Die goldene Spandauer Ehrennadel 2024

Die goldene Spandauer Ehrennadel 2024_Gruppenfoto

v.l. Bezirksbürgermeister Frank Bewig, Dr. Gul-Rahim Safi, Jürgen Pufahl, Jiska Donat, Roswitha Petersen, Sandra Goldmann, Sleiman El-Kerdi, Dieter Krepel, BVV Vorsteher Christian Heck

Sleiman El-Kerdi

Kiezgrößen kennt man eigentlich nur aus Hamburg, wenigsten schlägt sein Herz für den dortigen Fußballverein. Nen Verein hat er in Spandau nicht, aber nen Kiosk und statt ner Mannschaft hat er eher ne Fankurve von Bewohnerin und Bewohner rund um den Wester-waldplatz. Platz macht ihn irgendwie nervös, deshalb hat er ein leichtes Faible für Ordnungssysteme. System hat auch, das er ne Menge für den Kiez tut, den er stolz als sein Wohnzimmer betitelt. Titel sind ihm dabei zweitrangig, auch wenn Frank Bewig sagt er sei im Westerwald der Bürgermeister. Sein Meister in der Lehre hat ihn geprägt, mit vielsagenden Sätzen wie: Wenn eine Dame vor dir liegt, fragst du auch nicht was du machen sollst!“
Machen ist sein Credo, am besten auf kurzem Weg und ohne Anwalt – klingt fast kriminell, ist aber eines seiner legalsten Erfolgsrezepte

Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel – Sleiman El-Kerdi.

Sleiman El-Kerdi ist irgendwie ständig auf Zack und irgendwie immer unter leichtem Strom. Ihn umgibt etwas Jungenhaftes, vermengt mit einer gewissen Impulsivität, die deutlich hervortritt, wenn er über seinen Kiez redet. Hier mischen sich Ungeduld mit Lösungskompetenz, Ärger und Kampfeswille, aber auch die seichte Seite eines Familienvaters, der gelernt hat Verantwortung für sich und sein Umfeld sprichwörtlich anzunehmen
und Werte vorlebt. Gespräche mit Ihm sind immer aufgeweckt, klar, direkt und ausführlich – kommt er einmal ins plaudern, ist er schwer aufzuhalten.
Sein Engagement lebt von Leidenschaft, Liebe zu seinem Kiez und einem Gefühl des „möglich machens“, was mit fast Mitte dreißig tief in Ihm verwurzelt ist.

Meinungsstark, heimatverbunden und ganz klar Westerwaldplatz

Sleiman El-Kerdi wird als Sohn Spandaus klassisch am 19.09.1989 im
Waldkrankenhaus das Licht der Welt erblicken und die Nabelschnur zu Eltern und unserem Bezirk wird nie wieder abreißen.

Vater und Mutter zieht es 1972 aus dem Libanon nach Spandau in die Westerwaldstraße, wo er in einer Vier-Zimmerwohnung, unter wildem Treiben, mit fünf Schwestern und zwei Brüdern groß wird. Er ist der Vorletzte von acht Kindern, was ganz bestimmt nicht heißt, dass seine Eltern ihn nicht auch strebsam, fleißig und mit einer gewissen Strenge erziehen.
Der Vater schlägt sich als Garten- und Landschaftsbauer durch, die Mutter kümmert sich um das heimische Geschehen – eine positive Einwanderungsgeschichte.

Der Besuch der Siegerland-Grundschule ist mehr notwendiges Übel, als mit schulichen Pflichtbewusstsein verbunden. Wenn er nicht gerade mit dem Kassettentape Musik aus dem Radio mitschneidet oder bei Schwarz-Weiß kickt, weiß er wie er sich die väterliche Missgunst vom Laib hält: „Keinen Mist bauen und keine fünf mit nach Hause bringen!“

Auch als er an die Betraven Gesamtschule kommt, bleibt er größtenteils anständig, fast „langweilig“ wie er es nennt und zieht mit sieben anderen Jungs durch die Häuserschluchten, Straßen und Plätze. Nicht quer durch die Hauptstadt, wie man meinen könnte, sondern größtenteils durch den heimischen Kiezkosmos, rund um den Westerwald-platz.
Ein dezent freches Mundwerk und ein Hang zum „Klassensprechertypen“, wie er es nennt sind damals schon ausgeprägt. Überzeugungskraft und Liebe zum Kiez wird es sich bis heute beibehalten.

Zu dieser Zeit entdeckt er sein Faible fürs fummeln, fingern und drehen – aber nicht am weiblichen Geschlecht, das würden die Traditionen der Eltern nicht zulassen, sondern an Platinen, Prozessoren und PC’s im Internetcafe seines Bruders in der Lynarstaraße.

Da verwundert es nicht, dass er 2006 eine Ausbildung als IT-Systemelektroniker bei der Telekom beginnt, Webeslogan damals „Hallo Zukunft!“ – und die kommenden Jahre werden diese sprichwörtlich prägen.

Mentor und Ausbilder Rainer Suckow ist positiver Antreiber, Lebenshilfe und Ratgeber zugleich. Damals anstrengender Vorgesetzter, der Pünktlichkeit fordert, Gewissenhaftigkeit voraussetzt und selbst Versprecher ahndet, benutzt Sleiman heute Aussprüche, wie Vorbild, Respekt und „das Beste, was mir passieren konnte“ für ihn – das Band zwischen den beiden wird nie abreißen.

Dass er zu der Zeit den größten Teil seines Lehrsolds im „Hotel Mama“ abgibt hat was von löblichen Nachwuchs, das seine Mutter heimlich Teile zurücklegt und ihm zum 18ten einen Auto zu schenkt, ist wohl die Mutterliebe, die uns hoffentlich allen schon mal zu teil geworden ist.

Nach drei Jahren „Arschbacken zusammenkneifen“ hat er nicht nur die Lehre bestanden, gleich noch das Fachabi in der Tasche und die Welt steht ihm offen – und führt ihn eine Weltmetropole, zu einer Brandenburger Perle – in die Kreissstadt Prenzlau um den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr abzulegen.

Körperliche Grenzen, Strukturen und eine gewisse Ordnung nimmt er positiv an, aber Erfahrungen, wie Rassismus, fehlende Akzeptanz oder Aussprüche, wie „Affe in Uniform“, der hiesigen Stadtgesellschaft lässt er an sich abperlen.

„Die Zeit hat mich zum Mann gemacht“, sagt er mit unübersehbaren Stolz.

2014 zieht er in seine erste eigene Bude in den Brahmwaldweg, die Telekom bleibt berufliche Heimat.

Themenwechsel!
Private Sozialstudien aus Spandau belegen, das keine Location mehr gesellschaftliche Sparten zusammenführt, dass der neuste Klatsch immer hier zu erfahren ist, hier immer eine Böe der aktuellen Stimmung des Kiezes durchweht, nirgens mehr Kaffee über die Theke geht, Probleme in näherer Umgebung zuerst hier zur Sprache kommen, vom Nachwuchs bis zum Rentner alle zur Kundenklientel gehören und hier auch gerne mal der Bauarbeiter mit dem Finanzfachangestellten die aktuelle Weltlage ausdiskutiert – der Kiezkiosk, in dem von Süßigkeiten, Suddeutsche bis zur Spirituose alles käuflich zu erwerben gibt.

2018 wird Sleiman das heutige Herz des Westerwaldplatzes übernehmen und sprichwörtlich „Leuten Tabak verkaufen, die ihm mal Fahrrad fahren beigebracht haben“.

Das er sich damit nicht nur ein zweites Standbein aufbaut, sondern auch soziale Verantwortung übernimmt, ist gewollt und für ihn selbstverständlich, den Courage hat er.

Pfarrer kümmern um Ihre Gemeinde, Bürgermeister um Ihren Bezirk und Sleiman um seinen Kiez, das Gemeinwohl, den Zusammenhalt der Menschen und Ihre Sorgen und Nöte, also ein Thema das aktueller nicht sein könnte.
Der Kiosk ist quasi die Anlaufstelle des kleinen Mannes, Schaltzentrale des 34-jährigen und die Parkbank gleich daneben Treffpunkt der El-Kerdis an Sonnetagen, an der sich nach Feierabend die ganze Familie dort einfindet.

