09/2026 – „Wie Emotionen Demokratie beeinflussen“: Zweiter Demokratietag in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek

Faltblatt Demokratietag 2026 Ingeborg-Drewitz-Bibliothek

September 2026

Sich für den Erhalt der Demokratie einzusetzen, ist eine zentrale Aufgabe für alle, denen diese Staatsform lieb und teuer ist. Nach mehreren Landtagswahlen im Jahr 2026 steht die liberale Demokratie zunehmend unter Druck; Rechtsradikale und Linksradikale schicken sich an, Regierungsverantwortung zu übernehmen, politische Ränder werden gestärkt, die demokratische Mitte zerrieben. Emotionen kochen hoch und ersetzen nicht selten eine seriöse politische Analyse – in Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien und anderen Ländern Europas. Gerade in einer solchen Gemengelage kommt die Durchführung eines „Demokratietages“ wie gerufen. Wie schon im Vorjahr 2025 (wir berichteten) war die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek auch heuer wieder Gastgeberin eines bezirklichen Demokratietages, der am 15. September 2026 eine große Bandbreite an Initiativen und demokratiefördernden Projekten unter dem Dach des Netzwerks Demokratiebildung Steglitz-Zehlendorf versammelte. Sehr passend stand der Zweite Demokratietag unter dem Motto „Wie Emotionen Demokratie beeinflussen“.

15. September 2026: Engagiertes Podium beim Zweiten Demokratietag in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek

15. September 2026: Engagiertes Podium beim Zweiten Demokratietag in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek

Podiumsdiskussion zum israelisch-palästinensischen Konflikt

In einer leidenschaftlich geführten Podiumsdiskussion setzten sich der Palästinenser Dr. Ahmed Albaba, der Israeli Shay Dashevsky und die Kunsttherapeutin Hofit Keshet mit der Frage auseinander, wie mit Emotionen in gesellschaftlichen Konflikten umzugehen sei. Wenig überraschend, dass der Fokus dabei auf der auch hierzulande stark polarisierten Debatte um den israelisch-palästinensischen Konflikt lag. In einer Atmosphäre, in der Diskurse oft von Ideologien vereinnahmt werden, versucht das Trio, einen partnerschaftlichen, offenen Dialog auf Augenhöhe zu führen, Brücken gegen den Hass zu bauen und damit demokratische Grundwerte zu schützen. Besonders kritisch sehen sie den modernen Antizionismus, den sie für ein destruktives Phänomen halten. Aus ihrer Sicht erschwert er die interkulturelle Begegnung und sorgt dafür, dass moderate palästinensische Stimmen relativ wenig Gehör finden.

15. September 2026: Heitere Stimmung trotz schwieriger Diskussion: die Podiumsteilnehmer Dr. Ahmed Albaba (links), Hofit Keshet (Mitte) und Shay Dashevsky

15. September 2026: Heitere Stimmung trotz schwieriger Diskussion: die Podiumsteilnehmer Dr. Ahmed Albaba (links), Hofit Keshet (Mitte) und Shay Dashevsky

Shay Dashevsky ist ein in Berlin lebender israelischer Jude, der sich seit dem 7. Oktober 2023 in der jüdischen Gemeinschaft engagiert. Er leitet die Dialogprojekte „I Am From Israel: Ask me Anything“ und „Voices from Gaza and Israel – We Want to Live“. Beide Formate fördern durch offene Gespräche das gegenseitige Verständnis und ermöglichen einen Perspektivwechsel. Dr. Ahmed Albaba ist in den palästinensischen Gebieten im Westjordanland aufgewachsen. Er studierte Islamwissenschaft, Psychologie und Judaistik und promovierte 2021 an der Universität Göttingen mit einer Studie über das kollektive Gedächtnis und die Folgen von Flucht und Vertreibung. Hofit Keshet arbeitet mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Familien zusammen, schafft Räume für kreative Begegnung und unterstützt Menschen, die Ausgrenzung, Migration, Diskriminierung, Verlust oder traumatische Erfahrungen erlebt haben.

