Geschichte der Kleingartenanlagen in Pankow
Die einzelnen Kleingartenanlagen in Pankow unterscheiden sich in ihrer Entstehungsgeschichte und repräsentieren unterschiedliche Traditionen.
Ihre Überschrift :Die Arbeitergärten vom Roten Kreuz
Arbeitergärten des Roten Kreuzes entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts im damals noch eigenständigen Charlottenburg, in Berlin und später auch in anderen deutschen Städten. Eine treibende Kraft war der Geheime Regierungsrat Alwin Bielefeldt (1857-1942). Ihm gelang es, den Berliner Volksheilstättenverein des Roten Kreuzes und den Vaterländischen Frauenverein für die Errichtung von Kleingartenanlagen zu gewinnen. 1906 wurden die Gärten im „Verband deutscher Arbeitergärten vom Roten Kreuz“ unter der Leitung von Bielefeldt zusammengefasst.
Es war das zentrale Anliegen der Arbeitergärten, grassierenden Krankheiten wie der Tuberkulose zu begegnen. Gesundheitsfördernde Gartenarbeit in Licht und Luft sollte der Gesundheit und als Hilfe zur Selbsthilfe dienen. Kriterien für die Verpachtung waren neben objektiver Notlage, Invalidität durch Kriegsteilnahme, Kinderreichtum und chronischen Krankheiten eine kaisertreue Gesinnung und ein guter Leumund. Diese Praxis wurde von vielen Arbeitern als obrigkeitsstaatliche Bevormundung empfunden und deshalb misstrauisch beäugt.
Die Generalpacht
Von Bodeneigentümern eingesetzte Generalpächter verpachteten um die vorletzte Jahrhundertwende Kleingartenparzellen im Stadtgebiet und in der Umgebung von Berlin. Oft war die Verpachtung auf ein Jahr begrenzt. Der Generalpächter bestimmte die Höhe der Pacht, herrschte über die Preise, die Gartenordnung, die Unterverpachtung und die Konzession zum Ausschank von Bier. Die Kleinpächter waren dem Generalpächter ausgeliefert. Mit der „Kleingarten- und Kleinpachtlandordnung“ vom 31. Juli 1919 wurde schließlich ein gesetzlicher Schutz für Schrebergärten geschaffen und die Generalpacht verboten.
Die 1910 gegründete Kleingartenkolonie KGA „Neues Heim“ ist aus der 1901 gegründeten Anlage „Neu Berlin“, einem Kleingartengelände unter Generalpacht, hervorgegangen. Heute ist diese Anlage als „Sichtgarten“ der Öffentlichkeit zugänglich und liegt nahe dem Volkspark Prenzlauer Berg.
Die Berliner Laubenkolonisten
Gegen Wohlfahrt, Stadt und Patronat, vor allem aber gegen die Generalpächter schlossen sich Kleingärtner in Vereinen zusammen. 1911 kam es zur Vereinigung sämtlicher Pflanzervereine in und um Berlin zum „Verband der Laubenkolonisten Berlins und Umgebung“. Erstmals im Jahre 1910 hatte die Stadt ein Areal in Blankenburg, das aus ehemaligen Rieselfeldern bestand, an die Laubenkolonisten dauerhaft verpachtet. Es wurde vom Verein in eigener Regie verwaltet. Sehr viel Aufmerksamkeit wurde dem Wohl der Kinder gewidmet, deren Betreuung man sich teilte. Im Bewusstsein der erkämpften Freiheit pflegte man ein Gemeinschaftsgefühl – bei der Arbeit wie beim Feiern.
