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Ethikunterricht beeinflusst Religiosität, Geschlechterrollen und Arbeitsmarkt

14.01.2022

Die Einführung des Ethikunterrichts als Alternative zum Religionsunterricht hat die Religiosität der Schüler:innen im Erwachsenenalter verringert. Gleichzeitig hat sie traditionelle Geschlechterrollen zurückgedrängt und die Arbeitsmarktbeteiligung und Löhne erhöht. Das geht aus einer neuen Studie des ifo Instituts hervor. „Neben allgemeiner Religiosität nahm auch die Wahrscheinlichkeit ab, am Gottesdienst teilzunehmen, zu beten oder Mitglied einer Kirche zu sein“, sagt ifo-Forscher Ludger Wößmann. Diese Folgen entstanden vor allem in katholischen Regionen.

Der festgestellte Rückgang an Religiosität ging einher mit weitreichenden Folgen für Familien und Arbeitsmarkt. „Nach der Einführung des Ethikunterrichts wurden traditionelle Einstellungen zur Aufgabenverteilung der Geschlechter und zur Notwendigkeit der Ehe zurückgedrängt“, sagt ifo-Forscher Benjamin Arold. Dies schlage sich nieder in der Anzahl der geschlossenen Ehen (-1,5 Prozentpunkte) und der Geburten (-0,1 Kinder). Dafür seien die Arbeitsmarktbeteiligung (+1,5 Prozentpunkte), die Arbeitszeiten (+0,6 Wochenstunden) und das Lohnniveau (+5,3 Prozent) gestiegen.

Hingegen konnte kein Einfluss der Unterrichtsreform auf die Lebenszufriedenheit oder ethisches Verhalten, wie etwa ein ehrenamtliches Engagement, festgestellt werden. „Die Einführung der Wahlmöglichkeit zwischen Religions- und Ethikunterricht ging also nicht auf Kosten allgemeiner ethischer Einstellungen“, sagt ifo-Forscherin Larissa Zierow.

Grundlage waren Umfragedaten von mehr als 58.000 Erwachsenen, die zwischen 1950 und 2004 in Westdeutschland eingeschult wurden. Die westdeutschen Bundesländer ersetzten den verpflichtenden Besuch des Religionsunterrichts zu unterschiedlichen Zeitpunkten durch eine Wahlmöglichkeit zwischen Religions- und Ethikunterricht – von 1972 in Bayern bis zum Jahre 2004 in Nordrhein-Westfalen. Vor der Reform war der verpflichtende Religionsunterricht sehr intensiv: Während der gesamten Schulzeit umfasste er rund 1.000 Unterrichtsstunden, etwa viermal so viel wie der Physikunterricht.

Aber wie haben die Forschenden sichergestellt, dass tatsächlich die Auswirkungen des Ethikunterrichts und nicht etwa der Einfluss der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung auf religiöse Einstellungen gemessen wurden? Sie verwenden eine Methode, die ausnutzt, dass die westdeutschen Bundesländer die Reform zu verschiedenen Zeitpunkten eingeführt hatten. So betrachten sie verschiedene Altersgruppen innerhalb eines Bundeslandes: Die Älteren sind unter der alten und die Jüngeren unter der neuen Regelung zur Schule gegangen. Den Unterschied in der Religiosität dieser Altersgruppen vergleichen sie mit den Unterschieden zwischen den gleichen Altersgruppen in anderen Bundesländern, bei denen es zu dem jeweiligen Zeitpunkt keine Reform gab.