„Das ist unser Wohnzimmer“, sagt er mit strahlenden Augen.
Das er nebenbei Müllsammelaktionen organisiert, sich für die Umwidmung in eine Spielstraße eingesetzt hat, für Straßenlaternen in dunklen Ecken kämpft, eng mit dem Quartiersmanagement vor Ort zusammenarbeitet, die Menschen für mehr Begrünung mobilisiert, den Trinkbrunnen von Verstopfung durch Yúm-Yum Suppen befreit, versucht Gelder aus dem Bürgerhaushalt zu akquirieren, Streits auf „kurzen Wegen-ohne Anwälte“ schlichtet und versucht die 60 Jahre Sanierungsstau seines Viertels zu handlen ist pure Verbundenheit zum eigenen Lebensraum.

Eingebracht hat ihm das Verantwortung, Teilhabe an der Gebietskoordination, einen ehrenamtlichen Posten im Mieterbeirat der Berlinovo, wo er sich um Mieterbelange direkt kümmert, nicht zu vergessen ein sechsjähriges Engagement als Hauptschöffe bei Gericht. Das er sich damit eine Menge Verantwortung einhandelt, er auch im politischen Spandau eine gewisse Bekanntheit erlangt hat und Frank Bewig ihn schon mal als „Bürgermeister im Westerwaldkiez“ geadelt hat, nimmt er mit einem gewissen Stolz.

Das er nebenbei 2021 noch heiratet und die kleine Nour zu Welt kommt, gerät dabei fast zu Nebensache, wie auch die Planungen des Bezirks für ein multifunktionales Begegnungszentrum an der Westerwaldstraße 16.

„Da reden wir von 2035“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht, um daraufhin sofort von seiner nächsten Idee zu berichten. Der Westerwaldplatz ist Spielstraße und da viel motorisierte Menschen mit Schrittgeschwindigkeit fremdeln, wünscht er sich Fahrbahnschwellen, die ein Rasen verhindern.

Sleiman El-Kerdi ist rastlos, randvoll mit Ideen, irgendwie positiv verrückt und mit einer Kiezverbundenheit ausgestattet, dass er mit seiner Familie vor einigen Monaten aus der Zeppelinstraße (ca. 1km entfernt) wieder in die Westerwaldstraße gezogen ist, weils einfach zu weit weg war.

Verdient diese tiefe Verbundenheit Respekt, verdient diese Liebe zum eigenen Kiez Bewunderung und verdient ein 34-jähriger dafür die Spandauer Ehrennadel?

Sprechen wir nicht in diesen Zeiten von Zusammenhalt der schwindet, von einem Miteinander das belastet ist, von Gemeinschaften, die zerbrechen und Verhältnissen, die untragbar sind ?

Sleiman El-Kerdis zeigt Einstellung und Courage, wie wir unseren eigenen Mikrokosmos besser machen, umgestalten und durchaus auch verschönern können, kommunikativ, mit Herz und Schnauze, mit Eigenmotivation und durchaus mit positiven Tugenden und Ergebnissen.

Ich wünsche Dir, das du im „Kiez Kerdi Kiosk“ weiter mit Kaffee um dich schmeißt, im Familienurlaub am Timmendorfer Strand mal auf die Erreichbarkeit pfeifst, das der Hamburger SV mal wieder in der höchsten deutschen Liga spielt, du mal selbst wieder zur sportlichen Ertüchtigung kommst und dein Motto bleibt: „Wenn jeder ein bisschen macht, ist doch alles fein!“

Die goldende Spandauer Ehrennadel 2024 für die „Kiezgröße, Kommunenkönig und Kolonieversteher“ im Westerwaldviertel Sleiman El-Kerdi.

Dieter Krepel

Die Abkürzung DLRG heißt bei ihm: „Durch langsames Retten gestorben“.
Ein gemeiner Scherz der Spandauer Wasserwacht, der er versucht hat den Militärton abzugewöhnen. Er steht eher für die leisen Töne und Harmoniebedürfnis, auch wenn sein beruflicher Werdegang für zwei Leben reichen würde. Reich ist er an Erfahrung, Eindrücken und einem Antrieb zum weiterkommen. Weit gebracht hat er auch unzählige Kinder, denen er die Befähigung des Schwimmens mitgegeben hat – aber natürlich nur, damit er nicht so viel unter alten Leuten ist.

Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel – Dieter Krepel.

Dieter Krepel hat etwas angenehm Harmonisches an sich und ihm ist diese Veranstaltung heute sicherlich positiv unangenehm, denn er empfindet sich „Als einer unter anderen“, wie er kundtut. Ihn umgibt eine gewisse Zurückhaltung, die gewollt aber keineswegs auf-gesetzt ist, was nicht heißt, dass er mit Mitmenschen nicht auch kritisch umgehen kann.
Nur eben auf seine ganz eigene sensible Art. Deshalb spricht er bei Konflikten und Befindlichkeiten in seinem Leben, gerne davon „das ihm der Ton nicht gefallen hat!“
Dies unterstreicht nur umso mehr, dass er immer ein Gefühl für sein Gegenüber hat.

Ruhepol, Gefühlsmensch, Verantwortungsträger

Dieter Krepel wird am 28.11.1938 in die Irrungen und Wirrungen der Kriegstage geboren.
Der Vater wird aus Stalingrad nicht zurückkehren, die Mutter wird Ihren Sohn und sich, im Mehrfamilienhaus an der Melanchthonkirche, alleine durchbringen.

Luftschutzanlagen, Stadtkommandanten, der Einmarsch der Engländer und die wöchentliche Ölung seiner strengen Mutter prägen seine Kindheitstage.
Erste Berührungen mit der Penne hat er in der Földerich-Grundschule, wo schnell klar wird, Zahlen mag er nicht.

Auch auf der Oberschule mit technischen Zweig in der Adamstraße hat Dieter ein schüchternes Gemüt, er streift gerne mit dem Zweirad gedankenverloren durch die Straßen, angelt dann und wann und hat ein kameradschaftliches Verhältnis zum neuen Lebensabschnittsgefährten der werten Frau Mama – er ist ein positiver Eigenbrödler.

Die Wunschausbildung als Steuerberater, bleibt ihm mangels Lehrstellen, verwehrt.
Doch anstatt Steuern zu ziehen, zieht er zukünftig „Strippen“ in Hakenfelde und wird mit Volt und Ampere über drei Jahre Elektriker.
Wiederfinden wird er sich im kreativen Kulturbetrieb, als Beleuchter im Sportpalast, dem Volks- und dem Schillertheater, um schnell zu merken, das ihn befristete Jahresverträge nicht recht glücklich machen – nur eine erste Station in seinem vielschichtigen Berufsleben. Heute wird er das „anpassen an berufliche Strömungen“ und „weiterkommen“ nennen.

Schnell ist die dreijährige Techniker-Fernschule bei Siemens absolviert und auch mal Zeit sich den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Allein und mit fünf Mark Eintritt, tummelt man sich Ende der Fünfziger für eine fesche Tanzsause in den Ausstellungshallen unter dem Funkturm. Der schneidige Anfang Zwanziger sondiert die Tanzfläche, späht aus und landet flott bei der kessen Ingrid, um für „den gesamten Abend die Tänze vorbestellen“.
Frech kommt einfach weiter und mündet in 61 Jahre Ehe und zwei Kinder.

Das Ingrid seine positiv beruflichen Weiterentwicklungsmaßnahmen mitmacht ist ein Se-gen, denn Dieter wird sich noch einige Male mit der gemeinen Erwerbstätigkeit neu erfinden.

Durch Zufall und das Arbeitsamt wird er die britischen Streitkräfte unterstützen, das dies eine Weiterbildung an der „Bundesfachschule für maschinelle Datenverarbeitung“ nach sich zieht, zeigt nur, dass Dieter bei Beschäftigungen zukunftsorientiert und durchaus wählerisch ist. Somit kann man ihn durchaus als einen der Pioniere des Programmierens bezeichnen.