„Eine Umfrage im Jahre 1912 hatte ergeben, dass 70 % der Berliner Volksschüler keine Vorstellung von einem Sonnenaufgang hatten, 54 % kannten keinen Sonnenuntergang, 76 % keinen Tau. 82 % hatten noch nie eine Lerche gehört, viele nie einen Frosch, eine Schnecke, eine Birke, ein Ährenfeld, ein Dorf, einen Berg, einen Fluss gesehen.“
Dietrich Mühlberg, Anfänge der Arbeiterfreizeit, Ausstellungskatalog Berlin/O. 1989
Die Kleingärten in den Notzeiten der Weltkriege
Während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges wurde die Obst- und Gemüseproduktion der Kleingärten dringend für die Versorgung der Bevölkerung benötigt. Vor allem Frauen waren die Trägerinnen dieser als kriegswichtig erachteten Tätigkeit. Daneben dienten die Kleingärten im Zweiten Weltkrieg als Zufluchtsorte für Berliner, deren Häuser und Wohnungen durch Luftangriffe zerstört worden waren.
Auch nach dem Krieg dienten die Kleingärten noch als Notunterkünfte. Ebenso wurden große Teile des zerstörten Berlin kleingärtnerisch genutzt. In den ersten Nachkriegsjahren waren die Kleingärten für die Versorgung der Bevölkerung überlebenswichtig.
Widerstand und Verfolgung in der NS-Zeit
Das zuvor demokratisch organisierte Kleingartenwesen wurde unter den Nationalsozialisten weitgehend gleichgeschaltet und „arisiert“. Politisch unliebsamen Kleingärtnern wurde die Parzelle gekündigt. Dennoch gab es vereinzelt Widerstand. In der Kleingartenanlage Heinersdorf wurden von couragierten Kleingärtnern Juden versteckt. Auch die Widerstandsgruppe um Gerda und Gerhard Sredzki fand hier ein Versteck. Den Mitgliedern der Gruppe gelang es, mit gefälschten Attesten aktive Widerstandskämpfer vom Kriegsdienst fernzuhalten. In der Laube von Hans Beyermann in der Heinersdorfer Kleingartenanlage „Friedrichshöhe“ erlebte die Gruppe im April 1945 den Einmarsch der sowjetischen Armee.
Der Fabrikarbeiter Wilhelm Blank (1899-1945) unterstützte die Unterbringung von untergetauchten Mitgliedern der verbotenen KPD. Blank wurde im April 1943 inhaftiert und starb 1945 im Konzentrationslager Mauthausen an den Folgen der Zwangsarbeit. Er wohnte seit 1933 in einer Laube der Kleingarten¬kolonie „Friedenstal“ an der Kniprodestraße. In der Grünanlage in der Storkower Straße 53-55 erinnert heute eine Gedenktafel an ihn.
Kleingärten in der DDR – der VKSK
Die Kleingärtner und Siedler in der DDR waren im VKSK – dem Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter – organisiert. Der Verband wurde 1959 gegründet und hatte bis 1988 über eine Million Mitglieder. Obwohl das „kleinbürgerliche“ Relikt Kleingärtner nicht in das politische Weltbild der DDR-Regierung passte, wurden Kleingärten geduldet, da sie sich als unerlässliches ernährungswirtschaftliches Potenzial, vor allem in kritischen Versorgungszeiten, erwiesen. Der VKSK löste sich am 27. Oktober 1990 auf und schloss sich dem Bundesverband Deutscher Gartenfreunde an.
Knapp eine Million Kleingärtner sind heute in Deutschland unter dem Dach des Bundesverbands Deutscher Kleingärtner organisiert. Rund die Hälfte aller Kleingärten befinden sich in den ostdeutschen Bundesländern, einschließlich Berlin. Die Kleingärten wie auch andere kleine Grundstücke wurden oft auch als „Datsche“ bezeichnet. Sie spielten als Rückzugsgebiete in der „Nischengesellschaft“ (Günther Gauss) DDR eine bedeutsame Rolle. Sie gaben in all ihren Beschränkungen Raum für private Betätigung und zwischenmenschliche Begegnung ohne staatliche Bevormundung.
