Open-Air-Ausstellung „Die Hälfte Berlins - Ein Blick auf 150 Jahre Frauenbewegung“

Die Hälfte Berlins - Ein Blick auf 150 Jahre Frauenbewegung
Bild: Heilmeyer und Sernau Gestaltung

100 Jahre wird es noch dauern, bis Frauen und Männer gleichberechtigt sind, wenn die Entwicklung im jetzigen Tempo weitergeht. So ermittelte es der Global Gender Gap Report 2020 des Weltwirtschaftsforums. Im internationalen Gleichberechtigungs-Index befindet sich Deutschland auf Platz 10, hinter Nicaragua und Ruanda.
Es sind also viele weitere Anstrengungen notwendig, um gegen ungerechte Strukturen auf allen Ebenen anzukämpfen: bei der Verteilung des Geldes und der Macht, in der heimischen Küche, den Personalbüros und den Parlamenten, bei den Bildern im Kopf und im Fernsehen.
Und mehr noch: erklärte Gegnerinnen und Gegner des Feminismus werden lauter. Gleichstellungsarbeit wird heute zunehmend aggressiv angefeindet. Geschlechtsspezifische Rollenbilder sind umkämpft. Es gilt also nicht nur, weiterhin für die angemessene Würdigung der Leistungen von Frauen und die Verwirklichung ihrer Rechte einzutreten, sondern auch bisher erreichte Ziele und vermeintliche Selbstverständlichkeiten gegen politische Angriffe zu verteidigen.
In dieser Situation ist es ein starkes Zeichen, dass der Internationale Frauentag am 8. März in Berlin seit 2019 offizieller Feiertag ist. Die Berliner Landeszentrale für politische Bildung richtet auch aus diesem Anlass mit ihrer neuen Open-Air-Ausstellung einen „weiblichen Blick“ auf Berlins Geschichte und Gegenwart. Frauen stellen in Berlin die Mehrheit der Bevölkerung. Seit rund 150 Jahren kämpfen sie politisch um ihre Rechte: sie fordern „die Hälfte“ an Ressourcen und Repräsentanz. Sie haben eigene Vorstellungen von einem guten Leben in dieser Stadt, setzen sich für ihre Belange ein und gestalten das Stadtleben auf vielen Ebenen aktiv mit – auch wenn das nicht immer angemessen wahrgenommen wird.
Die Ausstellung besteht aus 16 großformatigen Tafeln, die auf dem Außengelände neben dem Amerika Haus installiert sind. Sie gliedert sich inhaltlich in drei Bereiche: Geschichte der Frauenbewegung, Grundlagenwissen, Porträts von Fraueninitiativen.

Geschichte der Frauenbewegung

Im 19. Jahrhundert scheint die Rollenverteilung klar zu sein: „Die Welt der Frau ist das Haus, das Haus des Mannes ist die Welt.“ Frauen sind in Preußen bis 1900 nicht geschäftsfähig und stehen unter der Vormundschaft ihrer Väter oder Ehemänner. Sie dürfen nur als schlecht bezahlte Dienstmädchen oder Heimarbeitskräfte arbeiten. Ab den 1860er Jahren organisieren sich Frauen in Vereinen. Zu den Pionierinnen gehören Hedwig Dohm, Anna Schepeler-Lette, Alice Salomon und Emma Ihrer. Sie stellen Forderungen, vernetzen sich und schaffen Bildungsmöglichkeiten. Politisch differenziert sich die Frauenbewegung aus in mehr oder weniger radikale bürgerliche, aber auch proletarisch-sozialistische Strömungen. 1918 erhalten Frauen mit dem Wahlrecht endlich die Anerkennung als Staatsbürgerinnen.
Die so genannte zweite Frauenbewegung gewinnt in den 1970er Jahren an Dynamik. In Ost– und Westberlin gibt es nichtstaatliche Frauengruppen, die sich zunehmend selbstbewusst für Bürgerrechte, Frieden und Umwelt, aber auch für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Selbstbestimmung über den eigenen Körper einsetzen. „Das Private ist politisch!“ lautet eine bekannte Formel, die deutlich macht, dass die politischen Ziele sich in den Strukturen des Alltagslebens widerspiegeln.

Grundlagenwissen

Mehrere Ausstellungstafeln befassen sich mit Daten, Fakten und Grundbegriffen rund um das Thema Feminismus. Zum Grundgesetzartikel „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ werden Quizfragen gestellt, etwa: „Wie viele der 121 Berliner Ehrenbürger*innen sind Frauen?“ Die Tafel „Was ist Feminismus?“ erklärt die wichtigsten aktuellen Strömungen wie Differenz- und Gleichheitsfeminismus oder die Queer-Theorie. Eine Tafel widmet sich ausführlich der Lage der Berlinerinnen anhand statistischer Daten zu Bildung, Erwerbsleben, Gesundheit und politischer Teilhabe aus dem Gender Daten Report. Die Tafel „Doing Gender“ macht spielerisch deutlich, dass jede und jeder von uns bestimmte Vorstellungen über „die Frau“ und „den Mann“ verinnerlicht hat, die es sich zu hinterfragen lohnt.

Porträts von Fraueninitiativen

Acht Initiativen, die sich in Berlin in ganz verschiedenen Bereichen für Gleichberechtigung einsetzen, werden mit Hilfe von Interviews vorgestellt. Das Frauenforschungs-, -bildungs- und -informationszentrum FFBIZ sorgt für die Dokumentation der Frauenbewegungen. Der Verein Medical Students for Choice setzt sich für eine bessere Lehre zum Schwangerschaftsabbruch im Medizinstudium ein. Dissens erforscht die Wirkung von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern und entwickelt Bildungsangebote. Seitenwechsel ist ein Sportverein für FrauenLesben, Trans*, Inter* und Mädchen. Für mehr weibliche Präsenz im Internet sorgt das Magazin Aviva. Die Frauen von Pro Quote Film engagieren sich für mehr Frauen in allen Bereichen der Filmwirtschaft. Das Forum Berliner Migrantinnenprojekte unterstützt zugewanderte Frauen dabei, Wege in die gesellschaftliche Teilhabe zu finden. Und Business and Professional Women Germany kämpft mit der Kampagne „Equal Pay day“ für eine gerechte Entlohnung.

Bis März 2022 ist die Ausstellung „Die Hälfte Berlins – Ein Blick auf 150 Jahre Frauenbewegung“ rund um die Uhr auf dem gepflasterten Außengelände neben dem Amerika Haus in der Hardenbergstaße 22-24 zu sehen – der Eintritt ist frei.

Ausgewählte Inhalte der Open-Air-Ausstellung sind auch hier zum Download verfügbar.

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