Jederzeit wieder

Bilder SGE - Cem Gömüsay (BA Charlottenburg-Wilmersdorf, Arbeitgeber)

Es ist das erklärte Ziel der Berliner Verwaltung, sich interkulturell zu öffnen. Die Bezirksämter möchten Chancengleichheit in einer zunehmend heterogenen Bevölkerung sicherstellen und deren Vielfalt abbilden. Unabhängig von Sprache, Kultur oder Herkunft sollen alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt in jeder Lebenslage die richtigen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner und Angebote bekommen können. An vorderster Front setzt sich das Integrationsbüro des Bezirksamtes dafür ein, in diesem Sinne auf Verwaltungsprozesse einzuwirken.

„Wir wollen, dass mehr Menschen mit Migrationsgeschichte im Bezirksamt arbeiten und dadurch unter anderem die Leistungen für Menschen mit Migrationsgeschichte verbessern“, sagt Cem Gömüsay. Er ist Beauftragter für Partizipation und Integration in Charlottenburg-Wilmersdorf, dem viertgrößten Berliner Stadtbezirk. Das Integrationsbüro des Bezirksamtes liegt im zweiten Stock des altehrwürdigen Rathauses an der Otto-Suhr-Allee. Sowohl auf administrativer wie auf persönlicher Ebene betreute Cem Gömüsay fünf Teilnehmende des Pilotprojekts Solidarisches Grundeinkommen (SGE) des Berliner Senats, die 2020 ihre Arbeit für das Integrationsbüro aufnahmen.

„Die Idee der Verwaltungslotsinnen und Verwaltungslotsen entstand vor dem Hintergrund der angestrebten interkulturellen Öffnung der Verwaltung.“
Cem Gömüsay - Beauftragter für Partizipation und Integration

„Eine unserer Mitarbeiterinnen, die den Bereich der strukturellen Integration verantwortet, bekam zeitig mit, dass im politischen Raum die Idee des SGE entwickelt worden war“, erzählt Cem Gömüsay. „Mit Rückendeckung des Bezirksbürgermeisters preschten wir damals vor und reagierten umgehend, indem wir dazu Konzepte ausarbeiteten. Wir überlegten, wie wir das Vorhaben für uns fruchtbar machen konnten. Vor dem Hintergrund der angestrebten interkulturellen Öffnung entstand die Idee der Verwaltungslotsinnen und Verwaltungslotsen.“

Aufgabe der neuen Verwaltungslotsinnen und Verwaltungslotsen sollte es sein, Menschen, die wenig oder gar kein Deutsch konnten, Orientierung im Behördendschungel zu verschaffen und sie buchstäblich an die Hand zu nehmen: von einem Amt zum anderen zu bringen, Abläufe und Formulare zu erklären, in Beratungssituationen zu übersetzen, beim Ausfüllen von Dokumenten zu helfen, Termine zu vereinbaren, zu einzelnen Sachbearbeiter*innen mitzugehen. Ob Schul-, Jugend-, Gesundheits- oder Sozialamt, für sämtliche Behördengänge und Verwaltungsprozesse sollte niedrigschwellig Unterstützung und Begleitung ermöglicht werden.

Bilder SGE - Cem Gömüsay (BA Charlottenburg-Wilmersdorf, Arbeitgeber)
„Es gibt bis heute Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass auch jemand mit Kopftuch in der Verwaltung arbeiten kann.“
Cem Gömüsay - Beauftragter für Partizipation und Integration

Bei der Ausarbeitung dieses spezifischen SGE-Stellenkonzepts galt es zu beachten, dass der Senat bereits ein Landesprogramm mit sogenannten Integrationslotsinnen und Intergationslotsen finanzierte. Seitdem die gestiegene Zahl an Geflüchteten das Integrationsmanagement immer notwendiger werden ließen, gibt es zwischen zehn und zwanzig von ihnen in jedem Berliner Bezirk. „Sie sind jedoch an Flüchtlingsunterkünfte angedockt und agieren praktisch außerhalb der Verwaltungen“, so Cem Gömüsay. „Wir dagegen hatten die Idee, Lotsendienste direkt innerhalb der Behörde zu etablieren.“ Die einen draußen, die anderen drinnen – die Zuständigkeiten von Integrations- und Verwaltungslotsinnen und -lotsen blieben so voneinander abgegrenzt. Die Dienste der Letzteren konnte außerdem jede Bürgerin und jeder Bürger in Anspruch nehmen.

