Herkunft der Betroffenen beeinflusst Wahrnehmung von Polizeigewalt

In jüngerer Vergangenheit kam es in den USA wie auch in Europa immer wieder zu unverhältnismäßigen Anwendungen körperlicher Gewalt durch Polizeikräfte gegen Dritte, die nicht durch die effektive Gefährdung gerechtfertigt waren. Solche Fälle von Polizeigewalt untersuchten nun zwei Forschende von der Universität Zürich (UZH) und der Universität Aalborg in Dänemark.

In einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage in Deutschland fragten sie die Teilnehmenden, wie sie das Ausmaß von Polizeigewalt gegen unterschiedliche Betroffene einschätzen. Dabei wurden ihnen identische Beschreibungen eines Falls vorgelegt. Einzig der Name der betroffenen Person wurde zufallsbasiert variiert: Bei der einen Hälfte hieß das Opfer Mohamad Ahmed, bei der anderen Thomas Schneider.

Gleiche Information – unterschiedliche Einschätzung

Die Ergebnisse der Studie »Public opinion on police misconduct: Discrimination and information resistance« zeigen, dass die Polizeigewalt im Durchschnitt als weniger folgenschwer bewertet wurde, wenn sie gegen eine Person mit dem Namen Mohamad Ahmed gerichtet war. Im Durchschnitt neigten die Befragten dazu, die gleichen Informationen zu polizeilichen Übergriffen schwächer zu bewerten, wenn sie sich gegen Menschen mit Migrationshintergrund richtet. »Diese Tendenz könnte erklären, warum harte Abschiebemethoden in Europa oder Gewaltanwendung durch ICE-Beamte in den Vereinigten Staaten in Teilen der Öffentlichkeit vergleichsweise milde beurteilt werden«, sagt dazu Christoph Steinert, Post-Doc am Institut für Politikwissenschaft an der UZH, der die Studie durchgeführt hat.

Einschätzung ändert bei neuen Beweisen zu Polizeigewalt

Zudem wurde untersucht, wie und ob sich die Einschätzungen zum Ausmaß von Polizeigewalt anpassen, wenn die Teilnehmenden mit zusätzlichen Belegen konfrontiert werden. Wer eher dem linken politischen Lager angehörte, bewertete das Ausmaß der Polizeigewalt bei geringer Beweislage zunächst als gravierender, wenn das Opfer einen Migrationshintergrund hatte. Befragte mit rechter politischer Orientierung bewerteten die Polizeigewalt dagegen als schwerwiegender, wenn die betroffene Person keinen Migrationshintergrund hatte.

So erhielten die Teilnehmenden zusätzliche Informationen zu Videoaufnahmen der Übergriffe, die klar auf eine unverhältnismäßige Gewaltanwendung durch Polizeibeamte hindeuteten. Viele passten daraufhin ihre ursprünglichen Einschätzungen an die neuen Informationen an. Bei Angehörigen der politischen Linken und der Mitte spielte der Migrationshintergrund der betroffenen Person bei eindeutiger Beweislage schließlich keine Rolle mehr für die Bewertung des Vorfalls.

Starker Bias auch bei neuen Informationen

Teilnehmende der politischen Rechten hingegen stuften das Ausmaß der Polizeigewalt auch bei klarer Beweislage systematisch niedriger ein, wenn sich der Angriff gegen eine Person mit Migrationshintergrund richtete. Dieses Resultat deutet auf eine starke Voreingenommenheit in dieser Gruppe hin, der sich auch bei neuen Informationen kaum beeinflussen lässt.

Dieser Unterschied in der öffentlichen Wahrnehmung, wie sie in der Studie beschrieben wird, zeigt sich auch in den USA. »Im Fall der Gewaltexzesse der ICE-Behörden bestanden selbst nach Veröffentlichungen von Videoaufnahmen der umstrittenen Einsätze weiterhin erhebliche Meinungsunterschiede in der Bewertung staatlicher Gewalt«, fasst Steinert zusammen.

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