Jugendamtsmitarbeiter, Sitzvolleyballer, Libero der Nationalmannschaft

Team der deutschen Sitzvolleyball-Nationalmannschaft

Deutsche Sitzvolleyballer auf Platz 6 der Weltrangliste – Glückwunsch an Jugendamtsmitarbeiter Tim L. und seine Teamkollegen der Nationalmannschaft

Tim Linke, 23 Jahre alt, gebürtiger Berliner, arbeitet im Öffentlichen Dienst – konkret im Bezirksamt Neukölln. Und so wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen des Amtes ist er in seiner Freizeit sportlich aktiv. Tim spielt Volleyball, oder genauer Sitzvolleyball. Aktiv im Verein und seit 2023 in der deutschen Nationalmannschaft.

Und gemeinsam mit seiner Mannschaft hat er vom 10. bis 17. Juli 2026 bei der Sitzvolleyball-Weltmeisterschaft in Hangzhou (China) Deutschland erfolgreich vertreten. Als Mannschaft erkämpften sie sich den sechsten Platz – von insgesamt 16 teilnehmenden Nationen. Ein tatsächlich beachtliches Ergebnis – schließlich betreibt die deutsche Sitzvolleyball-Nationalmannschaft ihren Sport als einzige unter den besten sieben Nationen der Welt nicht professionell.

Sitzvolleyball – noch nie davon gehört!?

Eine kurze Einführung: Sitzvolleyball gehört zu den bisher weniger bekannten Parasportarten für Menschen mit körperlicher Behinderung.

Sitzvolleyball folgt weitgehend den klassischen Hallenvolleyball-Regeln, wird jedoch im ständigen Bodenkontakt des Rumpfes gespielt. Das Spielfeld misst 10 × 6 Meter, das Netz hängt für Männer in 1,15 m und für Frauen in 1,05 m Höhe. Pro Team spielen sechs Personen. Gespielt werden bis zu fünf Sätze, somit gibt es drei Gewinnsätze, die bei 25 Punkten entschieden sind.

Während bei nationalen Veranstaltungen auch Spieler:innen ohne Einschränkungen teilnehmen dürfen, ist bei internationalen Wettkämpfen eine körperliche Beeinträchtigung Voraussetzung. Maximal eine Person auf dem Feld darf eine minimale Einschränkung haben, alle anderen müssen schwerere Beeinträchtigungen an einer oder mehreren Extremitäten aufweisen.
Das Anheben des Körpers zum Gehen, Stehen oder Laufen ist verboten. Das Rutschen auf dem Gesäß ist erlaubt.

Von der „Fußball-Krabbelgruppe“ zur Sitzvolleyball-Nationalmannschaft

Schon als kleines Kind begeisterte sich Tim für Sport, spielte mit sechs Jahren bereits in der „Fußball-Krabbelgruppe“. Wenige Monate nach seiner Einschulung kam dann die Krebsdiagnose. Folge: Amputation des linken Beins…Prothese. „Als Kind sieht man das pragmatischer. Mein Ziel war einfach nur zurück zum Fußball und in die Schule zu meinen Freunden…“ Zwei Jahre musste er Schule und Sport aussetzen.

Doch… „von da an ging es weiter mit dem Fußball bis zur Jugendmannschaft. Etwa mit 16 Jahren habe ich erst den Bereich des Parasports wirklich wahrgenommen, mich mehr darüber informiert. Das hat mich dann interessiert. Ich wollte Erfahrungen mit Menschen – so wie ich – mit Handicap machen, mich einfach im Sport mit ihnen vergleichen. Für mich war (und ist) das etwas Besonderes, mit Gleichgestellten – etwas Anderes als in einer regulären Mannschaft.“ So wurde er auf Sitzvolleyball aufmerksam und kam zum bislang einzigen Sitzvolleyball-Verein in Berlin, dem SCC Berlin (Charlottenburg). Bis heute ist das sein Heimatverein. Nach etwa vier Jahren Spielzeit folgte dann die Aufnahme ins deutsche Nationalteam. 2023 beim Worldcup Länderspiel gegen Ägypten gab Tim sein Debüt als Teammitglied der Nationalmannschaft.

