Verleihung der Spandauer Ehrennadel 2018

Die Spandauer Ehrennadel wurde am 20. November 2018 zum siebzehnten Mal an Personen verliehen, die sich über längere Zeit in besonderer und herausragender Weise für das Gemeinwohl im gesellschaftspolitischen Bereich in Spandau verdient gemacht haben.

Das Findungsgremium – bestehend aus Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank, seinem Stellvertreter Gerhard Hanke, der Bezirksverordnetenvorsteherin Gaby Schiller und ihre Vertreterin Ulrike Billerbeck – hatte in diesem Jahr fünf besondere Mitbürgerinnen und Mitbürger ausgewählt, deren Verdienste um den Bezirk Spandau mit dieser höchsten Auszeichnung des Bezirks gewürdigt werden:

Elke Beuke

Bildvergrößerung: Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank, Elke Beuke beim Eintrag ins Goldene Buch und Bezirksverordnetenvorsteherin Gaby Schiller (von links nach rechts)
Bild: Bezirksamt Spandau

Hilfsbereit, gerade heraus und ein Leben voller sozialem Engagement, so könnte man Elke Beuke beschreiben – die Laudatio wäre damit bedeutend kürzer und es wäre nur die halbe Wahrheit.

Elke Beuke ist auch streitbar, emotionsgeladen und wer sie kennt – mit einer immensen stimmlichen Power versehen. Doch genau dieser Mix / Synergie aus sozialer Kompetenz, Berliner Schnauze und dem Herz am rechten Fleck macht aus ihr eine würdige Preisträgerin.
Die Tiefen ihrer Vita verraten, dass Frau Beuke am 10.02.1951 im Arbeiterbezirk Wedding das Licht der Welt erblickte. Wahrscheinlich schon der Start für ihre kommunikative Ader, dass sie folgend mit zwei Brüdern aufwuchs. Ihre Kindheit war nicht immer leicht, die Familie auf jede Mark angewiesen, obwohl der Vater sich beruflich im öffentlichen Dienst, in der Senatsbauverwaltung, tummelte.

Elke war aufgeweckt und auch damals schon mit einem ausgeprägten Gerech-tigkeitssinn ausgestattet. Ihr Berufswunsch Altenpflegerin, Krankenschwester oder ein sozialwissenschaftliches Studium, wäre ihr heute wohl schnell erfüllt worden, doch es ist schwer in dieser Zeit sich elterlichen Wunschvorstellungen zu beugen. Lern was Ordentliches! Dieser Satz hallt wohl jeden hier im Ohr.

Vermessen eine Ausbildung als Bäckereifachverkäuferin als großes soziales En-gagement zu verkaufen, doch Brötchen, Baguettes und belegte Schnitten ließen Elke ein Ohr an gesellschaftlichen und sozialen Problemen haben. Förderlich für alles, was da noch kam.

Jetzt, 1972, kam nämlich Hans Joachim. Kollege des wehrten Vaters, selbstverständlich adrett und schneidig und ein Mann der Tat. Die 21-jährige Elke sollte lediglich den Herrn Papa vom Feierabendbier in nahegelegener Gaststätte holen und traf auf seinen Trinkgesellen und Kollegen Hans Joachim, der das holde Töchterchen folgend nicht mehr losließ. Drei Wochen Kennenlernphase, Heiratsantrag, sechs Monate später Hochzeit – diese doch recht schnelle Entscheidungsfindung mündete in, bis dato, 45 Ehejahre.

1974 konnten wir das Paar dann in Spandau begrüßen. Hier, in der Maulbeerallee, bauten sich die beiden in einer Mietwohnung ihr Nest, in dem sie heute noch gemeinsam leben! Spandau damals noch Wüste, bevölkert von Bauern und alles andere als verkehrstechnisch erschlossen, so beschreibt Frau Beuke ihre Eindrücke.

Die kommenden acht Jahre gab Elke den Bäckerei-Job auf und stärkte ihrem Hans-Joachim den privaten und beruflichen Rücken und betrieb das was sie so schön „als Selbstverständlichkeit“ beschreibt, sie half Menschen. Ihre Schwiegermutter, schwer erkrankt und wohnhaft in Oldenburg, pflegte sie trotz Entfernung. Schnell wurde der Entschluss gefasst, sie nach Berlin zu holen, um eine gehaltvolle Pflege zu gewährleisten und einen würdigen Abschied. Das sagt sich so leicht, doch Pflege ist ein „Full Time Job“ und eine psychische Herausforderung. „Man ist Freundin, Begleiterin und Pflegerin“, beschreibt sie den Aufwand, sich einem Menschen anzunehmen.
Bis heute hat Elke Beuke sechs Menschen in ihrer Freizeit gepflegt, gestärkt und ihren Tod, in den jeweiligen vier Wänden, begleitet.
Allein dafür gebührt ihr Respekt, doch das ist nur ein Puzzleteil ihres Engage-ments.

