VOM GLAUBEN ZUR GEWISSHEIT – Ein kritischer Blick auf verschwörungsideologische Elemente im christlichen Fundamentalismus

Fachtag

Das »Berliner Netzwerk gegen Verschwörungserzählungen« lädt zu seinem 5. Fachtag ein, der dieses Jahr den Phänomenbereich christlich-fundamentalistischer Strömungen und deren Verflechtungen mit rechtsextremen, verschwörungsideologischen sowie weiteren antidemokratischen Milieus in den Fokus nimmt. Auf dem Podium werden zu Anfang Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis inhaltlich in das Thema einführen. Am weiteren Vormittag stehen Analysen der Zusammenhänge zwischen Verschwörungsdenken, Demokratiefeindlichkeit und religiösem Fundamentalismus im Zentrum. Darauf aufbauend werden am Nachmittag praxisorientierte Ansätze zur Sensibilisierung und Aufklärung sowie konkrete Präventions- und Interventionsstrategien für die (berufliche) Praxis thematisiert. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Umgang mit Desinformation, der Bedeutung sozialer Medien sowie der Reaktivierung traditioneller Wertevorstellungen, die zur Verbreitung reaktionärer Narrative und zur Entsolidarisierung gegenüber marginalisierten Gruppen beitragen können.
Der Fachtag richtet sich an Fachkräfte aus Bildung, Beratung und Zivilgesellschaft sowie an alle Interessierten und bietet Raum für fachlichen Austausch, die Reflexion eigener Handlungsmöglichkeiten und die Stärkung professionellerHandlungssicherheit im Umgang mit entsprechenden Phänomenen im Arbeitsalltag.

  • Über das Netzwerk

    Das »Berliner Netzwerk gegen Verschwörungserzählungen« ist ein zivilgesellschaftlicher Zusammenschluss von Projekten, welche Perspektiven aus dem Bereich der politischen Bildung und Beratung im Kontext von Verschwörungserzählungen vereinen. Im Jahr 2022 richtete das Berliner Netzwerk zum ersten Mal einen Fachtag für die breite Öffentlichkeit aus. Seitdem ist es uns ein Anliegen, unser Wissen und unsere Erfahrungen an ein interessiertes (Fach-)Publikum weiterzuvermitteln, um auch präventiv gegen die Folgen von Verschwörungsglauben wirksam zu sein. Wir unterstützen Angehörige, Fachkräfte und gesprächsbereite Menschen vermitteln Wissen und Handlungsoptionen sensibilisieren, klären auf und stärken die demokratische Bildung entwickeln Präventions- und Interventionsstrategien für Betroffene weiter fördern den fachlichen Austausch und die Vernetzung von Expert:innen und interessierter Öffentlichkeit.

Programm

  • 9.00 Uhr:

    Anmeldung

  • 9.30 Uhr:

    Begrüßung durch das Netzwerk und die Berliner Landeszentrale für politische Bildung

  • 9.45 Uhr:

    Keynotes mit anschließender Podiumsdiskussion
    • Cynthia Freund-Möller (Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft/ IDZ)
    • Bianca Liebrand (Sekteninfo NRW)
    • Martin Fritz (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen/ EZW)
  • 11.00 Uhr:

    parallele Workshops (Detailinfos)

  • 13.00 Uhr:

    Mittagspause

  • 14.00 Uhr:

    parallele Workshops (Detailinfos)

  • 16.45 Uhr:

    Abschluss

  • 17.30 Uhr:

