Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, was Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft tun können, um die Wahlbeteiligung junger Menschen zu steigern. Die Analyse identifiziert vier Hürden für junge Menschen, die deren Gang ins Wahllokal erschweren und macht Vorschläge, wie man dies ändern kann. Denn die Teilhabe junger Menschen an Politik ist zentral für die langfristige Legitimität demokratischer Entscheidungen.
Deutschlandweit stehen in diesem Jahr fünf Landtagswahlen und weitere Kommunalwahlen an. Bei der Bundestagswahl 2025 lag die Wahlbeteiligung junger Menschen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren noch unter dem Durchschnitt. Sie hat sich diesem seit 2009 schrittweise angenähert. Allerdings ist diese Alterskohorte weiterhin diejenige mit der geringsten Beteiligung. Zugleich sind junge Menschen die Gruppe, deren Zukunft von Wahlentscheidungen am nachhaltigsten beeinflusst wird. Die neue Studie der Bertelsmann Stiftung mit dem Titel »Hürdenlauf zur Wahlurne – Warum die Stimmabgabe für junge Menschen kein Selbstläufer ist« gibt Antworten auf die Frage, was junge Menschen von der Wahl abhält.
Der Weg zur Wahlteilnahme für junge Menschen gleicht oft einem Hürdenlauf, bei dem jede:r unterschiedliche Startbedingungen hat. Die Studie identifiziert vier zentrale Hürden, die verhindern, dass junge Menschen wählen gehen: Zugang (»Kann ich wählen?«), Kompetenz (»Verstehe ich Wählen?«), Motivation (»Will ich wählen?«) und Resonanz (»Wirkt mein Wählen?«).
Wahlabstinenz unter jungen Menschen ist nicht mit politischer Gleichgültigkeit gleichzusetzen. Die Analyse zeigt, dass das politische Interesse junger Menschen, die unregelmäßig wählen (»Situativ-Wählende«), nur etwas geringer ist als bei jungen Menschen, die regelmäßig wählen (»Immer-Wählende«). Zudem weisen junge Wählende ein ausgeprägteres Vertrauen in den Bundestag und in die Gestaltungsfähigkeit von Regierungen auf. Trotz vergleichsweise hohen Interesses, Vertrauens und Optimismus in Bezug auf die Gestaltungsfähigkeit von Regierungen wählen junge Menschen seltener – ein demokratisches Potenzial, das bislang nicht voll ausgeschöpft ist. »Denn für viele junge Menschen ist die zentrale Frage vor der Wahl nicht, welcher Partei sie ihre Stimme geben wollen, sondern: Wie funktioniert Wählen überhaupt? Geht mich das etwas an? Macht meine Stimme einen Unterschied? Zu oft werden junge Menschen mit diesen Fragen allein gelassen – und bleiben deshalb auf halber Strecke stehen«, sagt der Demokratie-Experte, Jonathan M. Hoffmann.
Wie die Wahlbeteiligung junger Menschen weiter gesteigert werden kann
Die Studie enthält vier Maßnahmenpakete mit Zuständigkeiten, die dazu beitragen können, die Hürden zur Wahlteilnahme abzubauen:
- Niedrigschwelliger Zugang: Durch Wahl-Erinnerungs-SMS seitens der Wahlämter. Dies führt beispielsweise in Schweden nachweislich zu einer höheren Wahlbeteiligung – vor allem bei jungen Menschen.
- Steigerung der Kompetenzen zum Thema Wahlen: Durch gestärkte politische Bildung in den Schulen, indem die Zahl der Schulstunden mit Politikunterricht zwischen Schulformen und Bundesländern angeglichen wird. Denn gerade junge Menschen, die nicht oder noch nicht regelmäßig wählen, weisen ein vergleichsweise geringes Wissen über das Wahlrecht auf.
- Förderung der Wahl-Motivation: Durch flächendeckende und durch Unterricht begleitete Wahlsimulationen, wie die an vielen Schulen bereits durchgeführten »Unter-18-Wahl«, sowie eine substanzielle Absenkung des Wahlalters. Denn frühere Studien der Bertelsmann Stiftung zeigen, dass eine frühere Wahlteilnahme zu einer stabileren Wahlbeteiligung über den Lebenslauf führt.
- Resonanzerhöhen: Durch Dialogformate, jugendgerechte Regierungskommunikation über Social-Media-Kanäle, oder einen »Zukunftsrat junger Menschen«, der den Deutschen Bundestag in der Gesetzgebung berät.
Die Studie greift zudem auf, welche Bedeutung Social Media für junge Menschen als politische Informationsquelle auch mit Blick auf ihre Wahlteilnahme hat. Social Media hat Politik für junge Menschen präsenter gemacht, vor allem für jene, die politikfern sind. Die hohe Sichtbarkeit politischer Inhalte im Alltag kann dabei Zugang zu Informationen erleichtern und motivieren zur Wahl zu gehen. Aber vor allem in der tiefgehenden Diskussion in den Fokusgruppen mit jungen Menschen, die ebenfalls Teil der Studie ist, zeigt sich, dass die Omnipräsenz von politischer Debatte jungen Menschen viel abverlangt und Rückzug auslösen kann.
»Gerade in einer alternden Gesellschaft ist die Teilhabe junger Menschen zentral für die langfristige Legitimität demokratischer Entscheidungen und notwendige Grundlage für eine zukunftsfähige Demokratie«, betont die Bertelsmann-Stiftungsvorständin Daniela Schwarzer. Wenn junge Menschen früh beim Thema Wahlen unterstützt werden, könne dies für sie zur Routine werden. Dafür brauche es den Abbau struktureller Hürden, durch vereinfachte Verfahren, verlässliche und verständliche Information, frühe Erfahrungen und echte Mitgestaltung.