Ihr Ehemann, eingespannt im Senat und rege aktiv, im damaligen Reichsbund war im Begriff, sich ein weiteres zeitraubendes Amt als Beisitzer im Landesverbund des heutigen Sozialverbands zu Eigen zu machen. Reaktion seiner liebenden Ehefrau: Wehe du nimmst noch ein Amt an. Hans Joachim wurde Beisitzer, agierte aber folgend taktisch klug, wissend um die Vorzüge seiner besseren Hälfte.
Bei der nächsten Versammlung wurde Elke Beuke spontan und wahrscheinlich rein zufällig zum Eintritt in den Sozialverband bewegt und sofort zum Kassenwart ernannt.
Bevor Elke wusste wie ihr geschieht, stand sie mit der Mitgliedszeitschrift vor einer Wohnungstür und kassierte Mitgliedsbeiträge und klebte Marken in Kassenhefte. Wir schreiben das Jahr 1984. Elke ist gleichzeitig Mitgliedsbetreuerin im Ortsverband. Sie weiß, wie man Nachwuchs heranzieht und alt Eingesessene motiviert.

2017 organisiert dem Verband eine 100-Jahr-Feier zum Bestehen, organisiert monatliche Versammlungen von der Totenehrung bis zum Extrablatt, tummelt sich im Landesverband und ist mit bezirklichen Vertretern auf Du. Da verwundert es nicht, dass sie 2008 Beisitzerin im Landesverband wird und bis 2010 mit Anspruch und tadellos das Amt der Schatzmeisterin bekleidet.

Wir können leider nur Vermutungen anstellen, wie es dazu kam, aber Hans-Joachim – wir danken dir für diese taktische Meisterleistung. Damit begannen nämlich 34 Jahre engagierte Jahre.

Sie ist die gute Seele für gut 500 Mitglieder des Sozialverbands Deutschland Ortsgruppe Staaken, Klosterfeld, Haselhorst und Siemensstadt. 1987 wurde sie mit 95 % Ja-Stimmen zur ersten Vorsitzenden gewählt und ist seit jeher für jeden offenes Ohr, Problemlöserin und Ansprechpartnerin, 24 Erreichbarkeit inklusive. Und selbst wenn sie persönlich nicht helfen kann, weiß sie wer es kann und vermittelt.

2010 wird sie 1. Ortsverbandsvorsitzende und damit einhergehend Mitglied im Kreisverbandsvorstand. Sie ist immer nah am Mensch, ist Helferlein, Beistand und eine Institution, wie der Verband selbst und das hat Respekt und Aner-kennung verdient.

Elke Beuke lebt nach dem Motto: Hilfe ist wichtig, und ich frage nicht, was ich
bekomme. Ich mach´s einfach! Und das beweist sie bis heute.

Soziales Arrangement im privaten Pflegebereich seit Jugendtagen und Ehren-amtliches seit fast 40 Jahren im Sozialverband Deutschland. Elke Beuke bringt es einfach auf den Punkt: „Wenn man etwas gern macht, dann wird es auch gut!“ Eine Persönlichkeit und ein Vorbild für Verdienste um das Gemeinwohl in Spandau.

Meta Kemmerich

Bildvergrößerung: Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank, Meta Kemmerich beim Eintrag ins Goldene Buch und Bezirksverordnetenvorsteherin Gaby Schiller (von links nach rechts)
Bild: Bezirksamt Spandau

Meta Kemmerich spricht nicht gern über sich selbst. Lieber redet sie über ihre Kinder, deren Probleme und was Politik und Institutionen besser machen könnten, wo es hakt und an welche Stellen man ansetzen könnte, welche Verant-wortungsträger sich von persönlichen Besuchen genervt fühlen und welche Fallstricke das Leben als Pflegemama mit sich bringt. Wer etwas über Meta Kemmerich erfahren will muss klug fragen, sie nicht drängen, Persönliches preiszugeben, aber neugierig sein. Wer ihre Sympathie erregt, hat mit der Zeit des Gespräches irgendwann auch ihr Vertrauen und somit einen kleinen Zugang zu einer wirklichen Persönlichkeit.

Meta, geboren am 01.06.1957 in Bad Münstereifel, ca. 60 Kilometer von Köln entfernt ist aufgeweckt und besonders. Klingt nach kindlicher Träumerei, mit vier liegt die kleine Meta in ihrem Bett und findet genau diese Worte für sich. Die Kindheit ist schwierig mit zwei Schwestern. Ihr Vater lässt ihr wenig Nähe und Nestwärme zukommen und die Mutter zieht die Schwestern vor, macht Meta mit ihren autoritären Erziehungsstil das Leben schwer .
Katholisch erzogen flüchtet sich Meta in ihre eigene kleine Welt und betet vor dem zu Bett gehen: „Lieber Gott, ich bin besonders!“

Mit 16 schafft Meta den Schulabschluss und bekommt langsam ein Faible, einen Animus oder ein leises Gefühl, was sie irgendwie besser kann als andere. Intuitiv versetzt sie sich in Freunde und Bekannte. Sie wird aufmerksam auf Probleme, studiert unbewusst Körpersprache, kommunikative Ausflüchte und analysiert versteckte Probleme. Talent, Passion oder bloße Empathie lässt sich schwer deuten, doch für die Zukunft wird sie diese Gabe nie wieder loslassen.

Loslassen wird sie auch Berlin nicht. 1975 wirbt der Berliner Senat Arbeitskräfte aus Westdeutschland an – Berlin wird zu alt und sucht händeringend im Einzelhandel Fachkräfte.
Meta macht sich von ihrem Dorf, wie sie es mit Augenzwinkern nennt, auf in die große Metropole. Die behütete Beschaulichkeit findet hier ein jähes Ende – Berlin ist laut, groß und für die 18-jährige ein Kulturschock, gerade als auszubildende Verkäuferin. Sie flüchtet zurück in die nordrhein-westfälische Heimat, hier wird die Arbeitssituation nicht wesentlich besser – sie muss Geld verdienen, vor allem weil gerade ihr Sohn Sidney geboren ist.

