Pflegende Angehörige

Senior im Rollstuhl wird von seiner Tochter und Enkelin umarmt. Alle drei lächeln sich an.
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Der Pflegestatistik zufolge wurden Ende 2017 106.410 Pflegebedürftige (78,4%) der 135.680 Pflegebedürftigen in Berlin zu Hause gepflegt. In diesen Fällen sind nahezu immer mehr oder weniger stark pflegende Bezugspersonen aus dem Familien-, Freundes- oder Be-kanntenkreis beteiligt. Die geschätzt 200.000 pflegenden Bezugspersonen sind damit die mit großem Abstand wichtigste Stütze des pflegerischen Versorgungssystems in Berlin.
Es gibt sie in allen Bevölkerungsschichten, unabhängig von Wohlstand, Alter, Glauben, Herkunft, Geschlecht, sexueller Identität, häuslicher Situation oder Familienstand. 53 % der Pflegebedürftigen werden hierbei ganz ohne professionelle Unterstützung von ihnen versorgt. Auch wenn der männliche Anteil an Pflegepersonen stetig ansteigt, wird die private häusliche Pflege nach wie vor überwiegend von Frauen – und hier zumeist von Tochter, Ehepartnerin oder Mutter – geleistet.

Viele Pflegende gehen gleichzeitig einer Erwerbstätigkeit nach und müssen diese durch die Doppel- und Dreifachbelastung (Kindererziehung) einschränken oder gar ganz aufgeben, mit negativen Folgen für ihre eigene Existenzsicherung. Auch viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene übernehmen Pflegeverantwortung (Junge Pflegende). Zudem finden sich zunehmend Pflegende, die selbst eine Behinderung haben.

Menschen mit Pflegebedarf oder einen Menschen mit Demenz zu betreuen ist eine verantwortungsvolle und anstrengende Aufgabe. Private Pflege ist körperlich und emotional belastend und geht häufig mit umfassenden Veränderungen im Leben der Pflegenden einher. Berufliche Einschränkungen und Verdienstausfall, Pflegekosten, soziale Isolation, bürokratische Hürden und unzählige offene Fragen bei der Bewältigung des Pflegealltags können Pflegende an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringen.

Leider nehmen sie die Pflege viel zu oft un- oder schlecht vorbereitet auf, arbeiten meist im „Stillen“, nutzen das Unterstützungssystem oft nicht bzw. nur unzureichend und pflegen auch dann noch weiter, wenn die Grenzen der Belastbarkeit erreicht sind. Nach wie vor sind Liebe und Pflichtbewusstsein, aber auch die Umstände zuhause, die maßgebliche Motivation für die Übernahme der Pflege.

Im gesellschaftlichen Alltag werden ihre Leistungen leider noch zu wenig wahrgenommen und geschätzt. Auch von den professionell Pflegenden werden sie oft nicht angemessen als Experten in eigener Sache gewürdigt. Dabei leisten sie einen unschätzbaren Dienst für die Gesellschaft, sind unersetzliche Partner zur Sicherung des Pflegesystems und verdienen Dank und Anerkennung, bestmögliche Unterstützung und Kommunikation auf Augenhöhe.

Dank und Anerkennung: Woche der pflegenden Angehörigen

Pflegende Angehörige leisten einen unschätzbaren Dienst für die von ihnen Gepflegten und die Gesellschaft: pflegerisch, betreuend, sozial, wirtschaftlich und als ethisch-moralische Stütze. Sie sind ein zentraler Bestandteil unserer auf Solidarität beruhenden Wertegesell-schaft. Ihre Pflegebereitschaft dokumentiert die nach wie vor sehr stark ausgeprägte Hilfekultur und Mitmenschlichkeit in unserer Gesellschaft.

Um diese Leistungen mehr in den Fokus zu rücken und ihnen Dank und Anerkennung zu zollen, hat Berlin die Woche der pflegenden Angehörigen geschaffen. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis Berliner Einrichtungen und Institutionen organisiert die Fachstelle für pflegende Angehörige alle zwei Jahre diese Kulturwoche speziell für pflegende Angehörige.

2019 fand die 5. Woche vom 11.05. -17.05. unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller statt. Als Zeichen der besonderen Wertschätzung wurde im Rahmen der Abschlussgala am 17.05.2019 die Ehrennadel „Berliner Pflegebär“ an pflegende Angehörige verliehen. Um der bundesweiten Bedeutung der Leistungen pflegender Angehöriger Nachdruck zu verleihen, wurde hierbei erneut auch der von der Privaten Krankenversicherung bundesweite ausgeschriebene „pflegecompass“ verliehen. Insgesamt wurden 10 pflegende Angehörige stellvertretend für alle pflegenden Angehörigen geehrt.

