Kiezgrößen kennt man eigentlich nur aus Hamburg, wenigsten schlägt sein Herz für den dortigen Fußballverein. Nen Verein hat er in Spandau nicht, aber nen Kiosk und statt ner Mannschaft hat er eher ne Fankurve von Bewohnerin und Bewohner rund um den Wester-waldplatz. Platz macht ihn irgendwie nervös, deshalb hat er ein leichtes Faible für Ordnungssysteme. System hat auch, das er ne Menge für den Kiez tut, den er stolz als sein Wohnzimmer betitelt. Titel sind ihm dabei zweitrangig, auch wenn Frank Bewig sagt er sei im Westerwald der Bürgermeister. Sein Meister in der Lehre hat ihn geprägt, mit vielsagenden Sätzen wie: Wenn eine Dame vor dir liegt, fragst du auch nicht was du machen sollst!“
Machen ist sein Credo, am besten auf kurzem Weg und ohne Anwalt – klingt fast kriminell, ist aber eines seiner legalsten Erfolgsrezepte
Vorgeschlagen für die goldene Spandauer Ehrennadel – Sleiman El-Kerdi.
Sleiman El-Kerdi ist irgendwie ständig auf Zack und irgendwie immer unter leichtem Strom. Ihn umgibt etwas Jungenhaftes, vermengt mit einer gewissen Impulsivität, die deutlich hervortritt, wenn er über seinen Kiez redet. Hier mischen sich Ungeduld mit Lösungskompetenz, Ärger und Kampfeswille, aber auch die seichte Seite eines Familienvaters, der gelernt hat Verantwortung für sich und sein Umfeld sprichwörtlich anzunehmen
und Werte vorlebt. Gespräche mit Ihm sind immer aufgeweckt, klar, direkt und ausführlich – kommt er einmal ins plaudern, ist er schwer aufzuhalten.
Sein Engagement lebt von Leidenschaft, Liebe zu seinem Kiez und einem Gefühl des „möglich machens“, was mit fast Mitte dreißig tief in Ihm verwurzelt ist.
Meinungsstark, heimatverbunden und ganz klar Westerwaldplatz
Sleiman El-Kerdi wird als Sohn Spandaus klassisch am 19.09.1989 im
Waldkrankenhaus das Licht der Welt erblicken und die Nabelschnur zu Eltern und unserem Bezirk wird nie wieder abreißen.
Vater und Mutter zieht es 1972 aus dem Libanon nach Spandau in die Westerwaldstraße, wo er in einer Vier-Zimmerwohnung, unter wildem Treiben, mit fünf Schwestern und zwei Brüdern groß wird. Er ist der Vorletzte von acht Kindern, was ganz bestimmt nicht heißt, dass seine Eltern ihn nicht auch strebsam, fleißig und mit einer gewissen Strenge erziehen.
Der Vater schlägt sich als Garten- und Landschaftsbauer durch, die Mutter kümmert sich um das heimische Geschehen – eine positive Einwanderungsgeschichte.
Der Besuch der Siegerland-Grundschule ist mehr notwendiges Übel, als mit schulichen Pflichtbewusstsein verbunden. Wenn er nicht gerade mit dem Kassettentape Musik aus dem Radio mitschneidet oder bei Schwarz-Weiß kickt, weiß er wie er sich die väterliche Missgunst vom Laib hält: „Keinen Mist bauen und keine fünf mit nach Hause bringen!“
Auch als er an die Betraven Gesamtschule kommt, bleibt er größtenteils anständig, fast „langweilig“ wie er es nennt und zieht mit sieben anderen Jungs durch die Häuserschluchten, Straßen und Plätze. Nicht quer durch die Hauptstadt, wie man meinen könnte, sondern größtenteils durch den heimischen Kiezkosmos, rund um den Westerwald-platz.
