guter Ansatz; das war ein Anfang.“

„Ich kann gar nicht genug betonen, was für eine wertvolle Ressource Menschen wie Masi für unser Land darstellen.“
Nadja Bungard - Interimsgeschäftsführerin Paula Panke e.V.

Zwei Stellen durfte der Verein besetzen. Die vom Jobcenter vorgeschlagenen Bewerberinnen kamen aus dem Iran und aus Russland. „Sie überzeugten uns und wir fingen dann auch gleich mit diesen zwei SGE-Kolleginnen an“, erzählt Nadja Bungard. Eine der beiden erhielt im Laufe des Projekts die Möglichkeit einer Weiterbildung und schied vorzeitig aus dem SGE-Projekt aus, um sich voll ihrer Qualifizierung zu widmen.
Die andere, Masi (*vollständiger Name muss wegen aktueller Zuständigkeit im Zufluchtswohnungsbereich anonym bleiben), durchlief nicht nur die gesamte SGE-Phase vom 01.August 2020 bis zum 31.Juli 2025, sondern konnte anschließend vom Verein angestellt werden. „Wirklich ein Glücksfall“, sagt Nadja Bungard.

Masi war 2016 nach Deutschland gekommen und hier trotz guter Ausbildung lange arbeitslos. Im Iran hatte sie studiert und einen gut bezahlten Job. Doch die politischen Repressionen, vor allem gegenüber Frauen, trieben sie aus dem Land. Eine harte Entscheidung. Trotz neu gewonnener Freiheit stellten das Exil, die neue Sprache und die andere Kultur Masi vor immense Herausforderungen. „Wenn jemand wie Masi neu ins Team kommt, muss genau überlegt werden, was ihre Aufgaben sein sollen“, sagt Nadja Bungard. Gruppenangebote waren seit jeher ein wesentlicher Bestandteil des Vereinsprogramms. Ob Redeclub, Spieleabend, Theatergruppe, Nähtreff oder Lesezirkel – regelmäßig treffen sich in den Vereinsräumen die verschiedensten Frauen* in diesen Gruppen. „Wir wollten uns diversifizieren und dafür braucht es immer eine Brücke. Menschen aus dem Iran kann ich viel leichter erreichen, wenn jemand aus ihrem Sprach- und Kulturkreis vor Ort ist. Wir hielten es daher für die beste Idee, wenn Masi bei uns ihre eigene Gruppe starten würde“, so Nadja Bungard.

Gesichter des SGE-Arbeitgeberin Nadja Bungard
„Das SGE gab Menschen eine Chance, die sie sonst nicht gehabt hätten. Es sollte mehr solcher Projekte geben, denn wir brauchen diese Leute.“
Nadja Bungard - Interimsgeschäftsführerin Paula Panke e.V.

Mit der Gruppenarbeit fing Masi also an. Im wöchentlichen Wechsel organisierte sie ein Sprachcafé und eine interkulturelle Frauengruppe. Im Sprachcafé half sie zum Beispiel bei der Übersetzung schwer verständlicher Formulare, Anträge oder Behördenbriefe. Nicht im Sinne eines Sprachkurses, sondern als Alltagshilfe. Die interkulturelle Gruppe traf sich zwanglos zum Tee oder unternahm Ausflüge, brachte Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen, die den Austausch untereinander und in Bezug auf ihr neues Heimatland pflegten. „Generell wollen wir ein Raum der Begegnung sein“, erklärt Nadja Bungard „Unser Angebot ist deswegen bewusst niedrigschwellig, jede* kann herkommen, es kostet nichts, man muss sich nicht anmelden oder registrieren, darf erst einmal schauen und seine Fragen loswerden. Sprache kann dabei ein wichtiges Bindeglied sein.“

Das Bindeglied Sprache ermöglichte es dem Verein beziehungsweise Masi, Lotsendienste für Frauen aus dem Iran und Afghanistan anzubieten – in beiden Ländern wird größtenteils Persisch gesprochen. Masi begann, über die Gruppenarbeit hinaus, Frauen individuell zu betreuen und zu begleiten. Sie half Unterlagen auszufüllen, beriet Mütter zu Fragen der Kinder- oder Schulbetreuung, ging zu Behörden oder zum Arzt mit, übersetzte. Sogar bei einer Geburt war sie dabei. Bald kannte sie sich in den Wirren der deutschen Bürokratie bestens aus. Ihr Angebot wurde auf der Vereinswebseite und in Flyern beworben, sprach sich herum und wurde vielfach in Anspruch genommen. „Ihre Lotsendienste nahmen im Verlauf des ersten Jahres nach und nach so viel Raum ein, dass wir Masi von der Gruppenarbeit wieder befreiten“, sagt Nadja Bungard.

