Verleihung Spandauer Ehrennadel 2019

Spandauer Ehrennadel 2019_Schiller, Krüger, Büch, Joppek, Dobberphul, Hanke
Bild: BA Spandau

Die Spandauer Ehrennadel wurde am 11. Dezember 2019 zum achtzehnten Mal an Personen verliehen, die sich über längere Zeit in besonderer und herausragender Weise für das Gemeinwohl im gesellschaftspolitischen Bereich in Spandau verdient gemacht haben.

Das Findungsgremium – bestehend aus Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank, seinem Stellvertreter Gerhard Hanke, der Bezirksverordnetenvorsteherin Gaby Schiller und ihre Vertreterin Ulrike Billerbeck – hatte in diesem Jahr fünf besondere Mitbürgerinnen ausgewählt, deren Verdienste um den Bezirk Spandau mit dieser höchsten Auszeichnung des Bezirks gewürdigt werden:

Viola Dobberphul

Spandauer Ehrennadel 2019_Hanke, Dobberphul,Schiller
Bild: BA Spandau

Wenn Kinder das Glück der Erde sind, ist Viola der Engel, der sie beschützt.
Viola Dobberphul ist Empathiefeuerwerk, einfühlsame Seele und extrem Kin-derfixiert, was auf ein ausgeprägtes Helfersyndrom deutet – und glauben Sie mir, das ansteckt.
Offene Gesichtszüge, Plauderstimmung und fast heimelige Atmosphäre umgibt unser Gespräch.
Ich sitze im Dobberphulschen Kosmos am Kaffetisch mit Tochter Vivien und Ih-rem Mann Axel und bin kommunikativer Zeuge von Familiengeschichten, Anekdoten und amüsanten Begebenheiten.
Zum Glück – im Vorlauf zu dieser netten Zusammenkunft herrscht bei Viola e-her etwas Aufregung und Unsicherheit was Sie erwartet – was mehrere Telefonate zur Folge hatte. Da Viola meine imposante, muskulöse Erscheinung nicht sehen konnte, konnte es nur Respekt vor einem persönlichen Gespräch sein.
Nun sitz ich im Familienkreis und Viola
verrät mir damit, dass bei ungewohnten Situationen Ihre Familie Anker, Schutz-raum und Aufpasser zugleich ist.
Mit Keksen und Kaffee bestückt lausche ich, wie man Kinder, Mütter und Eltern
zur Gemeinschaft formt, wie Hilfe zum Selbstverständnis wird und wenn man in Violas Augen sieht, wie glücklich das macht.
Respektvoll, mitfühlend, echt!
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Viola Dobberphul erblickt am 19. April 1954 das Licht der Welt in der Nähe des Berliner Wansee. Zum Glück nur ein kurzes Gastspiel, denn nach der Geburt bauen ihre Eltern in Spandau ein Eigenheim.
Eigentlich würde ab jetzt ein Satz reichen, um das Leben von Viola zusammen-zufassen: „Wenn Du dein Herz zuhause lässt, kannst auch du zuhause bleiben!“
Damit hätte die Lauditio eine überschaubare Länge, aber es würde ihr nicht
gerecht werden, weil wir eine Menge lebenbejahendes und wundervolles verpassen würden, das ein Miteinander so wundervoll macht – das führt
einem Viola nämlich vor Augen.

Im Auge hat Sie auch Ihr Vater, Lehrer am Freiherr von Stein Gymnasium,
weiß er relativ genau was seine Tochter so treibt.
Die Schulzeit ist Viola ein Graus, Noten eine unschöne Hürde und die
Erwartungshaltung der Eltern das sie Abitur macht eher Hemmnis anstatt
Motivation.
Sie ist die typische Mitläuferin, schüchtern und zurückhaltend auch wenn es ein Clique gibt mit der sie gut um kann.
Die Eltern gedeihen ihr Wärme und Liebe an, aber die charismatische Art ihres Vaters und ihre Mutter, die sich als Sozialarbeiterin verdient macht, in Sachen
Bildung und Zukunft bauen der kleinen Viola Druck auf, aus dem sich nur schwer zu lösen ist.
Rückblickend bezeichnet Viola ihre Eltern als „Könige“ und das ihr Weg mit dem Besuch einer Waldorff-Schule vielleicht ein ganz anderer gewesen wäre.
Das Abitur wird Viola nie machen.

Zum Glück kann die 14-jährige ihre soziale Kompetenz auf anderem Weg be-frieden. Der Vater kümmert sich, in Kooperation mit dem Bezirksamt, nach Schulschluss um behinderte Kinder, die Mutter als Sozialarbeiterin sowieso um Menschen und ihr Patenonkel Erwin Schiller, als Bürgermeister in Amt und Würden in Neukölln, um Kinderreisen in den Sommerferien.
Eine Welt in der sich Viola pudelwohl fühlt. Trösten, reden, mitfühlen – basteln, singen, spielen -
hier eröffnet sich Viola eine Passion, die sie bis heute nicht mehr loslässt.

Mit ungefähr 16 Jahren fällt sie einen Entschluss, verlässt die Schule nach der neunten Klasse und beginnt eine Ausbildung als Erzieherin – die Begeisterung der Eltern war ihr damit gewiss.
Damit entledigt sie sich der Last der Eltern und ist frei – ein
unbeschreibliches Gefühl. Doch sie wird ihre Eltern stolz machen mit ihren menschlichen Komponente und ihrem Einfühlungsvermögen.
„Ich kann, ich werde und ich zeige Euch das ich das gut kann“ sagt sich die klei-ne Viola und sie wird recht behalten.
Eine Transformation, die sie beflügelt ! Aus der schüchternen Raupe aus der Schulzeit, wird ein selbstbewusster Schmetterling!……was Ehemann Axel
in unseren Gespräch mit dem Satz kommentiert:
„Heute würde ich mir was von der früheren Artigkeit zurückwünschen!“

Kompliment oder Kritik-die Entscheidung überlasse ich Ihnen.

Aber zurück zu Viola, die ihre Erzieherausbildung, kritikfreudig wie es das Ab-schlusszeugnis berichtet, glücklich beendet. Einzig das Anerkennungsjahr in ei-nem Kindergarten war eher unglücklich – Kinder ok, aber zu starre Strukturen, zu unpersönlich, Massenabfertigung – zukünftig wird sie ihr eigene Sicht des Miteinanders und des „Eziehens“ perfektionieren.

Die wilden pubertären Zeiten lässt die mittlerweile 23-jährige irgendwie aus.
Sie besucht die Tanzschule, arbeitet an ihrer Wurftechnik beim Judo und
entwickelt ungewollt Sympathien für Modelleisenbahnen.
Axel, ein Schüler des werten Papa, teilt die Modelbauleidenschaft
des Vaters und tummelt sich des Öfteren mit Bausätzen im heimischen Wohn-zimmer, bis er entdeckt das die Paukerstochter auch ein nettes Modell ist.
Aus Freundschaft wird Liebe und aus Liebe 1977 Heirat, die die beiden
mit fünf Kindern und bis heute 42 Ehejahren krönen.