    Ende der Veranstaltung

Informationen zu den Workshops im Zeitraum 11.00–13.00 Uhr

  1. Geteilte Angst als Werkzeug: Verflechtungen und Dynamiken von christlichem Fundamentalismus und der „Rituelle Gewalt – Mind Control-Therapie“ (Bianca Liebrand, Sekteninfo NRW) Wie entstehen gesellschaftliche Angstnarrative – und welche Rolle spielen religiöse Überzeugungen dabei? Der Workshop beleuchtet die „Satanic Panic“ als Beispiel für moralische Paniken und zeigt, wie Angst als soziales und ideologisches Werkzeug eingesetzt wird. Anhand konkreter Fallbeispiele aus der Beratung werden die Dynamiken praxisnah veranschaulicht und gemeinsam besprochen.
  2. Apokalypse und Dystopie: Mobilisierungsfaktoren im verschwörungsideologischen Aktivismus (Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) Berlin) Religiöser Fundamentalismus und Verschwörungsglaube zeigen als Welterklärungsmodelle strukturelle Ähnlichkeiten auf. Beide beanspruchen für sich im Besitz des „wahren“ Wissens zu sein und bedienen sich immer wieder apokalyptischer und dystopischer Erzählungen. Neben einer klaren Feindbildkonstruktion zeigt sich außerdem ein gemeinsam geteiltes und tief sitzendes Misstrauen gegenüber staatlichen und wissenschaftlichen Institutionen sowie den etablierten Medien. In unserem Workshop schauen wir uns diese Gemeinsamkeiten anhand lokaler verschwörungsideologischer Aktivist*innen genauer an und werden herausarbeiten wie diese oftmals auf Angst basierende Politik zur anhaltenden Mobilisierung genutzt werden kann.
  3. „Niedrigschwellig – aber nicht neutral? Kinder- und Jugendarbeit zwischen Unterstützung, Mission und ideologischer Rahmung.“ (Sekteninfo Berlin) Der Workshop nimmt niedrigschwellige, häufig kostenfreie Angebote der Kinder- und Jugendarbeit in den Blick, die von Trägern mit evangelikal geprägten Zielsetzungen durchgeführt werden. Diese reichen von Freizeitangeboten wie Fußballtraining über Hausaufgabenhilfe bis hin zu Ferienprogrammen und Betreuungsangeboten. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass solche Angebote für Familien eine wichtige Entlastungsfunktion erfüllen können und teilweise Versorgungslücken adressieren. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie transparent Zielsetzungen, pädagogische Konzepte sowie Qualifikationen der Mitarbeitenden sind – und inwiefern weltanschauliche Inhalte implizit oder explizit vermittelt werden. Der Workshop zielt darauf ab, ambivalente Konstellationen sichtbar zu machen, fachliche Einordnungen zu ermöglichen und Kriterien für eine differenzierte Bewertung zu entwickeln.
  4. Vom Wandel zur Verfestigung: Betrachtung von Radikalisierungsprozessen (Beratungsstelle ADA/ demos – Brandenburgisches Institut für Gemeinwesenberatung) Radikalisierung verläuft selten abrupt, sondern entwickelt sich meist prozesshaft. Der Workshop nimmt diese Verläufe in den Blick und vermittelt grundlegende Modelle und Erklärungsansätze von Radikalisierung. Anhand von Fallbeispielen sollen typische Faktoren und Dynamiken identifiziert bzw. verdeutlicht werden und unterschiedliche gesellschaftliche Kontexte Beachtung finden. Ziel ist es, Radikalisierungsprozesse besser zu verstehen, sensibel wahrzunehmen und im eigenen Arbeitskontext einordnen zu können.

