Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus: Neue Wege im Deutschunterricht

Wer zu einer älteren Generation gehört, hatte in der Regel Eltern oder Großeltern, welche die Zeit des Nationalsozialismus selbst erlebt hatten und davon erzählen konnten. Für die Schülerinnen und Schüler von heute gilt das nicht mehr – die Ära der Zeitzeug:innen geht zu Ende. Ein neues Buch zeigt, wie vor diesem Hintergrund Nationalsozialismus und Holocaust im Deutschunterricht zeitgemäß vermittelt werden können.

Der Sammelband »Praktiken der Erinnerung. Holocaust und Nationalsozialismus im Deutschunterricht der Zukunft« wurde von Professor Dieter Wrobel, Leiter des Lehrstuhls für die Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Würzburg, gemeinsam mit den Professorinnen Anja Ballis (LMU München) und Anette Sosna (Universität Greifswald) herausgegeben. Das Werk zeigt unter anderem, welche Möglichkeiten Comics, Graphic Novels, Filme und multimediale Lernformate für den Schulunterricht bieten. Die Autorinnen und Autoren hinterfragen diese Formate aus fachdidaktischer, interdisziplinärer und literaturwissenschaftlicher Perspektive und geben praxisorientierte Impulse für die Gestaltung des Unterrichts. Dabei haben sie besonders die nächste Generation von Lehrkräften im Blick – »denn deren Überzeugungen und Zugänge zur Erinnerungskultur sind ja ebenfalls anders als bei früheren Generationen«, so Dieter Wrobel.

Drei Beispiele für den Unterricht

Der Würzburger Deutschdidaktiker zeigt in einem Beitrag des Buches zusammen mit Dr. Michael Veeh von der LMU München exemplarisch auf, wie mit Comics und anderen Bild-Text-Verbünden Geschichte vermittelt werden kann. Hier drei Beispiele:

  • In der Graphic Novel »Der Duft der Kiefern« (2021) berichtet Bianca Schaalburg von einer Spurensuche in der Geschichte ihrer Familie. Im Mittelpunkt steht nicht die Opferperspektive, sondern die Frage nach einer möglichen Rolle ihres längst verstorbenen Großvaters als Täter. Das Werk ist teils als Collage angelegt, in die Fotos von Stolpersteinen und andere Bilder einbezogen sind. Diese Publikation ist aktuell auch in den Besuchszentren der Berliner Landeszentrale für politische Bildung erhältlich.
  • An dem Comic-Projekt »Wie geht es dir?« (2025) hat eine größere Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern mitgewirkt. Es zielt auf eine Auseinandersetzung mit der aktuellen politischen Situation in Nahost nach dem 7. Oktober 2023 ab, stellt aber immer wieder Verbindungen zum Holocaust her.
  • Alexandra Klobouks »Das geheime Erni-Buch« (2025) schließlich ist ein hybrides Medium zwischen Graphic Novel und Bilderbuch. Es erzählt die Erfahrungen des Holocaust-Überlebenden Ernst Otto Krakenberger für ein jüngeres Zielpublikum.

Angeknüpft an die »Paderborner Erklärung«

Das Herausgabeteam knüpft mit seinem Band an die »Paderborner Erklärung« von 2022 an: Darin fordert der Fachverband Deutsch des Deutschen Germanistenverbands eine verbindliche Verankerung von Holocaust-Literatur in den Lehrplänen aller Schularten, gerade auch mit Blick auf das Ende der Zeitzeugenschaft und neue mediale Formen des Erinnerns. Der Verband plädiert ebenfalls dafür, fiktionale Comics, Filme oder digital gespeicherte Zeitzeugen-Interviews in den Unterricht miteinzubeziehen.

Der Sammelband ist im Wissenschaftlichen Verlag Trier erschienen. Auf den Webseiten des Verlags steht er als Open-Access-Publikation zur Verfügung.

Logo: Schriftzug "BLOG" mit stilisiertem Steinbock auf dem plattgedrückten Buchstaben O