Die wichtigste Kompetenz, die die Lotsinnen und Lotsen mitbringen mussten, war ihre Mehrsprachigkeit. „Das war entscheidend“, sagt Cem Gömüsay. „Darüber hinaus achteten wir darauf, ob jemand gewisse Übung im Umgang mit Menschen hatte, vielleicht ehrenamtlich mit Geflüchteten gearbeitet hatte oder schon bestimmte Abläufe kannte. Verwaltungstechnische Erfahrungen waren keine zwingende Voraussetzung. Die sollten die zukünftigen Lotsinnen und Lotsen bei uns erwerben.“

„Das Angebot wurde bestens angenommen. Die Nachfrage war nicht nur da, sie war sogar äußerst hoch.“
Cem Gömüsay - Beauftragter für Partizipation und Integration

Fünf SGE-Stellen für Verwaltungslotsinnen und Verwaltungslotsen wurden in Charlottenburg-Wilmersdorf eingerichtet. Ausgewählt wurden die Teilnehmenden aus zwanzig vom Jobcenter vorgeschlagenen Bewerberinnen und Bewerbern. Eingestellt wurden zwei Frauen – aus Marokko und dem Libanon – sowie ein syrischer Mann, alle drei arabischsprachig. Außerdem eine Ukrainerin sowie ein aus der Türkei stammender Mann, der sowohl türkisch als auch kurdisch sprach. Deutsch beherrschten gemäß dem Anforderungsprofil alle.

Das Ziel des SGE-Projekts, Langzeitarbeitslosen wieder dauerhafte Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen, nahm Cem Gömüsays Team ernst. Von Anfang an wurde eine durchgetaktete Professionalisierung während der Fünfjahresspanne des Projekts anvisiert. „Wir hatten eine Onboardingphase von knapp zwei Monaten vorgesehen. In dieser Zeit sollten die zukünftigen Lotsinnen und Lotsen in mehreren Ämtern hospitieren; zusätzlich hatten wir eine Fortbildungsreihe mit spezialisierten Trainern geplant, die wir eigens bestellt hatten“, erzählt Cem Gömüsay.

Anschließend sollten die Teilnehmenden drei Jahre als Lotsinnen und Lotsen arbeiten. Das war die Mindestzeit an Berufserfahrung, die es brauchte, um den sogenannten Verwaltungslehrgang 1 antreten zu können. Das ist eine berufsbegleitende Weiterbildung, die Beschäftigten ohne Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte entsprechendes Wissen vermittelt und sie für einen Job in der Verwaltung qualifiziert. Diesen Lehrgang sollten die Teilnehmenden zusammen mit dem SGE-Projekt abschließen. „Er dauert zwei Jahre“, sagt Cem Gömüsay. „Inklusive der drei vorangehenden Jahre Berufserfahrung hätten unsere Lotsinnen und Lotsen das in fünf Jahren SGE perfekt schaffen können. Doch dann kam nach drei Wochen Corona und auf einmal durften sie nicht einmal zu viert in einem Büro sitzen.“

Die Pandemie warf die detaillierten Pläne etwas durcheinander. Dennoch legten die frisch gebackenen Lotsinnen und Lotsen nicht die Hände in den Schoß. Während der Lockdowns wurden sie aushilfsweise im Gesundheitsamt eingesetzt und betreuten erst einmal eine Coronahotline. „Da wurden sie ein bisschen ins kalte Wasser gestoßen, aber nach kurzer Zeit wollte sie dort niemand mehr gehen lassen“, erinnert sich Cem Gömüsay, „ihre Hilfe wurde dringend gebraucht“. Zwar begannen die Lotsinnen und Lotsen ihre Beratung auf Deutsch, häufig aber hörten Anruferinnen und Anrufer heraus, dass es eine andere gemeinsame Muttersprache gab. „Automatisch wechselten sie die Sprache und das Ende vom Lied war, dass wir mit unseren Lotsinnen und Lotsen als einziger Bezirk eine mehrsprachige Coronahotline schaffen konnten“, sagt Cem Gömüsay. „Die Lotsinnen und Lotsen begleiteten Menschen zum Impfen oder fanden mehrsprachige Ärzte, die in Aufklärungsfilmen mitwirkten. Trotz Corona stellten sie einiges auf die Beine.“

„Die Weiterbeschäftigung bei uns war der Idealfall.“
Cem Gömüsay - Beauftragter für Partizipation und Integration

Ihren regulären Verwaltungslotsinnen- und Verwaltungslotsendienst konnten die Teilnehmenden nur mit Verspätung antreten, während nach den pandemiebedingten Lockdowns viele Abteilungen erst einmal wieder zu sich selbst finden mussten. „Es dauerte ein bisschen, bis das neue Angebot bekannt war“, erinnert sich Cem Gömüsay, „das lief vor allem über Mund-zu-Mund-Propaganda.“ Hatte sich das Konzept in Schul-, Jugend- oder Standesamt einmal herumgesprochen, fragten es die Mitarbeiter*innen bald aktiv nach. „Unsere Lotsinnen und Lotsen waren viel unterwegs“, sagt Cem Gömüsay. „Unser Angebot wurde bestens angenommen. Die Nachfrage war nicht nur da, sie war sogar äußerst hoch.“