Sein Berufsweg ist ein vielseitig verrückter, aber auch immer mit der Präferenz des Angestelltenverhältnisses versehen, mit dem Mut zur Veränderung und einem Gespür in welche Richtung es ihn treibt. Wenn der Markt keine Techniker mehr braucht, sondern Kaufleute, dann ist doch klar das Dieter sich in Buchführung, Bilanzen und kaufmännischen Rechnen fit macht und natürlich ein BWL-Studium dranhängt. Er wird sich sprichwörlich immer neu erfinden und mit 65 Jahren als Systemprogrammierer an der TU-Berlin in Rente gehen.

Mitte der 70er ist daran noch nicht zu denken. Das heimische Nest ist damals 70 qm groß und in der Falkenseer Chaussee, Ingrid spielt mit den Dieters Eltern Karten und kümmert sich um den Nachwuchs und er wälzt Bücher fürs Studium und kanns selbst im Urlaub nicht lassen nachzulesen und nachzuschlagen.

1979, mit gestandenen 41 Jahren, wird er mit seiner Frau eine folgenschwere Erfahrung machen! Ein Kumpel animiert die Beiden beim „Deutschen Roten Kreuz“ doch einfach mal bei der Rettungsschwimmerausbildung mitzumachen – eine ehrenamtliche Liaison, die 45 Jahre anhalten wird.

1982 wird er den Lehrschein machen, die Kameradschaft genießen und von Beginn an ein Faible für das Seepferdchen und Gold haben. Mit seiner liebevollen, geduldigen und einfühlsamen Art wird er Kindern bis heute spielerisch, vertraut und empathisch den Weg zum Schwimmen und den Schwimmabzeichen ebnen.
Gegen seine beruflichen Gepflogenheiten, wird er hier auch in Verantwortung gehen und schnell gravierende Unterschiede zwischen Wasserrettungsdienst und Breitenausbildung ausmachen, was ihn nicht abhalten wird die Leitung der Spandauer Wasserwacht 2004 zu übernehmen, auch wenn für ihn der leicht angehauchte Militärton ein „rotes Tuch“ ist, wird er weiterhin „Katastrophenschutzbeauftragter“ und wird, wie er es nennt in den Kreisverband „gequatscht“ und Führungsrollen, wie den Vorsitz, übernehmen – ein „Full-Time-Job“, wie er heute sagt.

Die verantwortungsvollen Aufgaben wird er irgendwann auf sich bewenden lassen, auch wenn Wegbegleiter im zu verstehen geben, das ohne sein Tun die Wasserwacht schwer vorstellbar ist – er hat sich zu einer Institution entwickelt.
Er wird sich lieber weiter wachen Kinderaugen widmen, bei den ersten Tauchversuchen unter Wasser Finger zählen und weiter entwaffnend ehrliche Kindersätze hören, wie: „Meine Eltern verstehen sich nicht immer!“

Dieter Kreppel hat einen unsichtbaren Draht zu Kindern und seine Beliebtheit beschert ihn, das er schon Familien und deren dritte Generation ausbildet, was ihm nur ein dezentes stolzes Lächeln abringt. „Ich habe Spaß, die Kinder haben Spaß und man ist nicht nur mit alten Leuten zusammen“, resümiert er erfrischend bescheiden nach 45 Jahren
Engagement.

2018 wird ihn ein Schicksalsschlag treffen, seine Frau ist nicht mehr bester gesundheitlichen Konstitution, Dieter Kreppel wird seine Frau behüten, beschützen, bewachen bis heute – in diesem Jahr sind beide 61 Jahre verheiratet.

Doch trotz aller privater Verantwortung die er nun trägt, wird man ihn jeden Mittwoch im Schwimmbad Spandau Nord beobachten können, wie er Kinderaugen leuchten lässt, wie er spielerisch lehrt und sich auch seinen eigenen Jungbrunnen der kindlichen Schwimmausbildung
bewahrt.

Für jemanden, der verdammt selbstlos ist, aber auch immer seinen eigenen Weg beschritten hat, für jemanden der das Wort „Macher“ nicht gelten lässt und der zurückhaltend angibt sein Engagement, nicht „selbst beurteilen“ zu können.

Seine Wegbegleiter, seine Frau und Menschen, die ihn und seine Art kennen können das und reden von der Krönung für sein jahrzehntewährendes Werk und das werden wir heute unterstreichen.

Die goldene Spandauer Ehrennadel 2024 für Dieter Krepel.

Sandra Goldmann / Jiska Donat

„Mit Power durch das 20. Jahrhundert“ beschreibt eigentlich ganz gut, was da die letzten 25 Jahre im Falkenhagener Feld getanzt, geübt und gestaltet wird. Gestaltet haben die beiden Spandaus größte weibliche Tanzunternehmung und sich dabei glatt selber weiterentwickelt. Die Eine von der Außenseiterin zum fabulösen Frontschwein, die Andere von der Tanzweltmeisterin zur lokalen künstlerischen Koryphäe.
Und wer meint Struktur, Selbstbewusstsein und Stärke gibt das Elternhaus mit, dem sei gesagt, das geht auch mit Tanzen.

Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel – Sandra Goldmann und Jiska Donat.

Sandra Goldmann und Jiska Donat eint die Affinität zu Glitzer, Glamour und großen Auftritten und die Ausbildung zur Industriekauffrau, damit sind die Gemeinsamkeiten aber schon vollends ausgeschöpft. Die Eine war schon immer selbstbewusst und Rampenlicht-tauglich, die Andere eher schüchtern und unscheinbar. Wenn die beiden Blicke austauschen, erahnt man Vertrautheit, gewisse Eingespieltheit, und ein freundschaftliches Band, dass sie seit 25 Jahren verbindet.
25 Jahre in denen sie rund 1.000 jungen Mädchen und angehenden Frauen zu Selbstbewusstsein, Teilhabe und Disziplin verholfen haben und Ihnen vorleben, wie man spielerisch Verantwortung übernimmt. Klingt nach Beratungsstelle oder Stadtteilladen – weit gefehlt. Diese Charaktereigenschaften erwirbt man mit Tango, Twist und Tanzlustbarkeiten.

Lebenshelferinnen, Tänzerin, Trainerin – Spandauer POWER GIRLS!

Jiska wird am 07.03.1983, nähe der Hansestadt Bremen lediglich geboren und relativ schnell das norddeutsche „Moin“ mit dem Berliner „Tach“ in Spandau tauschen. Sandra ist eher lokalklassisch – Geburt am 28.07.77 im Waldkrankenhaus und erste Erinnerungen an die elterliche Wohnung am Brunsbütteler Damm.

Während Jiska nicht die Coole von der Schule ist und schüchtern eher auf Außenseiter-posten steht, wird Sandra sich schon mit sieben Jahren durch die Gänge tanzen, steppen und jiven, denn auch die Tanzschule Broadway attestiert ihr beim Kindertanzen „Talent!“
Beide sind gemeine Schlüsselkinder und werden erfolgreich ihre allgemeine Hochschulreife erwerben.

Auch die Schwärmereien zum Thema Berufswusch sind unterschiedlich.
Während Jiska von der Karriere als Musicaldarstellerin träumt, ist Sandra mitten im professionellen Formationstanz ihrem Traum schon ganz nahe, sechs mal die Woche Training inklusive. So kümmert sich Jiska zukünftig eher um Register, Termine und Kalender und Sandra um Schritte, Shows und Sitesteps. Rechtanwaltsfachangestellte und Tanzlehrerin – dass dies nur eine Momentaufnahme ist und beide schlussendlich das Business Industriekauffrau ausüben, zeugt noch nicht so richtig von Glitzer und Pailletten, doch das wird sich bald ändern.

