Allgemeines
Ziel der Angebote in diesem Angebotsbereich ist es, Menschen mit Behinderung eine möglichst selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Durch Beratung, Information sowie sozialintegrative und kulturelle Angebote werden soziale Isolation abgebaut, Begegnungen gefördert und Angehörige sowie betreuende Personen entlastet.
Die gesamtstädtischen Projekte des Integrierten Sozialprogramms ergänzen dabei die bestehenden Regelangebote des Landes Berlin um niedrigschwellige und zielgruppenspezifische Unterstützungsstrukturen.
Grundlegende Veränderungen im Berichtszeitraum
Im Jahr 2023 konnte die Arbeit der im Angebotsbereich geförderten Projekte in der Behindertenhilfe wieder uneingeschränkt aufgenommen werden, nachdem sie zuvor von pandemiebedingten Beschränkungen betroffen war. Diese uneingeschränkte Fortsetzung der Arbeit wurde auch 2024 beibehalten. Gleichzeitig wurden neue Arbeitsweisen beibehalten, die sich während der Eindämmungsmaßnahmen bewährt hatten.
Für das Haushaltsjahr 2024/25 wurden verschiedene zusätzliche Beratungs- und Freizeitangebote für Menschen mit Behinderung im Angebotsbereich 3 beantragt und mit qualifizierten Projektträgern konzeptionell vorbereitet. Aufgrund von Beschränkungen (Pauschale Minderausgaben) konnten bestehende Beratungs- und Freizeitangebote nicht aufgestockt, erhalten und durch zusätzliche themenspezifische Angebote erweitert werden.
Bei den Mitarbeitenden der Projektträger bewirkte die öffentliche Diskussion zum Doppelhaushalt eine zunehmende Verunsicherung betreffs der Weiterfinanzierung der jeweiligen Projekte und damit der Zukunftsfähigkeit von zuwendungsfinanzierten Projekten. In diesem Zusammenhang konnte beobachtet werden, dass Projektträger zunehmend von Fluktuation und Schwierigkeiten in der Nachbesetzung offener Stellen betroffen waren.
Ende 2023 lebten in Berlin 333.320 schwerbehinderte Menschen, das waren 1,9 Prozent weniger als Ende 2021. Als schwerbehindert gelten Personen, denen ein Grad der Behinderung von 50 und mehr zuerkannt wurde. Betroffen sind dabei überwiegend ältere Menschen. So waren 59 Prozent der Schwerbehinderten 65 Jahre und älter. Dies spiegelt sich in den Nutzendenzahlen der Beratungsprojekte wider. So ist die Altersgruppe „Menschen mit Behinderung über 60 Jahren“ mit 47,7 Prozent in den Beratungsprojekten weiterhin am stärksten vertreten.
Hauptnutzende der Beratungsprojekte für Menschen mit Behinderung bleiben weiterhin deutsche Staatsangehörige. Die im Berichtszeitraum erhobenen Daten zeigen jedoch einen konstanten Zuwachs an Nutzenden mit europäischer oder sonstiger nicht-deutscher Staatsangehörigkeit in den Beratungsprojekten. Gleichzeitig ist der Beratungsbedarf angesichts der hohen Zahl Schutzsuchender und des weiterhin erschwerten Zugangs dieser Gruppen zum Regelsystem der Behindertenhilfe absehbar steigend.
Angesichts des erschwerten Zugangs geflüchteter Menschen und von Menschen mit Migrationsgeschichte zum Regelsystem der Behindertenhilfe sind spezialisierte niedrigschwellige Beratungen, idealerweise in der jeweiligen Muttersprache, weiterhin erforderlich, um entsprechende Zugänge zu schaffen. Freizeitprojekte müssen ihren Fokus auf die weitere inklusive Öffnung legen, um Barrieren und Vorurteile abzubauen und gemeinsame Angebote für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu schaffen, um die Integration der Personen zu fördern.
Beim Anteil der erwerbstätigen Menschen mit Behinderung in den Jahren 2020 bis 2023 zeichnet sich ein rückläufiger Trend ab, nachdem der Wert von 2020 zu 2021 zunächst relativ stabil blieb. Unter Erwerbstätigkeit wird jegliche sozialversicherungspflichtige Tätigkeit erfasst. Hierunter fallen auch Beschäftigungen in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, da auch hier Sozialversicherungspflicht besteht (aus öffentlichen Mitteln und Transferleistungen refinanzierte Sozialversicherungsleistungen).
Angesichts des rückläufigen Trends in der Erwerbstätigkeit sollten die Beratungsprojekte die Themen Arbeit, Ausbildung, Umschulung und Arbeitsmarktorientierung (die bereits zu den meistgenannten Beratungsinhalten gehören) weiter priorisieren. Die Beratung muss darauf abzielen, die Klientel umfassend über Möglichkeiten im allgemeinen Arbeitsmarkt und in Werkstätten für behinderte Menschen zu informieren und bei der Integration in Arbeitsprozesse zu unterstützen, da dies eine wichtige Säule der gesellschaftlichen Teilhabe darstellt.
