Der Beitrag „Tempelhofer Atem“ versteht das Tempelhofer Feld als einen atmosphärischen, durchlüfteten Erfahrungsraum. Die zentrale Raumgeste besteht in der Rahmung des Feldes, das dabei in seiner Offenheit und Weite erhalten bleibt. Die Fassung des Feldes erfolgt im Norden und Osten durch savannenhafte Baumpflanzungen, die sich zum Rand hin verdichten. Dabei wird der Bereich des Volksparks Hasenheide im Rahmen der Freiraumkonzeption in den Tempelhofer Landschaftsraum integriert und durch die aktuell durch die Unterkünfte für Geflüchtete genutzten Bereiche erweitert. Die Weiterentwicklung der mit Bäumen bestandenen Flächen ermöglicht gerade in den heißer werdenden Sommern eine stärkere Beschattung der Randzone des Feldes. Im Süden und Westen erfolgt die Fassung des Areals durch die „Tempelhöfe“, die den Bogen des Flughafengebäudes aufgreifen und differenziert weiterführen.
Die baulichen Ergänzungen im südwestlichen Bereichs ermöglichen die Schaffung eines gefassten Straßenraumes am Tempelhofer Damm sowie einen stärkeren räumlichen Schutz vor den Emissionen der südlich gelegenen Bahn- und Autobahntrassen.
Ergänzt werden diese zentralen Elemente durch ausgedehnte Blumenwiesen im Norden sowie ein Landschaftsmosaik zur Naturentwicklung im Zentrum des Tempelhofer Feldes, was in der Jury auch kontrovers diskutiert wird. Sie sollen teils gemähte und damit nutzbare Bereiche und teils naturbelassene Bereiche enthalten.
Das Konzept beinhaltet dabei die 3 Hauptprinzipien „Öffnung, Rahmung und Zusammenhang“.
Die Öffnungen werden über vier klar definierte barrierearme und inklusive Zugänge sichergestellt. Sie liegen dabei folgerichtig an der bestehenden U- und S-Bahnstation im Westen, an einer neu vorgeschlagenen Station im Süden sowie als Fortführung von bestehenden Erschließungsachsen im Osten und Norden. Die Rahmung wird wie beschrieben über landschaftliche und bauliche Einfassungen erreicht, die ökologische und soziale Qualitäten in den Vordergrund stellen.
Der Zusammenhang wird dabei über ein weiterentwickeltes Wegesystem aus dem ergänzten Bestandsnetz hergestellt. Dabei werden geschickt visuelle Bezüge und Landmarken herausgearbeitet und verortet.
Das ergänzte Wegenetz sowie die vorgeschlagene Erschließung südlich der Bebauung im Nordwesten, die den Taxiway als Freiraum respektiert, werden ausdrücklich positiv gewertet.
Das Nutzungsspektrum bietet in hohem Maß vielfältige Potentiale für soziale und gemeinschaftliche Wohnformen, urbane Landwirtschaft, Gemeinschaftsgärten, Bildungsangebote, Kulturbauten wie modulare Bühnen, Werkstätten, Re-Use-Architektur, Sport- und Bewegungsflächen, Gastronomie, Spiel- und Aufenthaltsflächen.
Die Arbeit beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Regenwassermanagement, Biodiversität und Mikroklima. Die Entwässerung erfolgt über neue Regenwasserläufe, ergänzt durch Feuchtbiotope.
Die Pflanzenauswahl folgt klimarobusten Kriterien, unterstützt durch partizipative Maßnahmen wie Bürgerbäume.
Kritisch anzumerken ist die in Teilen fehlende Nachvollziehbarkeit der räumlichen Sortierung. Mehrere Nutzungen wirken unzusammenhängend verortet. Die gridartige Strukturierung führt zu einem massiven Eingriff in die offenen Feldräume und schwächt den Landschaftscharakter.
Die Verortung der jeweiligen Bereiche erscheint nicht ganz folgerichtig. Die topografische Ausgangslage sollte genauer betrachtet werden, da der für die Blumenwiesen vorgesehene Bereich im Anschluss an das Flughafengebäude als tiefster Punkt des Areals deutlich geeigneter für Feuchtbiotope erscheint als der gewählte zentrale, höher gelegene Bereich.
Die Wiederherstellung historischer Gartenstrukturen im östlichen Bereich wird ebenfalls kontrovers gesehen. Eine stärkere Bezugnahme auf die aktuellen Gegebenheiten wäre wünschenswert gewesen.
Die vorgeschlagene Erschließung und Mobilität aus dem Plankonzept ist in sich schlüssig und überzeugend. Das ergänzte Wegenetz verbindet Brücken, Eingänge und Aktionsbereiche. Die Rollbahn fungiert dabei weiterhin als Rückgrat. Der alte Taxiway fungiert als Grenze zwischen heterogeneren Randbereichen und innerem Feld mit Stegen zum Ausblick auf den inneren Wiesenbereich. An seinem Verlauf sind Mobilitätsstationen, Fahrradverleih, Kaffeestände, Sharing-Modelle, Sport- und Kulturangebote verortet. Die Erschließung der Tempelhöfe erfolgt an den lärmvorbelasteten Seiten direkt in integrierte Parkbereiche. Die ansonsten autofreien Höfe werden durch ein Netzwerk von Gärten, Platzräumen und Wegen verknüpft, die die Nachbarschaft stärken und Bereiche für Passanten öffnen. Die Bebauung entlang des Flughafengebäudes wird hinsichtlich Maßstab und städtebaulicher Figur diesem nicht gerecht.
Seitens der Entwurfsverfasser:innen wird vorgeschlagen ausgehend von Bürgerbeteiligungen die gesamte neue Bebauung als Wohnlabor auszuweisen. So sollen beispielhafte Bauvorhaben mit öffentlichen und privaten Nutzungen entstehen.
Die vorgeschlagene Verlagerung der Geflüchtetenunterkünfte in den Westen bedarf aus Sicht des Preisgerichts einer besonders sensiblen Betrachtung.
Abschließend werden die Größenordnung der Baumergänzung sowie die grundsätzliche Frage der südlichen Bebauung mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen kontrovers diskutiert.
Einige Empfehlungen aus den Dialogwerkstätten, wie zum Thema Möglichkeiten und Freiräume, wurden bereits aufgegriffen, während andere nicht in der Konzeptionierung berücksichtigt wurden.
Insgesamt weist der Entwurf interessante Einzelbausteine auf, die sich in Teilen zwar zu widersprechen scheinen, jedoch als innovative Ansätze im Rahmen des Gesamtkonzepts als Beitrag zum Ideenwettbewerb überzeugen.