Unter großer Beteiligung aus der Bezirks-, Landes- und Bundespolitik fand am 21. Januar die diesjährige Gedenkfeier für die im vergangenen Jahr einsam Verstorbenen statt. Mein Dank für Vorbereitung und Durchführung geht an alle Beteiligten und insbesondere an die beteiligten Kirchengemeinden und die Neuköllner Seniorenvertretung.
Gemeinsam mit dem Superintendenten des Evangelischen Kirchenkreis Neukölln, Dr. Nottmeier, durfte ich die Gedenkfeier mit den folgenden Worten eröffnen:
Wenn ein Mensch stirbt, ist das immer eine Tragödie. Wie es aber so ist, nehmen wir davon oft nur dann Kenntnis, wenn es uns selbst irgendwie betrifft. Wenn wir den Verstorbenen kennen oder meinen, gekannt zu haben. Wenn wir in irgendeiner Form – und sei es nur imaginär durch Filme, Bücher oder digitale Medien – Anteil an seinem oder ihrem Leben gehabt zu haben glauben.
„Es geht uns nahe“ bezeichnet diesen Umstand sehr gut. Anteil nehmen wir in der Regel nur, wenn wir der Verstorbenen „nahe“ standen.
Den 240 Menschen, denen wir heute gedenken, war kaum noch jemand wirklich nahe. Kaum jemand hat ihren Tod überhaupt zur Kenntnis, geschweige denn Anteil daran genommen. Und dennoch: ihr Tod bleibt eine Tragödie. Umso mehr, da aus den spärlichen Informationen auch hier und da Mutmaßungen über ihr Leben entstehen können, die am Ende nur das sind: Mutmaßungen auf der Grundlage fehlender Informationen.
Da sind Neuköllnerinnen und Neuköllner, deren Todesdatum unklar ist, bei denen sich die Möglichkeiten teils über viele Tage erstrecken. Eine von ihnen ist irgendwann zwischen dem 26. April und dem 10. Mai verstorben. Ein anderer zwischen dem 14. Februar und dem 4. Mai. Allein im Tod und auch noch Wochen danach. Meist im Alter von 60 bis 75 Jahren. Es liegt nicht fern anzunehmen, dass sie am Ende ihres Lebens tatsächlich einsam waren.
Und doch ist ihre Geschichte nicht allein die Geschichte vom Ende ihres Lebens. Auch sie hatten Hoffnungen, Wünsche und Träume. Sie hatten Höhen und Tiefen. Sie hatten unvergessliche Momente, haben geliebt, gefeiert und getrauert.
Vor ein paar Jahren fand sich nach dieser Gedenkfeier ein Eintrag im Gästebuch. Eine Besucherin war spontan hierher gekommen und erfuhr so vom Tod ihres Vaters. „Durch Zufall“, wie sie selber schrieb. Als ich das las, hatte ich genau dieses Gefühl: dass ich in diesem Moment Anteil an ihrem Leben hatte. Und ich kann sagen, dass mir das noch immer nahegeht. Wenn diese Gedenkfeier gerade in diesen Zeiten dazu beiträgt, uns Neuköllner gegenseitig näher zu bringen, dann ist sie ein wahrer Segen.
Lassen Sie uns die Verstorbenen als das in Erinnerung behalten, was sie waren. Neuköllnerinnen und Neuköllner. Nachbarn. Menschen.