Die Kleingartenanlage Park Rosenthal Nord
Diese Kleingartenanlage im Norden von Pankow ist eine Gründung aus dem Jahr 1977. Sie ist als Kleingartenpark nur mit einem Außenzaun umgeben und damit als öffentlich begehbare Grünfläche angelegt. Eine Besonderheit dieser Anlage ist ein 500 m langer Naturlehrpfad.
„Ihre in liebevoller Freizeitarbeit über den eigenen Bedarf hinaus erzeugten Qualitätsprodukte, darunter bedeutende Mengen an Obst, Gemüse, Honig, Eiern, Kaninchen- und Geflügelfleisch, finden die Anerkennung der Bevölkerung und haben dem Verband zu wachsenden Ansehen verholfen.“
Erich Honecker, 1977. Grußadresse des ZK der SED, 4. Verbandstag, in: Garten und Kleintierzucht, Heft 9/1977, S. 3
Die Wiederentdeckung der Kleingärten?
Die Sehnsucht vieler Großstädter nach einem ursprünglichen Leben hinterlässt auch in den Kleingartenanlagen Spuren. 45 Prozent aller Neuverpachtungen gingen zwischen 2003 und 2008 allein an junge Familien. Deren häufig ökologische Ernährungs- und Lebensweise weckt den Wunsch, selbst zu gärtnern und Zeit im Freien zu verbringen. Ein Indiz für diesen Wandel sind die neuen, innovativen Kleingartenhäuser, die modern und flexibel gestaltet sind.
Etwa 7,5 Prozent von den rund vier Millionen organisierten Kleingärtnern in Deutschland sind Migranten (circa 300.000). Die meisten von ihnen sind Spätaussiedler aus Russland, gefolgt von deutschstämmigen Migranten aus Polen. Die türkischstämmigen Kleingärtner machen die drittgrößte Gruppe aus. Für die Kleingärten kündigt sich ein Generationenwechsel an. Ob Familien mit Kindern, Paare und Migranten in ausreichender Zahl als Kleingartenpächter gewonnen werden können, hängt auch von der Bereitschaft der alteingesessenen Kleingärtner ab, deren Bedürfnissen entgegenzukommen.
Gefährdungen der Kleingärten
Der Volksentscheid im Jahre 2014 über das Schicksal der Kleingartenanlage „Oyenhausen“ in Berlin-Tempelhof wirft ein Schlaglicht auf die Interessenkonflikte, die städtebauliche Planungen für Straßen, Wohnungen und Gewerbe mit sich bringen können. Gerade die innerstädtischen Kleingartenanlagen stehen zur Disposition, wenn es darum geht, in Zeiten knappen bezahlbaren Wohnraums, Wohnungen zu bauen.
Der 2014 verabschiedete Kleingartenentwicklungsplan sieht vor, dass rund 600 der insgesamt 900 Berliner Anlagen ein dauerhafter Schutz garantiert wird. Insgesamt rund 160 weitere Anlagen haben nur einen befristeten Schutz. Die Bestandsschutzgarantien vieler Kleingärten gehen einher mit der Forderung aus der Politik, dass die Anlagen verstärkt für die Öffentlichkeit geöffnet werden müssen. Die meisten Kleingartenanlagen in Pankow sind laut Kleingartenentwicklungsplan Berlin 2014 bis zum Jahr 2020 geschützt.
Wie wird man Kleingärtner? – Anleitung und Ermutigung
Mit etwas Geduld und Beharrungsvermögen findet jeder seinen Garten. Wem der Weg ins Brandenburgische zu weit ist und wer seinen Geldbeutel schonen will, der sollte sich umschauen. Spaziergänge durch die Kleingartenanlagen und Gespräche mit den Pächtern ergeben vielerlei Einsichten. Wer einen Kleingarten pachten möchte, wende sich einfach direkt an den im gewünschten Bezirk ansässigen Bezirksverband, um sich auf eine Warteliste setzen zu lassen.