Liebevoll kümmert sich Viola um den Nachwuchs als Hausfrau und Mutter und erzieht im Gegensatz zu ihren Erfahrungen „kleine Erwachsene“. Axel verdient die Brötchen als Ingenieur, die kein Leben in Saus und Braus ermöglichen, aber
alles was gebraucht und nötig ist garantieren. Große Sprünge sind nicht drin, große Familienurlaube fallen flach, doch den Kindern „macht sie ne schöne Zeit“ wie sie es ausdrückt und denen fehlt es an nichts. Sie macht wahr
was sie als Kind nicht hatte und erzieht ihre kleinen eigenen Erwachsenen
und ihr Nachwuchs zahlt dies bis heute mit unbändiger Liebe zurück.

Mitunter besucht sie mit ihrem jüngsten Zögling, circa 1994 das Eltern –Kind Turnen beim TSV Spandau 1860 einmal die Woche– ein folgenschweres Ereignis, das bis heute die Familie auf Trapp halten wird.
Altersbedingt möchte die Kursleiterin den Kurs beenden, das wird er aber nie.

Viola nimmt sich der Sache ehrenamtlich an und der Kurs wird beliebt, ange-nommen und erfolgreich – und sprichwörtlich überrannt.
Viola möchte Kindern Erlebnisse schaffen und Ihnen die Möglichkeit zur freien Entfaltung geben, hierfür ist ein Tag dürftig und für Violas Befinden arg unbe-friedigend. Judo, Handball, Manschaftsspiele, Akrobatik, Bockspringen, Turnen
-der Quell der Ideen und die Freude über den Zulauf ist unerschöpflich. Schnell gibt es fast sieben Tage Pogramm, den Viola erhält Hilfe von Ihrer Familienban-de, die Kurse mitleiten oder die Judoabteilung auf Vordermann bringen
und mit den Aufgaben ihrer Mama sprichtwörtlich mit- und reingewachsen sind.
Das Dobberphulsche Bewegungsimperium wird schnurrstracks auch alters-technisch variabler. Gab es Anfangs nur Kurse für eins bis dreijährige ist das Angebot stetig und gut besucht gewachsen. Heute gibt es Kurse für 3-6 jährige, 7-12 jährige und bald auch ein Baby Krabbeln Kurs – rund 250 Kinder, die Viola alle kennt und das ist kein Scherz- sie kennt sie wirklich alle.

Doch damit nicht genug. Ferienzeiten sind Actionzeiten bei Viola. Ausflüge, Roller- oder Waveboardturniere, Einradkurse, Kletterkurse, Zirkus-Workshops, Inliner Kurs und Abends rutschen, schaukeln, Trampolin, Tischtennis, Lagerfeuer oder Laternenumzug im Dobberphulschen Garten

Ein Leben dem Nachwuchs in Spandau – klingt eigentlich nach einem guten Schlusswort, aber Viola macht hier nicht Halt.
Viola hat auch Ohr, Augen und ist Kummerkasten für die Eltern in ihren Kursen.
Eheprobleme, Ernährungsberatung, freie Kita-Plätze oder die Frage in die Run-de, ob jemand einen guten Arzt für künstliche Befruchtung empfehlen kann.

Beweis dafür, das Viola für jeden einen vertrauten Raum schafft, in dem sich Menschen öffnen, beschützt und gut aufgehoben fühlen – ein Kompliment das für sie, ihre Art und ihr Tun spricht und über ihre Kurse weit hinausgeht.

Ihre beiden Söhne beschreiben die Mama so: „ Menschen retten, helfen, sie lieb haben, Ihnen mit Zuwendung und Verständnis zur Seite stehen, das ist ihre Welt. Ob sie bei einer Überschwemmungskatastrophe einen LKW samt Inhalt organisiert, der dann in Wittenberge den Opfern hilft oder ob sie spontan auf einen Bürgersteig fährt, um einen Jungen zu retten, der gerade von anderen Jugendlichen verprügelt wird, das liegt ihr im Blut!“

Viola ist Muttertier, das ihre Prise Nähe und Menschlichkeit täglich braucht, sie nährt und weitergibt. Nicht nur profan mit Worten, sondern auch mit Offen-heit, Nähe und vor allem Anteil – Deine Sorgen sind auch meine Sorgen – klingt fast missionarisch ist aber viel mehr als das und das ist bewundernswert!

Eine Frau die ich ohne den geringsten Zweifel als Vorbild sehe, die täglich seit fast drei Jahrzehnten zeigt, wie man
Glück teilt und verschenken kann und das Interesse und Anteil am anderen
auch eigenes Wohlbefinden bedeutet. Eine Frau, die auf die Frage, ob sie noch Träume hat sagt: Wäre schön, wenn das Auto wieder ordentlich anspringt.

Eine Frau in deren Ader soziales Blut fließt, eine mitreißende Art und ein Leben für das selbstlose Miteinander.

Helga Joppek

Spandauer Ehrennadel 2019_Hanke, Joppek, Schiller
Bild: BA Spandau

Helga Joppek ist Lokalkolorit, Freundlichkeit und Nächstenliebe.
Unser Gespräch beginnt zurückhaltend, fast schüchtern, aber kommt in Fahrt als wir über Schulzeit, Noten und ihr geliebtes Staaken reden. Doch merkt man das sie ungern zu viel über sich Preis gibt und sehr bedacht und gewählt ant-wortet.
Unaufgeregt spricht sie über Toleranz und über die Küche ihrer geliebten Kir-chengemeinde Heerstraße Nord, die man als Schaltzentrale und Ideenschmiede
verstehen kann, auch wenn sie sie eher als „soziale Hängematte“ bezeichnet.
Schwer zu fassen ist, dass Helga über ihr Tun spricht, als allseits wiederkehren-de Routine, die in ihren Tagesablauf übergegangen ist ,die fast keiner Ausführung bedarf – eine Art die Bewunderung hervorruft. Es spiegelt sich, dass ein Umgang auf Augenhöhe, egal mit welcher gesellschaftlichen Sparte, ein nachahmenswertes Verhalten ist, das heutzutage ja nicht überall gepflegt und gelebt wird.
Helga Joppek vermittelt, das ärmliche Verhältnisse und Bedürftigkeit Menschen zurückhaltend und scheu machen, Sie kämpft dagegen an und sei es mit einem einfachen Lächeln oder einem netten Gespräch.
Mitfühlende Gesten, ein immenser Hang zur Unterstützung und den Eindruck das Helga Joppek nichts aus der Ruhe bringt.

Helga Joppek wird nach ihrer Geburt, am 7.März 1938, nach dem ersten Blick auf die Mama, Spandau und das Lynarkrankenhaus sehen. Folgenschwer, denn sie wird in unseren Bezirk eine Heimat finden, die sie bis heute nicht mehr los-lässt.