Nach Platz vier bei den Paralympics 2024 in Paris musste das Team sich jedoch personell neu aufstellen. Drei langjährige, erfahrene Spieler verließen die Mannschaft; an ihre Stellen rückten neben Tim zwei weitere junge Spieler nach. Sie gaben 2025 ihr EM-Debüt und wurden viel in der Gruppenphase, aber auch bis ins Finale eingesetzt. Tim Linke gewann sogar den Preis für den besten Libero des Turniers. „Als Libero bist du vor allem für die Annahme gegnerischer Aufschläge und starke Abwehr im hinteren Spielfeld zuständig.“, so die Erklärung von Tim. „Und natürlich hat mich diese Auszeichnung – neben unserer Silbermedaille zur Europameisterschaft – besonders stolz gemacht.“

Die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft im Sommer 2026 verlief entsprechend intensiv. Seit Jahresbeginn wurde das Trainingspensum erhöht, hinzu kamen Lehrgänge und Turniere in Japan, den USA sowie zuletzt in den Niederlanden. „Klar kommt man viel rum. Aber wer jetzt an tolle Sightseeing-Touren denkt, liegt falsch – z. B. in Japan habe ich fast nur die Turnhalle von innen gesehen. Training, Essen, Schlafen… An einem Nachmittag haben wir dann mal drei Stunden Zeit gehabt, um auch mal was vom Land zu sehen.“

Und dann war es soweit. Es ging vom 10. bis 17. Juli 2026 nach China, zur WM in Hangzhou. „Ich dachte eigentlich, das Gefühl bei der Europameisterschaft dabei zu sein, kann nicht mehr getoppt werden. Doch dann beim ersten WM-Spiel, der Moment, wenn das Flutlicht in der Sporthalle angeht, du mit den Jungs auf dem Spielfeld bist – das ist der Moment, wofür man trainiert. Und dann der erste Ballwechsel – das gibt wirklich Gänsehaut.“

Tim Linke, Libero der deutschen Sitzvolleyball-Nationalmannschaft

Tim Linke, Libero der deutschen Sitzvolleyball-Nationalmannschaft

Tim erzählt von Begegnungen mit starken Mannschaften aus der Ukraine, aus Bosnien… Und auch von der Enttäuschung, das Halbfinale trotz realistischer Chancen verpasst zu haben. Dennoch ein sehr guter Platz 6 auf einer Liste von 16 teilnehmenden Mannschaften. Und nochmal: Betrachtet man die aktuelle „Top 7“ der Weltrangliste, so bewährt sich die deutsche Nationalmannschaft hier als einziges Amateurteam unter Profis. Sie werden nicht hauptberuflich dafür bezahlt, sondern betreiben Sitzvolleyball ausschließlich als Hobby oder Freizeitsport.

Vollzeitjob oder Leistungssport

Bleibt neben einem anspruchsvollen Vollzeitjob im Regionalen Sozialen Dienst des Jugendamtes noch Zeit und Raum, um sich sportlich so zu entwickeln, dass man sogar auf internationalem Niveau mithalten kann?
Vor allem brauche es persönliches Engagement und die Unterstützung von Familie und Freunden, findet Tim. Eine große Rolle spiele auch der Heimatverein, bei dem ja das ganze Jahr trainiert wird. „Und du musst bereit sein, viel Zeit zu investieren. In der Regel geht für die Wettkämpfe und Trainingscamps dein Jahresurlaub drauf. Da bleibt wenig übrig für wirklichen Urlaub und Erholung im klassischen Sinn.“ Das sei bei vielen der Mannschaftskollegen ähnlich.

