Stellungnahme des Beirats für Partizipation und Integration des Bezirks Reinickendorfs zur Absage von „VOLKSBAD x EOTO“

Pressemitteilung Nr. 2801 vom 19.08.2026

Der Beirat für Partizipation und Integration des Bezirks Reinickendorfs hat heute anlässlich der Absage von „VOLKSBAD x EOTO“ folgende Stellungnahme veröffentlich:

„Demokratische Teilhabe braucht sichere Räume – auch und gerade für Schwarze Berliner*innen

Der Beirat für Partizipation und Integration des Bezirks Reinickendorfs verurteilt die rassistische Hetze und die Drohungen, die zur Absage der Veranstaltung „VOLKSBAD x EOTO“ geführt haben.

Die für den 14. August 2026 geplante Veranstaltung sollte Schwarzen Kindern, Jugendlichen und ihren Familien für wenige Stunden einen geschützten Rahmen bieten. Aufgrund bundesweiter polemischer Berichterstattung, diskriminierender Kommentare und rassistischer Drohungen kamen die Volksbühne und Each One Teach One (EOTO) e. V. jedoch zu dem Ergebnis, dass die körperliche und psychische Sicherheit der jungen Teilnehmenden nicht mehr gewährleistet werden konnte.

Dass eine Veranstaltung für Kinder und Jugendliche aus Angst vor rassistischen Angriffen abgesagt werden muss, ist für eine demokratische und vielfältige Stadt nicht hinnehmbar.

Das Volksbad war im Rahmen seines Gesamtkonzepts auch anderen Vereinen und sozialen Initiativen zu reservierten Zeiten zur Verfügung gestellt worden. Dies führte zu keiner vergleichbaren öffentlichen Kampagne. Erst die geplante Nutzung durch eine Schwarze Selbstorganisation und für Schwarze Kinder und Jugendliche wurde als angebliche Diskriminierung skandalisiert.

Diese unterschiedliche Reaktion muss benannt und kritisch hinterfragt werden. Es entsteht der Eindruck, dass Communityangebote grundsätzlich akzeptiert werden, solange Schwarze Menschen nicht ausdrücklich als Zielgruppe sichtbar werden und selbstbestimmt einen Raum für sich beanspruchen. Genau diese Ungleichbehandlung verweist auf die gesellschaftlichen Strukturen, die Schutz- und Empowermenträume notwendig machen.

Zeitlich begrenzte Angebote für strukturell benachteiligte Gruppen sind keine verbotene Diskriminierung. Sie können vielmehr geeignete positive Maßnahmen sein, um bestehende Nachteile auszugleichen und tatsächliche Teilhabe zu ermöglichen. Auch die Berliner LADG-Ombudsstelle hat klargestellt, dass solche Maßnahmen mit dem Landesantidiskriminierungsgesetz vereinbar sind.

Formale Gleichbehandlung allein stellt noch keine tatsächliche Chancengleichheit her. Wer alle Menschen gleichbehandelt, ohne ihre unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und Diskriminierungserfahrungen zu berücksichtigen, kann bestehende Ungleichheiten weiter verfestigen.

Die Notwendigkeit besonderer Schutzmaßnahmen wird durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt. Nach Erkenntnissen des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung erleben 63 Prozent der Schwarzen Frauen und 62 Prozent der Schwarzen Männer mindestens monatlich subtile Diskriminierung. Ein Viertel der Schwarzen Menschen in Deutschland wird mindestens monatlich offen diskriminiert – beispielsweise durch Beleidigungen, Belästigungen oder Bedrohungen.

Der Afrozensus dokumentiert ebenfalls ein sehr hohes Ausmaß an Diskriminierung: 97,3 Prozent der Befragten berichteten, innerhalb von zwei Jahren Anti-Schwarzen Rassismus erlebt zu haben. Der Berliner Monitoringbericht zu Anti-Schwarzem Rassismus verzeichnete für 2025 insgesamt 471 dokumentierte Fälle gegenüber 213 Fällen im Vorjahr. Besonders häufig wurden Vorfälle im öffentlichen Raum, bei Behörden und Justiz, im Bildungsbereich sowie im Wohnkontext gemeldet.

