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Gesichter SGE - Nicola Stegemann

Sollte es eines Beweises bedürfen, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht selten das Resultat unfreiwilliger Dramen und unverschuldeter widriger Lebensumstände sein kann, dann erbringt ihn die Geschichte von Juli Leben. Die 1997 geborene Berlinerin kämpfte sich durch eine schwierige Kindheit. Im Westen Berlins aufgewachsen, trieben sie die Umstände schon als Vierzehnjährige dazu, die elterliche Wohnung zeitweise zu verlassen. Zwar kam sie immer unter, irgendwann aber auch von der Bahn ab. Ein schleichender Prozess begann, an dessen Ende sie krank und „verdeckt wohnungslos“ war, wie es im Fachjargon heißt. „Solche Fälle gibt es viele“, weiß sie heute, „es lief bei mir ziemlich standardmäßig ab.“ Auf der Straße schlief Juli Leben nie. Doch auf ihrer jugendlichen Odyssee durch das Berliner Hilfesystem geriet sie schnell in zweifelhafte Kreise.

Selbstbestimmt eigene Wege zu gehen konnte Juli Leben so kaum lernen. Stattdessen musste sie sich über lange Zeiträume hinweg in klinische Behandlung begeben. Den Behörden galt sie aufgrund dieser Umstände als in den Arbeitsalltag nicht integrierbar – sie legten Juli Leben im Alter von 19 Jahren eine Frühberentung nahe. Das kam für die junge Frau jedoch nicht in Frage. Sie wollte wenigstens eine Chance bekommen. Die gab ihr der Berliner Verein KARUNA – Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not e.V., der Juli Leben in dieser schwierigen Phase auffing und ihr half, Stück für Stück Selbstvertrauen zu gewinnen. Mit diesem Rückhalt engagierte sie sich bei der von KARUNA mitorganisierten Bundeskonferenz der Straßenkinder und gab 2018 sogar der Tagesschau ein Interview.

„Ohne das SGE-Projekt und die Unterstützung von Goldnetz und KARUNA hätte ich es höchstwahrscheinlich nicht geschafft.“
Juli

Bei KARUNA sah man gleichermaßen den Stabilisierungsbedarf wie das Entwicklungspotenzial Juli Lebens. Als Träger mit mehreren Arbeitsfeldern und Projekten konnte ihr der Verein kontinuierlich etwas anbieten. Nach der Straßenkinderkonferenz wechselte Juli Leben zu Momo – The voice of disconnected youth bzw. „Die Stimme der entkoppelten Jugend“, einer Interessenvertretung von und für entkoppelte, wohnungs- oder obdachlose junge Menschen. „Ein Jahr lang leistete ich dort Bundesfreiwilligendienst“, erzählt Juli Leben, „in erster Linie betrieben wir Lobbyarbeit und versuchten, ein Sprachrohr hinein in die Politik zu sein.“

Im Anschluss an ihren Bundesfreiwilligendienst stellte die KARUNA e.G., als Sozialgenossenschaft eine Schwesterorganisation des Vereins, Juli Leben auf Minijobbasis als Assistentin an. „Ich war dennoch arbeitslos gemeldet, durfte aber von dem Gehalt einen Teil als Zuverdienst behalten“, sagt sie. „Es ging mir nicht gerade blendend damals und bei KARUNA versuchten sie, mich so sachte wie möglich auf andere Zeiten vorzubereiten. Irgendwann arbeitete ich auf der Karuna Sub-Buslinie, einem aufsuchenden Streetworkprojekt für Obdachlose. Und dann kam plötzlich das SGE.“

Gesichter SGE - Nicola Stegemann

Es war keineswegs so, dass Juli Leben von sich aus die Hand hob, als der Berliner Senat das Pilotprojekt Solidarisches Grundeinkommen (SGE) anschob. „Jörg Richert, Mitgründer von KARUNA, sagte mir: mach das! Er wollte mich unbedingt im SGE sehen“, erzählt Juli Leben. „Meine erste Reaktion aber war: Auf keinen Fall! Ich sträubte mich massiv, dachte, ich kann das noch nicht und bin es nicht wert. So sah es damals in meinem Kopf aus. Ich traute mir das einfach noch nicht zu.“

Jörg Richert ließ sich von dieser Abwehrhaltung nicht beeindrucken und legte Juli Leben kurzerhand den Vertrag zur Unterschrift hin. „Er ging das ziemlich klug an“, sagt sie rückblickend. „Er nahm er mir meine Ängste und versicherte, dass sich gar nicht viel ändern würde, ich das draufhätte und wir alles gemeinsam angehen würden.“