Mit Kind und Kegel und durch Unterstützung ihres Berliner Chefs, der Wohnung, Arbeitsplatz und Gehalt in Aussicht stellt, wagt sie einen zweiten Versuch mit Berlin und wird nicht mehr nach Westdeutschland zurückkehren.
Als Verkäuferin und Mensch höchst geschätzt, hat Meta jetzt ganz andere Sor-gen. Sie sucht eine Tagesmutter für den Nachwuchs, in den 80-igerer Jahren ein schwieriges Unterfangen und eine Tortur in Berlin Neukölln. Beruf, die Geburt des zweiten Kindes Jenny und Familie setzen ihr zu, abends sitzt sie auf der Couch und weint, und nach mehreren Monaten entsteht eine Idee.

„Wenn sich keine Au-Pairs oder Tagesmütter finden lassen mach ich’s selber“, denkt sich Frau Kemmerich.
Mitte der 80-iger ist der Verkäuferjob schnell an den Nagel gehangen und Meta wird ihr eigenes Au-Pair. Schnell ist auch Kontakt zum hiesigen Jugendamt geknüpft, um ihr Betreuungsportfolio auszubauen – Meta bekommt weitere Au-Pair-Jobs vermittelt. Da sie die belastende Situation der Eltern am eigenen Leib erfahren hat, ist sie für Kinder und Eltern versierter Ansprechpartner.
Damit die heimische Kasse am Ende des Monats stimmt übernimmt sie zusätz-lich den Hauswartjob in ihrem Wohnhaus.

Mit 28 Jahren ist die Welt bei Meta in Ordnung. Sie hat sich den Traum der eigenen kleinen Familie erfüllt und ist mit ihren zu betreuenden Kindern glücklich. Beim Jugendamt und ihrem Sachbearbeiter Herrn Röben bleibt diese Entwicklung nicht unbemerkt. Der herzliche und einfühlsame Umgang mit Kindern und die positive Resonanz der Eltern hat Potential und zwar für einiges mehr!

Drei Jahre später ist Meta Kemmerich ausgebildete Heilpädagogin und liebevolle Tagesmutter für Krisenkinder, die ihr das Jugendamt vermittelt. Meta Kemmerich nimmt Kinder aus zerrütteten Familien auf, Lernbehinderte Kinder mit spastischer Lähmung und Säuglinge. Wir würden es Härtefalle, Aussortierte und aus Familien weggerissene Kinder nennen, Meta sieht nur das Kind und sein Potential, egal welche Vorrausetzungen oder körperlichen Leiden es mitbringt. Sie selber sagt, ihre Zöglinge sind körperlich und seelisch geschunden, und ihre damalige 6-Zimmer Wohnung dient als Hort, Rückzugsort und Zuhause.

Anfang der 90-iger wird Neukölln grob, anders und negativ. Sie zieht nach Span-dau in ein Einfamilienhaus, ihr Engagement für den Nachwuchs ist ungebrochen.
Sie bringt Lernbehinderte dazu, dem Stoff folgen zu können, Kinder mit Spastik, deren ärztliche Diagnose verheerend ist, dazu zu tanzen und sie ermöglicht Kinder Teilhabe am sozialen Leben. Auf den eigentlich vorgegebenen Betreu-ungsmodus, das mit 18 Jahren Betreuung endet, pfeift sie, sie begleitet ihre Zöglinge solange es geht. Dominique bekam sie als er ein Jahre alt war, ausge-zogen ist er mit 23 Jahren. Enrico hat sie ein Jahrzehnt begleitet und entspricht seinem Wunsch, mit 34 Jahren von ihr adoptiert zu werden.

Eine Anekdote, die ihr Schaffen und ihre täglichen Kampf widerspiegelt als Pflegemutter. Einer ihrer Zöglinge nannte sie intuitiv Mama und schreckte nach seiner Aussage zusammen und blickte verängstigend drein.
Meta reagierte behutsam und sagte: Natürlich kannst du mich Mama nennen, das ist doch völlig normal! Der Kleine immer noch überrascht vom Ausspruch entspannte sich etwas und erwiderte: „Wenn ich dich Mama nenne, habe ich Angst, das du wie meine richtige Mama wirst!“

Allein dieses Engagement würde für eine Ehrung genügen, doch Frau Kem-merichs Motivation reicht weiter. 2004 gründet sie den Aktivverbund e.V., der sich um Rechte für Pflegeeltern einsetzt, was Beistandschaften bei Gericht oder Hilfe mit dem Jugendamt einschließt, sie ist erste Vorsitzende des Fördervereins der Schule am Gartenfeld, sie ist seit 10 Jahren im Bezirkselternausschuss aktiv, seit 25 Jahren in diversen Schulen Elternvertreterin und hat 2004 im Jugendausschuss des Senats 30 Minuten Redezeit genutzt und damit eine Kür-zung der Zuwendungen für heilpädagogische Pflegeeltern zu verhindern – er-folgreich.

