ARD-Dokudrama »Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen«

Heute vor 80 Jahren, am 20. November 1945, startete der erste der sogenannten »Nürnberger Prozesse«: Der Versuch der alliierten Siegermächte, dem Terror und der Willkür der Nationalsozialisten ein rechtsstaatliches und faires Gerichtsverfahren entgegenzusetzen. Auf der Anklagebank des Internationalen Militärgerichtshofes saßen Hermann Göring und 20 weitere ranghohe Nazis. Das ARD-Dokudrama »Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen« erzählt die Ereignisse von Nürnberg aus der Perspektive zweier junger Holocaust-Überlebender: Ernst Michel soll für eine US-amerikanische Nachrichtenagentur über die Nürnberger Prozesse berichten, Seweryna Szmaglewska vor Gericht als Zeugin aussagen.

Die Nürnberger Prozesse markieren einen bedeutenden Meilenstein im Völkerstrafrecht. Zum ersten Mal wurden Politiker und Militärs durch ein internationales Gericht persönlich für ihre Taten zur Verantwortung gezogen. Seither ist eine Verfolgung solcher Kriegsverbrechen strafrechtlich möglich.
Für die Produzenten Michael Souvignier, Till Derenbach und Kay Sieringuns stand von Anfang an im Vordergrund, die Geschichte der Nürnberger Prozesse so zu erzählen, dass sie auch ein junges Publikum erreicht: »Deshalb erleben wir die gesamte Handlung konsequent aus der Perspektive zweier junger Protagonisten, beide in den Zwanzigern. Durch ihre Augen wird der Zuschauer direkt Teil der Ereignisse – ihre Fragen, Zweifel und Emotionen werden zu Fragen, Zweifeln und Emotionen des Publikums«, so das Produzenten-Trio.

Ernst Michel ist mit seinen 22 Jahren nicht nur der jüngste der internationalen Reporter, die den Prozess beobachten – er ist unter ihnen auch der einzige Holocaust-Überlebende. Vollkommen allein und getrieben vom Verlangen, die Mörder seiner Eltern und seiner Freunde auf der Anklagebank zu sehen, sitzt er jeden Tag im Auftrag der alliierten Nachrichtenagentur DANA im Saal 600 des Nürnberger Justizpalastes, nur sechs Monate, nachdem er der Hölle von Auschwitz und Buchenwald entkommen ist. Eines Tages überrumpelt Otto Stahmer, der Anwalt von Herrmann Göring, Ernst Michel mit einem Angebot: Göring möchte den Reporter kennenlernen, der seine Berichte unterzeichnet mit »Ernst Michel, DANA Sonderberichterstatter, Auschwitz-Überlebender 104995«. Ernst Michel ist der einzige unter all den teilweise weltberühmten Reporterinnen und Reportern, dem Göring dieses Angebot unterbreitet.

Seweryna Szmaglewska ist 29 Jahre alt und eine von nur zwei polnischen Zeugen, die vor Gericht aussagen sollen. Nach ihrer Befreiung hat sie unverzüglich begonnen, ihre Erinnerungen an die Zeit im Konzentrationslager aufzuschreiben. Ihr Buch »Dymy nad Birkenau« (»Die Frauen von Birkenau«) ist eine so detaillierte Darstellung der Vorkommnisse im KZ, dass die sowjetische Delegation bei den Nürnberger Prozessen es zum Teil ihrer Anklageschrift macht. Auch für Seweryna Szmaglewska wird ihr Aufenthalt in Nürnberg zur Qual. Tag für Tag treibt sie die Frage um, wie sie der Verantwortung gerecht werden soll, im Namen ihres gesamten Volkes auszusagen.

Ergänzt werden die Spielszenen mit u. a. Jonathan Berlin, Katharina Stark, Francis Fulton Smith und Wotan Wilke Möhring durch Originalaufnahmen der Nürnberger Prozesse sowie durch ein Interview mit Ernst Michel vom 22. April 2005. Seine Tochter Lauren Shachar erzählt exklusiv von ihrem inzwischen verstorbenen Vater. Jacek Wiśniewski gibt Eindrücke in das Leben seiner inzwischen verstorbenen Mutter Seweryna Szmaglewska.

Begleitende Podcasts in der Reihe »Alles Geschichte – Der History-Podcast«

Der Podcast-Dreiteiler »Der Nürnberger Prozess – Die Täter und ihr Psychologe« erzählt von der Reise des amerikanischen Militärpsychologen und Dolmetschers Gustave M. Gilbert in die Abgründe menschlicher Rechtfertigungen. Er soll den NS-Führern in den Kopf schauen, den innersten Kern der »Architekten des Grauens« ergründen. Zehn Monate lang spricht er mit den Angeklagten, in ihren Zellen, beim Essen, in den Verhandlungspausen. Seine Erkenntnisse hat Gilbert 1947 in seinem »Nürnberger Tagebuch« veröffentlicht. Der Wie erklärten die Angeklagten ihre Taten – und wie offenbarten sie die Abgründe eines Systems, das Millionen das Leben kostete?
Die Bonusfolge »Die Nürnberger Prozesse: Dimension und Folgen« geht der Frage nach, wieso Nürnberg als die »Wiege des Völkerstrafrechts« bezeichnet wird. Welchen Einfluss haben die Nürnberger Prozesse auf unser Leben heute?
Der vierteilige Storytelling-Podcast »Seweryna und die unsichtbaren Nazis« bietet ergänzende Perspektiven auf die Geschichte von Seweryna Szmaglewska. Tausend Tage hatte Seweryna im KZ-Außenlager Auschwitz-Birkenau überlebt und jeden Tag gesehen, wie Tausende Männer, Frauen und Kinder gequält und ermordet wurden. Sie will beim Prozess von den schwangeren Frauen und Kindern im KZ Birkenau erzählen. Davon, wie jüdische Babys sofort nach der Geburt getötet, größere Kinder von ihren Müttern getrennt wurden, sie will all denen eine Stimme geben, die nicht mehr für sich selbst sprechen können. Und sie will für die Kinder sprechen, deren Schicksal bis heute ungeklärt ist: »Im Namen aller Frauen, die im Konzentrationslager zu Müttern geworden sind, möchte ich heute die Deutschen fragen: Wo sind diese Kinder?«.

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