Kleingärten

In schöner Regelmäßigkeit wird in der Presse von unerschrockenen Kleingärtnern berichtet, die mit Zähnen und Klauen ihre Gärten gegen den Bau von Wohnungen, Straßen und Gewerbegebieten verteidigen. Gleichzeitig sind die abgesperrten Kleingartenanlagen für viele Berlinerinnen und Berliner unbekanntes Land (Terra Incognita). Der Bezirk Pankow beherbergt eine große Zahl an Kleingärten unterschiedlichster Couleur.
Urbanen Menschen zu gestehen: „Ich bin Kleingärtner“, ist einem Coming-out gleichzusetzen. Noch immer herrscht das Klischee, dass Kleingärtner bornierte Spießer sind, die sich von ihren Gartenzwergen kaum unterscheiden lassen. Doch leise und zaghaft macht sich eine Renaissance der Kleingärten bemerkbar. Junge, urbane Familien sehen für sich und ihre Kinder im Kleingarten eine günstige und räumlich nahe Möglichkeit, Natur zu erleben und ihrem Berufsleben ein Gegengewicht zu geben. Nicht nur biologisch einzukaufen, sondern sein Gemüse und Obst direkt selbst anzubauen, ist zu einem erstrebenswerten Gut geworden.
Der Entstehung der Kleingärten lag genau dieses Bedürfnis zugrunde: nach Luft, Licht und unmittelbare Naturerfahrung, wie sie auch heutzutage für Großstädter wichtig sind. Doch standen diese Ziele damals unter dem Vorzeichen der Not.
Die Arbeit an der frischen Luft im Tageslicht sollte die Folgen lindern, die das Leben in dunklen beengten Stadtwohnungen mit sich brachte, und die Arbeiter außerdem in die Lage versetzen, sich mit Obst und Gemüse zu versorgen.
Kleingärten tun nicht nur den Kleingärtnern gut, sondern auch den übrigen Stadtbewohnern. Der Staub in der Luft wird reduziert und die Luft gekühlt. Allen Vorbehalten zum Trotz, Kleingärten sind ein zukunftsfähiges Element einer lebenswerten Stadt!

Der Kleingärtner – Das unbekannte Wesen

Noch immer ist ein mildes, mitleidiges Lächeln die Antwort auf das Bekenntnis „Ich bin Kleingärtner“. Die vermeintlich schlichten Gemüter in ihrem „Rentnerparadies“ werden als „Laubenpieper“ betrachtet, denen die Suche nach Ordnung im typischen deutschen Verein, die deutsche Fahne und der akkurat gepflegte Rasen über alles gehen.
Vladimir Kaminer beschreibt in seinem Buch „Mein Leben im Schrebergarten“ die Atmosphäre in einer typischen Kleingartenanlage. Der Autor spielt mit überkommenen Klischees und führt mit augenzwinkerndem Humor in die Welt der Kleingärten ein.

Was ist ein Kleingarten? ,,Ein Kleingarten ist ein Garten, der dem Nutzer (Kleingärtner) zur nichterwerbsmäßigen gärtnerischen Nutzung, insbesondere zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf, und zur Erholung dient …“
Bundeskleingartengesetz (BKleingG) vom 28. Februar 1983, zuletzt am 19. September 2006 geändert, Erster Abschnitt, Allgemeine Vorschriften, § 1 Begriffsbestimmungen

  • Stolze Kleingärtner, 50 Jahre auf einer Parzelle in Rosenthal

    Stolze Kleingärtner, 50 Jahre auf einer Parzelle in Rosenthal, Quelle: Sammlung Wolfgang Krause

Der Bezirk Pankow – Das Paradies der Kleingärtner

Der Großbezirk Pankow mit seinen Ortsteilen Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow ist der Bezirk mit den meisten Kleingärten in Berlin. Die Geschichte von Pankows Kleingartenanlagen ist exemplarisch für die historische Entwicklung dieser Gärten, die vor über einhundert Jahren begann und bis in die Gegenwart reicht. Außerdem spiegelt sie die unterschiedlichsten Traditionen und Entstehungsgründe von Kleingartenanlagen wider. So wurden Anfang des 20. Jahrhunderts vom „Verband deutscher Arbeitergärten vom Roten Kreuz“ in Berlin mehrere Kleingartenanlagen geschaffen und betreut. Ziel war es, die Lage der ärmeren und hilfsbedürftigen Berliner durch Hilfe zur Selbsthilfe zu verbessern. Dagegen verpachteten sogenannte Generalpächter privaten Grund unter weniger sozialen Gesichtspunkten als Kleingartenparzellen. In diesen Kleingartenanlagen waren die Mieter vom Generalpächter abhängig, hatten oft nur einjährige Mietverträge und mussten die Waren und Getränke bei dem Generalpächter kaufen. Aus Protest gegen die Rechtlosigkeit der Kleingärtner entstand die Bewegung der „Laubenkolonisten“, die unabhängige Kleingartenanlagen in Berlin etablieren wollten. Um die Jahrhundertwende gründeten sich mehrere selbstverwaltete Kleingartenanlagen wie beispielsweise der „Pflanzerverein Transvaal“ (1896). Neugründungen gab es auch in der jüngeren Geschichte Pankows. So entstanden ab Mitte der 1970er Jahre Anlagen wie „Rosenthal Süd“ und „Rosenthal Nord“ mit insgesamt 405 Parzellen.