Die Arbeit der Verwaltungslotsinnen und Verwaltungslotsen stellte eine große Entlastung für die einzelnen Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter in den Ämtern dar. „Dass es plötzlich jemanden gab, der mit Klienten schon die Unterlagen vorbereitet hatte oder übersetzen konnte, wenn die Klienten vor dem Sachbearbeiter oder der Sachbearbeiterin saßen, das beschleunigte und vereinfachte deren Arbeit natürlich.“ Die Akzeptanz der Lotsinnen und Lotsen stieg schnell, obwohl sie auch mit Vorbehalten kämpfen mussten. „Viele wussten nicht, wer da vor ihnen steht, geschweige denn, was das SGE-Projekt genau war“, sagt Cem Gömüsay. „Es gibt bis heute Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass auch jemand mit Kopftuch in der Verwaltung arbeiten kann. Unsere Verwaltungslotsin aus dem Libanon kann davon ein Lied singen.“ Anfangs mussten sich die Lotsinnen und Lotsen häufiger fragen lassen, wer sie eigentlich seien und was sie da taten. „Negative Erlebnisse dieser Art besprachen wir aber gemeinsam und fingen sie auf. Das klappte gut. Innerhalb unseres Teams gab es mit den SGE-Kolleginnen und SGE-Kollegen ausschließlich positive Erfahrungen. Mit ihnen kamen wertvolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinzu, die nicht nur das Angebot unserer Verwaltung, sondern die interne Atmosphäre bereicherten. So ein SGE-Projekt würden wir jederzeit wieder machen.“

Bilder SGE - Cem Gömüsay (BA Charlottenburg-Wilmersdorf, Arbeitgeber)

Die neuen Kolleginnen und Kollegen seien von der ersten Stunde an hoch motiviert gewesen, so Cem Gömüsay, „und sind es immer noch“. Das spiegelte sich nicht zuletzt in ihrer regen Teilnahme an Weiterbildungen. Neben Hospitationen, Supervision und dem SGE-Coaching gab es auch Seminare an der Verwaltungsakademie Berlin zum Konfliktmanagement.

Im Laufe von fünf Jahren professionalisierten sich alle SGE-Teilnehmenden enorm, sagt Cem Gömüsay. „Das fiel mir wirklich auf. Heute wissen sie ganz genau, wen sie wann anrufen müssen. Sie wissen, welche Anträge wann und wo eingereicht werden müssen, welche Nachweise gefordert werden; und sie sind außerordentlich gut in der Behörde vernetzt. Besser als ich! Wenn ich eine Frage habe, gehe ich inzwischen selbst zu unseren Lotsinnen und Lotsen.“ Was das „Verwaltungshandeln“ betrifft, sorgte der Verwaltungslehrgang 1 für den größten Professionalisierungsschub. Mittlerweile haben ihn zwei Beschäftigte absolviert und die dritte Teilnehmende tritt ihn in Kürze an.

„So ein SGE-Projekt würden wir jederzeit wieder machen.“
Cem Gömüsay - Beauftragter für Partizipation und Integration

Es blieben nicht alle fünf Lotsinnen und Lotsen fünf Jahre lang im Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Zwei der Teilnehmenden fanden lange vor Ablauf des SGE-Projekts Anstellungen auf dem ersten Arbeitsmarkt und konnten vorzeitig aussteigen. Aus der Perspektive des SGE-Projekts war das ein Erfolg: Die beiden Männer wechselten auf feste Stellen in der sozialen Wohnhilfe bzw. bei einem privaten Träger, der Geflüchtetenunterkünfte betreibt.

„Wir waren froh, dass sich die drei anderen entschieden haben, bei uns weiter als Verwaltungslotsinnen und Verwaltungslotsen zu arbeiten. Sie wollten und wir wollten – und wir konnten es im Rahmen der Weiterbeschäftigung durch das Land Berlin auch ermöglichen. Außerdem haben sie mit ihrem abgeschlossenen Verwaltungslehrgang in Zukunft auch Chancen zur Weiterentwicklung im Landesdienst“, sagt Cem Gömüsay.

„Für uns ist das der Idealfall“, sagt Cem Gömüsay. „Wir merken, dass der Bedarf an den Unterstützungsleistungen unserer Lotsinnen und Lotsen nach wie vor enorm ist. Sie sind voll ausgelastet. Wir hoffen sogar, weitere Lotsinnen und Lotsen dazuzubekommen. In einem Fall ist das bereits arrangiert. Eine weitere SGE-Teilnehmende wird nach Auslauf des Projekts vom Träger eines Nachbarschaftszentrum zu uns wechseln. Mit der Weiterbeschäftigung ist es bei und für uns optimal gelaufen, denn wir können den Bürgerinnen und Bürgern von Charlottenburg unsere Verwaltungslotsendienste, die sich im Rahmen des SGE so stark bewährt haben, weiter anbieten.“

Die Interviews und Texte der Reihe „Gesichter des SGE“ stammen von Sebastian Blottner von Rohnstock Biografien. Die Fotos hat Ina Schoenenburg von der Agentur OSTKREUZ gemacht.

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