Gedenken anläßlich des 25. Todestages von Karl Neugebauer

Portraits der Vorsteher der BVV Spandau hängen in einer Galerie auf dem Flur vor dem BVV-Saal im Rathaus

Von 1971 bis 1985 leitete Karl Neugebauer als Vorsteher die Geschicke der BVV mit jener Mischung aus Souveränität, Humor und diplomatischer Klugheit, die ihn über alle Parteigrenzen hinweg respektiert machte.

Karl Neugebauer verstand die Bezirksverordnetenversammlung als das, was sie im allerbesten Sinne sein soll: die Herzkammer der kommunalen Demokratie. Als Vorsteher der BVV war er mehr als nur ein Sitzungsleiter. Immer wieder heißt es, er war ein Brückenbauer. Er wusste, dass in der Kommunalpolitik am Ende nicht die ideologische Trennlinie zählt, sondern die beste Lösung für den Bezirk. Mit einer sachlichen, ausgleichenden, aber konsequenten Art hat er Konflikte moderiert und das Ansehen der Bezirksverordnetenversammlung nachhaltig gestärkt. Er war der Erste unter Gleichen – und ein Diener der demokratischen Kultur. Einer, dem wohl auch dieses Gedenken 25 Jahre nach seinem Ableben peinlich gewesen wäre.

Gedenken

zum 25. Todestag von Karl Neugebauer

Der Vorstand der Bezirksverordnetenversammlung Spandau erklärt zum Gedenken an eine über viele Jahrzehnte hinweg prägende Persönlichkeit in der Spandauer Bezirksverordnetenversammlung:

Der 31. Mai 2026 ist Anlass, um den Blick zurückzurichten. Wir gedenken eines Mannes, der vor genau 25 Jahren von uns gegangen ist, dessen Wirken in unserem Bezirk Spandau und in unserer Stadt Berlin dennoch bis heute unvergessen ist: Karl Neugebauer.

Für den Vorstand der Bezirksverordnetenversammlung Spandau ist es eine besondere Ehre und ein bewegender Moment, der verdeutlicht, dass wir Bezirkspolitiker in der Nachfolge derer stehen, die dieses Amt vor einem mit Leben, mit Würde und mit demokratischer Leidenschaft gefüllt haben. Karl Neugebauer war einer der Großen in dieser Reihe.

Geboren wurde Neugebauer 1913 in der Nähe von Berlin. Bereits als 15jähriger Junge verschrieb er sich der politischen Arbeit. 1928 trat er in die sozialistische Arbeiterjugend ein, 1931 in die SPD. Es war eine Zeit, in der politisches Bekenntnis Mut erforderte. Während der dunklen Jahre der NS-Diktatur musste er als überzeugter „Sozi“ zweimal untertauchen. Doch kaum war der Krieg beendet, war er zur Stelle: Er gehörte zu jenen Männern, die 1946 die erste Spandauer Bezirksverordnetenversammlung mit aus der Taufe hoben.

Insgesamt widmete er fast ein Vierteljahrhundert seines Lebens der aktiven Kommunalpolitik in der BVV – zunächst von 1946 bis 1948 und erneut ab 1963. Von 1971 bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 1985 leitete er als Vorsteher die Geschicke der BVV mit jener Mischung aus Souveränität, Humor und diplomatischer Klugheit, die ihn über alle Parteigrenzen hinweg respektiert machte.

Sein beruflicher Weg führte ihn vom Auto- und Motorenschlosser über den Betriebsingenieur bis hin zum Volksschullehrer und Leiter von Kinderheimen. Er wusste, was Arbeit bedeutet. Diese Erdung prägte seinen politischen Stil. Seine Devise lautete: „Man muss den politischen Gegner mit Argumenten überzeugen, auch wenn das manchmal Sisyphusarbeit ist.“ Taktische Spielchen oder „Vitamin B“ waren ihm fremd.

Neugebauer war Sozialdemokrat durch und durch, heißt es von Zeitzeugen und in den Archiven der Spandauer Zeitungen. Vor allem anderen war er aber ein leidenschaftlicher Bezirkspolitiker, der vielen als „Mann mit der Zigarre“ in Erinnerung blieb. Vor Fernsehen, TikTok und Instagram fand seine Politik auf den Straßen Spandaus, in den Nachbarschaften, im direkten Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern statt.

Karl Neugebauer verstand die Bezirksverordnetenversammlung als das, was sie im allerbesten Sinne sein soll: die Herzkammer der kommunalen Demokratie. Als Vorsteher der BVV war er mehr als nur ein Sitzungsleiter. Immer wieder heißt es, er war ein Brückenbauer. Er wusste, dass in der Kommunalpolitik am Ende nicht die ideologische Trennlinie zählt, sondern die beste Lösung für den Bezirk. Mit einer sachlichen, ausgleichenden, aber konsequenten Art hat er Konflikte moderiert und das Ansehen der Bezirksverordnetenversammlung nachhaltig gestärkt. Er war der Erste unter Gleichen – und ein Diener der demokratischen Kultur. Einer, dem wohl auch dieses Gedenken 25 Jahre nach seinem Ableben peinlich gewesen wäre.

Denn zu Lebzeiten begegnete er Ehrungen und Auszeichnungen mit einer bewundernswerten hanseatischen – oder besser: Spandauer – Bescheidenheit. Als ihm 1978 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen wurde, kommentierte er dies mit den Worten: „Solche Orden mag ich nicht besonders. Was ich geleistet habe, sei nur zu selbstverständlich.“ Viel mehr bedeutete ihm die Anerkennung seiner Arbeit im Jugendbereich.

Im Jahr 1985 wurde Karl Neugebauer eine der höchsten Auszeichnungen zuteil, die unsere Stadt zu vergeben hat: Ihm wurde die Würde des Stadtältesten von Berlin verliehen.

Dieser Titel wird nicht leichtfertig vergeben. Er gebührt jenen Persönlichkeiten, die sich in herausragender Art und Weise und über lange Zeit um die Selbstverwaltung der Stadt Berlin verdient gemacht haben. Karl Neugebauer war ein Stadtältester im schönsten Wortsinn: Ein erfahrener Ratgeber, ein Hüter des Gemeinwesens, ein Vorbild an bürgerschaftlichem Engagement.

Ein Vierteljahrhundert ist seit seinem Tod vergangen. Die Welt, Berlin und auch unser Spandau haben sich in diesen 25 Jahren rasant gewandelt. Die Themen auf der Tagesordnung unserer BVV mögen heute teilweise andere sein als zu seiner Zeit. Was bleibt, ist ein wenig jener Geist, den Karl Neugebauer verkörperte: Der Glaube an das Argument, die Leidenschaft für die Jugend und die tiefe Liebe zu unserem Bezirk.

Sein Weggefährte Werner Salomon nannte ihn einen „Glücksfall für Spandau“. Und tatsächlich: Karl Neugebauer hat bewiesen, dass man mit einer klaren Haltung, einer Prise Humor und – vielleicht – einer guten Zigarre viel für die Menschen erreichen kann.

Sein Ehrengrab auf dem Friedhof „In den Kisseln“ ist ein Ort der Erinnerung und ein steinerner Auftrag an uns alle: Die demokratische Kultur vor Ort zu pflegen, den Zusammenhalt im Bezirk zu stärken und die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger stets in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen.

Wir verneigen uns heute in tiefem Respekt vor der Lebensleistung von Karl Neugebauer. Spandau und Berlin werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Uwe Ziesak
Der stellvertretende Vorsteher für den Vorstand der BVV Spandau