  • Gründungsfahne

    Gründungsfahne, Quelle: Sammlung Wolfgang Krause

  • Kleingartenanlage „Neu Berlin" bei der Gründung 1901

    Kleingartenanlage „Neu Berlin" bei der Gründung 1901, Quelle: Sammlung Wolfgang Krause

  • Fahne der Kleingärtner 2001

    Fahne der Kleingärtner 2001, Quelle: Sammlung Wolfgang Krause

  • Kleingärtner der Kleingartenanlage „Neu Berlin" 2001

    Kleingärtner der Kleingartenanlage „Neu Berlin" 2001, Quelle: Sammlung Wolfgang Krause

Grüne Funktionen von Kleingärten

Kleingartenanlagen spielen eine große Rolle für das Stadtklima. Sie sorgen für Kühlung, die durch Schneisen in die Stadt gelangt, und helfen dabei, Staub aus der Luft zu filtern.
Für städtebauliche Planungen sind Kleingartenanlagen deshalb sowohl für die stadtökologische Gesamtbewertung als auch als Frischluftschneisen bedeutende Faktoren.
In Kleingärten werden selten gewordene Obst- und Gemüsesorten angebaut. Auf diese Weise sichern sie die Artenvielfalt der Pflanzen und dienen als Lebensraum für Vögel, Insekten und Kleinsäuger.
Außerdem sind Kleingärten für die Finanzen der Stadt ein Segen, da die Anlagen als Grünflächen nicht von der Stadt erhalten, gepflegt und finanziert werden müssen, sondern von den Pächtern.

  • Hummel auf einer Blüte im Kleingarten, 2014

    Hummel auf einer Blüte im Kleingarten, 2014. Foto: Hartmut Göbel

  • Frühlings-Blumenbeete im Kleingarten

    Frühlings-Blumenbeete im Kleingarten. Foto: Hartmut Göbel

  • Artenvielfalt in den Kleingartenanlagen

    Artenvielfalt in den Kleingartenanlagen, Foto: J. S. Pronsfeld

Kleingärten – Orte des sozialen Miteinanders

Die Kleingartenanlage als Ort sozialen Miteinanders – dieser Aspekt des Kleingartenwesens wird gemeinhin unterschätzt. Die Lust am Gärtnern in der Nachbarschaft anderer stiftet Gemeinschaft und lindert die Folgen großstädtischer Vereinsamung. Gerade ältere Menschen können auf diese Weise der Einsamkeit ihrer Stadtwohnung entfliehen. Sie verbringen häufig so viel Zeit wie möglich in ihren Gärten, plauschen dort mit den Nachbarn und unterstützen sich gegenseitig. Durch den Zuzug junger Familien kommen zudem unterschiedliche Generationen miteinander in Kontakt.
Natürlich hat das Ganze auch seine Schattenseiten. Überall wo Menschen enger zusammenleben, gibt es Zwist und Hader! Doch da sind Kleingärtner nicht allein.

Wer hätte das gedacht? 7,5 Prozent der Kleingärtner haben einen Migrationshintergrund. Kleingärten sind beliebt bei Spätaussiedlern, Osteuropäern und Türken und leisten damit ihren Anteil an der Integration.
Von Überalterung und Leerstand vieler Kleingartenanlagen sind vor allem die ostdeutschen Bundesländer betroffen. Dort stehen fünf bis zehn Prozent der Kleingärten leer. Dieses Problem haben die meisten Kleingartenanlagen in Pankow nicht. Knapp die Hälfte der neuen Kleingärtner sind Familien mit Kindern.

  • Festumzug beim Erntefest in der Laubenkolonie in Pankow, 1906

    Festumzug beim Erntefest in der Laubenkolonie in Pankow, 1906, Neben dem Gärtnern wurden zwischenmenschliche Beziehungen gepflegt. Kleingärtner trafen sich zum geselligen Beisammensein und halfen sich gegenseitig mit Tipps und Materialien. Auch das Erntedankfest feierte man zusammen. Quelle: bpk/Kunstbibliothek, SMB, Fotothek Willy Römer. Foto: Willy Römer, 1906

Die Ursprünge der Kleingärten

Das Kleingartenwesen in Deutschland hat unterschiedliche Wurzeln. Mal entstanden die Gärten auf Anordnung des Staates oder privater „Investoren“, mal verdankten sie sich freien Initiativen wie den Laubenkolonisten, einer historischen Grassroot-Bewegung.