15. September 2026: Podiumsdiskussion über den Nahostkonflkt - Zweiter Demokratietag in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek

15. September 2026: Podiumsdiskussion über den Nahostkonflkt - Zweiter Demokratietag in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek

Dass ein Format, das sich mit den großen Streitfragen des Nahostkonflikts beschäftigt, zu teilweise hitzigen Debatten zwischen Podium und Publikum führt, war zu erwarten. Entscheidend ist, dass diese Debatten von beiden Seiten fair, offen und respektvoll geführt werden – immer der Grundannahme folgend, dass auch der Gesprächspartner zumindest in Teilen Recht haben könnte. Angesichts der weitverbreiteten Polarisierung beim Thema Nahostkonflikt ist das herausfordernd genug. Zwischentöne sind kaum hörbar, in gesellschaftlichen Debatten und auf den Straßen scheint sich zunehmend ein Gut-Böse-Weltbild zu verfestigen. Eine echte Annäherung zwischen Podium und Publikum fand auch in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek nicht statt. Dies anzunehmen, wäre wohl auch zu optimistisch gewesen. Beiden Seiten fiel es erkennbar schwer, sich auf die Positionen und Überzeugungen der jeweils anderen einzulassen. Dabei lieferten sich die Diskutanten durchaus leidenschaftliche Wortwechsel. Deutlich versöhnlichere Töne waren in den persönlichen und spontanen Zweiergesprächen zu vernehmen, die sich an den offiziellen Teil anschlossen. Was kann man daraus schlussfolgern? Dass Dialog eine echte Chance hat, sobald niemand mehr glaubt, eine öffentliche Rolle spielen und sich innerhalb seiner eigenen Blase profilieren zu müssen. Man darf also vorsichtig optimistisch sein, denn gescheitert ist das Format trotz aller problematischen Begleitumstände nicht.

15. September 2026: Grußworte der Bezirksstadträtinnen Malgorzata Sijbrandij (links) und Carolina Böhm sowie des Bezirksstadtrats Tim Richter beim Zweiten Demokratietag

15. September 2026: Grußworte der Bezirksstadträtinnen Malgorzata Sijbrandij (links) und Carolina Böhm sowie des Bezirksstadtrats Tim Richter beim Zweiten Demokratietag

Grußworte der Bezirkspolitik

„Bibliotheken sind weit mehr als Orte für Bücher. Sie sind offene Orte der Bildung, Informationen, Begegnung und gesellschaftlichen Teilhabe“, schrieb Malgorzata Sijbrandij in Würdigung des Demokratietags auf Facebook. Als Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Sport ist sie gleichzeitig „Hausherrin“ in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek. „Demokratie lebt davon, dass wir miteinander ins Gespräch kommen, unterschiedliche Meinungen aushalten, respektvoll diskutieren und uns einbringen“, ergänzte die Bezirksstadträtin. Vor Ort auf der Bibliotheksbühne äußerten sich auch Tim Richter, stellvertretender Bezirksbürgermeister und Bezirksstadtrat für Bürgerdienste und Soziales, sowie die für Gesundheit und Jugend zuständige Bezirksstadträtin Carolina Böhm. Richter wies darauf hin, dass Demokratie kein „in Stein gegossenes Monument“ sei und der konstruktive Dialog wichtig sei. „Wir haken uns unter und kommen als Zivilgesellschaft zusammen“, sagte Böhm. „Partizipation ist mein Steckenpferd“, gestand sie. Kein Wunder, dass sie das Kinder- und Jugendparlament Steglitz-Zehlendorf (KiJuPaSZ) als „Meilenstein der Demokratie in unserem Bezirk“ betrachtet. Bei dieser Gelegenheit sei an die Wahlwoche des KiJuPaSZ vom 25. bis 29. Januar 2027 erinnert.

15. September 2026: Zwei Bezirksstadträtinnen und ein Bezirksstadtrat eröffnen den Zweiten Demokratietag in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek

15. September 2026: Zwei Bezirksstadträtinnen und ein Bezirksstadtrat eröffnen den Zweiten Demokratietag in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek

15. September 2026: Stand des Martin-Niemöller-Hauses auf dem Zweiten Demokratietag in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek

15. September 2026: Stand des Martin-Niemöller-Hauses auf dem Zweiten Demokratietag in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek

Weitere Initiativen stellen sich vor

Dass eine ehrliche, ausgewogene und vorurteilsfreie Nahost-Podiumsdiskussion einen Beitrag gegen Antisemitismus bzw. Antizionismus leisten kann, ist unbestritten. Darüber hinaus verdient auch eine Reihe anderer beim Demokratietag vertretener Initiativen Erwähnung. Auch wenn ihnen das vielleicht nicht immer selbst bewusst ist, tragen sie zumindest indirekt zur Eindämmung antisemitischer Denkmuster bei.