Wie viele andere deutsche Familien teilt sie das Schicksal, das ihr Vater aus dem zweiten Weltkrieg nicht zurückkehrt.

Die unruhigen Zeiten erfordern es, das die Familie übergangsweise in die Tschecheslowakei flüchtet, wo ihre Mutter die Liebe zum zukünftigen Stiefvater entdeckt, ihr sechs Jahre jüngerer Bruder zur Welt kommt und deren Weg dann wieder gemeinsam in die Hauptstadt führt.

Die ersten schulischen Schritte macht sie in der Dorfschule Staaken und hier hat auch die preußische Ordnung noch ihre Nachwehen. Matheaufgaben, im Fach Kaufmännisches rechnen, werden schneidig und akkurat beantwortet: „Aufstehen, rechnen, hinsetzen“, so erinnert sich Helga Joppek.

Mit Zahlen kann Helga gut jonglieren, was nicht wet macht das sie die Lehrer-schaft als lebhaft beschreibt, was übersetzt so viel heißt wie, letzte Reihe, quatschen und anstiften. Auch wenn man ihr es nicht gleich ansieht, hat Helga den sogenannten Schalk im Nacken, sowie das Privileg der alten Spandauer Post-schule, Berlins
Oberbürgermeister Ernst-Reuter, bei deren Einweihung noch persönlich zu
Gesicht bekommen zu haben.
Mit der neunten Klasse wird hier die schulische Laufbahn ein Ende finden.

Ihr Stiefvater hat sich im Spandauer Maschinbauunternehmen Orenstein und Koppel einen Namen gemacht und mit der Baggersparte zu tun und der Papa kennt seinen Kiez und seine Möglichkeiten.

Die 15-jährige Helga liebäugelt mit Dauerwelle oder Dienstleistung, sprich einer Ausbildung zur Friseuse oder zur Verkäuferin. Ihr werter Stiefvater lässt sein Beziehungen spielen und verschafft seiner Stieftochter ein Bewerbungsgespräch beim hiesigen Lebensmittelladen.
Und das erste Gespräch mit ihrem zukünftigen Chef besteht eher aus Zahlen anstatt Wörtern.
Der Besitzer des Lebensmittelladens lässt das Bewerbungsgespräch fast aus und streut während des Gespräches Rechenaufgaben ein
17×18, 16×14, 13×18 – Aufgaben die Helga schnurrstracks beantworten kann und Eindruck schindet. – sie bekommt den Job, legt folgend eine Bäckereiprü-fung und eine Weinprüfung ab. Da einzige was sie nicht beherrscht ist ein hör-bares „Guten Morgen“, wenn Kunden den Laden betreten.

Was Helga sonst Vorlaut mit dem Mund macht, macht sie in der Freizeit mit den Füßen. Ab und an wird leidenschaftlich getanzt, geschappert und ge-schwungen. Latein, Standard, Tango – Helga weiß wie man die Hüfte schwingt, bei Bällen, Turnieren und Tanzveranstaltungen
Solch fraulich geschmeidiger Bewegungsapparat bleibt der männlichen Gilde – gestern wie heute – nicht verborgen
Als Tanzfläche gilt 1956 das Kinderfest in der Gartenstadt hier verliert Horst sein Herz an die vorlaute Helga und nach vier Jahren krönen die beiden Ihr Glück mit dem kleinen Bernd und tanzen weitere 15 Jahre, immer Freitags, in der Tanzschule Broadway.
Auch Horst lernt schnell, dass seine Helga nicht nur zurückhaltende Wesenszüge hat und gibt dazu klare Statements. „ Du brauchst mir nicht sagen wo du bist, wo du bist ist Vorne!“

Horst und Helga entscheiden sich, nach Traditionen in dieser Zeit, dass Helga sich zuhause um den Zögling kümmert und mit Nebenjobs dazuverdient, wäh-rend Horst in seiner Lehrwerkstatt den Großteil der Familienkasse verdient.
Und das ist auch nötig, denn 1966 kommt der zweite Sohn Carsten zur Welt.

In Sachen Berufs- und Privatleben mit zwei Kinder beweisen die Joppeks hier, dass Sie ein gutes Tandem sind. Zweisamkeit und romantische Minuten gibt es jetzt nur noch zwischen Trettlager und Speichen.
Horst kommt mit dem Zweirad von der Plackerei und Helga ist auf dem Weg dorthin, so trifft man sich auf dem Brunsbüttler Damm und tauscht kurz Küss-chen und Infos aus – keine einfache Zeit.

Helga trägt Zeitungen aus und ist mit verantwortlich, das viele Spandauer Köpfe im Winter eine wärmende Kopfbededeckung inne haben. Dreizehn Jahre näht Helga Kunstpelzmützen zu einem Stück zusammen.

Eine Aufgabe bei der Helga irgendwann die Relevanz und die geistige Anforderung fehlt. 1975 sind Bernd und Carsten aus dem Gröbsten raus und die Wintermützen haben nur gut sechs Monate im Jahr Konjunktur. „Stempeln“ wie man die Arbeitslosigkeit damals nennt ist nicht Helgas Metier, also heißt es umorientieren. Das Arbeitsamt bietet ihr eine Umschulung an – Goldschmiedin, Tapetenmalerin und Bürobetätigung.
Gold und Kleister treffen nicht unbedingt Helgas Nerv, aber die Rako-Schule und das Codewort Stenokonturistin schon eher. Nach acht Monaten pauken und im Alter von 39 Jahren beginnt der vehement soziale Teil in Frau Joppeks Leben.
Neben dem Wissen um Buchführung, Stenoabschriften vom Band und kom-munikativem Talent hat Helga einen Charakterzug der sie in die Kirchenge-meinde Staaken an die Heerstraße Nord verschlägt – Empathie.

Die bleibt auch gestrigen und heutigen Pfarrer Cord Haselblatt nicht verborgen, den Sie 21 Jahre im Büro unterstützt, entlastet und hilft.
Sie ist die erste Kontaktperson für alle Menschen, die die Staakeneer Gemeinde
betreten, die Sorgen, Wünsche, akkute Hilfe oder einfach nur ein offenes Ohr brauchen.
Sozial engagieren ist hier Lebenselexier und Antrieb für jeden – „das geht in der Kirche nicht anders“, verrät Helga Joppek.