Lebenslinien berühren sich gerne mal, Schnittpunkt wird hierbei die Paul-Gerhardt-Gemeinde. Jiska ist immer noch die schüchterne Raupe, die Ihren Platz im Umfeld und privat noch sucht, wie sie es beschreibt. Neben Hausaufgabenhife in der Gemeinde, wird Sie 1995 in der Zuflucht Gemeinde zum Tanzen finden, das dies Ihre Art, Ihre Sicht und Ihr Selbstbewusstsein völlig verändern wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand, aber aus der schüchternen Larve wird ein „Frontschwein“ werden, wie Sandra es lächelnd beschreibt.

Sandra schindet und schuftet, mal mit Rückenschmerzen, mal mit blutigen Fesseln – Tanzen ist Leistungssport und die trainerischen Anforderungen hart. Sie wird in der ersten Bundesliga tanzen und 1998 Formationsweltmeisterin in Braunschweig, Anfang 20 ist dann Schluss – wenns am schönsten ist soll man aufhören.
Das ein Ende auch ein Anfang sein kann, ist viel beschworene Aussage, fast ein wenig kitschig, hier aber genau der richtige Twist.

Rhythmus, Reaktion und Rotation wird beide Damen die nächsten 25 Jahre begleiten.

1999 ist Jiska Teil einer kleinen 15-köpfigen Tanzgruppe in der Paul-Gerhardt Kirchengemeinde, Ihre Mama unterstützt als Leitung und pädagogische Begleitung. Und da auch Sandra nicht vom Tanzen lassen kann, Sie ahnen es, kommt es wie es kommen muss.

Die Gemeinde gewinnt Sandra als künstlerische Leitung und Trainerin. Sofort schwirren bei Ihr Choreos und Kreatives durch ihren gedanklichen Tanztempel und zukünftig wird alles gehen, außer Standard.
„Wir hatten keine Richtung, das ist das Erfolgsgeheimnis“, beschreibt Jiska die Zeit und punktet danach sofort mit dem Namen des ersten Programmes: „Mit Power durch das 20. Jahrhundert!“

Die Namensfindung ist eher spontanes Phänomen und weniger bewusste Auswahl. Mutter Renita Donat wird irgendwann ganz unvermittelt von den „POWER-GIRLS“ sprechen – Marke und Branding, welches bis heute Bestand hat.

Damals eher noch mit leichten Fokus auf Gesang ist schnell Sandras tänzerische Handschrift zu erkennen, mit der Freiheit auszuprobieren, anzugehen und kreativ aufzubereiten.

Die kindlichen Tanzlustbarkeiten entwickeln sich zum lokalen Familienprojekt, es wird geholfen, genäht und vor allem gebucht. Die POWER GIRLS erlangen langsam und stetig Aufmerksamkeit und werden von der Firmenfeier bei Vattenfall bis zum Stadteilfest angefragt und nutzen jede Gelegenheit zu glänzen, zu probieren und sich zu zeigen.

Schnell wird klar, die Lust am Tanzen im Falkenhagener Feld wächst– mehr Gruppen, mehr Altersklassen, mehr Training, mehr Termine, mehr Räumlichkeiten – was mit 15 Mädchen begann, erreicht schnell Zahlen zwischen 50 und 100.

Aber eines ist allen immer klar, einmal im Jahr flackern die Scheinwerfer auf der großen Bühne, die Bretter, die die Welt bedeuten sind dann in Spandau, Choreos müssen sitzen, Musicalparts gesanglich und stimmlich verfeinert sein, Schauspieleinlagen auf den Punkt sein, das Timing bei der Comedy stimmen und das Lampenfieber in Zaun gehalten wer-den.
Einmal im Jahr ist große Show, Sensation und stillvolle Publikumsveranstaltung der POWER GIRLS.

2004 applaudieren und honorieren 600 Menschen in der Freilichtbühne der Zitadelle den Leistungen, Lernerfolgen und der 90-minütigen „POWER GIRLS-Parade“ aus verschiedensten künstlerischen Darbietungen – ein Meilenstein.

Glitzer, Glämmer und Glamour begeistert, die Bühne lügt nicht, Applaus lässt Kinder und Jugendliche über sich hinauswachsen, Zugabe-Rufe wertschätzen – wir Zuschauerinnen und Zuschauer erfreuen uns am Endprodukt der Unterhaltung und das ist gut so.

Doch der Weg dahin, besonders wenn er ehrenamtlich geprägt ist, ist zeitintensiv und fordernd – auch wenn er mit unmenschlich viel Spaß verbunden ist.

Hinter dem Vorhang wird geleitet, genäht und geübt. Wer näht eigentlich die 30 Kostüme für die verschiedensten Showideen, über Michael Jackson, Bollywood, Tanz der Vampire oder Starlight Express? Wer kümmert sich um die neu entstandenen Tanzgruppen verschiedenster Altersklassen und fünf Tage die Woche Training? Wer antwortet in den ganzen Whats App Gruppen mit Eltern, Mädchen und angehenden Frauen? Wer schlichtet den positiven Konkurrenzkampf untereinander, wer bei der Show in der ersten Reihe tanzt? Fototermin – wer macht das eigentlich? Wann war die Kostümprobe nochmal? Ist die Technik bereit? Wer besorgt die Steppbretter für die neue Nummer? Oder ganz banal, wer macht am Veranstaltungstag eigentlich die gemeine „Garderobenmutti“?

Die „POWER GIRLS“ haben sich schlichtweg zum kreativen Tanzunternehmen entwickelt, das floriert, die Jugend anzieht und täglich Organisation verlangt – ein Full-Time Job!

Das bekommt auch Jiska zu spüren, die 2005 schlichtweg ran muss. Bis dato zwar unbändige Unterstützerin und selbst Teil einer Tanztruppe, ruft jetzt die Verantwortung.
Sandra muss in Ihrer Schwangerschaft kürzer treten, doch der Trainingsbetrieb muss weitergehen – widerwillig, aber doch freudig wird Sie einspringen und auch folgend eigene Gruppen übernehmen, obwohl Sie das eigentlich NIE wollte.

Und das ist das Erfolgsrezept bis heute – dieses Projekt ist in sich mit Herzblut gewachsen.
Rund 1.000 Mädchen und junge Frauen haben hier gesungen, getanzt und geschauspielert. Sie probieren sich aus, spüren Gemeinschaft, lernen mit Ausdauer, Geduld und Disziplin umzugehen, erleben Empathie und entwickeln Selbstbewusstsein, entdecken den großen Schatz der Wertschätzung.
Und so kommt es, wie es kommen muss. Viele die als Tänzerinnen gestartet sind, über-nehmen heute die Verantwortung für die nächste Generation als Trainerin – Verdienst von Sandra, Jiska und Mama Donat.

Und die nächste Generation muss jetzt auch – nach 25 Jahren Pirouette, Pose und Tanzparty haben Jiska Donat und Sandra Goldmann ein bisschen an Power eingebüßt und haben sich im März diesen Jahres zurückgezogen und aus dem Tagesgeschäft der POWER GIRLS verabschiedet.

Sandra hat jetzt Zeit mit ihrem Mann endlich einen gemeinsamen Tanzkurs zu machen, der hat es nämlich nicht so mit Standard, Tango und Jive und Jiska versucht es gerade mal mit Salsation, eine Mischung aus Tanz und Workout – wer einmal tanzt, hört wohl nicht mehr auf!

25 Jahre Tanzen, Tränen und tolle Shows. Ihr habt nicht nur ein Projekt aufgebaut, ihr habt mit Tatendrang, eurer unvergleichlichen Art und Motivation etwas erschaffen, dass Kindern und jungen Mädchen Lebenshilfe und Begleitung zugleich ist und sie einzigartig bei Erwachsenwerden unterstützt.

Die goldene Spandauer Ehrennadel 2024 für Sandra Goldmann und Jiska Donat.

Dr. Gul-Rahim Safi

„Wir sind Akademiker und können mit Waffen nichts anfangen“, eigentlich eine Aussage mit Schmunzelfaktor, aber auch Todernst. Ernst nimmt er die Lage seines Geburtslandes Afghanistan und auch das Ihm seine eigene Mutter die Frau ausgesucht hat. Suchen tut er immer die Lösung, da verwundert es nicht, dass er fünf Sprachen spricht, mit einem Doktortitel behaftet ist und heute Menschen beim Ankommen in Spandau untstützt. Stütze hierbei seine Familie und sein eigener unermüdlicher Antrieb Dinge zu verändern, unter dem Motto: “Schlechte Schwimmer gehen nicht aufs Meer!“

Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel – Gul-Rahim Safi.

