Voller Einsatz für Senioren und Seniorinnen im Wohnquartier

Bilder SGE - Grit Fichte

Schon montags früh um 9:00 Uhr ist Grit Fichte auf Hochtouren. Im Laufschritt hastet sie ins Büro der GESOBAU am Wilhelmsruher Damm 124 in Reinickendorf, wo das kommunale Wohnungsbauunternehmen unter anderem eine Nachbarschaftsetage betreibt. „Ich komme gerade von einer älteren Dame, die gleich um die Ecke wohnt,“ erklärt sie. „Ich rufe sie jeden Sonntagabend an und frage, was sie braucht. Meistens hat sie ihren Einkaufszettel schon fertig und ich übernehme sobald es geht die Besorgungen für sie.“

Ohne Grit Fichtes Hilfe käme die 87-Jährige kaum noch allein zurecht. Seit sie zu Hause schwer stürzte und sich ein Schädel-Hirn-Trauma zuzog, ist sie körperlich stark eingeschränkt. Als der Unfall passiert war und ihr sonntäglicher Anruf deshalb unbeantwortet blieb, alarmierte niemand anderes als Grit Fichte den Notarzt. Nicht nur Einkäufe erledigt sie für die Frau, auch zur Charité begleitet sie sie regelmäßig, wo der Herzschrittmacher überprüft werden muss. Ein Service, in dessen Genuss nur Mieter und Mieterinnen landeseigener Wohnungsbauunternehmen kommen konnten, in denen sogenannte Quartiershelfer und Quartiershelferinnen im Einsatz waren. Ihre Stellen wurden im Rahmen des Pilotprojekts Solidarisches Grundeinkommen (SGE) des Berliner Senats geschaffen und Grit Fichte war eine der Teilnehmenden.

„Unser Service sprach sich schnell herum.“
Grit Fichte

Drei SGE-Stellenangebote suchte sich Grit Fichte heraus, bei einer Behindertenhilfe, in einem Kindergarten und bei der GESOBAU. „Auf alle drei musste ich mich ganz normal bewerben, mit Lebenslauf und Zeugnissen und ich bekam tatsächlich von allen drei Einrichtungen eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.“ Im persönlichen Kontakt kristallisierte sich zügig eine Präferenz für die GESOBAU heraus. Dort würdigte man, dass sie fast ein Leben lang gearbeitet und sich immer um Arbeit bemüht hatte, sagt sie. „Meine zukünftige Chefin, die Leiterin des Bereichs Sozial- und Quartiersmanagement, meinte mit einem Blick auf meinen Lebenslauf, dass sie mich sofort einstellen würde. Dass sie aber auch Verständnis dafür hätte, wenn ich noch einmal eine Nacht drüber schlafen wolle. Als ich nach Hause kam, war mir schon sonnenklar, dass ich zur GESOBAU wollte.“

Im Oktober 2020 trat Grit Fichte ihre Stelle an. Anfangs arbeitete sie noch im Team mit einer Kollegin. Ebenfalls eine SGE-Teilnehmende, die allerdings nicht über ihre sechsmonatige Probezeit hinaus beschäftigt wurde. „Da das SGE-Projekt für die GESOBAU ebenso neu war wie für uns, hieß es vorab nur: Wir müssen schauen, wo wir euch einteilen“, sagt Grit Fichte. „Dass wir vor allem in der Senioren- und Seniorinnenhilfe gebraucht wurden, stand aber fest.“

Bilder SGE - Grit Fichte
„Wenn nichts dazwischenkommt, darf ich bis zur Rente bei der GESOBAU arbeiten.“
Grit Fichte

Grit Fichte, Jahrgang 1966, ist gelernte Verkäuferin, wie es in der DDR schlicht und einfach hieß. Sie stammt aus Schwedt und arbeitete bis weit über die Wende hinaus zumeist im Einzelhandel. Das Metier zehrte zunehmend an ihren Kräften. Ihre vorletzte reguläre Anstellung war eine Schwangerschaftsvertretung in einem Berliner OBI-Baumarkt. „Mit Bohrmaschinen und ähnlichem kannte ich mich super aus. Als die Vertretung endete, hatte ich noch eine Stelle bei TK Maxx, wurde dort auch entlassen und war nun nicht nur arbeitslos, sondern hatte genug vom Einzelhandel. „Ich wollte endgültig etwas anderes finden.“