Martin-Niemöller-Haus

Dass man sich seine Nachbarn ebenso wenig aussuchen kann wie seine Familienangehörigen, ist eine Binsenweisheit. Unter Einbindung von Schülerinnen und Schülern erforscht das Martin-Niemöller-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem die Frage der Dahlemer Nachbarschaft im Nationalsozialismus. Damit wird Nachbarschaft selbst zum Untersuchungsgegenstand: Wohnorte, soziale Beziehungen und räumliche Nähe helfen zu verstehen, wie Menschen unterschiedlicher und teilweise völlig konträrer Weltanschauungen unter ein und derselben Diktatur lebten und handelten. So wohnten zum Beispiel Figuren wie der berüchtigte Präsident des NS-Volksgerichtshofs Roland Freisler und die im Widerstand der Bekennenden Kirche engagierten Brüder Hans-Bernd von Haeften und Werner von Haeften buchstäblich Tür an Tür.

Bleibt ein zentrales gesamtgesellschaftliches Thema: Inklusion

Bleibt ein zentrales gesamtgesellschaftliches Thema: Inklusion

DEVI e.V. für Demokratie und Vielfalt

Der Verein DEVI e.V. für Demokratie und Vielfalt in Schule und beruflicher Bildung organisierte einen Workshop, der sich mit den Kernelementen des Rechtsextremismus und dessen Symbolwelt, Bildersprache und Erscheinungsformen auseinandersetzte.

Förderkreis Gedenkort T4 e.V.

Im Rahmen eines inklusiven Workshops erinnerte der Förderkreis Gedenkort T4 e.V. an die Ermordung von Menschen mit Behinderung während des Nationalsozialismus. Dargestellt wurden Geschichte und Lebensbedingungen der damals Betroffenen und die Frage, was diese menschenverachtende Mordaktion für uns heute bedeutet.

15. September 2026: Ulrike Cordier, Großnichte von Gerda M. Meyer (1910-2009), betreut einen Stand auf dem Zweiten Demokratietag

15. September 2026: Ulrike Cordier, Großnichte von Gerda M. Meyer (1910-2009), betreut einen Stand auf dem Zweiten Demokratietag

Filmprojekt über das Leben von Gerda M. Meyer: „In den Seiten der Zeit – Ich leb‘ so gern“

Eine Auseinandersetzung mit den Tagebuchnotizen der Steglitzerin Gerda M. Meyer (1910-2009) bot das Historikerlabor e.V. an. Unter dem Motto „In den Seiten der Zeit – Ich leb‘ so gern“ hatten sich Studentinnen und Studenten der Alice-Salomon-Hochschule zwei Semester lang im Rahmen eines interdisziplinären Theater- und Filmprojekts künstlerisch mit dem Leben einer lebenslustigen Berlinerin in finsterer Zeit beschäftigt (wir berichteten). Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde Gerda M. Meyer während des Nationalsozialismus verfolgt. Ihre Großnichte Ulrike Cordier war in das Filmprojekt von Beginn an stark eingebunden und stand den Besucherinnen und Besuchern des Demokratietags als kompetente Ansprechpartnerin zur Verfügung.

Tagebuch von Gerda M. Meyer (1910-2009)

Tagebuch von Gerda M. Meyer (1910-2009)

15. September 2026: Stand der Registerstelle Steglitz-Zehlendorf auf dem Zweiten Demokratietag in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek

15. September 2026: Stand der Registerstelle Steglitz-Zehlendorf auf dem Zweiten Demokratietag in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek

New Israel Fund Deutschland (NIF)

Mit einem Stand vertreten war auch der New Israel Fund (NIF) Deutschland e.V., der sich für Demokratie und Menschenrechte in Israel und eine friedliche Zukunft für Israelis und Palästinenser einsetzt. Er unterstützt unter anderem Projekte zur Förderung der Gleichberechtigung aller Bürgerinnen und Bürger des Staates Israel, Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit, Bürger- und Menschenrechte und bekämpft Diskriminierung und Rassismus. Besonders liegt ihm die jüdisch-palästinensische Kooperation am Herzen.

Registerstelle Steglitz-Zehlendorf

Mit der Frage „Was würdest du tun“ versuchte schließlich die Registerstelle Steglitz-Zehlendorf den Besucherinnen und Besuchern ihres Standes auf den Zahn der Zivilcourage zu fühlen und herauszufinden, wie sie reagieren würden, wenn in einer bestimmten Situation couragiertes Auftreten gefordert ist.

Antisemitismusprävention

Beauftragter gegen Antisemitismus

Christian Urlaub