Helga ist Kummerkasten, lebendige Anlaufstelle, sowie Ratgeberin und da Büros immer einen unpersönlichen Anstrich haben, finden Gespräche, Beratungen oder herzliches Geplauder in der Küche der Gemeinde statt. Hier ist die Schaltzentrale, kirchlicher Hochofen und eine Menge Sympathie. Zwischen Kaffee und Kuchen wird gesprochen, geplappert und geläutert – Familien, Kinder , Geflüchtete – Kirche ist für alle da, wie Helga Joppek ezählt. Die Küche ist geschützter Raum, vertrauter Boden und einaldedende Location.
Da verwundert es nicht das Ihr das Küsterinnenamt der Gemeinde angeboten wird und damit einhergehend die Dienstwohnung im Gemeindehaus, die sie heute noch bewohnt. Schlüsselausgabe, Weh –Wechen, Veranstaltungen, Gottesdienste – zwei Jahrzehnte ist Helga Joppek gute Seele, Ansprechpartnerin und mit ein Gesicht der Gemeinde.
Im Kirchenblatt zum 40-jährigen Jubiläum der Gemeinde findet man den vielsa-genden Satz:“ Helga Joppek, ist im Büro die erste Kontaktperson für Besucher, und war nicht nur für die Pfarrer hilfreicher Geist beim Organisieren“.
Wertschätzung, Anerkennung und Respekt vor Ihrer Arbeit. Sie ist Staakenerin sprichtwörtlich mit Leib und Seele!

1998 scheidet sie aus Ihrem Amt und genießt die wohlverdiente Rente, liest historische Romane, frönt ihrer versteckten Liebelei zu Hamburg und tanzt Dienstags im Seniorenheim auch gern mal mit dem ehemaligen Spandauer Bürgermeister Konrad Birkholz, der sich hierbei dezentes Lob einheimst, tänzerisch ist er nämlich „saugeil“ unterwegs, wie sich Helga Joppek ausdrückt.

Da die Dienstwohnung des Gemeindehauses immer noch ihr Zuhause ist, ist sie sozial nicht weit weg vom Schlag und auch für Pfarrer Haselblatt greifbar.

Es überrascht nicht wirklich, als 2004 die größte Essenausgabe für Arme und bedürftige der Berliner Tafel, angedockt an die Gemeinde eröffnet
und Helga und Ihr Mann mittendrin statt nur dabei sind. Der Rundfunk Berlin Brandenburg berichtet und die Mitbegründerin der Tafel Frau Werth ist vor Ort.
Eigentlich kein Tag zum feiern, wenn Menschen aus sozialen, wirtschaftlichen oder privaten Gründen nicht genug zu Essen haben und sich an solch Institutionen wenden müssen, doch für Helga Joppek Startschuss eines des normalsten Dinge der Welt – ehrenamtliche Unterstützung in Reinform.

Helga und ihr Mann organisieren ehrenamtlich, planen und managen die Aus-gabe mit, wie sie es betont. Es gibt ein Netzwerk an Ehrenamtlichen, die mit ihren Fahrzeugen stetig Supermärkte und Läden anfahren, um Nahrungsmittel vor der Tonne zu retten. 2019 in einem der reichsten Industrie Länder der Erde
ein eher bedauerlicher Umstand.
Fast vierzig Menschen kümmern sich jeden Donnerstag um gute 400 Men-schen, die unfreiwillig die Essenausgabe nutzen. Zu Begin 2004 waren es noch überschaubare 50-60 Menschen – eine fast beängstigende Entwicklung.
Für Helga Joppek ist Donnerstag Sporttag, weil sie weiß das sie von 7-17 Uhr
auf den Beinen ist und Karteikarten, Brötchen, Kuchen, Kekse, Gemüse und Obst sortiert oder nebenbei mal eben sieben Kühlschränke organsiert.
Für Menschen kein einfacher Gang, für Frau Joppek Grund genug ihnen unan-genehmes, zurückhaltendes und ein schlechtes Gefühl mit ihrer Art zu nehmen.
Da wird für Laurenzia schon mal gesungen, ein Lächeln verschenkt und die eh-renamtlichen Helfer bei guter Laune gehalten. Klingt geschrieben verdammt einfach, ist aber einer der schwersten Aufgaben überhaupt.

Diese Hilfe ist voller Selbstverständlichkeit in Routine übergegangen und bedarf keiner weiter Erklärung bei Joppeks, so das selbst der Pfarrer der Gemeinde in Aufruhr kommt, wenn Helga ans aufhören denkt.

„Ohne Euch mach ich es nicht! Wenn ihr aufhört, höre ich auch auf!“

Keine Sorge. Helga Joppek beteuert. „Solange wie ich krauchen kann, mach ich das!“

Für eine Frau, die Menschen in Armut ein freundlicher Fels ist und das fast zwei Jahrzehnte. Eine empathische Person, die Bedürftigkeit mit Respekt begegnet und Menschen ein wohlig warmes Gefühl vermittelt.
Eine Dame die auf die Frage, ob sie mit dem Begriff Ehrenamt etwas angangen kann antwortet: „ Mit Ehre schon, aber nicht mit Amt.

Applaus für eine Person, die sich denen im Bezirk verschrieben hat, die nicht so viel haben, auch wenn sie das mit ihrer unbeschreiblichen Art nie so sagen oder empfinden würde – und das macht sie zu einer würdigen Preisträgerin.

Marianne Staudemeyer Nischan

Spandauer Ehrennadel 2019_Staudemeyer_Nischan, Hanke
Bild: BA Spandau

Marianne Staudemeyer-Nischan ist burschikos, ist manchmal schnippisch und kümmert sich um Ihre Belange mit Herzblut.

Ein Augenzwinkern ist im Gespräch immer dabei, wenn sie lustige Anekdoten Preis gibt, leidvolles berichtet und von Leidenschaften spricht!
Schnell wird klar, dass Sie das Gesprächszepter gerne in der Hand behält, dies aber unterschwellig mit einer unnachahmlichen und angenehmen Art
vermittelt, so das man sich als Fragesteller wohlig warm aufgehoben fühlt. Im Plauderton erfährt man was sie prägt und berührt
hat, wie aus Gemeinschaft Lebensqualität wird und wie man einen Angelverein mit der Marschroute der „demokratischen Diktatur“ führt.
Auf kurz oder lang geht man ihr gesprächstechnisch positiv auf den Leim und vernimmt auch Durchsetzungsfähigkeit, Diskurfreude und ein Faible für
dauerhaftes Dranbleiben an Dingen, die ihr wichtig sind.

Eine Kämpfernatur, imposante Geschichtenerzählerin und Frau mit, wie sie
selber sagt, „dauerhaften Helfersyndrom“:

Marianne Staudemeyer-Nischan hat es etwas bergiger bei Ihrer Geburt am 08.11.1945 im Schieferkreis Löwenberg im Riesengebirge. Vielleicht schon ein Zeichen, welche Brocken sie in ihrem Leben, sowohl positiv als auch negativ noch bewegen wird.

Die Eltern zieht es nach dem Krieg zurück nach Berlin.
Groß wird Sie mit ihrer Schwester in einer Kleingartensiedlung nahe der
Herrstraße- hier besitzt der Opa eine kleine Laube und Spandau wird für immer ihr Heimatplanet.