Spandau ist Heimat geworden. Hier kann ich mich politisch äußern, hier ist es grün und hier weiß ich, wen ich ansprechen kann, sagt Frau Kemmerich. Meta kämpft im privaten für und mit ihren Kindern, in der Öffentlichkeit für ihren Herzensberuf als Pflegemutter.
„Politiker muss man von der Realität überzeugen, die wissen nicht was hier passiert, sagt sie. Wer das Vergnügen hatte mit Meta Kememrich zu sprechen, weiß es. Für unbändiges Engagement als Pflegemutter, für drei Jahrzehnte und gut 30 Kindern in Tages-, Bereitschafts und Dauerpflege, für ein Leben das dem Nachwuchs gewidmet ist die goldene Spandauer Ehrennadel für Meta Kemmerich.

Peter Krüger

Bildvergrößerung: Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank, Peter Krüger beim Eintrag ins Goldene Buch und Bezirksverordnetenvorsteherin Gaby Schiller (von links nach rechts)
Bild: Bezirksamt Spandau

Peter Krüger ist ein ruhiger Zeitgenosse. Gefasst mit einer beruhigenden Stimme und immer patent und freundlich. Rummel um seine Person ist ihm fremd und lässt ihn Zurückhaltung üben. Mit 76 Jahren ist er selbstbewusst, aber in sich gekehrt. Wer etwas über ihn erfahren will muss sich Zeit nehmen und erfährt dann einiges über Pflichtbewusstsein, seinen Animus für Zahlen und seine immense Geselligkeit, die ihn auch heute noch begleitet. Stringent, klar, sympathisch.

Peter Krüger erblickt am 18.12.1941 in Spandau das Licht der Welt, sein Zuhause wird die Seegefelder Straße. Die Mutter zieht Peter allein groß, sein alter Herr wird im Krieg vermisst. Mit seinem Halbbruder macht er die Gegend unsicher und kraxelt durch alte Bunkeranlagen und rennt durch ellenlange Kleingartenkolonien mit ihren Gärten, Parzellen und Häuschen. Anfang der 50-iger Jahre ist Spandau noch ein Kleingartenparadies, die Wohnungslage ist überschaubar und einige Familien wohnen sogar ganzjährig in ihrem Gartenhaus. Vielleicht rührt die Begeisterung für Grün und Kleingarten aus diesen Kindertagen. Sie wird Peter Krüger ein Leben lang prägen.

1946 beginnt er seine schulische Laufbahn und schnell wird klar, das Peter ein Talent für Zahlen hat. Er selber sagt: Spaß hatte ich an allen Fächern, aber mit Zahlen konnte ich gut.
Da überrascht es nicht, dass er 1956 eine Lehre als Kaufmann im Groß- und Außenhandel beginnt. Seine Firma ist in einer wachsenden Branche tätig – der Seifenherstellung und dessen Vertrieb.
Peter ist neugierig und hat den Anspruch, sich mit dem Produkt zu identifizieren. Wo kann eingespart werden, wie setzt sich der Stückpreis zusammen, wie wirkt sich die Kostenentwicklung auf den Endpreis aus. Er durchläuft sein Unternehmen von der Fertigung bis zum Verkauf. Somit ist seine Ausbildung nicht nach drei Jahren beendet, sondern erstreckt sich auf über 28 Jahre.

Willkommene Abwechslung zwischen Zahlen und Statistiken ist die Tanzschule Neumann. Zwei bis dreimal schwingt Peter wöchentlich das Tanzbein und ist abendlichen Ausflügen in die Berliner Nacht nicht abgeneigt. Oft treibt es ihn ins Palais am Funkturm, hier wird „geschappert“, geschunkelt und getanzt. Ein Mann mit Hüftschwung und Bewegungstalent weckt Begehrlichkeiten und macht bei der hiesigen Frauenwelt – gestern wie heute – nicht unbedingt unbeliebt.
Da überrascht es nicht, das Peter mit seiner geschmeidigen Hüfte beim Tanztee eine Saarländerin kennenlernt, die sein Hobby teilt. 1968 wird geheiratet und in eine gemeinsame Zukunft getanzt, die ein Jahr später in der Geburt von Tochter Ulrike mündet.

1977 bildet sich Peter weiter und wird Kostenrechner bei der Rhenania Spedition, gemäß seiner Erfahrung wird er mit der Lagerleitung für die Senatsbevorratung betraut. Hier ist er Herr über unzählige Lagerhallen, die von Toilettenpapier bis Schokolade alles beherbergen, das seinerzeit für das eingeschlossene Berlin von existenzieller Bedeutung war. Nur 5 Jahre später erhielt er aufgrund seiner hervorragenden Leistungen ab 1995 Prokura und wurde zum Berliner Niederlassungsleiter für das Unternehmen ernannt.

Die Krügers sind gesellig, umgänglich und kommunikativ. 1968 frönen sie dem Grün in der Nähe ihrer Wohnung an „An der Kappe“.
Doch das reicht dem Paar nicht. Schnell ist Kontakt zur Kleingartenkolonie Waldeslust geknüpft und nach Bewerbung zeitnah eine Parzelle in Krügerischen Händen. Das Grün gilt als Ausgleich der Familie und bietet der damals
siebenjährigen Tochter Ulrike ein kleines Stückchen Leben in der Natur.

Schon nach kürzester Zeit erkennt Peter Krüger, wie wichtig der Kleingarten für arbeitende Menschen mit geringerem Einkommen, für ältere Menschen im Ruhestand und vor allem für eine naturnahe Erziehung der Kinder ist und verschreibt sich mit Herz und Seele, nicht nur seiner Kolonie, sondern der Idee des Kleingartenwesens insgesamt.