„Meine erste Reaktion auf den SGE-Vorschlag: Auf keinen Fall! Ich sträubte mich massiv, dachte, ich kann das noch nicht und bin es nicht wert.“
Juli

So wie etliche weitere SGE-Teilnehmende unterschrieb Juli Leben bei der KARUNA e.G. einen Arbeitsvertrag als Obdachlosenlotsin. Grundidee war dabei, ehemalig Betroffene zu Ansprechpartnern zu machen und ihren Erfahrungs- und Wissensschatz als Ressource zu nutzen. „Die Arbeit von Betroffenen für Betroffene, das Peer-to-Peer-Prinzip, zog sich auch wirklich durch meine gesamte SGE-Zeit“, sagt sie. „Abgesehen davon tanzte ich allerdings auf vielen Hochzeiten. Meine Kollegen und Kolleginnen von KARUNA ermunterten mich bewusst, Dinge auszuprobieren und herauszufinden, wobei ich mich wohl fühlen würde. Ich bekam in den fünf SGE-Jahren enorm viele Möglichkeiten, in unterschiedliche Bereiche und Projekte hineinzuschauen, mich weiterzubilden und mich selbst besser kennenzulernen.“

Schnittstelle all ihrer Einsätze blieb der Bezug zur Obdachlosigkeit sowie der aufsuchende Ansatz. „Meine Betroffenenkompetenz erleichterte die aufsuchende Arbeit auf der Straße“, sagt Juli Leben. „Es ermöglichte einen ganz anderen Zugriff, wenn Menschen sahen, dass ich nicht aus Lehrbüchern zitierte, sondern aus eigener Erfahrung kannte, worüber ich mit ihnen redete.“ Zunächst wurde Juli Leben Teil der KARUNA Youth Force, neben der Task Force eine von zwei im Rahmen des SGE gegründeten neuen Einsatzgruppen der Genossenschaft. Beide sollten obdachlosen Menschen, insbesondere unter den erschwerten Bedingungen der Coronapandemie, Hilfe anbieten. Die Youth Force konzentrierte sich vornehmlich auf die Notversorgung junger Menschen unter dreißig Jahren.

Gesichter SGE - Nicola Stegemann
„Meine Betroffenenkompetenz erleichterte die aufsuchende Arbeit auf der Straße, weil ich aus eigener Erfahrung kannte, worüber ich redete.“
Juli

Juli Lebens nächste Station war die Straßenzeitung KARUNA Kompass. Dort brachte sie sich journalistisch ein und lernte viel in Sachen Layout und Grafikdesign hinzu. Zunehmend gewann sie Sicherheit im Arbeitsalltag, so dass sowohl ihre Kollegen und Kolleginnen bei KARUNA als auch die speziellen SGE-Coaches von Goldnetz zu der Überzeugung kamen, ihre berufliche Qualifizierung in den Blick nehmen zu können. „Von beiden Seiten bekam ich sehr viel Unterstützung; das lief stets Hand in Hand“, sagt Juli Leben. Sie nahm unter anderem an einem Antigewalttraining teil und belegte eine Fortbildung zu organisierter ritualisierter Gewalt. Alles andere als ein leichtes Thema, doch es bot viele Ansatzpunkte für die alltägliche Arbeit mit traumatisierten Menschen.

„Das Thema Traumatisierung hatte mich immer schon interessiert“, sagt sie. „Genauso wie die Kunst“. Dass sich diese beiden Komplexe später in einem Anwendungsbereich zusammenführen ließen, war Juli Leben nicht bewusst. „Auf der Straße bin ich ziemlich oft auf Menschen getroffen, die kreativ oder sogar künstlerisch tätig waren“, erzählt sie. „Die Not machte sie buchstäblich erfinderisch und diese Kreativität war eine Form von Stärke in meinen Augen, eine Ressource. Dass es in Berlin eine Uni mit dem Studienzweig Kunsttherapie gab, erfuhr ich damals von einer Freundin. Sofort dachte ich: eine geniale Idee!“