Gul-Rahim Safi ist „Weltverbesserer“ und dieser Einstellung ist er mit jeder seiner Poren verfallen. Jeder Gesprächsfaden, den man mit ihm spinnt ist mit Ideen, Verbesserungsvorschlägen und Ansätzen zu politischen Verhältnissen vermengt. Im Gespräch wird deutlich, dass sich eine gewisse Problemlösungskompetenz durch sein ganzes Leben zieht und das sein Weg als Vorbild taugt, wie man Unwägbarkeiten und Barrieren zu Nichte macht und einen Neuanfang auch als Chance begreifen kann.
Manchmal hochseriös, manchmal fast kumpelhaft, aber immer zielorientiert.
Diesen Weg gibt er heute weiter, als Mentor, Vorstandsmitglied und Projektverantwortlicher – meinungsstark, heimatverbunden und mit einer positiven Penetranz versehen.

Gul-Rahim Safi wird am 02.01.1961, ca. 6.700 km von Spandau entfernt,
in der afghanischen Hauptstadt Kabul die Welt bereichern.
Seine Familie bezeichnet er als „intellektuell“, sein Vater studiert in den USA Landwirtschaft und wird Dozent und Angestellter im hiesigen Bildungsministerium, seine Mutter kümmert sich zuhause um ihn und seine sieben Geschwister.

Der Grundsatz des Vaters für alle Kinder ist klar und unmissverständlich: „Ihr dürft nicht in der Schule fehlen!“ Mit Deutschland hat der kleine Rahim seine ersten Berührungen in der fünften Klasse, als deutsche Geschichte auf dem Lehrplan steht – das er Spandau mal als seine zweite Heimat betiteln wird, ist hier noch unvorstellbar.

Zuerst führt es ihn in ein amerikanisch geprägtes Gymnasium und auch wenn ihm seine zwei Schwestern ab und zu unter die Arme greifen müssen, wird er dreisprachig groß, da die Amtssprachen in Afghanistan Paschtu und Dari sind. Rahims Vater und die Einstellung zu seinem Nachwuchs Bildung als Anfang, Aufbruch und auch als Ausweg zu sehen wird alle seine acht Kinder in ein Studium führen und zukünftig alle über den Erdball verstreuen.

Auch wenn Rahim anfangs von einem Jurastudium schwärmt, holt ihn die Realität schnell ein. Kabul beherbergt 1979 eine Universität und die besten Studenten werden mit Stipendien versorgt, die nicht die Geisteswissenschaft fördern, sondern die Naturwissenschaft –also bye bye Jura, hallo Chemie.
Die politische Lage in Kabul ist derzeit von Unruhen und einem Putsch erschüttert, gemäß des Vaters wird Rahim im Ausland studieren.
Ohne ein Wort der Landessprache, aber mit voller Haarpracht und dem Großstadterlebnis einer U-Bahnstation direkt vor dem Studentenheim, landet der 18-jährige im russischen St. Petersburg. Die russische Sprache hat er nach drei Monaten drauf, Bibliotheken und sagenumwobene Studentenpartys mit lockeren Frauen und Museen werden sein Wohnzimmer, Labore und Vorlesungssäle seine Bildungstempel – 1986 hat er den Master der Chemie in der Tasche und das Gefühl im Kopf, das ihn seine Heimat Afghanistan braucht.

Nationalstolz und Heimatverbundenheit werden auch die nächsten Jahrzehnte sein Tun prägen.

Zurück in Kabul, denkt er an den hiesigen Fachkräftemangel, seine Mutter hingegen daran das er mit 25 Jahren doch endlich mal heiraten könnte. Die Tradition gebietet es, dass die werten Eltern Familie und vor allem die Frau auswählen und dem Nachwuchs präsentieren. Rahim nutzt sein kommunikatives Talent, besänftigt Frau Mama und wird ein Jahr später wieder in St. Petersburg aufschlagen, um sich nochmal den lockeren Freizeitaktivitäten zu widmen, aber vordergründig um an seiner Dissertation zu schreiben, Thema Komplexe mit Kupfer und Nickel, um 1992 zu promovieren und zukünftig den Doktorgrad zu führen.

Der Weg führt auch diesmal zurück in afghanische heimische Gefilde – wiederum wird er Zeuge zerrütteter politischer Verhältnisse, unsicherer Machtverhältnisse und dem Beginn eines fatalen Bürgerkriegs, was den Aufbau einer Zukunft, persönliche Sicherheit und das Leben in Kabul schlicht unmöglich macht.

Die Entscheidung zur Flucht ist gefasst!
Über einen Zwischenstopp bei seinem Bruder in Frankfurt am Main
wird er im Dezember1994 in Berlin seinen Asylantrag stellen und die Sachbearbeiterin mit dem Satz „Ich brauche sechs Monate um die Sprache zu lernen“, begeistern.

Der 33-jährige hat das Talent sich an neue Verhältnisse anzupassen, eine unbändige Bereitschaft zur Veränderung und vor allem Motivation sich schnellstmöglich eine eigene Unabhängigkeit zu erarbeiten, die auch diese Zeit prägen.

„Ich war jung, klug, beherrschte vier Sprachen, plus Deutsch als fünfte Sprache, was sollte passieren“, erinnert er die Zeit. Er wird Recht behalten.
Der unbefristete Aufenthalt wird gewährt, sein Diplom anerkannt, mit einen Sprach –Intensivkurs hat er schnell das sogenannte C1-Niveau und wird eine einjährige Weiterbildung im Bereich Biotechnologie beginnen, bei der TU-Berlin ein Praktikum absolvieren, um dann beruflich in Henningsdorf beim Berlin-Brandenburgischen Verband der Biotechnologie als Koordinator zu landen – hier wird er 15 Jahre bleiben.

Und seine Mutter setzt sich durch und wird Rahim unter die Haube bringen! Sie hat in einer befreundeten afghanischen Familie Samina gefunden, die ihrer Meinung nach ganz vortrefflich zu Rahim passt. Sie wird recht behalten, denn 1996 wir Rahim seine Ehefrau nach Berlin holen und sich mit ihr seinen „Kindheitstraum“ von vier Kindern erfüllen, 2 ½ Zimmerwohnung in der Lehrter Straße inklusive.

Seinen Wurzeln wird er immer treu bleiben, doch wie fühlt es sich an, wenn sein Heimatland im Chaos versinkt, wenn sein Zuhause mit Schlagworten, wie Terror, Radikalität und Anschlägen verknüpft wird, an friedliche Verhältnisse nicht zu denken ist und das Land unter verschiedensten Strömungen, wie die der Taliban, zu zerbrechen droht? Schwer nachzuvollziehen.

Rahim will tätig werden und ist eines der sieben ehrenamtlichen Gründungsmitglieder des 1996 in München entstehenden Vereins „Das Afghanistan Komitee“.
Zur Grundidee sagt er lächelnd: „Wir sind Akademiker und können mit Waffen nichts anfangen“, deshalb trägt der Verein das Label: Für Frieden, Wiederaufbau und Kultur.
Das er 2000 eingebürgert wird, ist fast nebensächlich.