Schnell ist Peter erster Vorsitzender der Kolonie Waldeslust. Die alte Garde der Siedlung dürstet nach jungem Blut und der 38-jährige macht erste Bekanntschaft mit dem Kleingartenwesen und das mit wachsender Begeisterung. 1983 stößt er zum Bezirksverband Spandau für Kleingärtner und wird, gemäß seiner Zahlenaffinität, Kassenführer und damit einhergehend Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes – und übernimmt dies alles ehrenamtlich.
Ja kommunikatives Gebaren schützt vor Verantwortung nicht könnte man sagen, aber Peter findet sich schnell ein in Gerichtstreitigkeiten, Vordächer die zurückgebaut werden sollen und wütende Pächtern. Tanzen tut er immer noch, aber jetzt eher von Parzelle zu Parzelle und widmet sich in seiner Freizeit eher entspannteren Hobbys, wie Angeln.

Doch das Richtlinien verfassen, mit Institutionen verhandeln und Verträge für Unterpächter aushandeln hat 1986 ein Ende. Die Kolonie auf dem Grund der katholischen Kirche ansässig, möchte ihr Land anders nutzen und verpflanzt die Parzellenlandschaft an einen anderen Ort in Spandau. Die Krügers ziehen in ein Haus mit Garten und somit ist die persönliche Parzellenzeit und der Vorsitz der Kolonie vorbei, aber noch lange nicht sein Engagement um und für das Kleingartenwesen.
Dem Bezirksverband bleibt er in der Baukommission treu, 1992 überträgt man ihm die Leitung des Fördervereins für das Kleingartenwesen, die er sechs Jahre ausübt. Müßig zu erwähnen, dass er schon neun Jahre – ja als was wohl – als Schatzmeister fungierte.

So gut er mit Zahlen kann, so sehr liebt er die Natur. So war es nur zwingend, dass die Gartenarbeitsschule Hakenfelde Aufmerksamkeit weckt. Dinge anpflanzen, wachsen sehen, Hühner, Hamster, Schafe – das war in der Kleingartenzeit sein Credo und das ist es auch noch mit gut 60 Jahren.

2002 ist er eines von 13 Gründungsmitgliedern des Fördervereins für die Gartenarbeitsschule Hakenfelde, den er mit Freunden und Mitarbeitern gründet. Daher verwundert es nicht, dass man ihn aufgrund seiner langjährigen und erfolgreichen Praxis für Vereinsleitungen und Kassenwesen nach seiner Mitwirkung an der Gründung des Fördervereins auch gleich zu dessen Vorsitzenden gewählt hat, ein Amt, das er bis heute vorbildlich mit Übersicht und steigenden Mitgliederzahlen ausübt.

Peter Krüger hat Verständnis für die Sorgen und Nöte anderer, die bei ihm stets unbedingten Vorrang vor bürokratischen oder politischen Entscheidungen haben. Das sorgt dafür, dass die menschliche Seite bei seinem schwierigen Geschäft niemals zu kurz gekommen ist.

Für seine ehrenamtliche Arbeit, seine mannigfaltigen Verdienste um den Bezirksverband Spandau, das Kleingartenwesen insgesamt und die Gartenarbeitsschule, hat er sich weit über die Bezirksgrenzen von Spandau hinaus Respekt und allerhöchste Anerkennung in allen kleingärtnerischen und kommunalpolitischen Gremien erworben und das nicht nur bei Freunden.

Wir bitten um anerkennende Wertschätzung der 39 jährigen ehrenamtlichen Bemühungen um Kleingarten und Kolonien.

Peter Wilfert

Bildvergrößerung: Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank, Peter Wilfert beim Eintrag ins Goldene Buch und Bezirksverordnetenvorsteherin Gaby Schiller (von links nach rechts)
Bild: Bezirksamt Spandau

Wilfert ist Silvesterkind und am 31.12.1945 geboren. Vielleicht ist er deshalb Witzeleien und Frötzeleien nicht abgeneigt. Wilfert ist Staaken – seit 72 Jahren lebt er hier in seiner Heimat!
Er wächst im schönen Staaken auf, als eines von drei Geschwistern. Die Zeit nach dem Krieg ist zäh, und der kleine Peter schlägt sich damals mit kleinen Nebenjobs durch. Zeitung austragen, den hiesigen Kohlehändler unterstützen, den Bauern zur Hand gehen – Wilfert ist damals schon mittendrin statt nur dabei. Das wird ihm noch zu Gute kommen.

In der Grundschule verfolgt er mehr die Stablocken von Lehrerin Frau Hübscher im Unterricht und sagt heute noch mit einem verschmitzten Lächeln, wenn ihm dieser rote sportwagenfahrende Engel länger als Lehrberechtigte vergönnt gewesen wäre, hätte er Abitur gemacht.

So ist er Filmbeauftragter und fährt mit seinem Drahtesel regelmäßig ins Rathaus Spandau, um Filmrollen zu holen, wenn es mal wieder zu einem schulischen Thema mit Bewegtmaterial klappen soll. Peter ist aufgeweckt, clever und mit zehn Jahren begeisterter „Faustballer“. Eigentlich wollte er Fußball spielen, doch ein entzündetes Knie und folgende OP machten Fußball unmöglich.
Mit seinem Vater und geselligen Trink- und Arbeitskollegen ist Faustball aber schnell willkommene Abwechslung. Der 10-jährige fühlt sich wohl im Kreis der Erwachsenen und wird schnell selbständig.