„Mit Masi zusammenzuarbeiten ist schlicht eine Freude. Sie ist aktiv, sie weiß, was sie möchte, sie sieht die Arbeit und packt an.“
Nadja Bungard - Interimsgeschäftsführerin Paula Panke e.V.

Masis Zeit wurde aber nicht nur aufgrund dieser steigenden Nachfrage knapper. Obwohl sie die Universität längst hinter sich gelassen hatte, entschloss sich Masi im ersten Jahr ihrer SGE-Tätigkeit, noch einmal ein Studium aufzunehmen und eine in Deutschland anerkannte Qualifikation in ihrem neuen Arbeitsfeld zu erwerben. Ihr Ziel: Ein Bachelor in Sozialer Arbeit an der Berliner Alice Salomon Hochschule. Das Team und der Vorstand von Paula Panke e.V. unterstützten den Plan und waren bereit, Masi zwei Tage in der Woche dafür freizustellen. Um die Ausbildung sprachlich bewältigen zu können, musste den acht Semestern berufsbegleitendem Studiums zusätzlich ein Vorbereitungsjahr vorangehen. Damit begann Masi im Winter 2021.
Ein Jahr später nahm sie ihr Studium auf. Eine goldrichtige Entscheidung, wie sich zeigen sollte, denn damit schuf sie die Voraussetzung, im Anschluss ans SGE in eine reguläre Anstellung bei Paula Panke e.V. zu wechseln.

Ein Selbstläufer war die Weiteranstellung jedoch nicht und eine Portion Glück durchaus dabei: Einerseits ging eine Mitarbeiterin von Paula Panke e.V. in Rente, so dass genau zum richtigen Zeitpunkt eine Stelle frei wurde, die der Verein ansonsten nicht einfach zusätzlich hätte schaffen können. Andererseits machte das Bezirksamt Pankow die Stellenbesetzung möglich, indem es die Qualifikation Masis anerkannte, obwohl der offizielle Abschluss noch fehlte.

„Nicht zuletzt wir selbst müssen uns bewegen, damit Erfahrungen und Perspektiven anderer fruchtbar werden können.“
Nadja Bungard - Interimsgeschäftsführerin Paula Panke e.V.

Frei geworden war nämlich eine ‚qualifiziert ausgeschriebene‘ Stelle. Voraussetzung für die Einstellung war damit ein Studienabschluss in Sozialer Arbeit. In Masis Fall stand dieser noch aus. Da sie aber auf gutem Weg dorthin war und außerdem ihre fünf Jahre SGE-Berufserfahrung in die Waagschale werfen konnte, fiel die Entscheidung zu ihren Gunsten. „Wir konnten einen Präzedenzfall anführen, in dem es genauso gelaufen war“, erzählt Nadja Bungard, „und da die günstigen Konstellationen inklusive des absehbaren erfolgreichen Abschlusses für Masis Einstellung sprachen, genehmigte das Bezirksamt die Übernahme“.