Diese Zahlen machen deutlich: Schutzräume sind kein Ausdruck gesellschaftlicher Spaltung. Sie sind eine Reaktion auf reale Ausschlüsse, Bedrohungen und wiederkehrende Diskriminierung.

Schwarze Menschen sind Berliner*innen. Sie leben und arbeiten in dieser Stadt, gründen Familien, Vereine und Unternehmen, engagieren sich politisch und gesellschaftlich und tragen zum Gemeinwesen bei. Ihre Zugehörigkeit steht nicht zur Verhandlung. Sie haben denselben Anspruch auf Sicherheit, Würde, Sichtbarkeit und gleichberechtigte Nutzung öffentlicher Räume wie alle anderen Menschen.

Der Migrationsbeirat sieht mit großer Sorge, dass gezielte Maßnahmen zur Stärkung benachteiligter Communitys zunehmend politisch umgedeutet und als angebliche Benachteiligung der Mehrheitsgesellschaft dargestellt werden. Eine solche Umkehrung verschiebt die Aufmerksamkeit weg von den tatsächlichen Diskriminierungserfahrungen und kann rassistische Mobilisierung zusätzlich befördern.

Besonders problematisch ist es, wenn Mandatsträgerinnen oder Kandidatinnen demokratischer Parteien entsprechende Narrative übernehmen, ohne zuvor den Dialog mit den betroffenen Organisationen und Communitys zu suchen. Politische Verantwortung bedeutet, die Auswirkungen der eigenen Worte zu berücksichtigen und sich eindeutig schützend vor Menschen zu stellen, die rassistischen Angriffen ausgesetzt sind.

Der Migrationsbeirat fordert daher:
• eine eindeutige Verurteilung der rassistischen Drohungen und der gegen EOTO gerichteten Hetze durch die politischen Verantwortlichen in Berlin;
• die konsequente Sicherung, Prüfung und gegebenenfalls strafrechtliche Verfolgung der eingegangenen Drohungen;
• eine kritische Aufarbeitung der politischen und medialen Kommunikation, die zur Eskalation der Situation beigetragen hat;
• tragfähige Sicherheitskonzepte für zukünftige Veranstaltungen von Schwarzen und anderen von Rassismus betroffenen Selbstorganisationen;
• die dauerhafte Bereitstellung und Finanzierung von Schutz- und Empowermenträumen;
• die Einbeziehung von Schwarzen Selbstorganisationen und anderen migrantischen Organisationen in die Entwicklung öffentlicher Kultur-, Jugend- und Freizeitangebote;
• rassismuskritische Qualifizierungen für politische Entscheidungsträger*innen, Verwaltungen und öffentliche Einrichtungen;
• einen zeitnahen Dialog zwischen der Volksbühne, EOTO, der Berliner Politik und Vertreter*innen der Schwarzen Community.

Auch in Reinickendorf fragt sich nun der Migrationsbeirat, wie Schwarze Menschen öffentliche Einrichtungen, Kulturorte, Jugendangebote und weitere Räume ohne Angst vor Rassismus nutzen können. Als bezirkliches Gremium für Partizipation und Integration sieht der Migrationsbeirat sich in der Verantwortung, Anti-Schwarzen Rassismus klar zu benennen und die Perspektiven der Betroffenen in politische Entscheidungsprozesse einzubringen.

Demokratie zeigt sich nicht nur darin, dass öffentliche Räume grundsätzlich allen offenstehen. Sie zeigt sich insbesondere darin, ob Menschen, die strukturell benachteiligt und bedroht werden, diese Räume tatsächlich sicher und gleichberechtigt nutzen können.

Der Migrationsbeirat erklärt sich solidarisch mit Each One Teach One e. V., den betroffenen Kindern, Jugendlichen und Familien sowie mit allen Menschen, die sich gegen Anti-Schwarzen Rassismus engagieren.

Der Migrationsbeirat Reinickendorf“