Fortschreitende Entwicklungen
In den drei Projekten der Wohnplatzvermittlung und Beratung für Menschen mit Behinderung („Lotse Berlin“) wurden im Jahr 2024 insgesamt 866 Personen betreut, was einen Rückgang gegenüber 2023 (994 Personen) darstellt. Die Weitervermittlungen zu Wohnformen wie Wohnstätten/Heimen und Wohngemeinschaften beliefen sich auf 1.077 personen- und nicht-personenbezogene Weitervermittlungen.
Für 174 Personen wurde 2024 eine veränderte Wohnform erfasst (2023: 140 Personen; 2022: 137 Personen), was eine Steigerung der erfolgreichen Vermittlungen bedeutet.
Die Fachstelle Migration und Behinderung spielte eine zentrale Rolle bei der Vernetzung der Fachöffentlichkeit. Die Anzahl der Informationen stieg von 681 (2023) auf 910 (2024), insbesondere per E-Mail (von 471 auf 627). Die Gesamtzahl der Beratungen sank jedoch deutlich von 67 (2023) auf 32 im Jahr 2024. Die Fachstelle wirkte 2024 aktiv an der Erstellung und Verbreitung von Handlungsempfehlungen zur Verbesserung des Identifizierungsverfahrens und der Unterbringung für geflüchtete Menschen mit Behinderungen mit. Weiterhin unterstützte die Fachstelle den Brandbrief „Gegen rechte Ideologien und für gleiche Menschenwürde“ vom 20.03.2024, der Schutz vor Diskriminierung für behinderte Menschen in der Migrationspolitik forderte.
Die Website www.mobidat.net war wegen eines Hackerangriffs von Anfang Mai bis Anfang Oktober 2023 nicht erreichbar. Im Jahr 2024 verzeichnete die Website 22.872 Seitenbesuche. Die Zahl der Beratungskontakte zu Wohnungssuchenden per Telefon und E-Mail stieg von 131 (2023) auf 141 (2024), was einer Steigerung um 7,6 Prozent entspricht. Das zentrale Thema der persönlichen Nachfragen bei Mobidat ist weiterhin das barrierefreie Wohnen, wobei die Wohnungssuche von Jahr zu Jahr schwieriger wird.
Die Beratungsstellen für Menschen mit Behinderung verzeichneten 2024 ein weiterhin sehr hohes Beratungsaufkommen. Die Zahl der Informationen stieg von 3.801 (2023) auf 5.764 (2024). Die Zahl der Beratungen (15.273) lag leicht unter dem Vorjahr (15.868). Bei den Veranstaltungsangeboten der Beratungsstellen lag der Schwerpunkt 2024 mit 61,8 Prozent primär im sozialinklusiven Bereich (2023: 47,3 Prozent).
Die Freizeitprojekte hielten 2024 237 unterschiedliche Angebote an 5.766 Terminen vor. Im Durchschnitt nutzten 13 bis 14 Besucherinnen und Besucher jeden Termin. Im Jahr 2024 lag der Veranstaltungsschwerpunkt überwiegend im sozialinklusiven Bereich mit 67,7 Prozent (2023: 64,3 Prozent). 66,5 Prozent der Angebote fanden in eigenen Räumen (Präsenz) statt. Die häufigste Veranstaltungsform waren einmalige Angebote mit 41,9 Prozent aller Angebote in 2024 (2023: 31,5 Prozent).
Meilensteine und Beispiele guter Praxis
- Die Fachstelle Migration und Behinderung wirkte wie oben angesprochen aktiv an der Erstellung und Verbreitung von Handlungsempfehlungen für die Fachöffentlichkeit zur Verbesserung des Identifizierungsverfahrens und der Unterbringung für geflüchtete Menschen mit Behinderungen in Berlin mit und veröffentlichte eine Übersicht von offenen Gremien und Netzwerken, die Fachkräften aus den Bereichen Migration und Inklusion zur Orientierung dient.
- Das Projekt MINA erzielte Erfolge mit Initiativen zur Gründung und Leitung muttersprachlicher Selbsthilfegruppen (z. B. für türkisch- und arabischsprachige Mütter), wodurch diese Mütter zunehmend Selbstbewusstsein zeigen und sich selbstständig organisieren und Zeit für sich nehmen.
- Die Mutstelle Berlin gründete 2024 eine Arbeitsgruppe zu Gewaltvorkommnissen in Fahrdiensten und wirkte an der Konzeption für eine inklusiv arbeitende Fachstelle im Anti-Gewalt-Bereich mit.
- Das Berliner Zentrum für selbstbestimmtes Leben konnte erfolgreich einen Krisenbewältigungskompass veröffentlichen und vielen Menschen zugänglich machen.
- Bei den Projekten für Gehörlose und Hörbehinderte erfolgte die Kommunikation überdurchschnittlich häufig schriftlich (E-Mail/Chat) oder per Video. Die Sozialberatung für gehörlose Menschen führte 1.018 Beratungen per Videotelefonie durch.
- Die Freizeitanbieter hielten 2024 237 unterschiedliche Freizeitangebote an 5.766 Terminen vor im Vergleich zu 189 Angeboten an 5.613 Terminen im Jahr 2023.
