Die Arbeit 1059 mit dem Titel »Urbane Leerstelle« ist zugleich Programm und Raumerlebnis, das auf eindrückliche Weise den historischen Ort über seine räumliche Erfahrbarkeit und die physische Präsenz seiner Spuren vermittelt. Der Checkpoint Charlie wird dabei nicht als museal abgeschlossener Ort verstanden, sondern als offener Stadtraum, in dem die unterschiedlichen historischen Schichten, Spuren und Objekte miteinander in Beziehung gesetzt werden. Die offene Platzfläche erzeugt eine dem Ort angemessene Ruhe und eine starke Atmosphäre, in der die ehemalige Grenzsituation durch die Verdichtung von Spuren und Artefakten erfahrbar wird.
Die Zusammenfassung der heute fragmentierten Flächen zu einem zusammenhängenden Platzraum und die Reduktion der Einbauten stärken den Ort als Ganzes. Die differenzierte Behandlung der Oberflächen und das Einschreiben der ehemaligen Grenzverläufe erfolgen mit hoher gestalterischer Präzision. Gleichzeitig bewegt sich der Entwurf auf einer anspruchsvollen Gratwanderung zwischen authentischer Spur, Darstellung und Abstraktion.
Das Ausstellungs- und szenografische Konzept baut schlüssig auf der freiräumlichen Grundidee auf. Positiv gewürdigt wird der Ansatz, die Ausstellung nicht als linearen Rundgang, sondern als Ensemble aus Ort, Spuren, bestehenden Objekten und neuen Setzungen zu entwickeln. Die vorhandene und noch zu entdeckende Substanz wird damit selbst zu einem wesentlichen Exponat. Die Ausstellungselemente erscheinen dagegen teilweise kleinteilig und in ihrer räumlichen und inhaltlichen Flexibilität eingeschränkt. Auch der Ausstellungspavillon bietet noch zu wenig Flächen für die Informationsvermittlung, insbesondere für größere Gruppen. Auch die starke Abhängigkeit der Bespielung der Brandwände von den Abend- und Nachtstunden wird kritisch gesehen. Das didaktische Konzept mit unterschiedlichen Informationsebenen, selbstbestimmter Bewegung sowie analogen und digitalen Angeboten ist aber nachvollziehbar und ermöglicht unterschiedliche Zugänge zum Ort.
Denkmalpflegerisch überzeugt insbesondere der respektvolle Umgang mit den historischen Fragmenten und Freistellung der Brandwände. Anstatt eine vermeintliche historische Vollständigkeit zu rekonstruieren, werden Leerstellen akzeptiert und zum Bestandteil des Konzepts. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die neuen Artefakte durch ihre teilweise unmittelbare formale Bezugnahme auf die Grenzinfrastruktur die Authentizität des Ortes konkurrenzieren. Die Unterscheidung zwischen historischer Substanz, Replik und zeitgenössischer Interpretation bleibt dabei teilweise zu unscharf.
Die freiräumliche Qualität liegt vor allem in der Großzügigkeit des zusammenhängenden Platzraums. Die weitgehende Zurückhaltung gegenüber zusätzlichen Begrünungselementen ist aus der Leitidee der Leere nachvollziehbar und bewahrt wichtige Sichtbeziehungen, aber entspricht noch zu wenig einer zeitgenössischen Platzgestaltung in Zeiten des Klimawandels. So bleibt die klimatische Anpassungsfähigkeit des Entwurfs stark begrenzt: Drainasphalt, Baumrigolen und punktuelle Neupflanzungen sind durchaus sinnvolle Maßnahmen und angedacht, können aber den sehr hohen Anteil mineralischer Flächen nur wenig kompensieren.
Die niveaugleiche Integration der Friedrichstraße und der Zimmerstraße stärkt die Wahrnehmung des Ortes als zusammenhängenden Stadtraum und überlagert Verkehrs- und Erinnerungsraum auf überzeugende Weise. Barrierefreiheit und Verkehrssicherheit werden mit taktilen Elementen, Schwellen grundsätzlich berücksichtigt, gelingen aber noch nicht flächendeckend. Die räumliche Verengung durch die präzise Setzung des Daches, die Verdichtung der Grenzbeleuchtung direkt an der Straßenkante sowie die historischen Markierungen des ehemaligen Straßenverlaufs unterstützen das Nebeneinander der unterschiedlichen Verkehrsarten, ohne die Durchgängigkeit der Friedrichstraße infrage zu stellen.
Die Planung erscheint aus wirtschaftlicher Perspektive im Bereich der Freianlagen abbildbar. Die Pflegekosten der Grünstrukturen werden als eher gering eingestuft und die Unterhaltungskosten befinden sich in einem tendenziell mäßigen Rahmen. Die Kosten für das Regenwassermanagement werden als eher hoch und nicht gänzlich nachvollziehbar bewertet.
Die Realisierung der Ausstellung mit Informationspavillon wird kostenseitig als etwas oberhalb der Kostenobergrenze eingestuft. Die Einhaltung der Kostenobergrenze erscheint mit geringfügigen Modifikationen bei der Medienbespielung möglich.
Insgesamt wird die Arbeit als konzeptionell klare und gestalterisch präzise Auseinandersetzung mit dem Checkpoint Charlie gewürdigt. Ihre besondere Stärke liegt im Zusammenspiel von authentischem Ort, vorhandenen Zeugnissen und den neu gesetzten Artefakten. Diese übersetzen charakteristische Elemente der ehemaligen Grenzinfrastruktur in eine zeitgenössische räumliche Sprache und machen Geschichte nicht nur visuell, sondern körperlich erfahrbar. Die erhöhte Perspektive der Aussichtsplattform, die spezifische Lichtwirkung des Daches und insbesondere die fast physische Präsenz des Lichts vermitteln Aspekte von Distanz, Kontrolle, Orientierung und Begrenzung auf eindrückliche Weise. Dabei bewegt sich die Arbeit auf einem schmalen Grat zwischen Relikt und Design, zwischen historischer Referenz und zeitgenössischer Interpretation. Gerade diese Ambivalenz erzeugt eine produktive Spannung, stellt aber zugleich hohe Anforderungen an die Lesbarkeit und Einordnung der einzelnen Elemente. So
entsteht ein vielschichtiger Erinnerungsraum, dessen besondere Qualität in der unmittelbaren räumlichen und atmosphärischen Erfahrung des Ortes liegt.