Mit der Bürde, die sie der werte Vater spüren lässt, dass ihm ein Sohn geneh-mer gewesen wäre, tut Marianne ihm den Gefallen. Sie nimmt sich Wesenszüge eines kleinen Rackers an.

Die Schule ist irgendwie blöd in der Adamstraße und Klingelzüge, Pfirsische
beim Nachbarn ausleihen und ein bisschen Anstifterin spielen um vieles inte-ressanter. Marianne war bei Blödsinn immer vorne dabei, erzählt man sich
heute.
Die Diskrepanz zwischen Racker und Streber gleicht sie aber clever aus, was vielleicht an Herrn Herbst lag – ein Bild von einem Mann, der nicht nur wild mit Schulstoff jonglierte, sondern auch etwas mit ihren Herz und ihren Hormonen. Wer kennt ihn nicht, diesen Schwarm der lokalen Lehrergilde, denn wir doch irgendwie alle hatten.

Ein Schelm wer zwischen ihrem Amt der Klassensprecherin und einem 1 ½ jährigen Engagement als Kindemädchen bei Ihrem Lehrer Zusammenhänge zieht.
Marianne weiß wie man ans Ziel kommt, ein Wesenszug der Sie bis heute
begleiten wird.

Da verwundert es auch nicht, dass die Jungensattitüde langsam schwindet und aus schmutzigen Hosen und Hausarrest, fraulich enge Jeans und weibliche Ansprüche werden. Sie macht die Backstube um die Ecke sauber, sie hütet Kinder – finanzielle Nebenverdienste, die es erlauben Stoffe zu kaufen und eigene Outfits zu kreieren und gestalten. Mädchen, Frauen und Damen – sind damals wie heute – eben individuell und kreativ.
Dazu passt es das Sie mit 15 Jahren in ein Metier gelangt, dass sich um Föhn-welle, Fason und Färbungen kümmert. Eine Friseurausbildung, die sie beruflich fast zwei Jahrzehnte auf Trapp halten wird.

Doch jetzt halten Sie erstmal Tanzen, Typen und tolle Sommerfeste in Bewe-gung.Mit 25 Jahren macht sich dann die stehende Tätigkeit gesundheitlich
bemerkbar und Marianne gönnt sich eine fünfwöchige Kur in Bad Nauheim und bekommt blitzschnell einen sogenannten Kurschatten. Neben Anwendungen, Aquagymnastik und Ananas zum Frühstück findet Marianne eines Morgens geheime Botschaften in Schriftform auf ihrem Teller: „Sie laufen jeden morgen hier so nett rum und ich würde sie gern mal auf eine Waffel einladen!“
Schnell ist Maler Bernd aus Moabit identifiziert, aus Sympathie wird Zuneigung und fast 30 Jahre Ehe. Diese Verbindung gibt auch den Startschuss für Ihre Begeisterung für Wasser und ihr kommendes Vereinsengagement, den die Freizeit wird größtenteils auf Bernds Sportboot auf dem Wasser verbracht. Marianne mag wie die Natur auf dem Wasser erwacht und empfindet dies als wunder-schön, wie sie selber kundtut.

Beruflich orientiert sich Marianne um, der Gedanke bis zur Rente zu frisieren fällt ihr schwer und sie wechselt ins Verkaufsgeschäft eines Elektrofachmarktes, wo sie alles macht außer Schreibkram, der ihr so garnicht liegt.

Privat erkundet sie die Rustwiesen am Havelufer und übernimmt die
Bewirtschaftung des Clubhauses des Segelvereins 1978.
Schnell ist die Aufteilung klar Bernd schmeißt die Getränkeausgabe am Tresen und Marianne kümmert sich um die Gaumenfreuden in der Küche.
Nicht die einzige Leidenschaft die beide teilen. Bernd ist begeisterter Angler
und 1980 legt auch Marianne die Anglerprüfung ab und kümmert sich zusätz-lich um Karpfen, Forelle und Angelgarn, auch wenn Sie damals dem Macho-Angeberverein nicht viel abgewinnen kann.
Zukünftig wird sich hier einiges in der Ausrichtung ändern.
Mit der Beschreibung, dass aus einer fast reinen Männerdomäne
ein Familienod wurde, wäre man heute nah dran an der Realität.

Denn Sie wird bundesweit die Einzige und erste weibliche Vorsitzende eines Angelvereins. Das Fachblatt die „Anglerwoche“ titelt 1985 etwas dick aufgetra-gen „Beim AV Einigkeit hat eine Frau das Sagen!“.

Dabei ist es nicht vermessen zu sagen, das eine ordentliche Böe durch den Verein zog. Marianne ist Teamplayer, Organisationstalent und maßgeblich für den Kurs zuständig.
Abangeln, Abfischen, Abködern- Marianne weiß wovon sie spricht und ver-schafft sich Respekt. Aus dem überschaubaren Moor macht sie ein angenehmes Freizeitparadies mit einem fast Zuhause anmutenden Vereinsheim in dem Gemeinschaft und soziale Wärme ihren Platz finden, während man die Angel schwingt.

1998 triff Sie dann das Schicksal. Ihr geliebter Peter verabschiedet sich leider in die himmlisch ewigen Anglergründe und sie steht alleine da.
Ein tiefgreifender Einschnitt in Mariannes Seelenheil, aber auch ein
Neubeginn. Um wassernah in Erinnerungen zu schwelgen, leistet sie sich eine kleines Wassergrundstück und verfolgt weiter die Visionen ihres Liebsten.

Nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ existiert seit 1981 eine Interes-sengemeinschaft an den Rustwiesen, die IG Rust, in der sich Angelvereine, Wassersportvereine und der Verein für Gesundheitspflege verschweißt haben und seither mit einer Stimme sprechen – 19 Jahre der Stimme von Marianne Staudemeyer-Nischan.
1999 nahm sie das Amt der 1.Vorsitzenden an und schied freiwillig als Vorsit-zende ihres geliebten Angelvereins Einigkeit aus.

Grundsatz dieser Verbindung ist gestern wie heute für die Belange des Sports einzutreten und so manches durchzusetzen, was ein Verein alleine wohl nie erreichen könnte.
Ein Satz der sich bewahrheiten wird. Denn neben dem alle zwei Jahre stattfin-denden, allseits beliebten „Rustwiesenfest“, dem „Rust Angeln“ und vielen wei-teren Angeboten kämpfte die Interessengemeinschaft für und um Ihr 100.000 Quadratmeter großes Gelände.
Ende 2014 liefen reihum die Mietverträge der Vereinsgelände aus und man
diskutierte, wägte ab und einigte sich schlussendlich nach fast einem Jahr Ver-handlungen auf weiterhin bestehende Mietverträge bis zum Jahr 2030. Hierbei fungierte Marianne als Mediatrorin, Kompromissfinderin und kommunikativer Schnittstelle mit Vereinen, Bezirksamt und Stadtrat und hat immensen Anteil, an der für alle Parteien,
zufriendenstellenden Lösung.