Der Verein wird bis heute stetig wachsen Diskurs pflegen, politisch gehört werden, Politik kritisieren und immer wieder Forderungen formulieren und Ansätze erarbeiten, damit wie er sagt: „Afghanistan nicht vergessen wird!“
2011 wird der Sitz des Vereins in die Hauptstadt verlegt, Rahim übernimmt den Vorstand und die Nähe und der Einfluss zur Bundespolitik wird größer.
Er wirft die kommunikativen Netze aus und wird gehört, gebucht und gern gesehen im Bundestag, im Auswärtigen Amt und vielen weiteren Institutionen. Und seine Bemühungen werden Früchte tragen, sowohl bei der Integration von Afghanen die nach Berlin und Spandau kommen, denen er, wie es sein eigener Weg aufgezeigt hat, sprichwörtlich die goldenen Regeln an die Hand gibt: „Sprache ist Schlüssel für Integration “ und „Integration ist keine Einbahnstraße!“

Das er ab 2015 zwischen Afghanistan und Deutschland pendelt, weil er Teil eines Projektes des Auswärtigen Amt ist, dass im afghanischen Hochschulministerium Stipendien nach Deutschland vermittelt, zeigt nur eindrücklich, dass ihn die Heimat nicht loslässt – er wird am 15.08.2021, nach Abzug der amerikanischen Truppen und Sturz der Republik, mit deutschen Botschaftsangehörigen in einer Bundeswehr Maschine das Land verlassen.

Das er 2019 wohnlich komplett Spandauer wird und mit dem Bezirksamt ein Projekt, “Women empower Women“ auf die Beine stellt, dass sich um Ankommensstrukturen für afghanische Frauen kümmert, geht fast unter, zeigt aber nur seine unerschütterliche Motivation und den Willen Veränderung anzustoßen und zu gestalten.

Nach dreißig Jahren in Berlin und Spandau schlagen zwei Herzen in seiner Brust. Den trotz des unbändigen ehrenamtlichen Engagements für sein Geburtsland hat er in Spandau eine zweite Heimat gefunden.
Das seine Geschichte auch als Blaupause für andere Menschen mit Fluchterfahrung gilt, weiß er, gibt er weiter, lebt er vor.

Seine Tatkraft, sein Bestreben und der Kampf für ein friedliches Afghanistan, auf allen ihm sich bietenden Bühnen und Gelegenheiten, wird auch aus Spandau heraus keinen Deut nachlassen, wie auch sein Einsatz in unserem Bezirk, Menschen Türen zu öffnen, ankommen zu erleichtern, Berührung und Verbindung zu schaffen wird Bestand haben.

Auf die Frage, ob er bei friedlichen Verhältnissen nach Afghanistan zurückkehren würde sagt er unmissverständlich und klar „Ja“.

Auch wenn unserer Bezirk mit Ihm einen meinungsstarken Charakter, eine Brücke für Geflüchtete in die Teilhabe und eine unbändigen Kämpfer für Integration verlieren würde,
wünscht man ihm von Herzen, das dieser Wunsch irgendwann Wirklichkeit wird.

Die goldene Spandauer Ehrennadel 2024 für Gul-Rahim Safi.

Jürgen Pufahl

„Ich weiß sofort was los ist“, sagt Jürgen Pufahl, wenn Menschen seine Kanzlei betreten. Los ist bei Ihm ne ganze Menge, denn er hat einfach zu viele Interessen. Da verwundert es nicht, dass bei der Geburt seiner Söhne der Arzt etwas schneller spricht und sagt: „Ich weiß, dass Sie keine Zeit haben!“ Zeit hätte er gern etwas mehr für Beruf, Familie und Freizeit, denn als Anwalt, Notar a.D., Vereinsvorstand und Familienvater ist irgendwie immer was. Was er aber anpackt, zieht er durch und deswegen sind Jahresurlaube bei Ihm auch verdammt ausschweifend – nämlich eine Woche!

Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel – Jürgen Pufahl.

Schnell, effizient und lösungsorientiert wenns nach Jürgen Pufahl geht, könnte die Welt so aussehen – aber er weiß das tut sie nicht. Er wirkt etwas ruhelos, als wenn eine unsichtbare Triebfeder unerlässlich in ihm arbeitet und ihn unentwegt antreibt. Für ein Privatleben nicht immer förderlich, beruflich ein Erfolgsversprechen. Unbewusst schaut er gerne auf die Uhr oder tippt mit den Fingern nervös auf der Stuhllehne, weil ER immer was zu tun hat. Er sagt lächelnd dazu: „Es geht nicht darum was ich schaffe, sondern darum was ich nicht schaffe“. Privates gibt er Preis, aber mit bedacht. Da ist es fast beruhigend, dass er am Abend mit seiner Frau auch runterfahren kann und beruhigenderweise auch Sätze sagt, wie: „Man kann nicht alles können!“

Pragmatiker, Perfektionist und irgendwie ruhelose Seele.

Jürgen Pufahl wird am 18.01.1954 in Staaken, direkt in den 60 Mitarbeiter starken
Gärtnereibetrieb des Vaters, geboren.

Auch wenn er sich ans Herumtollen im Bullengraben erinnert, ist klar das das Geschäft Priorität hat und die komplette Familienbande mit „ran muss“. Aufgebaut vom Großvater, der mitunter auch 1923 den Südpark angelegt hat, ist die Weiterführung Verpflichtung und nicht nur loses Verkaufsgebaren.

Vielleicht rührt aus dieser Zeit die Charaktereigenschaft, die ihn heute auszeichnen wird, Dinge nicht halbherzig, sondern mit Lösungsorientierung und Ergebnis zu denken.

Die ersten schulischen Schritte wird er in der Zeppelin-Grundschule machen und relativ schnell auch eine gewisse Selbstständigkeit an den Tag legen. Mit Fächern, wie Sport und Musik kann er gut um, Fremdsprachbegabung ist ihm aber nicht gegeben.
Das zeigt sich auch beim Abitur am Kant-Gymnasium, das zu damaligen Zeiten mit einer Durchfallquote von 30 % aufwartet – die allgemeine Hochschulreife wird mit 19 Jahren ablegen, aber mit einer dezenten fünf in Englisch.

„In der Schule habe ich nur das Nötigste gemacht“, betont er lächelnd.
Affinität, Antrieb und ausschweifende Begeisterung hat er sprichwörtlich für ein anderes Feld.
Stell Dir vor es ist ein lauer Nachmittag und der Duft von frisch gemähtem Rasen liegt sanft in der Luft. Der Ball rollt gefühlvoll über den grünen Teppich, denn es ist nicht nur ein Spiel, es ist ein harmonisches Zusammenspiel, ein Einklang, Teil einer Choreographie, die nur diese Gemeinschaft versteht. Jedes Dribbling, jeder Pass ist ein Versprechen, das das Team zusammenhält, egal was passiert. Es ist kein Sport, es ist eine Liebeserklärung an das Leben – Jürgen ist dem Fußball verfallen und hat durchaus Talent, eine gewisse Ballaffinität und Leaderqualitäten – Eigenschaften, die er zukünftig noch brauchen wird.

Die Auswahl einer akademischen Leidenschaft fällt ihm deutlich schwerer, so viele Studiengänge und so viele eigene Interessen. Wer sich aber im heimischen Bolle-Markt aus reiner Neugier eine Ausgabe des BGB, des Bürgerlichen Gesetzbuchs, käuflich erwirbt, scheint Präferenzen zu haben.

Neben einem Vordiplom in Volkswirtschaft und einem Abstecher zur Publizistik wird er Jura studieren.
Mit Anfang 20 wird dann auch das elterliche Nest verlassen, welch Glück das die Erziehungsberechtigten in der näheren Umgebung ein Haus ihr Eigen nennen und Jürgen und sein Bruder zukünftig im Dachgeschoss hausen werden.

Zu dieser Zeit wird auch die positiv verhängnisvolle und fast spontane Idee entstehen einen Verein zu gründen.
1974 kickt Jürgen in der Fußball-Uni Mannschaft der „Spandauer Pillhühner“, bevölkert von Idealisten, Freunden, positiven Weltverbesserern und Doktor Matthias Wagner, der Jürgen Pufahl, das nächste halbe Jahrhundert begleiten wird. Das der Ausspruch: „Wollen wir nicht nen Verein gründen?“ 1975 Wahrheit wird und die „Spandauer Kickers“ eine fast 50-jährige Erfolgsgeschichte schreiben – wer hätte es gedacht.