Eine Vielzahl kultureller Veranstaltungen wie z.B. Dampferfahrten, ein Kinonachmittag, ein Tanzcafé, ein Poetry-Slam, eine Zirkusveranstaltung für Familien, Besichtigungen und Wellnessveranstaltungen rundete das Programm ab. Insgesamt gab es im Monat Mai 33 Veranstaltungen. Alle Veranstaltungen waren für pflegende Angehörige kostenlos. Eine Ver-sorgung der Pflegebedürftigen wird gegebenenfalls durch Kooperationspartner gesichert.

Weitere Informationen zur „Woche der pflegenden Angehörigen“ und zum „Berliner Pfle-gebär“ erhalten Sie bei der Fachstelle für pflegende Angehörige Tel.: 030-61 20 24 99 oder info@woche-der-pflegenden-angehoerigen.de sowie unter www.woche-der-pflegenden-angehörigen.de .

Entlastung und Unterstützung

Zur Entlastung und Unterstützung pflegender Angehöriger ist in Berlin eine enorme Vielfalt an Angeboten entstanden: Pflegestützpunkte, Fachstellen für spezifische Bereiche der häuslichen Pflege, spezielle Beratungsangebote wie Pflege in Not, Abgebote zur Unterstützung im Alltag, ambulante Pflegedienste, Tages- und Kurzzeitpflegeeinrichtungen und die Kontaktstellen Pflege-Engagement – die Liste ließe sich fortsetzen. Die Angebote spiegeln in ihrer Kreativität und Bandbreite die Vielfalt Berlins wider.
Informationen zu diesen Angeboten finden Sie auf den Seiten im Themenfeld Pflege unter der Rubrik ‘Pflege zu Hause’. Einen guten Überblick über die bestehenden Angebote sowie Informationen und Tipps für die häusliche Pflege bietet zudem die Broschüre ‘Was ist, wenn…? 24 Fragen zum Thema häusliche Pflege’. Die Broschüre steht in mehreren Sprachen zum Download auf der Seite des Kompetenz Zentrum Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe zur Verfügung.

Was ist, wenn ...? 24 Fragen zum Thema häusliche Pflege

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Berliner Strategie zur Unterstützung von pflegenden Angehörigen

Um das Unterstützungssystem für pflegende Angehörige bedarfsgerecht weiter zu entwickeln und zu vernetzen, wurde 2015 erstmals ein „Maßnahmenplan pflegende Angehörige“ von der Fachstelle für pflegende Angehörige gemeinsam mit Verwaltung und anderen Akteurinnen und Akteuren erarbeitet. Er bietet einen Überblick über den aktuellen Stand des Unterstützungssystems, beschreibt Handlungsbedarfe und Maßnahmen.

Schnell wurde deutlich, dass es über den Maßnahmenplan hinaus einer gesamtstädtischen Strategie bedarf, die die großen Handlungsfelder zur Stärkung pflegender Angehöriger bün-delt. Mit der 2018 verabschiedeten „Berliner Strategie zur Unterstützung von pflegenden Angehörigen“ hat der Senat erstmals ressortübergreifend und geprägt von einem pflege- und sozialpolitischen Präventionsgedanken den Fokus auf dieses wichtige Feld gelegt. Hierbei identifiziert die „Berliner Strategie zur Unterstützung von pflegenden Angehörigen“ drei konkrete Handlungsfelder:

1. Anerkennungskultur und Beteiligungskultur
2. Information, Beratung und Öffentlichkeitsarbeit
3. Alltagsunterstützung

Gegliedert nach den drei Handlungsfelder werden in der Strategie für 21 Themenbereiche we-sentliche Eckpunkte aufgeführt und Handlungsbedarfe für die Weiterentwicklung der Berli-ner Unterstützungsangebote beschrieben. Der Maßnahmenplan ist das interne Arbeitsin-strument zur Umsetzung der Strategie. Er wird in einem work-in-progress Prozess fortgeschrieben.

Die Strategie steht zum Download zur Verfügung und wird fortlaufend aktualisiert.

Berliner Strategie zur Unterstützung von pflegenden Angehörigen

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