Der Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 hat Jüdinnen und Juden weltweit erschüttert. Wie jüdische und israelische Communities in Deutschland den Terrorangriff und die Zeit danach erlebt? Zu dieser Frage hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eine Studie gefördert, deren Abschlussbericht nun vorliegt.
In einem Zeitraum von knapp drei Jahren wurde untersucht, wie jüdische und israelische Communities in Deutschland den Terrorangriff und die Zeit danach erlebt haben – auch Jugendliche und Kinder ab 7 Jahren wurden zu ihren Erfahrungen befragt. Die Studie wurde am KOAS – Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung in Kooperation mit dem Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) der Universität Tübingen durchgeführt.
»Die Studie offenbart das ganze Ausmaß antisemitischer Diskriminierungen. Wer offen zugibt, jüdisch zu sein oder aus Israel zu kommen, riskiert existenzielle Konsequenzen: von der Benachteiligung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche über Verweigerung der Bedienung im Restaurant bis hin zu Mobbing in Kita und Klassenzimmer. Wer jüdisches Leben in Deutschland wirklich schützen will, muss auch die Rechte von Jüdinnen und Juden stärken, wenn sie sich gegen Diskriminierung wehren. Dafür muss der Schutz vor Diskriminierung verbessert werden, beispielsweise auch an Schulen und Hochschulen. Bislang klafft hier leider eine große Schutzlücke in der Gesetzgebung«, sagte Ferda Ataman, Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, anlässlich des heutigen Jahrestages des Terrorangriffs.
Die für die Studie befragten Jüdinnen und Juden berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«. Erfahrungen von weggebrochenem Vertrauen, von Ausgrenzung und Diskriminierung durchziehen den Alltag von Jüdinnen und Juden in Deutschland und kommen aus allen Teilen der Gesellschaft – auch in sicher geglaubten Räumen: Zum Beispiel, wenn ein Arzt eine Patientin zu politischen Bekenntnissen drängt, oder die Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz auf Distanz gehen. Die Anfeindungen machen auch vor Jugendlichen und Kindern nicht Halt. Die Studie zeigt, dass selbst Kinder in Kitas und Grundschulen sowie Jugendliche Hass erfahren und unfreiwillig in eine »Erklärrolle« gedrängt werden. Der Druck, sich für die eigene Herkunft und Identität rechtfertigen zu müssen, führt bei Kindern, Jugendlichen wie Erwachsenen zu sozialem Rückzug, psychischer Belastung, verstärkten Sicherheitsabwägungen und schränkt ihre gesellschaftliche Teilhabe ein.
Insgesamt haben 118 Studienteilnehmende im Rahmen von narrativen Interviews, Gruppendiskussionen und Selbstbeobachtungen im zeitlichen Verlauf von zwei Jahren an der qualitativen Studie teilgenommen. »Die antisemitische Mobilisierung und die gesellschaftlichen Reaktionen darauf haben die soziale Atmosphäre und damit auch die Sicherheitslage der jüdischen und israelischen Community nachhaltig verändert«, so die Studienleiterinnen Marina Chernivsky und Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai. Die Erfahrung eines passiven wie auch übergriffigen Umfeldes würden zur Neuordnung von Zugehörigkeiten, Sicherheitsüberzeugungen, Abwägen von Lebensentscheidungen und Zukunftsperspektiven führen und die gesellschaftliche Teilhabe einschränken.