Dokumentarfilm: »Der SS-Mann und das Mädchen«

Der Filmemacher Tilmann Bünz rekonstruiert in der phoenix-Dokumentation »Der SS-Mann und das Mädchen« zwei Lebenswege, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Dabei zeigt er neues, bisher unveröffentlichtes Material vom Aufstand im Warschauer Ghetto, das erst im Winter 2022 auf einer Filmrolle entdeckt wurde. Die Fotos stammen aus dem Nachlass eines polnischen Feuerwehrmannes. Ein Novum und ein gänzlich anderer Blick. Denn bisher prägte die SS selbst das Bild vom Ghetto, da nur sie Fotos besaß, die den weltweit einzigen Aufstand gegen die Besatzer zeigen.

Sie sind einander nie begegnet. Der SS-Mann Josef Blösche und Krystyna Budnicka, das jüdische Mädchen aus dem Warschauer Ghetto. Das hat ihr wohl das Leben gerettet. Denn SS-Unterscharführer Blösche jagte Menschen auch ohne Befehl, als sich die elfjährige Krystyna ein paar Meter unter ihm in der Erde versteckte.

Wer war dieser Blösche, den sie im Warschauer Ghetto »Frankenstein« nannten und fürchteten wie den Teufel persönlich? Die halbe Welt kennt sein Gesicht von einem Foto. Der Mann mit der MP, der einen kleinen Jungen in Schach hält. Was ist aus ihm geworden? Seine Spur führt in den Osten Berlins, denn Blösche ging der Stasi ins Netz. Ein Kapitel deutscher Geschichte, das so noch nie erzählt wurde.

Krystina Budnicka dagegen ist in Warschau geblieben. Sie ist heute eine wache alte Dame Anfang 90 und Warschauer Ehrenbürgerin. Ihre Kindheit hat sie zwischen Kellerversteck und Kanalisation verbracht. Budnycka, als Helena Kuszer geboren, überlebte als einzige ihrer achtköpfigen jüdischen Familie den Holocaust. Sie kam bei einer polnischen Familie unter und wuchs in einem Waisenhaus auf.

Zwanzig Jahre war Josef Blösche alias Frankenstein nach 1945 wie vom Erdboden verschwunden. Unerkannt lebte er in Thüringen. Die Nachbarn schätzten ihn als guten Arbeiter und fürsorglichen Familienvater. Dann kam er vor Gericht.

Der Tilmann Bünz ist seiner Spur gefolgt und im Osten Berlins auf den Mann gestoßen, der Josef Blösche am besten kennt, weil er ihn 700 Stunden lang verhört hat. Ein eindrückliches Stück Zeitgeschichte.

Logo: Schriftzug "BLOG" mit stilisiertem Steinbock auf dem plattgedrückten Buchstaben O