- Der Veranstaltungsschwerpunkt lag 2024 überwiegend im sozialinklusiven Bereich mit 67,7 Prozent (2023: 64,3 Prozent). Dies stellt eine Fortsetzung der inklusiven Öffnung dar.
- Am 31. Mai 2024 veranstaltete das Integral Begegnungszentrum das Fest der Begegnung. Das von allen Freizeitprojekten gemeinsam organisierte und durchgeführte Fest symbolisiert das solidarische Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung in Berlin und wurde von zahlreichen Menschen besucht.
Herausforderungen
Aufgrund von Beschränkungen wie den Pauschalen Minderausgaben konnten bestehende Beratungs- und Freizeitangebote im Haushaltsjahr 2024/2025 nicht aufgestockt und konzeptionell vorbereitete, themenspezifische Angebote nicht erweitert werden. Die öffentliche Diskussion um den Doppelhaushalt bewirkte eine zunehmende Verunsicherung bei den Mitarbeitenden der Projektträger hinsichtlich der Weiterfinanzierung und der Zukunftsfähigkeit der Projekte. In diesem Zusammenhang war zu beobachten, dass Träger vermehrt von Fluktuation und Schwierigkeiten bei der Nachbesetzung offener Stellen betroffen waren.
Der Fachkräftemangel hatte weiterhin Auswirkungen auf die zeitnahe Nachbesetzung offener Stellen. Dieses Problem wurde als ein wesentlicher Grund für die Einstellung des Freizeitprojektes „Freizeitcafé Helle 13“ zum 31.08.2024 genannt, ergänzt durch eine unzureichende Finanzierung und einen hohen bürokratischen Aufwand bei der Beantragung von Zuwendungen.
Projekte sahen sich zudem mit erhöhten Mietkosten konfrontiert. Allein für das Jahr 2023 konnten Mehrbedarfe für Mietsteigerungen von circa 24.000 Euro im Angebotsbereich 3 verzeichnet werden. Zudem wird perspektivisch mit weiteren zusätzlichen Kosten durch die Entwicklung der Miet- und Energiekosten gerechnet.
Die Sachberichte belegen übereinstimmend einen weiterhin sehr hohen beziehungsweise wachsenden Unterstützungsbedarf bei den Zielgruppen. Dies führte zu Kapazitätsengpässen. Die Wohnungssuche für Menschen mit Behinderung gestaltet sich dabei von Jahr zu Jahr schwieriger. Das zentrale Thema der persönlichen Nachfragen beim Projekt Mobidat war weiterhin die Suche nach bezahlbarem und behindertengerechtem Wohnraum.
Obwohl der Doppelhaushalt 2024/2025 am 14. Dezember 2023 verabschiedet wurde, bremste eine pauschale Minderausgabe von 23 Millionen Euro (Kapitel 1150) die Auszahlung der Projektmittel aus. Die notwendige Auflösung der Sperre verzögerte sich, weshalb die Projekte bis weit ins Jahr 2024 hinein nur kurzfristige, vorläufige Finanzierungszusagen erhielten. Dies führte bei Projektträgern und Mitarbeitenden zu massiver Verunsicherung bezüglich der Fortsetzung ihrer Arbeit.
Zielerreichung und Ausblick
Die Projekte im Angebotsbereich leisteten im Berichtszeitraum einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung der Inklusion und zur Durchsetzung der Rechte von Menschen mit Behinderungen und ihrer Angehörigen. Die Ziele des niedrigschwelligen Zugangs zu sozialen und gesundheitlichen Angeboten konnte durch die Einbeziehung digitaler Angebote auch in 2023 und 2024 sichergestellt werden.
Für die kommenden Jahre wird daher die Sicherung und Weiterentwicklung des Angebotsbereichs im Rahmen der verfügbaren Ressourcen eine zentrale Aufgabe bleiben, um die steigenden Bedarfe, insbesondere bei vulnerablen Gruppen mit Migrationshintergrund, dauerhaft decken und die gleichberechtigte Teilhabe im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention nachhaltig umsetzen zu können.
Thematisch werden folgende strukturelle Verbesserungen geplant:
- Angesichts der stark gestiegenen Zahlen schutzsuchender Menschen und des weiterhin erschwerten Zugangs dieser Gruppen zum Regelsystem der Behindertenhilfe ist eine Verstärkung niedrigschwellige Beratungen idealerweise in der jeweiligen Muttersprache, geplant.
- Durch interne Fusionen von Projekten (z. B. Cooperative Mensch e. V. und Cocas e. V.) können administrative Abläufe gestrafft und die Effizienz der Angebotsstruktur verbessert werden.
- Ausbau des sozialinklusiven Freizeitangebots: Die Freizeitanbieter (AB 3.3) werden den Schwerpunkt im sozialinklusiven Bereich weiter ausbauen, der bereits 2024 bei 67,7 Prozent lag. Dies trägt unmittelbar zur Förderung und Weiterentwicklung der Projekte für Menschen mit und ohne Behinderungen bei, wie es im Berliner Maßnahmenplan vorgesehen ist.