Die Armengärten

Am 26. April 1814 unterschrieb Pastor Christian Friedrich Heinrich Schröder (1744–1818) einen Pachtvertrag für 24 Gärten auf der Pastoratskoppel „Scheunefeld“ im damaligen Hafen- und Fischerstädtchen Kappeln an der Schlei in Schleswig-Holstein. Nach der Festlegung einer Gartenordnung und des Pachtpreises wurde ein Vorstand gewählt – der erste deutsche Kleingärtnerverein war gegründet!
Eigeninitiative fördern statt Almosen verteilen, war der Gedanke hinter den Armengärten. Die Armen sollten in die Lage versetzt werden, sich selbst zu ernähren und für ihre Gesundheit zu sorgen. Unter der Regentschaft des Landgrafen Carl von Hessen (1744-1836) entstanden deshalb zwischen 1820 und 1830 mehr als 20 Armengärten. Diesem Beispiel folgten auch andere deutsche Städte. Viele dieser Armengärten bestanden zunächst nur für kurze Zeit. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden dauerhafte Kleingartenanlagen gegründet, wie zum Beispiel die Laubenkolonien des Roten Kreuzes in Berlin.

  • Ansicht der heutigen „Pastor-Schröder-Gärten“ in Kappeln an der Schlei, 2015

    Ansicht der heutigen „Pastor-Schröder-Gärten“ in Kappeln an der Schlei, 2015. Foto: Bernt Roder

  • Ansicht der heutigen „Pastor-Schröder-Gärten“ in Kappeln an der Schlei, 2015

    Ansicht der heutigen „Pastor-Schröder-Gärten“ in Kappeln an der Schlei, 2015. Foto: Bernt Roder

Die Entstehung der Schrebergärten in Leipzig

Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808-1861) die Idee, öffentliche Spielplätze für Kinder einzurichten. Es ging ihm darum, den negativen Folgen der Industrialisierung und Urbanisierung entgegenzuwirken. Der Schuldirektor Ernst Innocenz Hauschild (1808-1866) verwirklichte diese Idee: 1865 wurde auf städtischem Pachtland ein erster Spielplatz eingeweiht. Karl Gesell, ein pensionierter Oberlehrer (1800-1879), legte am Rande der Spielplätze Kinderbeete an, die sich zu Familienbeeten entwickelten und später zu Gärten wurden. Der erste Schreberverein wurde 1864 gegründet. Mit einem Gedicht versucht Gesell die Bedeutung gärtnerischer Betätigung und des Lebens in der Natur zu verdeutlichen.

Die Ursachen – Industrialisierung und Verstädterung

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichte die Industrialisierung Berlin. Mit dem Zuzug von Arbeitern wuchs die Berliner Bevölkerung explosionsartig von 825.000 Einwohnern im Jahre 1871 auf fast zwei Millionen um die Jahrhundertwende. Im Jahre 1933 lebten schließlich weit über vier Millionen Menschen in der Stadt. Die damit einhergehende Bebauung weiter Flächen mit Mietskasernen führte zusammen mit miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen zu einer Verelendung der Arbeiter und ihrer Familien. Der Mangel an Licht, Luft, Raum und Ernährung fügte den Menschen Schäden an Körper und Seele zu. Am stärksten betroffen waren die Kinder. Wie weit die Entfremdung von der Natur fortgeschritten war, belegen die Ergebnisse einer damaligen Umfrage.
Kleingärten sollten diese Defizite mindern. Gartenarbeit, Licht, gesunde Ernährung und Geselligkeit wurden als probate Mittel angesehen, dieser umfassenden Schädigung des Menschen zu begegnen.

  • Wohnhof in der Petristraße 13 um 1900

    Wohnhof in der Petristraße 13 um 1900 in der Gründerzeit entstanden, manchmal bis zu sechs Höfe hintereinander, in die kaum ein Lichtstrahl fiel. Die Bewohner hungerten nach etwas Grün, Quelle: Sammlung Wolfgang Krause

  • Kastanienallee 12

    Kastanienallee 12, hier gibt es vier Höfe nacheinander, Foto: Dieter Schönberg 1992

  • Heinrich Zille 1925

    Heinrich Zille 1925, Quelle: Sammlung Wolfgang Krause

Leben im Kleingarten Anfang des 19. Jahrhunderts – Idyll und Wirklichkeit

Ohne elektrischen Strom und fließendem Wasser waren die Kleingärten früherer Tage wahrlich keine Wohlfühloasen. Da Lebensmittel teuer waren und für viele Arbeiter unbezahlbar, wurden Kleingärten zu wichtigen Versorgungsquellen für Obst und Gemüse.
An schönen Tagen boten sie Platz für Familienfeste, Kinder konnten in der Sonne spielen und sich frei bewegen. Mit viel Erfindungsreichtum wurde eingelagert, gekühlt und gekocht.

  • Kleingartenanlage Bötzow, 1936

    Kleingartenanlage Bötzow auf dem Gebiet des heutigen Anton-Saefkow-Parks, 1936 Quelle: Dr. Albrecht

  • Berliner Laubenpieper, 1929

    Berliner Laubenpieper, 1929. Gemälde von Hans Baluschek. Quelle: bpk

Geschichte der Kleingartenanlagen in Pankow