Auf der Suche nach Arbeit trat Grit Fichte seit August 2019 regelmäßig den Weg zum Jobcenter an. Bis dort eines Tages ein ungewöhnlicher Vorschlag auf den Tisch kam. „Mein Sachbearbeiter fragte mich, ob ich schon einmal etwas vom Solidarischen Grundeinkommen gehört hatte und ob das nicht etwas für mich wäre“, erzählt sie. „Bis zu dem Moment hatte ich nicht die geringste Ahnung davon. Also erklärte er mir das Konzept, und dass es sich vor allem um Stellen im sozialen Bereich handelte. Das war ein neues Feld für mich, aber ausprobieren wollte ich es auf jeden Fall. Mit älteren Leuten kann ich gut, ich hatte lange meine Mutter gepflegt, völlig erfahrungslos war ich also nicht und traute mir das durchaus zu.“

Demzufolge nahmen Grit Fichte und ihre Kollegin zunächst die Senioren- und Seniorinnenwohnhäuser in den Blick. Die GESOBAU betreibt in verschiedenen Bezirken mehrere Wohnhäuser, die speziell auf Belange älterer Menschen ausgerichtet sind. Sie sind barrierefrei, Gemeinschaftsräume oder kostenlose Freizeitangebote mindern Isolation und Einsamkeit, und in einigen der Häuser bieten soziale Träger betreutes Wohnen für pflegebedürftige Menschen an.

Viele Senioren und Seniorinnen wollen sich ihre Eigenständigkeit, solange es geht, erhalten, stoßen dabei aber an Grenzen. „Unsere Überlegung ging dahin, dass wir diejenigen, die keine Angehörigen hatten oder leicht pflegebedürftig waren, bei all jenen Aufgaben unterstützen könnten, die Verwandte oder Pflegedienste nicht übernahmen und wofür auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der GESOBAU unter normalen Umständen keine Zeit haben.“ Es ging darum, Medikamente von der Apotheke zu holen, Einkäufe zu übernehmen oder auch einmal im Haushalt zuzupacken.

„Es stand fest, dass wir vor allem in der Senioren- und Seniorinnenhilfe gebraucht wurden.“
Grit Fichte

Zunächst wurde das Reinickendorfer Märkische Viertel zu Grit Fichtes Einsatzgebiet erklärt. Dort unterhält die GESOBAU mit 40.000 Einheiten einen immensen Wohnungsbestand. Zwei Seniorenhäuser am Eichhorster Weg sowie am Senftenberger Ring zählen dazu. „Bald waren wir zusätzlich im Wedding unterwegs, wo es ein weiteres Senioren- und Seniorinnenhaus an der Ungarnstraße gibt“, sagt Grit Fichte. „Bei Bedarf fuhren wir außerdem nach Pankow. Auch dort hingen unsere Infozettel aus und die Hausmeister wussten Bescheid.“

Das Angebot der Quartiershelferinnen musste bekannt gemacht werden. Zu diesem Zweck pinnte Grit Fichte Aushänge in die Schaukästen und Infovitrinen der Hauseingänge, die auf die neuen Einkaufshilfen hinwiesen. „Damit ging es los“, erzählt sie, „und obwohl viele die Aushänge gar nicht lasen, sprach sich unser Service per Mund-zu-Mund-Propaganda schnell herum“. Grit Fichte informierte Bewohner und Bewohnerinnen außerdem über Hausgruppenfeste und Veranstaltungen und kümmerte sich zunehmend um alles, was rund um GESOBAU-Feierlichkeiten anfiel. „Ich sagte möglichst vielen Mieter und Mieterinnen Bescheid, bestellte Essen, besorgte Schlüssel – alles Dinge, die ich bis heute übernehme.“

„Die berufsbegleitende Weiterbildung bereue ich trotz der Anstrengungen nicht.“
Grit Fichte

Die Quartierskoordinatorin der GESOBAU im Märkischen Viertel schlug Grit Fichte Ende 2021 vor, eine Weiterbildung zur Fachfrau für Sozialmanagement in der Wohnungswirtschaft zu belegen. Den entsprechenden Kurs bot die BBA – Akademie der Immobilienwirtschaft in Schöneberg an, wo auch Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen und Azubis der GESOBAU ausgebildet werden. Der Lehrgang vermittelte Knowhow zu bedarfsgerechter Kommunikation sowie fachliches und rechtliches Wissen. „Ich lernte, wie ich mit sozialen Herausforderungen oder schwierigen Mieter und Mieterinnen umgehen kann oder wohin ich mich in welchem Fall wenden muss. Beispielsweise wann ich den sozialpsychiatrischen Dienst hinzuziehen sollte, wenn ich es mit psychisch auffälligen Personen zu tun bekomme.“