Informationen zu den Workshops im Zeitraum 14.00 bis 16.30 Uhr

  1. Verständnisvoll und grenzwahrend im Dialog bleiben bei weltanschaulichen Konflikten im sozialen Nahfeld (Steffi Bahro & Dr. Florian Jäger, veritas/ IZRD e.V.) Weltanschauliche Differenzen im Familien- und Freundeskreis können Beziehungen stark belasten – besonders dann, wenn religiöse Überzeugungen mit verschwörungstheoretischen Deutungen verbunden sind. Häufig entsteht auf beiden Seiten ein wachsender Leidensdruck: Gespräche werden schwieriger, man ist verunsichert durch die deutlichen Unterschiede, sich als Individuum in der pluralistischen Gesellschaft zu beheimaten, und geht auf Distanz. Der Workshop bietet Raum, diese Dynamiken besser zu verstehen, ohne die Hinwendung zu Glauben oder antimodernen Vorstellungen vorschnell als problematisch zu bewerten. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie es gelingen kann, trotz unterschiedlicher Weltanschauungen im Gespräch zu bleiben – verständnisvoll, aber auch klar in der eigenen Haltung. Die Teilnehmenden erhalten Impulse und entwickeln Ansätze für einen dialogorientierten und grenzwahrenden Umgang mit weltanschaulichen Konflikten im sozialen Nahfeld.
  2. Zwischen Bibelversen und Verschwörungsmythen: Christfluencer, Antifeminismus und Antisemitismus im Netz (Antianti/ mediale Pfade e.V.) Auf Instagram predigen sie Nächstenliebe, auf TikTok verbreiten sie antifeministisches Gedankengut – und in den Kommentaren florieren Verschwörungserzählungen mit christlicher Verpackung. Sogenannte Christfluencer sind längst zu relevanten Akteur*innen in digitalen Informationsräumen geworden. Ihre Inhalte verbinden religiösen Konservatismus mit rechten Ideologien, klassischen antisemitischen Motiven und einem Weltbild, in dem emanzipatorische Bewegungen als Bedrohung inszeniert werden. In diesem Workshop analysieren wir gemeinsam, wie christlichfundamentalistische Narrative in sozialen Medien funktionieren, welche Verbindungen zu Verschwörungsdenken und Antisemitismus bestehen – und warum diese Inhalte gerade bei jungen Menschen anschlussfähig sind. Wir schauen uns konkrete Beispiele aus Social Media an, ordnen sie ideologiegeschichtlich ein und entwickeln gemeinsam ein besseres Verständnis für die Mechanismen, die hinter diesen Inhalten stecken. Dabei fragen wir auch: Wie können wir als Pädagog*innen und Multiplikator*innen mit diesen Themen in unserer Arbeit umgehen?
  3. Radikalisierung im Alter: Verschwörungserzählungen mit Bezug zu Islamismus in der zweiten Lebenshälfte (Violence Prevention Network gGmbH) Radikalisierung wird meist mit jungen Menschen verbunden, dabei geraten ältere Personen oft aus dem Blick. Der Workshop nimmt die zweite Lebenshälfte in den Fokus und fragt am Beispiel von islamistischer Radikalisierung und Verschwörungsglauben, welche Rolle Social Media, biografische Umbrüche und Sinnsuche im Alter spielen können. Im zweiten Teil wird das Projekt „Netzhelden 60+“ vorgestellt, das sich mit Präventionsansätzen für ältere Menschen im digitalen Raum beschäftigt.
  4. Apokalypse Now? – Argumentations- und Handlungsstrategien im Umgang mit (christlich-fundamentalistisch inspirierten) Verschwörungserzählungen (S. Marzock, J. Zink – entschwört./ pad gGmbH) In diesem Workshop werden zunächst die Schnittstellen zwischen christlichem Fundamentalismus und modernen Verschwörungserzählungen beleuchtet. Analysiert wird, wie religiöse Endzeit-Szenarien und Dualismen zwischen Gut und Böse als ideologische Ankerpunkte für moderne Verschwörungserzählungen über geheime Eliten und staatliche Manipulation dienen und sich gegenseitig verstärken – und welche ähnlichen Dynamiken dahinter stecken. Darüber hinaus wird außerdem die Anschlussfähigkeit (christlich-fundamentalistisch inspirierter) Verschwörungserzählungen an extrem rechte Milieus dargestellt. Im Fokus stehen im Anschluss vor allem praxisnahe Übungen: Die Teilnehmenden reflektieren und erweitern ihre Strategien im Umgang mit entsprechenden Verschwörungserzählungen anhand von Fallbeispielen aus der Beratungspraxis von entschwört. Sie erarbeiten, wie eine klare demokratische Positionierung mit dem Erhalt professioneller (Hilfe-)Beziehungen verbunden werden kann. Der Workshop bietet Raum für Austausch und stärkt die Handlungssicherheit im Umgang mit demokratiefeindlichen Ideologien.

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