Marianne ist die gut Seele und wie eine leichte Brise, die immer durch die Rustwiesen weht und ein unsichtbares Auge auf alles hat.

Sie nennt diese Gemeinschaft Familienersatz und ihr Tun seelisches Bedürfnis.
Sie hat in den fast 40 Jahren Kinder zu Erwachsenen reifen sehen und empfin-det diese Oase und Ihre Menschen als pure Lebensqualität, auch wenn sie sich nach fast 20 Jahren aus der IG Rust zurückzieht

Sie kümmert sich weiterhin, um Bootstrailer, Buddelkästen, Terrassen und Tischtennisplatten in ihrem Wasserkiez zwischen Havel, Niederneuendorfer Allee, Aalemannkanal und Werderstraße.
Wenig überraschend das Sie hier 2017 wieder Verantwortung übernimmt und sich wieder zur 1. Vorsitzenden ihres geliebten Angelvereins „Einigkeit“ wählen lässt.

Das ist eine Verneigung wert die Sie 2018 beim Rustangeln von acht Anglerver-einen erhält. Ein Jungsprung forderte Sie angeltechnisch heraus und sie meis-tert die Herausforderung. Der Unterlegene muss vor 115 Menschen knien und ihr respketerweisend einen Handkuss geben.

Eine Dame, die Ihren Laden Sprichwörtlich zusammenhält, Gemeinschaft lebt und verkörpert und sich für persönliche und vereinsbetreffende Anliegen mit Herzblut einsetzt. Für fast dreißig Jahre Rustwiesen und größten Respekt ge-genüber deiner Leistung gegenüber dem Vereinswesen, unbändigen Engage-ment und zielorientierten Handeln.

Carla Krüger

Spandauer Ehrennadel 2019-Hanke, Krüger. Schiller
Bild: BA Spandau

Carla Krüger wird am 13.08.1944 in Sagan, dem ehemaligen Niederschlesien, geboren. Nach den Wirren des Krieges siedelt ihre Mutter mit ihren 3
Schwestern nach Hainichen in Sachsen um, zudem stößt der Vater nach russi-scher Kriegsgefangenschaft 1945 wieder zur Familie.

Anfang der 50 er Jahre ist die leuchtende Großstadt Berlin noch weit weg die Familie zieht es in das beschauliche Lübeck, Carla erliegt aber nach Grund- und Oberschule dem Ruf der Hauptstadt.

Es sind aber nicht die Lichter der Großstadt oder das umtriebige Berlin, das den
Reiz ausmacht, sondern schlicht und ganz einfach die Lehre, die die 17-jährige
ins Stadtflair zieht.
Tante und Onkel haben sich in Berlin privat und beruflich verzweigt, der Groß-handel für Autozubehörteile floriert und der Onkel gewährt, wie nennt es Frau Krüger spitzbübisch, freie Fahrt neben der Ausbildung zur Kauffrau im Groß- und Außenhandel.

Im amerikanischen Sektor betreibt der Onkel Hol- und Bringdienste für
fahrbare Untersätze der Yankees und Carla hilft wo sie kann, gerne auch mal bei zerbeulen der Kotflügel durch ihr fahrerisches Können – Frau am Steuer Ungeheuer könnte man es nennen. In diesen Zeiten ist Carla nicht nur rasant unterwegs, sondern strebt sprichwörtlich nach Höherem.
Der rote Sportwagen des Onkels hat seine Anziehungskraft, aber ein ganz anderes Faible weckt ihren Tatendrang. Reinhard Mey singt „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ und genau da will Carla Krüger hin.
Objekt ihrer Begierde sind Fallschirme, Fluggeräte und der frei Fall – welch Zu-fall das der umtriebige Onkel Mitglied im „Deutschen Aeroclub“ ist.
Die Begeisterung ihrer Mutter lässt sich relativ genau mit überschaubar um-schreiben, so dass Sie die elterliche schriftliche Erlaubnis für ihre 18-jährige Tochter für dieses Wagnis nie unterschreibt.

Eine prägende Erfahrung, die bei Carla Beharrlichkeit, Ausdauer und Willen auslöst. Drei Jahre wird sie Fallschirme zusammenlegen, trainieren und sich vorbereiten, bis Sie 1966 endlich springt und „bei Braunschweig über die Hochspannungsleitungen“ segelt.

Höher, schneller weiter oder „kurz und heftig“, wie Carla Krüger diese Zeit
lächelnd beschreibt.

Nach der Geschäftsaufgabe ihres Onkels wechselt sie 1967 in die Buchhaltung
des Berliner „Tagesspiegels“. Willkommene Abwechslung zwischen Zahlen und Statistiken sind gelegentliche Freizeitaktivitäten in den Abendstunden.
Dieser zeitliche Kosmos kommt Carla entgegen, früh aufstehen ist nämlich
damals wie heute nicht ihr Ressort.
Getreu nach dem Motto: Morgens bin ich immer müde, aber abends bin ich wach“ finden Sich Carla und ihre Kolleginnen des öfteren im Palais am Funk-turm wieder, hier wird geschaut, gemunkelt und getanzt.

Dort umtreibt Carla auch ihre Neugier und die Frage: Können adrette junge Männer im Anzug eigentlich tanzen oder sehen die nur fesch aus?

Hier kommt Peter ins Spiel oder besser gesagt auf die Tanzfläche, der Jungs-pund weiß wie man Frauen bewegungstechnisch begeistert oder besser gesagt mit einer geschmeidigen Hüfte mächtig Eindruck macht. Der Berliner lässt keinen Partnertausch im Tanzbereich mehr zu und es wird gemeinsam in die Zukunft getanzt. 1968 wird geheiratet und ein weiteres Jahr später kommt
Tochter Ulrice zu Welt.

Die wilden Zeiten sind vorbei und bei Krügers wird es familiär, nach einem ein-jährigen wohnlichen Aufenthalt am Kurfürstendamm zieht es die Familie nach Spandau in ein Häuschen. Für die umtriebige Carla zuerst Kulturschock, weil Sie Spandau als „andere Welt“ empfindet. Doch wie sich die Ansichten mit der Zeit ändern, heute wäre die Vorstellung aus Spandau wegzugehen undenkbar.

Anfang der Siebziger übernimmt Carla die Buchhaltung im Holzhandel Bauer & Syrsch – hier wird sie nach 45 Arbeitsjahren auch auf die Sonnenseite des Le-bens treten, die verdiente Rente.
Hier glänzt Sie mit sozialer Kompetenz und „macht alles“ wie Sie es aus-drückt.“Ich kann nicht nur im Büro sitzen“, sagt Sie und ist schnell in allen Ab-teilungen die gute Seele. Da verwundert es nicht, das Carla auch die Personalentwicklung mitgestaltet. Nach dreijähriger Ausbildung soll die hiesige „Azubine“ eigentlich nicht über-nommen werden, ein Umstand den Sie zu verhindern weiß, den Frau Krüger bietet ungewöhnlicherweise an ihr eigenes Gehalt zu teilen, damit die Auszu-bildende bleibt – ein Idee die gestern wie heute wahrscheinlich wenig Nach-ahmer findet!