Vielleicht auch ein Ergebnis des „Verschickens“. In den 50-iger Jahren ist es üblich, seinen Nachwuchs zu Ferienzeiten aus dem heimischen Haushalt auszulagern und zu Ferienfamilien zu schicken. Über das Rote Kreuz verschlägt es Peter nach Hamburg zu „Tante Heidi“. Von der adretten Kapitänswitwe mit üppigen Monatsauskommen schwärmt der 72-jährige heute noch, hier hat er nämlich ungeahnte Freiheiten. Im heimischen Staaken muss Peter ohne Taschengeld auskommen, bei seiner Ferienmutter gibt es fünf Mark, eine Fahrkarte und Hamburg wird erkundet. Mit 10 Jahren spaziert er an den Hafen-Landungsbrücken, ins Kino und planscht nachmittags im Bismark-Schwimmbad. Dafür nimmt er auch in Kauf, dass Tante Heidi ihn abends bei Kaffee und Eierlikörrunden anbietet „wie Sauerbier“, denn er hat ein stilles Abkommen mit der Kapitänswitwe. Für freies Geleit in den Ferien muss er abends in Schlafanzug zu den Damenkreisen stoßen, „N’abend die Damen, gute Nacht Tante Heidi“ sagen und ein bisschen Wagenkneifen und Tätscheleien über sich ergehen lassen. Peter war nämlich so ein „Süßer“!

Ja ältere Damen wickelt Peter seit je her um den Finger. Mit 20 Jahren und dem frischen Führerschein in der Tasche steht die nächste Freiheit auf der Liste – ein fahrbarer Untersatz.
Gelobt sei Frau Korz, die ältere Dame die gegenüber der Wilferts wohnt und bei Peter nur Oma Korz heißt. Sie bietet dem Halbstarken ein zinsloses Darlehen an, um sich den Traum vom ersten Auto zu erfüllen – zurückzahlen muss er die 1.200 Mark nie.

Sein Leben ist rund. Den Berufswunsch seines Vaters Maurer verfolgt er nicht, sondern beginnt bei Telefunken eine Ausbildung und wird Mechaniker. Mit 22 Jahren ist er in der Tonbandfertigung und vermittelt heute fast bescheiden, dass er derzeit alle Tonköpfe Deutschlands montiert hat. 1969 ehelicht er seine Freundin, seinen wahren Schatz, mit der er 2019 goldene Hochzeit feiert.
…und mittendrin ist Peter Wilfert auch noch kreativ, als Beweggründer für eine Revolution im Turnhallenbau. Mit 29 Jahren ist er immer noch passionierter Faustballspieler, trainiert viermal die Woche und testet derzeit die Beanspruchung von Turnhallenwänden. In den 60-iger Jahren baut man Wände mit Glausbausteinen, um Lichtdurchlässigkeit zu haben. Leider lassen diese Steine nicht nur Licht durch, sondern auch Peters Beine. Beim Hallentraining möchte Peter einen Ball erreichen und rennt ungebremst auf die Wand zu – Ergebnis: Mit den Füßen voran zerstört Peter mehrere Bausteine. Bis heute behauptet er felsenfest nach diesem Unfall, mauert man mit Stein 2,20 hoch, um solche Fauxpas zu vermeiden.

Weitere Meilenstein ist auch seine Jobwahl. Nach Meisterschule und Studium, Fachrichtung Fertigungstechnik, wird er Polizist was 2005 im Titel Hauptkommissar mündet. Die Bezahlung ist anfangs schlechter, doch der Spaßfaktor bedeutend höher. In dieser Zeit schließt er sich auch der Kyffhäuser Kameradschaft Staaken an – natürlich ehrenamtlich. Ein Soldatenbund der Hinterbliebene unterstützt und einen Schießstand betreibt. Hier wird dem Schießsport gefrönt, sozial und solidarisch in jeder Situation unterstützt und hier entstammt der Ausspruch, den Wilfert gerne bemüht: Miteinander-Füreinander. Ein Motto, das ihm als Vorsitzender 38 Jahre begleitet und heute noch genauso wahr ist wie damals!

Seine soziale, hilfsbereite und herzliche Ader bekommt auch sein Viertel, die Gartenstadt Staaken zu spüren. Seit 1950 ist er Mitglied im Unterstützungsverein Gartenstadt Staaken e.V., der sein Quartier in der alten Feuerwache bezogen hat. Hier wird soziale Kompetenz gelebt, weitervermittelt und über alle Altersgrenzen hinweg gepflegt.
1979 legt der 33-jährige besonderes Augenmerk auf den Seniorentreff, einer generationsübergreifenden Begegnungsstätte.

Miteinander ist hier Marschroute: Kartenspielnachmittag, Feierabendtreff, politischer Frühschoppen, Line Dance oder mal ein Bürgerforum, bei der Abgeordnete aus Bund und Abgeordnetenhaus gerne mal Rechenschaft ablegen dürfen. Wir sind hier alle Mitbesitzer durch die Genossenschaft, so fühlt man sich für die Siedlung verantwortlich, betont Wilfert und so wird man das Gefühl nicht los, dass Staaken sein Baby ist. Er ist Vorbild für Gemeinschaft und Zusammen-halt, ist für jede Veranstaltung Initiator oder Wegebreiter. Er hält die Siedlung und seine Bewohner zusammen – klingt einfach, aber Gemeinschaft muss erarbeitet und gepflegt werden.

