Gefühle statt Argumente? Studie zeigt emotionale Dynamik politischer Polarisierung

Politische Polarisierung entsteht nicht nur durch unterschiedliche Meinungen – auch Gefühle spielen eine zentrale Rolle. Das zeigt eine neue Studie von Forschenden der Freien Universität Berlin. Demnach bilden sich in Deutschland besonders bei den Themen Klimawandel und Asylpolitik politisch klar abgegrenzte Meinungsgruppen, deren Mitglieder nicht nur ähnliche Positionen vertreten, sondern auch ähnliche Emotionen teilen.

Grundlage der Studie ist eine nicht-repräsentative Onlinebefragung von mehr als 5.500 politisch interessierten Menschen in Deutschland. Die Teilnehmenden waren vor der Bundestagswahl 2021 über soziale Medien rekrutiert worden. Die Ergebnisse zeigen: Menschen in stark polarisierten Gruppen empfinden besonders große emotionale Nähe zu Gleichgesinnten und deutliche Distanz zu Andersdenkenden. Diese wahrgenommene emotionale Übereinstimmung stärkt das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb der eigenen Gruppe und vertieft zugleich gesellschaftliche Spaltung. Die Studie »Emotionally Aligned and Structurally Sorted: How Opinion Groups Divide on Climate and Asylum« ist in der Fachzeitschrift PNAS Nexus erschienen.

»Politische Gruppen entstehen nicht nur über gemeinsame Positionen oder Argumente«, sagt der Soziologe der Freien Universität Berlin und Erstautor der Studie, Diego Dametto. »Entscheidend ist auch, dass Menschen glauben, mit Gleichgesinnten ähnliche Gefühle zu teilen.«

Das Forschungsteam zeigt in der Studie mehrere Mechanismen, die politische Spaltung verstärken:
  • Emotionale Übereinstimmung innerhalb von Gruppen
    Mitglieder stark polarisierter Meinungsgruppen nehmen ihre Gefühle als besonders ähnlich wahr. Gegenüber Andersdenkenden dominieren negative Emotionen wie Ärger, Ekel oder Verachtung, während gegenüber der eigenen Gruppe häufiger Freude empfunden wird.
  • Emotionen als Motor der Gruppenbildung
    Die wahrgenommene Übereinstimmung von Gefühlen stärkt das Wir-Gefühl innerhalb politischer Lager und verstärkt die Abgrenzung zu anderen Gruppen. Emotionale Wahrnehmungen tragen damit wesentlich zur Dynamik gesellschaftlicher Polarisierung bei.
  • Soziale Sortierung politischer Lager
    Polarisierte Meinungsgruppen unterscheiden sich auch sozial – etwa nach Alter, Bildung, Einkommen oder Wohnort. Gleichzeitig überschneiden sich politische und soziale Netzwerke zunehmend, wodurch Kontakte zu Menschen mit anderen politischen Ansichten seltener werden.
  • Unterschiede im politischen Engagement
    Personen mit eher progressiven Positionen beteiligen sich häufiger an kollektiven Protestformen. Menschen mit eher konservativen Ansichten diskutieren dagegen häufiger über Politik – auch mit entfernteren sozialen Kontakten, etwa am Arbeitsplatz.

Insgesamt sehen die Forschenden darin eine Dynamik, in der sich emotionale Wahrnehmungen, soziale Netzwerke und politisches Verhalten gegenseitig verstärken. »Den Freund*innenkreis ausschließlich entlang der eigenen politischen Identität zu gestalten, kann ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln, geht jedoch häufig mit dem Risiko einher, anderen politischen Gruppen mit negativen Gefühlen zu begegnen«, sagt Diego Dametto. Dies könne langfristig demokratische Verständigungsprozesse erschweren.

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