Die Situation in Berlin

Seit Januar 2007 befindet sich die Berliner Niederlassung der Scientology Organisation in einem repräsentativen Gebäude in der westlichen Innenstadt in der Otto-Suhr-Allee 30-34. Neben der stetig propagierten „Expansion“ hatte dieser Umzug für die Organisation eine besondere Bedeutung und sollte auch dazu dienen, Einfluss auf politische Willens- und Entscheidungsträger der Bundesrepublik auszuüben.

KVPM e.V. Zelt
Zelt der Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM e.V). am Potsdamer Platz
Bild: SenInnSport

Dementsprechend bemüht sich die Organisation an exponierten Stellen Berlins Präsenz zu zeigen: regelmäßig werden Informationsstände am Potsdamer Platz, am Kurfürstendamm und in verschiedenen Fußgängerzonen betrieben. Hier werden Bücher, CDs und DVDs „gegen Spende angeboten“. Hier werden auch „Stresstests“ am „E-Meter“ durchgeführt, die von der Scientology Organisation neben dem schriftlichen sog. „Persönlichkeitstest“ als Mittel zum Einstieg in das Kurssystem genutzt werden. Täglich veranstaltet die Scientology-Organisation in Berlin einen “Tag der offenen Tür” und lädt zu Veranstaltungen im Haus ein.

Bei ihrem Bemühen um Mitgliederwerbung und Einflussnahme auf gesellschaftlicher Ebene tritt die Organisation hierbei auch in Berlin über Hilfs- und Tarnorganisationen, z.B. die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V. (KVPM), auf. Die KVPM veranstaltet jährlich eine einwöchige Ausstellung zum Thema “Menschenrechtsverletzungen der Psychiatrie” auf dem Potsdamer Platz. Die Organisation hat wiederholt versucht, in Berliner Schulen und Freizeiteinrichtungen Kinder und Jugendliche zu erreichen. So erhielten Schulleiter Werbematerial für Informationsveranstaltungen wie Anti-Drogen-Seminare, Tage der offenen Tür oder Vorträge im Ethik- bzw. Religionsunterricht. Schulklassen wurden zum Besuch der Zentrale eingeladen.

Die DVDs der Kampagnen sind äußerst geschickt und jugendgemäß produziert. Zunehmend ist die Organisation in jugendaffinen Netzwerken und Videoplattformen, wie Facebook, Twitter und Youtube präsent.

Den Scientologen geht es weniger um nachhaltige Hilfe für Menschen in Notlagen. Sie selbst entschlüsseln die wahre Bestimmung ihrer Kampagnen, indem sie sie als „Brücke zur Gesellschaft“¹ bezeichnen.

Trotz dieser intensiven Werbemaßnahmen kann kein Anstieg der Zahl der Anhänger der Organisation festgestellt werden. Das erst im März 2009 in der Fußgängerzone im Bezirk Spandau eröffnete Ladengeschäft „Dianetik- und Scientology Informationszentrum“ musste mangels Interesse der Berliner Bevölkerung im Laufe des Sommers 2010 ohne öffentliche oder mediale Beachtung wieder geschlossen werden. Bereits im August 2007 war ein ähnliches Informationszentrum im Bezirk Charlottenburg nach nur zwei Monaten Betrieb ebenfalls aufgegeben worden.

Link zu: Bedeutung Berlins für Scientology
Die Bedeutung Berlins für Scientology
Bild: SenInnSport

Insgesamt ergibt sich der Eindruck, dass die Expansionsbemühungen der Scientology Organisation in Berlin wie auch bundesweit derzeit wenig Wirkung entfalten. Die Gründe hierfür liegen neben der Beobachtung durch die Verfassungsschutzbehörden insbesondere in der verstärkten Aufklärung durch staatliche, politische, kirchliche und andere gesellschaftliche Institutionen. Dies führte nicht nur in Berlin dazu, dass die Scientology Organisation von der Bevölkerung weitestgehend abgelehnt und ignoriert wird. Auch die regelmäßigen Protestkundgebungen und die Zunahme von Beiträgen in Schrift- und Filmmedien sowie im Internet tragen zu dieser Entwicklung bei.

Zwar ist auch die Zahl der Mitglieder rückläufig, dennoch darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Scientology gerade in Berlin wieder verstärkt um Einfluss und Anhängerschaft bemühen wird. Im neuen Flyer der Berliner Org heißt es: „Das Endprodukt ist nicht nur eine ideale Org, sondern eine neue Zivilisation, die bereits am Entstehen ist.“² Eine Mitarbeiterin der Berliner Org formulierte es klarer: „Wir sind wie Rottweiler, wir lassen nicht mehr los.“³

¹ Einführung in die Ethik der Scientology, 2007, S. 329
² Flyer „Ideale Org Berlin“ vom April 2011
³ Stern vom Mai 2008: Undercover bei Scientology

Der vorstehende Text ist ein Auszug aus der Publikation ““Scientology – Eine kritische Bestandsaufnahme” der Reihe Im Fokus
(erschienen im Dezember 2011)