Peter ist Organisator, Helferlein und oft Zugpferd. So überrascht es nicht, das sich auch die Genossenschaft der Gartenstadt 1994 die Dienste von Herrn Wilfert sichert.
1994 wird er zum Mitglied des Aufsichtsrates gewählt und kümmert sich um alle Belange der Anwohner. Wer beschneidet welche Obstbäume, wo wird das nächste Dach erneuert und was umtreibt die Genossenschaftsmitglieder – Wilfert ist für alle da und das über 25 Jahre! Für diese Aufgabe brennt er und ist heute noch Aufsichtsratsmitglied. Staakens Engagement ist Wilfert, das zeigt sich besonders beim jährlichen Kinderfest und dessen großen Umzug. Einige Bürgermeister hat er schon erlebt, als Steppke ist er selber mitgelaufen und heute organisiert und plant er als Zugorganisator höchst selber.

Selbst wenn er fünf Millionen gewinnen würde, ist seine Heimat Staaken, das er nach eigener Aussage mit den Füßen zuerst verlassen wird und bis dahin heißt es in der Gartenstadt „Miteinander – Füreinander“. Ein glänzender Kerl und eine Staakener Institution, die man geflissentlich nach über 30 Jahren Ehrenamt Vorbild nennen darf.

Thilo-Harry Wollenschlaeger

Bildvergrößerung: Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank, Thilo-Harry Wollenschlaeger beim Eintrag ins Goldene Buch und Bezirksverordnetenvorsteherin Gaby Schiller (von links nach rechts)
Bild: Bezirksamt Spandau

Klare Kante, Meinungsstark, aber mit einer gewissen kumpelhaften Bodenstän-digkeit. Wer sich mit Thilo-Harry unterhält, darf das kommunikative Rüstzeug nicht zuhause vergessen. Eine Anekdote jagt die nächste, Terminkalender immer im Anschlag, bis er unvermittelt im Gespräch auf einmal sagt: „Ich muss los!“. Wollenschlaeger ist Workaholic und Schausteller mit Leib und Seele.

Geboren am 14.02.1966 in Berlin Charlottenburg und mit dem Namen Wollen-schlaeger. Wir klären die Frage mit dem ae im Nachnamen sofort, Thilo-Harry hat sie nämlich schon eine Million mal beantwortet. 1927 bei der Geburt seines Vaters, dachte sich der Standesbeamte an einem kreativen Tag, dass man Wollenschlaeger doch auch mit ae schreiben könnte und vermerkte dies auch genauso auf der Geburtsurkunde. Der Fauxpas war beurkundet und somit auch das ae geboren.
Thilo-Harry hatte eine behütete Kindheit und auch wenn er seinen Vater als Persönlichkeit beschreibt, war es ihm unangenehm, wenn sein alter Herr ihn relativ haarlos und mit Glatze zur Schule brachte. Das blieb ihm bald erspart, als er die angesehene Schele-Privatschule in Neu-Westend besuchte. Thilo-Harry war kein Streber und beendet seine schulische Laufbahn mit Realschulabschluss. Mit einem Notendurchschnitt von 3 bezeichnet er sich nicht als Überflieger, zum Glück wissen wir heute, dass er das jetzt irgendwie ist.

Charakter und soziale Leitlinien brachte ihm sein alter Herr bei. Schlagworte wie Stolz, Werte oder finanzielles Gebaren finden sich heute noch in seinem Wortschatz – sein Vater ist für ihn Lehrer und Respektperson und zugleich ein Wegbereiter für Schausteller in Berlin und darüber hinaus. Er ist Mitglied im Verband deutscher Schausteller und der Europäischen Union der Schausteller. Dieses Engagement wird sein Sohn fortführen.
Mit 18 hat der junge Thilo aber andere Träume und Titel im Kopf. Auf dem Fuß-ballplatz bei Tennis Borussia fühlt er sich am wohlsten und eigentlich sind Stollen, Stürmer und Slalomläufe seine kleine Passion. Welcher ballverrückte 18-jährige wünscht sich nicht, Profi in der Bundesliga zu werden. Papa Wollenschlaeger, in vierter Generation Schausteller, hat da ganz andere Pläne. Der 57-jährige nimmt seinen Stammhalter sprichwörtlich unter seine Fittiche und macht aus Thilo-Harry ein Allroundtalent, Rüstzeug für einen wahren Schausteller.
Er macht einen Schweißerpass, schlägt sich mit Stromkreisen in einer Elektrobaufirma rum und darf sich im Steuerbüro auch Zahlen, Abschlüssen und Tabellen widmen.

Ein Schausteller hat für jedes Problem eine Lösung, das sagt Thilo-Harry heute, da verwundert es nicht, dass in den heutigen Kant-Garagen nahe Bötzow, wo sich das Wollenschlaeger Hauptquartier befindet, auch Schlosserei und Tischlerei ihren Platz haben, seine Buden baut er nämlich höchst selbst.

Doch 1989 ist es damit noch weit hin. Sein alter Herr steigt aus dem heimischen Unternehmen aus und vermacht seinem Stammhalter die Firma, macht ihn zum Chef eines wahren Schaustellerimperiums – einer Losbude. Er
wünscht seinem Sohn alles Gute und gibt ihm noch einen väterlichen Rat mit auf dem Weg: Einnahmen sind nicht dein Geld mein Junge, also achte stets auf die Kasse! Der 23-jährige kann sein Glück kaum fassen, aber das Vertrauen seines Vaters in ihn scheint unendlich.