Ein dezent freches Mundwerk und ein Hang zum „Klassensprechertypen“, wie er es nennt sind damals schon ausgeprägt. Überzeugungskraft und Liebe zum Kiez wird es sich bis heute beibehalten.
Zu dieser Zeit entdeckt er sein Faible fürs fummeln, fingern und drehen – aber nicht am weiblichen Geschlecht, das würden die Traditionen der Eltern nicht zulassen, sondern an Platinen, Prozessoren und PC’s im Internetcafe seines Bruders in der Lynarstaraße.
Da verwundert es nicht, dass er 2006 eine Ausbildung als IT-Systemelektroniker bei der Telekom beginnt, Webeslogan damals „Hallo Zukunft!“ – und die kommenden Jahre werden diese sprichwörtlich prägen.
Mentor und Ausbilder Rainer Suckow ist positiver Antreiber, Lebenshilfe und Ratgeber zugleich. Damals anstrengender Vorgesetzter, der Pünktlichkeit fordert, Gewissenhaftigkeit voraussetzt und selbst Versprecher ahndet, benutzt Sleiman heute Aussprüche, wie Vorbild, Respekt und „das Beste, was mir passieren konnte“ für ihn – das Band zwischen den beiden wird nie abreißen.
Dass er zu der Zeit den größten Teil seines Lehrsolds im „Hotel Mama“ abgibt hat was von löblichen Nachwuchs, das seine Mutter heimlich Teile zurücklegt und ihm zum 18ten einen Auto zu schenkt, ist wohl die Mutterliebe, die uns hoffentlich allen schon mal zu teil geworden ist.
Nach drei Jahren „Arschbacken zusammenkneifen“ hat er nicht nur die Lehre bestanden, gleich noch das Fachabi in der Tasche und die Welt steht ihm offen – und führt ihn eine Weltmetropole, zu einer Brandenburger Perle – in die Kreissstadt Prenzlau um den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr abzulegen.
Körperliche Grenzen, Strukturen und eine gewisse Ordnung nimmt er positiv an, aber Erfahrungen, wie Rassismus, fehlende Akzeptanz oder Aussprüche, wie „Affe in Uniform“, der hiesigen Stadtgesellschaft lässt er an sich abperlen.
„Die Zeit hat mich zum Mann gemacht“, sagt er mit unübersehbaren Stolz.
2014 zieht er in seine erste eigene Bude in den Brahmwaldweg, die Telekom bleibt berufliche Heimat.
Themenwechsel!
Private Sozialstudien aus Spandau belegen, das keine Location mehr gesellschaftliche Sparten zusammenführt, dass der neuste Klatsch immer hier zu erfahren ist, hier immer eine Böe der aktuellen Stimmung des Kiezes durchweht, nirgens mehr Kaffee über die Theke geht, Probleme in näherer Umgebung zuerst hier zur Sprache kommen, vom Nachwuchs bis zum Rentner alle zur Kundenklientel gehören und hier auch gerne mal der Bauarbeiter mit dem Finanzfachangestellten die aktuelle Weltlage ausdiskutiert – der Kiezkiosk, in dem von Süßigkeiten, Suddeutsche bis zur Spirituose alles käuflich zu erwerben gibt.
2018 wird Sleiman das heutige Herz des Westerwaldplatzes übernehmen und sprichwörtlich „Leuten Tabak verkaufen, die ihm mal Fahrrad fahren beigebracht haben“.
Das er sich damit nicht nur ein zweites Standbein aufbaut, sondern auch soziale Verantwortung übernimmt, ist gewollt und für ihn selbstverständlich, den Courage hat er.
Pfarrer kümmern um Ihre Gemeinde, Bürgermeister um Ihren Bezirk und Sleiman um seinen Kiez, das Gemeinwohl, den Zusammenhalt der Menschen und Ihre Sorgen und Nöte, also ein Thema das aktueller nicht sein könnte.