Rast und Ruhelosigkeit prägt auch ihr ehrenamtliches Engagement.

Natur und Garten sind fester Bestandteil der Krügerischen Freizeit. Der hausei-gene Garten beherbergt von Paprika bis zum Hochbeet so einiges, so das Carla die Nachbarschaft mit nachwachsenden Rohstoffen grundversorgt und der
„Garten kein freies Stück mehr besitzt!“ So überrascht es nicht, dass ein
Naturprojekt Frau Krügers Interesse weckt.

2002 ist sie Mitbegründerin der Gartenarbeitsschule
Hakenfelde! Hier wird Natur zum Projekt und zum Anfassen und mitmachen gestaltet. Anpflanzen, Dinge wachsen sehen, Berührung zu Hühner, Hamstern, Schafen – ein Kleinod der Flora und Fauna erlebbar macht.
2007 trägt man ihr das Amt der Schatzmeisterin des Fördervereins für die Gar-tenarbeitsschule an. Aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation und ihrer ein-nehmenden Art wird sie mit überwältigender Mehrheit in der Jahreshauptver-sammlung bestätigt.

In diesen Tagen scheint Tochter Ulrice das Gefühl zu haben, das ihre werte Frau Mutter nicht ganz ausgelastet ist. Ulrice, ihres Zeichens im Bankensektor tätig, braucht kurzfristig eine Prüfungsaufsicht für Auszubildende des Bank- und Versicherungswesen bei der Industrie- und Handelskammer.
Carla Krüger erinnert sich noch an die Worte ihrer Tochter „Du kommst einfach mit und machst das!“,. Aus diesem spontanen Umstand wird ein dreizehnjähriges Engagement, als Seelenstreichlerin, Gummibärchenverteilerin und
beruhigender Aufsicht der Prüfungen, das bis heute andauert.

Andauernd ist auch ihre Tätigkeit als ehrenamtlich vereidigte Richterin im
Verwaltungsgericht. Hier beschäftigt Sie sich seit zehn Jahren mit Robben, aller-lei Problemen und Außenterminen. So was passiert, wenn man spontan und aus reiner Neugier auf eine Zeitungsanzeige in der Presse reagiert und auf ein-mal das Amtsgericht anruft und einen beruft.

Als Ausgleich zu diesem seriösen Feld gibt es für Carla anderorts kommunikative Wertschätzung, wie zum Beispiel den Satz: „Das waren die zwei schönsten Stunden in den letzten vier Wochen!“
Ein Kompliment das berührt und ihren Einsatz als Frauenfachberaterin und Mitglied des erweiterten Vorstandes im Bezirksverband der Kleingärtner Span-dau perfekt wiederspiegelt.
Hier organisiert Sie Freizeitaktivitäten, Ausflüge und vertritt den Verband auf Landes- und Bundesebene in herausstechender Weise.

Carla Krüger ist lebhaft und positiv unruhig. Trotz ihr bestimmenden Art hat sie große Empathie und ein offenes Ohr für die Sorgen anderer.
Ihr sachliches, aber stets freundliches und hilfsbereites zwischenmenschliches Verhalten zeichnet sie aus und hat Ihr über die Grenzen Spandaus hinaus Res-pekt und Anerkennung verschafft.

Ein strahlendes Beispiel für selbstlosen Einsatz, selbstverständlicher sozialer Kompetenz und einem unbändigen Faible für Mitmenschen. Ein Dank für eh-renamtliches Tun rund um die Gartenarbeitsschule Hakenfelde, Respekt für Ihr unermüdliches Schaffen um den Bezirksverband der Spandauer Kleingärtner
und ihre Vielzahl an weiteren ehrenamtlichen Schaffensfeldern.
Carla Krüger bitte bleiben Sie neugierig und bereichern Sie unseren Bezirk mit weiter Ihrem Tun!

Roswitha Büch

Spandauer Ehrennadel 2019_Roswitha Büch, Gerhard Hanke
Bild: BA Spandau

Roswitha Büch ist empathisch, kommunikativ und wirkt beim ersten Aufeinan-dertreffen liebenswert. Auch wenn Sie es nicht gerne hört, sind ihre 81 Lebens-jahre und ihre Erlebnisse schon eine Honorierung wert.

Bescheidenheit umgibt Sie und ihr ist es im Verlauf der Unterhaltung fast
unangenehm, weil sie oft in der Ich –Form spricht, obwohl schnell klar wird das Sie WIR meint. Frau Büch ist versierte Gesprächspartnerin– bestrebt dem
Gegenüber etwas zu entlocken – so muss man spitzfindig und oft auch um die Ecke fragen, um ihre Persönlichkeit zu entschlüsseln und etwas über Sie zu er-fahren. Doch wenn Sie Sympathie empfindet, ergibt sich eine Gespräch über viele Anekdoten ihres Lebens und einer gewissen Grundeinstellung, die immer mitschwingt. Schnell ist man in ihren Erzählungen gefangen, die von Werten, Wesenszügen und Waschbecken handeln – aber dazu später mehr.
Eine mitfühlende Seele, gute Zuhörerin und Macherin.

Roswitha Büch ist am 23.03.1938 in Sassnitz, auf der Insel Rügen, geboren.
Ihre Kindheit war Kriegsgeprägt.
Ihre Mutter schmerzt der Umstand ihr Kind in Zeiten des Verzichts und
unsicheren Lebensverhältnissen aufwachsen zu sehen und trifft eine selbstlose Entscheidung Roswitha nach Thüringen zu entfernter Verwandtschaft zu
schicken. Dort ist für Kost und Logie gesorgt – Roswitha wird bis zu ihrem 17. Lebensjahr Ihren Lebensmittelpunkt noch öfters verlegen.
Neue Menschen, neues Einleben, neue Umstände – eine Zeit die Sie bis heute prägen wird.

Mit 10 Jahren verschlägt es Sie zu ihrem Vater in die Kreisstadt Kulmbach in Bayern. Der Vater hat nach Trennung von ihrer Mutter erneut geheiratet, das Verhältnis zur Stiefmutter ist gut.

Gasthofmentalität, gewöhnungsbedürftiger Akzent, blau-weiße Fröhlickeit
-joa lecks mir am Arsch!
Roswitha wird hier keine Heimat finden, aber ein Schaffensfeld das ihr
kommunikative Ader fördert, ihr Bestreben sich mit Menschen auseinanderzu-setzen und Ihr Talent gut zuzuhören, auch wenn es sich dabei vorerst nur um Bestellungen handelt.
Die damals 14-jährige blüht im Gastronomiebereich auf und wird die nächsten drei Jahre alles lernen was der Beruf zu bieten hat – den wir heute Restaurant-fachfrau nennen. „Ich war die Frau fürs Grobe“, beschreibt Sie diese Zeit.