Mit dem Zuverdienst der Kinderbetreuung neben dem Studium lassen sich schnell 50 Jugendliche begeistern, an der ersten Spielstätte Fehrbelliner Tor und später im heutigen Helmut-Schleusener Stadion zu kicken.
Doch schnell ist klar, dass Vorlesungen und Tutorien warten müssen, denn der Verein und seine Mitgliederzahlen wachsen rasant und Jürgen Pufahl setzt sein Studium schlichtweg erstmal aus. 200 Kinder, zehn Jugendmannschaften, Vorsitz, Spielertrainer, Jugendtrainer, Vorstandarbeit, Strukturen, Öffentlichkeitsarbeit setzen die Grundlagen für den erfolgreichen Bestand des Vereins bis heute.

1980 wird er sein Jurastudium wieder aufnehmen und sechs Jahre später erfolgreich vollbefriedigend abschließen, 1989 folgt das zweite Staatsexamen, um dann seine erste Kanzlei am Kurfürstendamm zu eröffnen, damals ohne einen einzigen Mandaten – wer seinen Biss und seine Motivation kennt, wird sich denken können, das das nicht lange so blieb.

Ende der 80 er nimmt er das Amt des ersten Vorsitzenden des Vereins wieder auf und wird diesen bis heute bekleiden.

Klar auffällig ist, dass der Mitte Dreißigjährige damals schon keine halben Sachen macht und ein beachtliches Pensum abreißt, da verwundert es fast das terminlich noch Spiel für die Geburt seiner Tochter aus erster Ehe ist.
Natürlich ist diese Aussage mit Ironie gespickt, Jürgen Pufahl ist auch Privatmensch, Musik – und Kunstinteressiert, liebender Vater, aber er folgt damals wie heute dem Grundsatz: „Man ist für sich selbst verantwortlich, aus seinem Leben etwas zu machen!“
Diese Maxime treibt ihn an, lässt sich aber nicht immer mit privaten Lebensumständen vereinbaren, Rastlosigkeit schafft im Umfeld auch mal Ratlosigkeit und diesen Drahtseilakt versucht er bis heute erfolgreich zu meistern.

Sein Meisterstück werden die „Spandauer Kickers“, mit stetiger Weiterentwicklung etabliert er den Leistungs- und Freizeitfußball, wird das Vorstandsteam auf fünfzehn Mitglieder anwachsen lassen, dem Verein 1992 in Weststaaken ein neues Zuhause bereiten und die Mitgliederzahl auf genau 800 ansteigen lassen, 40 Mannschaften und 9 Frauen- und Mädchenteams auf einer der schönsten Sportanlagen Berlins, inklusive.

Privat findet er sein Glück bei der Arbeit, wie sollte es anders sein. Seine Kanzlei ist in die Reichstraße umgezogen und zukünftig wird er die Mandatin aus Oberhausen nicht nur rechtlich beraten, sondern Silke zukünftig auch privat zur Seite stehen. 1998 werden bei-de den Bund der Ehe eingehen und ihre Zuneigung mit zwei Söhnen krönen.

Erfolg weckt bekanntlich Begehrlichkeiten. 1994 wird der Berliner Fußball-Verband auf seine Qualitäten aufmerksam. Die Aufgabe des rechtlichen Beraters, des Vizepräsidenten für Recht, die Reformierung dessen Satzung und das Prädikat „Mustersatzung für alle Vereine“ wird ihn 26 Jahre beschäftigen, wie auch der Ausschuss für Recht des Landessportbundes bis heute

Das er sich weiterhin mit Herzblut dem Kinderschutz verschreibt, sich in einer DFB-Kommission gegen sexualisierte Gewalt einbringt, eine bundesweite Broschüre mit ausarbeitet und die vereinseigene Satzung dahingehend anpasst, zeigt nur das gesellschaftspolitische Themen genauso seine Aufmerksamkeit wecken, wie Vereinsarbeit und seine
Kanzlei.

Das er mit Anfang 70 noch voller Elan steckt, zeigt das Projekt des Baus der Mehrzweckgebäude auf dem Vereinsgelände. Vor vier Jahren hat das Abgeordnetenhaus Gelder zur Verfügung gestellt, der erste Spatenstich lässt noch auf sich warten- ein Umstand der bei Ihm einen etwas höheren Blutdruck verursacht und mit kritischer Betrachtung der Bürokratie einhergeht.

Der Weg von Jürgen Pufahl geht weiter, denn auch mit 70 gibt noch einiges zu tun!

Für einen Mann, der sich seit 49 Jahren der Idee seines Sportvereins widmet, gern über den Tellerrand schaut, der anpackt und positiv angetrieben von Lösungsfindungen ist, um Dinge zu verbessern, zu verändern und voranzutreiben.

Auf das die Kurzereisen mit dem Bully mehr Platz in deinem Leben finden,
dir die Kultur bei Museumsbesuchen hold bleibt, dir die frische Brise beim Segeln um die Nase weht und du zukünftig Freitags beruflich etwas kürzer trittst und die Zeit mit deiner Gattin verbringst – auch wenn immer etwas zu tun ist.

Die goldene Spandauer Ehrennadel 2024 für Jürgen Pufahl.

Roswitha Petersen

Wer kann schon von sich behaupten zwei Leben geführt zu haben, ein fremdbestimmtes und ein selbstbestimmtes. Eine gewisse Bestimmtheit kann Sie ausstrahlen bei Sätzen wie: „Helmut Kleebank duz ich nicht“, aber gleichzeitig umgibt Sie ein unverwechselbarer Charme, der ihr den Spitznamen der „Kiezmutter“ beschert hat. Mütterlich kümmert Sie sich um die Neustadt, trotz ihres bewegten Lebens oder gerade deswegen.
Da passt es, dass Manne Ihre große Liebe des Lebens diese Eigenschaften gut einordnen konnte und verschmitzt gern sagte: „Meine kleine Frau Merkel!“

Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel – Roswitha Petersen.

Wer hat sich schon mal die wohlig warme Decke des Gesprächs umgelegt, wenn es emotional oder auch körperlich unangenehm wird.
Roswitha Petersen reicht einen diese Decke, wickelt sie empathisch, geborgen und einfühlsam um einen und wärmt diese mit ihrer Herzlichkeit. Denn ein Austausch mit ihr, so-bald sie jemanden in ihr Herz geschlossen hat, ist beindruckend unkompliziert, mit Ihrer unverwechselbaren Neugier und einem ganz unbewussten Tiefgang, der sich einem meist erst im Nachhinein erschließt. Rosi, wie vertraute sie nennen dürfen, öffnet, legt frei, deckt auf im Wunderland der verschiedensten Gefühlswelten, von dunkel bis himmelblau.

Versteherin, emotionales Auffangbecken, manchmal Heilerin.

„Ich bin ne Echte“, sagt Sie heute freudestrahlend.
Roswitha Petersen wird am 26.03.1943 unseren Bezirk mit Ihrer Geburt bereichern, damals wahrscheinlich noch nicht ganz so gesprächig.

Die Eltern habe die damalige klassische Aufteilung. Der Vater malocht im Carossa-Quartier und macht Luftfahrtgeräte flott und die werte Frau Mutter hütet Roswitha und ihre fünf Jahre ältere Schwester und schmeißt den Haushalt. Die Kleine Rosi flitzt durch die Nachbarschaft der Zweibrücker Straße und erinnert sich an Kohlekästen, Kekse und das ihr die englischen Soldaten den Kakao näher gebracht haben und ihr reihenweise Tafeln Schokolade zugesteckt haben.
„Die Süße“ wie Sie damals gerufen wird, wächst behütet auf.

Die ersten Lieblingsfächer der Penne sind Deutsch und Heimatkunde, auch wenn Sie die Fibel auswendig kann, fällt das Lesen noch schwer. Heute schwer vorstellbar, gilt Sie in damaligen Zeiten als schüchtern und lässt Ihrer Fantasie eher in Aufsätzen freien Lauf.