Ein halbes Jahr lang drückte Grit Fichte berufsbegleitend eine Woche pro Monat die Schulbank. „Ich war die Älteste in der Klasse. Der Stoff interessierte mich und in den dicken Ordner, den wir abschließend bekamen, schaue ich bis heute regelmäßig hinein“, erzählt sie. „Die Aussicht, in meinem Alter noch einmal mündliche und schriftliche Prüfungen ablegen zu müssen, schlug mir allerdings ein wenig auf den Magen. Ich war ja schon 55 Jahre alt. Gemeinsam mit den anderen GESOBAU-Kollegen und Kolleginnen im Lehrgang bildeten wir eine Lerngruppe. Wir trafen uns regelmäßig und bereiteten unsere Abschlusspräsentationen zusammen vor. Alles ging letztendlich gut. Meine Abschlussarbeit hatte die Entwicklungspotenziale des Weddinger Problemquartiers Schillerhöhe zum Thema. Mit der erfolgreichen Verteidigung hatte ich den Schein im Mai 2022 in der Tasche. Trotz der Anstrengungen bereue ich das nicht. Im Gegenteil: Ich wurde sicherer in meinen Aufgaben und die Ausbildung half mir, in der GESOBAU langfristig eine Perspektive zu haben.“

Grit Fichte und ihre Arbeit wurden nach und nach zu einem integralen Bestandteil des Sozial- und Quartiersmanagements. Das Team stellte daher frühzeitig Überlegungen zu ihrer Weiterbeschäftigung an, sobald das SGE abgelaufen wäre. „Das Ziel, mich dauerhaft zu behalten, ließ sich nur über die Schaffung einer zusätzlichen Stelle verwirklichen.“ Das war kein Selbstläufer, musste offiziell beantragt und von Vorstand, Betriebsrat und der Frauenbeauftragten genehmigt werden.

Positiv spielte in den Plan hinein, dass die wichtigsten Entscheidungsträger nicht zum ersten Mal von Grit Fichte hörten. Bei ihnen hatte sie spätestens seitdem einen Stein im Brett, als sie beim Ausbruch eines großen Hausbrandes Polizei, Feuerwehr und Mieter und Mieterinnen ohne Umschweife half und im Ribbeckhaus der GESOBAU, das sonst als Mietertreffpunkt und Hobbythek dient, wochenlang eine Notunterkunft inklusive Notküche und Notpost betreute. Dafür sprach ihr die GESOBAU sogar eine Prämie zu.

„Ich bin generell viel unterwegs und an jedem Wochentag woanders im Einsatz.“
Grit Fichte

Im Oktober 2024 stellte das Sozial- und Quartiersmanagement offiziell den Antrag auf eine zusätzliche Stelle. Die endgültige Entscheidung darüber fiel im Januar 2025 und erreichte das Team während einer jährlichen Klausurtagung. „Wir haben die Stelle, Grit darf bei uns bleiben!“ – mit diesen Worten unterbrach ihre Teamleiterin die Sitzung, als die Nachricht auf deren Smartphone aufploppte. Die Freude war allseits groß, „alle flippten regelrecht aus“, so Grit Fichte.

Im November 2025 trat Grit Fichte ihre neue alte Stelle an. Aus der SGE-Stelle für Senioren und Seniorinnenhilfe wurde eine reguläre Stelle der GESOBAU. Ihr Arbeitsalltag änderte sich einerseits nicht grundsätzlich, der Verantwortungsbereich aber erweiterte sich. „Ich bekam Häuser dazu“, sagt sie. Dazu zählen die Senioren und Seniorinnenhäuser in Pankow und Hellersdorf. „An jedem Wochentag bin ich woanders im Einsatz und generell viel unterwegs.“ Die fünf Jahre SGE-Tätigkeit wurden Grit Fichte auf den neuen Arbeitsvertrag angerechnet. „Dadurch verdiene ich gleich noch ein bisschen mehr.“

Grit Fichte zieht ihr Fazit zum Projekt SGE: „Das Besondere für mich bei diesem Projekt war, das es eine andere Möglichkeit war, eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bekommen. Ich hatte Glück und es hat geklappt. Das hatte viel mit dem Arbeitgeber zu tun und der tollen Abteilung, in der ich arbeite.“

Ohne das SGE und die Idee, in ausgewählten Kiezen Quartiershelfer und Quatiershelferinnen zu etablieren und zu vernetzen, hätte Grit Fichte kaum in einem kommunalen Wohnungsbauunternehmen Fuß fassen können. Die programmintern absolvierte Weiterbildung trug das ihre dazu bei. Wenig überraschend fällt Grit Fichtes Fazit nach ihrer Zeit im SGE daher überaus positiv aus. „Wenn nichts dazwischenkommt, darf ich jetzt bis zur Rente bei der GESOBAU arbeiten“, freut sie sich. „Auf einer Vollzeitstelle.“

Die Interviews und Texte der Reihe „Gesichter des SGE“ stammen von Sebastian Blottner von Rohnstock Biografien. Die Fotos hat Ina Schoenenburg von der Agentur OSTKREUZ gemacht.

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