Erklärung der 2. Neuköllner Kinderarmutskonferenz
Pressemitteilung vom 01.12.2025
Am 27. November 2025 fand die 2. Neuköllner Kinderarmutskonferenz statt. Weit über 100 Teilnehmende haben sich dabei zum Thema ausgetauscht und in Workshops die Auswirkungen von Armut auf die konkrete Arbeit im Kinder- und Jugendhilfesystem diskutiert. Als ein Ergebnis hat sich die Kinderarmutskonferenz auf ein Papier mit den wichtigsten Bedarfen zur nachhaltigen Armutsprävention verständigt. Die Bedarfe zur Verringerung der Armut von Kindern und Jugendlichen basieren dabei auch auf dem ersten Bericht „Kinder- und Familienarmut in Neukölln begegnen“, den das Bezirksamt am 26. November 2025 veröffentlicht hat.
Wir dokumentieren hier den Wortlaut der Erklärung der 2. Neuköllner Kinderarmutskonferenz:
Was wir brauchen, um Kinder- und Familienarmut wirksam zu begegnen
Mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Neukölln sind von Armut betroffen. Armut bedeutet weniger Geld im Geldbeutel für Kleidung, Nahrungsmittel, Schulmaterial, Ausflüge. Sie bedeutet oft auch beengte Wohnverhältnisse, Stress, Auswirkungen auf den Bildungsverlauf, die Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe. In Neukölln gibt es viele gute präventive Angebote, die Armutsfolgen abmildern und gleiche Chancen für alle bieten sollen. Doch es braucht mehr, um Kinder – und Familienarmut wirksam begegnen zu können.
- Eine verlässliche und auskömmliche Finanzierung der Angebote der frühen Hilfen, Familienförderung, Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit sowie Schulsozialarbeit. In Neukölln werden Kinder und Familien durch viele gute Angebote und engagierte Fachkräfte unterstützt. Doch die Finanzierung deckt nicht alle Bedarfe und steht für viele Projekte auf der Kippe, wenn die Haushaltslage angespannt ist.
- Absicherung der Mittel zur Armutsprävention in Land und Bezirk: Durch die Landeskommission zur Prävention von Kinder- und Familienarmut werden die Bezirke fachlich unterstützt und erhalten eine Finanzierung für Projekte, die präventiv wirken. Dies ist eine wertvolle Unterstützung, die in vollem Umfang und dauerhaft benötigt wird.
- Essen in Einrichtungen: In Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen wird zunehmend nach Essen gefragt. Die Möglichkeit einer einfachen, gesunden Verpflegung in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sollte finanziert werden.
- Kostenlose Bildungsangebote: Kinder und Jugendliche benötigen Unterstützung beim Lernen. Nicht alle erhalten diese Unterstützung zu Hause. Oft fehlt dort auch ein ruhiger Ort, um Hausaufgaben zu machen. Kinder fragen die Fachkräfte oft nach Hilfe beim Lernen. In vielen Einrichtungen findet bereits praktische Unterstützung statt. Doch dafür fehlen personelle und finanzielle Ressourcen. Es braucht außerdem Sachmittel für Schulmaterialien und Nachhilfe.
- Sportliche und kulturelle Angebote: Ein großer Wunsch für viele armutsbetroffene Kinder und Jugendliche ist die Teilnahme an Ausflügen, Reisen und Sportangeboten. Manche Kinder kennen nur den eigenen Bezirk oder haben Berlin noch nie verlassen, weil das Geld nicht für Ausflüge reicht. Reisen und Unternehmungen erweitern den Horizont, schaffen einmalige Erlebnisse und stärken das Selbstbewusstsein der Kinder. Der Bedarf an solchen Angeboten ist deutlich höher als das, was der Bezirk aktuell leisten kann.
- Mehr bezahlbarer Wohnraum für Familien: Der 1. Neuköllner Kinderarmutsbericht zeigt eindrücklich, dass beengte Wohnverhältnisse zu den größten Herausforderungen von armutsbetroffenen Familien gehören. Hier braucht es dringend gute Lösungen und entschiedenes Handeln, um den Zugang zu bezahlbarem Wohnraum zu erleichtern.
- Inklusion besser umsetzen: Kinder mit Behinderung benötigen ausreichende und bedarfsgerechte Schulplätze. Angehörige, die diese Kinder pflegen, brauchen mehr Unterstützung.
- Jugendsozialarbeit in Schulen stärken: Sozialarbeitende sind für Schüler:innen oft erste Ansprechpartner bei Problemen. In Neukölln gibt es trotz guter Strukturen einen deutlich höheren Bedarf an Schulsozialarbeit und multiprofessioneller Unterstützung in Schulen.
- Barrieren reduzieren: Leicht zugängliche Hilfsangebote in den frühen Hilfen und der Familienförderung. Sinnvoll ist, mehr Angebote unter einem Dach zusammenzuiehen uns so Hürden zu senken. Ebenso wie eine bedarfsgerechte Schulsozialarbeit ist auch Kitasozialarbeit nötig.
- Unkomplizierte Hilfe: Manche dringenden Bedarfe von Familien können nicht durch bestehende Hilfen gedeckt werden. Ein unbürokratischer Kiezfonds kann Abhilfe schaffen. Die Nutzung von bestehenden Hilfen wie Berlinpass, Schulessen oder vergünstigten BVG-Tickets soll einfacher werden. Kostenfreie Hygieneartikel in öffentlichen Einrichtungen stellen eine einfache und wirksame Unterstützung dar.
- Regelmäßige und bedarfsgerecht finanzierte Fortbildungen zu Armutssensibilität und Resilienzförderung für Fachkräfte und Verwaltung.
- Armut muss auf Bundes-, Landes- und Bezirksebene wirksam begegnet werden. Auf der bezirklichen Ebene können Armutsfolgen abgemildert und Chancen verbessert werden. Um Kinderarmut wirksam zu bekämpfen, benötigt es gesetzliche Änderungen. Ob Kinder und Familien von Armut betroffen sind, hängt gerade in einem reichen Land wie Deutschland von politischen Entscheidungen und Prioritäten ab.