Sicher, das Bezirksamt Neukölln setzt sich für Inklusion, Chancengleichheit und moderne Arbeitsbedingungen ein. Flexible Arbeitsmodelle und ein unterstützendes Arbeitsumfeld ermöglichen es bereits vielen Mitarbeitenden, berufliche Anforderungen gut mit dem Privatleben zu vereinbaren. Das klappt aber eben doch nur bedingt und in gewissem Umfang. Von einigen seiner Sportskollegen weiß er, dass es aber auch bereits Arbeitgeber gibt, die generell freistellen und so den Leistungssportler unterstützen. „Für meine Teilnahme an der WM in China habe ich deshalb beim Bezirksamt Sonderurlaub beantragt. Rückhalt hatte ich von meinem Arbeitsteam und meinen Vorgesetzten. Es war zwar ein mehrmonatiger, nicht ganz komplikationsloser Bearbeitungsweg, wurde aber letztlich genehmigt. Darüber habe ich mich natürlich gefreut.“

Im Alltag richtet sich das Training im Wesentlichen nach der Arbeitszeit – während es fixe Trainingszeiten montags und donnerstags mit der Mannschaft beim SCC gibt, müssen sich die individuellen Trainingszeiten für Kraft- und Athletiktraining an die wöchentliche Arbeitszeit anpassen – und manchmal leider auch zugunsten des Jobs ausfallen.

Nach dreieinhalb Jahren Dualen Studiums ist Tim seit März nun in Vollzeit als Sozialarbeiter im Bereich und hat inzwischen ebenso wie seine Kolleg:innen „seine Fälle“ aufgebaut und das gleiche hohe Arbeitspensum wie alle hier im Regionalen Sozialen Dienst erreicht. „Umso mehr bin ich dankbar und kann nur sagen ‘großes Lob an mein Team‘ für die gute Vertretung während meiner Abwesenheit.“

Breitensport: Fundament für alles – auch für gelebte Inklusion

Gleichzeitig wünsche er sich eine noch stärkere Unterstützung der Para-Leistungssportler durch das Land Berlin. Beispielsweise indem man sogenannte „Sportlerstellen“ speziell für Parasportler:innen fördern und bereits existierende finanzielle Hilfen ausbauen und besser zugänglich machen würde. Generell müsse für den Parasport noch mehr getan werden. Ehrenamtlich ist er als Landesjugendwart des Behindertensportverbandes Berlin tätig, um „…als Bindeglied zur Politik Sportlern eine Stimme zu geben und klar zu sagen, was läuft gut, was weniger, was nicht.“

Es gibt viele Parasportarten in Berlin, „… doch wer weiß das?“ Letztlich gehe es beim Vereinssport auch nicht nur um das Training an sich, „… Sportler tauschen sich dort aus. Eben auch über ihre speziellen Alltagsfragen: wo stelle ich den Antrag, wer hilft mir bei…? Das ist eine Gemeinschaft, die weit über den eigentlichen Sport hinausgeht.“

Insgesamt sollte es mehr offene Sportangebote und Vereine für den Breitensport, aber vor allem für Kinder geben. Damit fördere man ihre motorische Entwicklung ebenso wie den Fair Play-Gedanken, Teamgeist und auch eine gewisse Disziplin. „Jedes Kind sollte die Möglichkeit haben Sportstätten zu nutzen – frei zugänglich plus barrierefrei. Und es braucht eine bessere gesellschaftliche Unterstützung für jedes Kind, welches in den Leistungssport geht.

Nächste Ziele: Über Leipzig nach Los Angeles?

Als nächstes großes Ziel steht bereits die Europameisterschaft 2027 in Leipzig im Fokus. Neben einer sehr guten Platzierung möchte sich das Team dort endgültig für die Paralympics 2028 in Los Angeles qualifizieren. Wir drücken die Daumen und wünschen Tim und dem Team der deutschen Sitzvolleyball-Nationalmannschaft viel Erfolg!

Wer mehr über den SCC Sitzvolleyball Berlin erfahren oder Tim auf seinem sportlichen Weg verfolgen möchte, kann dies auf Instagram tun @sitzvolleyball_berlin, @_timlinke