1954 findet man die ersten Vorboten des Public Viewing, im Wohnzimmer der Eltern. Als einzige Familie mit TV-Empfangsgerät schaut man gemeinsam mit Nacharn die Fuß-ball-Weltmeisterschaft.
1955 wird die Wilhelm-Leuchner schulische Heimat, mit vielsagenden Fächern, wie ochen und nähen, die Freizeit wird am Germersheimer Platz verbracht, umgeben von Gärten, wird dieser zum Markt der jugendlichen Eitelkeiten. „Der Schöne Klaus“ dreht mit dem Moped seine Runden und verlangt nach jeder Umrundung einen Kuss von der weiblichen Zuschauerschaft, im Hintergrund unterlegt mit den „Schlagern der Woche“ aus dem Transistorradio.
Flausen und Wünsche hat sie damals ausreichend und träumt vom Job als Sekretärin. „Ich hatte gute Anlagen, aber mir fehlte der Anreiz“, erinnert Sie die Zeit.

Statt tackern, tippen und Termine machen wird Sie sich um Spitzen, Stickereien und Negliges kümmern, als „Weißnäherin“, die Knopflöcher und Bügelarbeiten verrichtet und ab und an lokale Modehäuser mit anrüchigen Kleidungsstücke beliefert.

Zur Einordung: Ein Negligé ist die verführerischste Form des Damennachthemds. Verführerisch sind Rosis Rundungen damals durchaus, denn Sie „hat ja auch mal Figur gehabt“, wie sie lächelnd berichtet. Das Modehaus Horn wird Sie die anrüchigen Kleidungsstücke präsentieren lassen, bevor Sie dann ganz unprätentiös bei Siemens am Band mit Lötkolben an einem Prüffeld landet. Siemens rekrutiert damals junge Frauen zwischen 16-18 Jahren – Verdienst 30 Mark die Woche.

Dann trifft Sie ganz unvermittelt Amors Pfeil. Der schneidige Verkaufsfahrer und toremachende Teutonia Spieler Wolfgang verdreht Rosi vollends den Kopf.

1962 wird sich das „Ja-Wort“ gegeben, ein gemeinsames wohnliches Nest in der Kattfußstraße errichtet und eine Familienbande mit fünf Kindern gegründet. Die Beziehung wird über 20 Jahre Bestand haben – heute wird Rosi anzweifeln, ob es zu ihren besten Ideen gehörte, mit zarten 18 Jahren eine Ehe einzugehen.

Ihr Mann landet bei den Berliner Verkehrsbetreiben, sie in den Montgomery Baracks der Engländer, um im Offizierscasino denn Service zu organisieren, Umschreibung dafür damals „Messgirl“.

Eine soziale Ader und ein Gespür für Gefühlslagen von Menschen umgibt Sie damals schon und hierbei ist Ihr Engagement als schulische Elternvertreterin nur eine erste kleine Woge der Teilhabe, die sich zur unbändigen Welle des Engagements entwickeln wird.

Ihr kommunikatives Talent wird Sie weiter pflegen und anreichern, beruflich bei Schuh EGA in der Altstadt und ab 1972 als kesse Kioskbesitzerin am Hohenzollernring.

Wenn auch dezent zeigt sich bei der Ende Zwanzigjährigen immer wieder eine gewisse Zurückhaltung, eine Zerrissenheit unter der toughen Oberfläche, ein angeknacktes Selbstwertgefühl.

Beziehungen, Ehen, selbstgewählte Gemeinschaften bedürfen immer eines Fundaments, das unumstößlich mit Vertrauen, Hingabe und im besten Fall mit Zuneigung und Liebe aufgebaut wird, das hält, Gefühlsgewittern trotzt und bei stürmischen Streitigkeiten, niemals den Eindruck der Vergänglichkeit macht, dass man gemeinsam festigt – denn wer-den Risse nicht mit menschlichen Mörtel, Verständnis und Kompromissen aufgefüllt, entstehen ganze Spalten, die das Fundament und somit das ganze Haus Einsturzgefährden.

Rosi hatte mit ihrem Mann gute Zeiten, aber auch harte, die von Meinunsgverschiedenheiten, unvorstellbaren Handlungen, Missgunst, unkontrollierten Konsum und Angst geprägt sind – das von Rissen, Spalten und Kratern zerstörte Fundament wird von Ihr mit der Scheidung 1984 dem Erdboden gleichgemacht.

Sie nennt es den „Einstieg in ein neues Leben“, das mit Anfang 40 von Herzlichkeit, Mitmenschlichkeit und auch Selbstlosigkeit geprägt sein wird.

Eine wichtige Rolle hierbei spielt „Manne“, seines Zeichens adretter Schiffskapitän, der bei einer Mondscheinfahrt tänzerisch Rosi ein Feuerwerk bietet und Ihr zukünftig mit Ge-fühl und Einfühlungsvermögen fast 31 Jahre den „Himmel auf Erden bereitet“.
Er sieht ihr Potential und nennt Sie zukünftig augenzwinkernd: „Meine kleine Frau Merkel!“

Ab 1983 stellt Sie die Wichern-Radeland Gemeinde auf den Kopf, betreut Seniorinnen und Senioren, initiiert und gestaltet Seniorenkreise in der evangelischen Luther-Gemeinde, wird bei der Caritas Seniorenbeauftragte, organisiert im Paul-Schneider-Haus Kaffeerunden und Spielabende. Anfang der 90er knüpft sie Kontakt zum Verein Eulalia Eigensinn, der sich der Frauenarbeit widmet. In und mit einer Selbsterfahrungs-gruppe
verarbeitet Sie eigenen Traumatas, um zukünftig bis heute Gesprächsgruppen zu bereichern und Einzelpatenschaften für gewaltbetroffene Frauen zu übernehmen, die sie auch mal über Jahre begleitet und in Gesprächen am Selbstbewusstsein schraubt, Tränen trocknet, Wut kanalisiert, Auswege aufzeigt – Sie weiß wovon Sie spricht.

Das Sie sich nebenbei in Seelsorge, Besuchsdienst und Sterbebegleitung weiterbildet, sich um Suchtkranke beim Projekt Spaxx/Fixpunkt kümmert, einen Draht zu den Obdach-losen in der „Herberge zur Heimat“ hat und der Birkengrundschule zu einem Zaun verhilft, lässt erahnen das „Neustadts-Kiezmutter“ ihr Augen und Ohren überall hat, Beharrlichkeit bei Spandaus Amtsträgern und Bezirkspolitik inklusive, Freundschaften, wie mit dem
Kontaktbereichsbeamten selbstverständlich.

Über dreißig Jahre Kiezverbundenheit, Empathie mit denen, die es nicht so gut erwischt haben, Stütze, Seelenverwandte und überzeugte Spandauerin.

Roswitha Petersen ist eine im höchsten Maße emotional Getriebene und sammelt Emotionen und Menschen, unterlegt dies mit Herzlichkeit, wandert durch Gefühlslagen, spürt auf, seziert Ströme, Schicksale und Spannungen, landet meist da, wo es wehtut und wirft einen Blick ins Innere ihres Gegenübers, öffnet, deckt auf, legt frei, bereichert sich damit selber und hilft Menschen klarer auf sich selber zu blicken und dies mit einer Intensität die beindruckend ist.

Menschen für sich zu gewinnen, in kürzester Zeit Vertrauen zu erwecken und eine wohlig warme Decke des Gesprächs umzulegen ist eine Gabe. Damit Gefühlswelten anzugehen, Abgründe zu Wegen zu machen Menschen aufzurichten, das ist eine unbezahlbare Passion, der du da folgst.

„Nur unter Druck entstehen Diamanten“, besagt eine Redensart. Dein Weg zeigt auf, dass da was dran ist.

Ich wünsche Dir immer gute Karten, das dein Faible für Lesungen nicht nachlässt, immer einen Enkel auf dem Arm, das die Musik von Peter Maffay dich weiter beschwingt, du weiter Mandalas auf Leinwände zauberst, vielleicht doch nochmal die „Senior Singers“ aufmischt und weiter dranbleibst an Menschen.

Für Neustadts Kiezmutter, für eine beindruckende Dame und einen Diamanten für Spandau Zusammenleben.

Die goldene Spandauer Ehrennadel 2024 für Roswitha Petersen.