Selbst ein Studium der Kunsttherapie zu absolvieren, das wurde Juli Lebens nächstes großes Etappenziel. An der Berliner Dependance der österreichischen Sigmund Freud PrivatUniversität war dies sogar mit einem mittleren Schulabschluss möglich. „Goldnetz legte sich voll ins Zeug und erreichte eine Unterstützung durch den Senat, um mir die Ausbildung zu ermöglichen“, sagt Juli Leben. „Dafür bin ich unglaublich dankbar.“ KARUNA kam ihr ebenfalls weit entgegen. „Einerseits stellten sie mich an den Unitagen frei, andererseits konnte ich im Rahmen von Praktika sofort mit KARUNA-Klienten kunsttherapeutisch arbeiten.“

Juli Lebens Wochenplan war fortan sehr abwechslungsreich. Dienstags und mittwochs setzte sie ihre gewohnte Peer-to-Peer-Arbeit fort, in die sie im Studium erlernte Methoden sukzessive einfließen ließ. Donnerstags bekam sie frei, da sie freitags und sonnabends studieren musste. Und an den Montagen baute sie Schritt für Schritt Kunstgruppen auf. Zuerst eine prozessbegleitende Kunstgruppe für teils traumatisierte junge Frauen in Kreuzberg, später eine in den Räumlichkeiten der Golgathakirche in Mitte. „Im Winter war es dort natürlich immer eiskalt, nichtsdestotrotz baute ich eine Gruppe auf, die wirklich kontinuierlich kam und die ich allein gut betreuen konnte.“

„Für all das, was ich geschafft und mir vorgenommen hatte, waren die fünf Jahre fast schon zu wenig Zeit.“
Juli

Als 2024 die Kiezoase, ein neuer KARUNA-Standort im Wedding, eröffnet wurde, zog Juli Leben dorthin um. Sie bekam eine eigene Malwand und war mit ihrer Kunstgruppe, die räumlich und organisatorisch ein wenig abgekoppelt gewesen war, wieder mittendrin im Genossenschaftsleben von KARUNA. Juli Leben erweiterte die Gruppe zu einem offenen Atelier, das jeden Mittwochnachmittag nicht nur obdachlosen oder wohnungslosen Menschen offenstand. Gleichzeitig musste sie sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass ihre SGE-Zeit auf das Ende zuging.

„Für all das, was ich mir vorgenommen und geschafft hatte, waren die fünf Jahre fast schon zu wenig Zeit“, sagt sie. Als das Projektende nahte, verteilte Juli Leben ihre restlichen Urlaubstage so, dass sie die wöchentliche Kunstgruppe wenigstens zu einem runden Abschluss bringen konnte. „Ich kündigte das rechtzeitig an und wollte alle Teilnehmenden gut herausführen. Für einige war der Abschied hoch emotional, für mich übrigens auch. Manche melden sich bis heute bei mir und bedauern, dass es unsere Gruppe nicht mehr gibt.“

„Alles, was ich mir bei KARUNA erarbeitet habe, kann ich in meine aktuelle Tätigkeit einbringen.“
Juli

Das Ende ihres SGE-Projekts bedeutete für Juli Leben kein Ende der Arbeit, im Gegenteil. Sie hatte sich erfolgreich auf eine Stelle bei einem anderen sozialen Träger beworben, der unter anderem in der Obdachlosenhilfe aktiv ist. Ihr Seitenwechsel zur qualifizierten Fachkraft ging nahtlos vonstatten. Juli Leben kümmert sich jetzt im betreuten Wohnen um Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen von Schizophrenie über Zwangsverhalten bis hin zu dissoziativen Störungen. „Alles, was ich mir bei KARUNA erarbeitet habe, kann ich in meine aktuelle Tätigkeit einbringen“, sagt sie. „Zusätzlich habe ich jetzt deutlich mehr Struktur und eine klarere Zeiteinteilung in meinem Alltag.“

Letzteres genießt Juli Leben besonders, denn trotz der vielen positiven Entwicklungsschritte, die sie während des SGE-Projekts ging, hatte sie das viele Hin und Her mitunter überanstrengt. „Das war nicht immer einfach; ich musste lernen, mich selbst zu organisieren“, sagt sie. „Glücklicherweise fingen mich KARUNA und Goldnetz immer gut auf, wenn ich einmal überfordert war. Ohne das SGE-Projekt und diese Unterstützung hätte ich es höchstwahrscheinlich nicht geschafft, irgendwo einen Fuß in die Tür zu bekommen und einen Weg in feste Arbeit zu finden.“

Die Interviews und Texte der Reihe „Gesichter des SGE“ stammen von Sebastian Blottner von Rohnstock Biografien. Die Fotos hat Ina Schoenenburg von der Agentur OSTKREUZ gemacht.

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