Lotsendienste übernahm Masi fortan nicht mehr, denn mit der Stelle, die sie am 1.August 2025 antrat, kam eine völlig neue Aufgabe auf sie zu. Eine sehr fordernde, denn täglich hat sie es mit Gewalt in familiären Beziehungen in unserer Gesellschaft zu tun. Masi ist für die Betreuung von Zufluchtswohnungen bzw. deren Mieterinnen zuständig. In den anonymen Wohnungen finden von Gewalt betroffene Frauen* und ihre Kinder Unterschlupf und können sich einem gewalttätigen Partner oder Vater entziehen. Drei solcher Wohnungen unterhält Paula Panke e.V. in Berlin. Für Betroffene sind sie ein Bindeglied zwischen den Frauenhäusern, in denen notfallbedingte Erste Hilfe geleistet wird, und der Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben. Wie in einer WG leben Frauen* und ihre Kinder dort zusammen. Der Verein ist Hauptmieter dieser Wohnungen und vermietet sie anonym unter. Das Modell ist nah dran an einer eigenen Wohnung mit Küche, Bad und Kinderzimmern. Schrittweise bauen sich Frauen* dort ein gewaltfreies Leben auf, bis sie in eine eigene Wohnung ziehen können. Betreut werden sie von drei Sozialarbeiterinnen – Masi ist eine von ihnen.

Gesichter des SGE-Arbeitgeberin Nadja Bungard

Vor ihrer SGE-Teilnahme war Masi mit kurzen Unterbrechungen fast vier Jahre lang arbeitslos. „Das ist eine lange Zeit“, sagt Nadja Bungard. Langzeitarbeitslosigkeit war jedoch kein unbekanntes Thema im Verein, eher eines, das dessen Arbeit von Anfang an begleitet hatte. Vor 35 Jahren gegründet, sah man bei Paula Panke e.V. unstete Zeiten kommen und gehen. In der Nachwendezeit gerieten im Osten zahllose Menschen in Arbeitslosigkeit und gerade Ältere bekamen in wirtschaftlich schwierigen Jahren oft nie wieder eine Chance. „Menschen über 50 hatten es damals extrem schwer. Viele überbrückten diese Zeit mit Beschäftigungsmaßnahmen und wie viele Träger nutzte auch Paula Panke e.V. permanent arbeitsmarktpolitische Instrumente.“

Man wusste im Verein, dass sich hinter dem Begriff Langzeitarbeitslosigkeit keineswegs homogene, oft nicht einmal ansatzweise vergleichbare Biografien versteckten. Die Einzelfälle ließen sich nicht generalisieren, so Nadja Bungard. „Wenn man es allerdings mit Menschen wie Masi zu tun bekommt, ist das eine Freude. Sie ist aktiv, sie weiß, was sie möchte, sie sieht die Arbeit und packt an. Wir schätzen sie außerordentlich, als zuverlässige und herzliche Kollegin ist sie eine absolute Bereicherung für unser Team. Mit ihr hatten wir einfach Glück und sind deswegen überaus froh, dass wir sie nahtlos übernehmen konnten.“

„Das SGE war eine große Chance für mich.“ (Masi)
Nadja Bungard - Interimsgeschäftsführerin Paula Panke e.V.

Das 2020 anvisierte Ziel, Paula Panke e.V. zu diversifizieren, ist dem Verein geglückt. „Mit Masi schoben wir das damals an“, sagt Nadja Bungard. „Wir versuchen, ihre Stimme überall einzubeziehen. Bei der Supervision unserer Sozialarbeiterinnen ist sie inzwischen immer dabei. Denn es ist eine große Herausforderung, jede* zu hören und keine* zu übergehen. Gerade Migrant*innen nehmen sich oft zurück, wollen nicht auffallen, keinen Ärger verursachen.“

Nadja Bungard zieht zum SGE-Pilotprojekt ein ausdrücklich positives Fazit. „Es bekamen Menschen eine Chance, die sie sonst nicht gehabt hätten. Es sollte mehr solcher Projekte geben, denn wir brauchen diese Leute. Ich kann gar nicht genug betonen, was für eine wertvolle Ressource Menschen wie Masi für unsere Arbeit darstellen. Was für einen Schatz. Wir sollten alles dafür tun, dass sie sich bei uns wohlfühlen. Ich selbst lernte enorm viel von Masi, über die iranische Kultur und wie sie mit unserer zusammenhängt. Das erweiterte meinen Horizont enorm. Ich bin sehr glücklich, dass sie zu unserem Team gehört.“

Die Interviews und Texte der Reihe „Gesichter des SGE“ stammen von Sebastian Blottner von Rohnstock
Biografien. Die Fotos hat Ina Schoenenburg von der Agentur OSTKREUZ gemacht.

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