„Er hat mich ins kalte Wasser geschmissen“, beschreibt Thilo-Harry heute seine Glücksgefühle. Doch es kommt, wie es kommen muss in guten Geschichten, der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung gibt Rummeln, Freimärkten und Volksfesten einen ungeahnten Aufschwung. Ein wahrer Goldregen für das Schaustellermilieu, der bis Mitte der 90-iger Jahre anhält. Doch nicht nur Deutschland betreut Thilo-Harry mit Karussells und Zuckerwatte, er bereist
ganz Europa.
Aus einer Losbude wird ein großes Schaustellerunternehmen, obwohl er die alte Losbude immer noch hat. Die erste Bude gibt man nicht weg, denn sie erinnert auch an schlechte Zeiten. Thilo-Harry macht Reibach, heiratet, bekommt eine Tochter und merkt rasch: Erfolg sät Missgunst und Vorurteile.

Doch seelig werden soll, wer Erfolg teilt und das zeichnet Thilo-Harry Wollenschlaeger aus. Seit fast vier Jahrzehnten treuer Begleiter des Spandauer Weihnachtsmarktes und unbändiger Initiator sozialer Projekte. Thilo möchte etwas zurückgeben, das klingt pathetisch aber wer Thilo kennt weiß, das ist keine hohle Phrase. Spandau und vor allem der Weihnachtsmarkt liegen ihm am Her-zen. Am Herzen liegt ihm auch seine Familie.
Der Schausteller muss einen Gang runterschalten, Deutschland und seine Volksfeste bereisen ist einem Familienleben nicht unbedingt zuträglich, und er wird in Spandau heimisch.

Er stellt den Fokus seines Schaustellerdaseins etwas anders ein. Natürlich ist er immer noch Organisator, vor Ort, aber kümmert sich als Verbandsfunktionär gemäß der Vita seines alten Herrns, um den Schaustellerverband. Entwickelt ein Schaustellerlogo und ein Motto: Die weite Welt ist unser Feld! Weiterhin ist er gerade mit dem Europäischen Bildungswerk im Gespräch, ob man aus dem Allroundberuf Schausteller nicht einen anerkannten Ausbildungsberuf macht und betreut eine Kulturstiftung, zum Erhalt des Schaustellerberufs und seinem Wandel.

Er sagt, wenn Spandau froh ist, ist mein Auftrag erfüllt. Thilo-Harry fühlt den Puls des Bezirks und spürt einen Wandel und diesem Wandel passt er seine Ideen an. Der sogenannte „Weihnachtstraum“ vor dem Spandauer Rathaus, ist eines seiner vielen alljährlichen Werke.

Hier verschenkt er Bäume gegen eine geringe Spende! Einst schmiss er diese noch weg, hat sie dem Berliner Zoo überlassen, doch als er merkte, dass sich hier manch einer nicht mal eine Tanne zu Weihnachten leisten kann, entstand die Idee. Eine soziale Tradition, die auch in diesem Jahr wieder ihre Abnehmer fin-den wird. Doch Erlöse steckt er nicht in die eigene Tasche, sondern spendet sie, und Thilo lässt sich nicht lumpen – die Beträge werden großzügig aufgerundet. Die letzten Erlöse gingen an die Stiftung „Haus Jonas (2015), „Staaken ohne Gewalt“, an das „Kinderheim Sonnenhof“ oder die „KiTa Wundertüte“ – die Liste ist beliebig erweiterbar.
Wollenschlaeger ist ein sozialer Typ. Anschneiden des großen Weihnachtsstollens, Weihnachtsbaumschmuck-Wettbewerb oder einfach mal ein Fest für 1200 Schülerlotsen organisieren, um deren freiwilliges Engagement zu würdigen, seine jährlichen Spenden für die Initiative „Weihnachten für Alle“, wo finanzielle Unterstützung, Lebkuchen und Kuscheltier ihre kleinen Abnehmer finden – Thilo ist dabei!

„In Spandau fühle ich mich menschlich gut aufgehoben“, sagt er. Er hält die Schaustellertradition im wahrsten Sinne des Wortes hoch und verleiht ihr ein strahlendes Gesicht, ein Image – ein traditionelles und vor allem ein würdiges.

Der 52-jährige ist fassbar, ansprechbar und nicht frei von Empathie – im Gegenteil. Wie sein Team sitzt Wollenschlaeger zum Weihnachtsmarkt in seiner Bude und packt mit an – eine verschworene Gemeinschaft nennt er das. Ruhig und gelassen ist er, aber ein Volksfest läuft nicht ohne seine Anwesenheit.

Für einen Mann, der soziale Kompetenz verkörpert, der Spandau treu ist und diesen Bezirk und seine Feste prägt. Einem Mann der sagt, was er denkt und mit seinen selbstlosen Aktionen stetig Freude verbreitet und sprichwörtlich verschenkt. Eine Persönlichkeit, die für Spandau steht und sich für die Belange unseres Heimatbezirkes einsetzt. Vier Jahrzehnte Spandauer Weihnachtsmarkt. Vier Jahrzehnte Einfühlungsvermögen und ein Herz für seine Mitmenschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Hoffen wir, dass er nicht gleich los muss und uns noch einen Moment beehrt, bevor er das nächste Volksfest unsicher macht.