Roswitha macht auch zu dieser Zeit schon die Dinge mit sich selber aus, doch kann Sie nicht verbergen das Sie Heimweh plagt und Ihre Mutter fehlt. Sie bricht ihre Zelte ab und macht sich auf in Richtung Heimat – Rügen.
Nach kurzer Zeit wird klar, das diess keine Heimkehr ist um Wurzeln zu schla-gen, sondern eher der Auftakt um wiederum weiterzuziehen.
Ihre Mutter spürt die Rastlosigkeit ihrer Tochter und die innere Unruhe
und ertüchtigt sie zur Tante nach Köln aufzubrechen.

Ende der 50er Jahre findet Roswitha hier schnell beruflich Anschluss und ein Zimmer – ihr eigenes kleines Reich.

Wie in Bayern wird dieses gastronomische Gastspiel in Nordrhein Westfahlen lediglich drei Jahre dauern, bis Sie wieder im Zug Richtung Heimat sitzt-
doch dieses Mal kommt es anders.

Eigentlich als Zwischenstopp auf der Fahrt gen Norden geplant, trifft sich Sie sich Weihnachten 1959 in Berlin mit Ihren Schwarm aus Sassnitz.
Bei der Familie des nordischen Fischers wird das Weihnachtsfest begangen und Roswitha wird die Hauptstadt nicht mehr verlassen.

Bayrische Gelassenheit, Kölner Frohnatur und jetzt als Abrundung der
charakterlichen Deutschlandreise, die weltweit bekannte Berliner Wärme und Sympathie.
„Momentan kommste ungünstich, kommste in ne Sommersaison wieder“,
sagt man ihr im Cafe Kranzler am Kurfürstendamm, als sie sich dort bewirbt.

Berlin steht kurz vor Teilung und Mauerbau und die Engländer suchen hände-ringend nach Kindermädchen. Roswitha zögert nicht lange und kümmert sich um die Zöglinge von der Insel, was ihr mit einer damals einhergehenden Auf-enthaltsgenehmigung in Berlin feste Verhältnisse verspricht.
Lange hält sie es mit Rackern, Rotzgören und ruhelosen Nachwuchs nicht aus.

1960 wird das Jahr, das Sie bis heute mit Spandau verknüpfen wird.
In diesem Jahr lernt Sie ihren Mann kennen, einen Wolhynier, den es aus der heutigen Ukraine nach Berlin verschlagen hat -Ihre Ehe wird über 50 Jahre an-dauern.
Beruflich verschlägt es Roswitha an den Rand Spandaus, in das Siemenswerk, wo sie 30 Jahre das Gästekasino führen wird – sie ist wieder in ihrem Metier.
Menschen, Mittagsmatjes und mächtig Kommunikation, ganz nach Ihrem Mot-to: „Ich bin nicht neugierig, aber ich möchte schon alles wissen!“

Einige Jahre später wird das sich Paar ein wohnliches Nest in Hakenfelde mieten – eine folgenschwere Entscheidung, denn schnell findet Roswitha hier An-schluss, Heimat und einen Platz im Vergnügungsausschuss des Vereins der
Wohnsiedlung Hakenfelde.

Eine Transformation von der jungen, rastlosen Gastrokraft zur allseits geschätzten sozialen Seele und Spandauer Organisationstalent
Der 1944 gegründete Verein der Siedlung fördert Gemeinschaft, Zusammenhalt
und ein Miteinander. Seinerzeit für Ingenieure und Einwanderer aus Schlesien gegründet, besteht dieses Credo bis heute.

Hier findet Roswitha ein soziales Becken in dem Sie sich tummelt, organisiert und wohlfühlt und das seit 30 Jahren.

Kindersommerfest, Seniorenveranstaltungen, die Verkehrsschule und ihre Akti-onen, Erste-Hilfe Kurse, Kurzreisen, Bingoabende, Halloween und und und –
diese Aufzählung wäre beliebig und fast endlos erweiterbar.
Sie krempelt um, sie schafft sinnvolle Gerätschaften an und Strukturen.
„Am Anfang kam auch der zehnte in die Küche zum abwaschen, was eigentlich auch zwei erledigt bekommen hätten!“ Diesen Satz hätte sie mal lieber für sich behalten, denn auch heute noch findet man Sie als Solotänzerin am Waschbe-cken jetzt oft allein unter dem Motto:
„Entweder man sagt was oder wäscht ab!“

Da verwundert es auch nicht, das Sie zur Entspannung in ihrer grünen Oase mit Teich und Grün mit den Fröschen spricht, wie Sie sagt oder beim Schuhe kau-fen mit anregenden Lesestoff nach Hause kommt.

So trug ich es sich auch zu, dass schnell Kontakt zum Nachbarschaftsverein der Gartenarbeitsschule Hakenfelde geknüpft war und „Rosi“ auch hier helfend, und unterstützend eingriff.
„Am Anfang sah ich Jugendliche, die mit Pflanzen nichts anfangen konnten!“
Dieser Umstand wird noch nicht völlig behoben sein, aber auch hier avancierte die 81-jährige schnurrstracks zur „Macherin“! Der Nostalgiemarkt und der Flohmarkt gründen auf Ihrem Einsatz, auch wenn Sie da nicht gern hört.

„Was kriege ich davon oder was habe ich davon sind blöde Sätze! Entweder man macht es oder nicht!, sagt Roswitha“

Sie holt sich ihre Bestätigung sprichwörtlich am Mensch. Stetig organisiert Sie Reisen für die älteren aus der Gesellschaft, die ihr ihre Mühen
mit herzzerreißenden Gesten oder freudigen emotionalen Reaktion wertschät-zen.

81 Jahre Engagement – nur Mutter Theresa darf man Sie nicht nennen, da sich sonst ihre Gesichtszüge etwas verengen und man einen bösen Blick erntet.

Fragt man Sie nach Ihren Wünschen, bekommt man zu hören: „Wir habens gut und ich bin wunschlos glücklich“

Eine herrlich, bescheidene und bewundernswerte Dame, die Menschen Halt bietet und jedem mit Empathie und Symapthie gegenübertritt.
Verneigen wir uns für eine Art und Weise von derer wir alle lernen können
und ihr unbändiges Engagement und Arrangement um den Stadtteil Hakenfel-de und dessen Bewohnerinnen und Bewohner, an deren Gemeinschaft und
Zusammenhalt sie täglich ganz selbstverständlich werkelt, wächst und hoffent-lich weiterhin wunderbares vollbringt.

Einen wertschätzenden Applaus für über drei Jahrzehnte soziales Engagement und wir hoffen dich weiter am Waschbecken aller Veranstaltungen und Feste
anzutreffen, denn dann bist du in deinem Metier.