Der Kiosk ist quasi die Anlaufstelle des kleinen Mannes, Schaltzentrale des 34-jährigen und die Parkbank gleich daneben Treffpunkt der El-Kerdis an Sonnetagen, an der sich nach Feierabend die ganze Familie dort einfindet.
„Das ist unser Wohnzimmer“, sagt er mit strahlenden Augen.
Das er nebenbei Müllsammelaktionen organisiert, sich für die Umwidmung in eine Spielstraße eingesetzt hat, für Straßenlaternen in dunklen Ecken kämpft, eng mit dem Quartiersmanagement vor Ort zusammenarbeitet, die Menschen für mehr Begrünung mobilisiert, den Trinkbrunnen von Verstopfung durch Yúm-Yum Suppen befreit, versucht Gelder aus dem Bürgerhaushalt zu akquirieren, Streits auf „kurzen Wegen-ohne Anwälte“ schlichtet und versucht die 60 Jahre Sanierungsstau seines Viertels zu handlen ist pure Verbundenheit zum eigenen Lebensraum.
Eingebracht hat ihm das Verantwortung, Teilhabe an der Gebietskoordination, einen ehrenamtlichen Posten im Mieterbeirat der Berlinovo, wo er sich um Mieterbelange direkt kümmert, nicht zu vergessen ein sechsjähriges Engagement als Hauptschöffe bei Gericht. Das er sich damit eine Menge Verantwortung einhandelt, er auch im politischen Spandau eine gewisse Bekanntheit erlangt hat und Frank Bewig ihn schon mal als „Bürgermeister im Westerwaldkiez“ geadelt hat, nimmt er mit einem gewissen Stolz.
Das er nebenbei 2021 noch heiratet und die kleine Nour zu Welt kommt, gerät dabei fast zu Nebensache, wie auch die Planungen des Bezirks für ein multifunktionales Begegnungszentrum an der Westerwaldstraße 16.
„Da reden wir von 2035“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht, um daraufhin sofort von seiner nächsten Idee zu berichten. Der Westerwaldplatz ist Spielstraße und da viel motorisierte Menschen mit Schrittgeschwindigkeit fremdeln, wünscht er sich Fahrbahnschwellen, die ein Rasen verhindern.
Sleiman El-Kerdi ist rastlos, randvoll mit Ideen, irgendwie positiv verrückt und mit einer Kiezverbundenheit ausgestattet, dass er mit seiner Familie vor einigen Monaten aus der Zeppelinstraße (ca. 1km entfernt) wieder in die Westerwaldstraße gezogen ist, weils einfach zu weit weg war.
Verdient diese tiefe Verbundenheit Respekt, verdient diese Liebe zum eigenen Kiez Bewunderung und verdient ein 34-jähriger dafür die Spandauer Ehrennadel?
Sprechen wir nicht in diesen Zeiten von Zusammenhalt der schwindet, von einem Miteinander das belastet ist, von Gemeinschaften, die zerbrechen und Verhältnissen, die untragbar sind ?
Sleiman El-Kerdis zeigt Einstellung und Courage, wie wir unseren eigenen Mikrokosmos besser machen, umgestalten und durchaus auch verschönern können, kommunikativ, mit Herz und Schnauze, mit Eigenmotivation und durchaus mit positiven Tugenden und Ergebnissen.
Ich wünsche Dir, das du im „Kiez Kerdi Kiosk“ weiter mit Kaffee um dich schmeißt, im Familienurlaub am Timmendorfer Strand mal auf die Erreichbarkeit pfeifst, das der Hamburger SV mal wieder in der höchsten deutschen Liga spielt, du mal selbst wieder zur sportlichen Ertüchtigung kommst und dein Motto bleibt: „Wenn jeder ein bisschen macht, ist doch alles fein!“
Die goldende Spandauer Ehrennadel 2024 für die „Kiezgröße, Kommunenkönig und Kolonieversteher“ im Westerwaldviertel Sleiman El-Kerdi.