Zum ersten Mal ist vergangene Woche der deutschlandweite KI-Schulpreis vergeben worden. Unter den Preisträger/-innen ist auch das Berliner Käthe-Kollwitz-Gymnasium, das den dritten Platz in der Kategorie „Gesamtkonzept“ belegte. Unsere Fragen zum KI-Konzept der Schule und seiner Umsetzung beantworteten uns Martin Jaunich (Koordination Schulentwicklung KI), Dr. Peter Krilles (Oberstufenkoordinator), Simone Ley (Schulleiterin) und Dr. Joanna Ziomkowska (Koordination ScienceCLASH).
Das Käthe-Kollwitz-Gymnasium konnte beim KI-Schulpreis mit seinem Gesamtkonzept punkten. Seit wann wird das Thema Künstliche Intelligenz (KI) bei Ihnen grundlegend gedacht, was war die Motivation?
Ab 2023 wurde Künstliche Intelligenz für viele unserer Schüler/-innen Teil des Alltags – genauso wie für immer mehr Lehrkräfte. Diese Entwicklung wollten wir von Anfang an aufgreifen, um einen verantwortungsvollen und kompetenten Umgang mit KI zu ermöglichen. Im Schuljahr 2023/24 fanden deshalb erste Studientage für Lehrkräfte statt, während Schüler/-innen ein Junior Science Café KI veranstalteten, bei dem sie sich mit KI-Expert/-innen austauschten. Im Schulalltag aber auch im Rahmen unserer Teilnahme am Innovationslabor KI der Robert Bosch Stiftung wurde uns schnell klar, wie einschneidend der Wandel durch KI ist und dass wir das Thema grundlegend in der Schulentwicklung verankern müssen. Mit dem Konzept “Own your power!”, das daraufhin entstand, wollen wir sicherstellen, dass die Selbstwirksamkeit
der Schüler/-innen weiterhin im Zentrum des Lernens steht, ohne dass das KI-Empowerment, also die Befähigung zu einem souveränen und reflektierten Umgang mit KI, zu kurz kommt.
Sie setzen innerhalb Ihres Gesamtkonzepts auf vertikale und horizontale Vernetzung. Was ist damit gemeint?
Vertikale Vernetzung bedeutet, dass wir die KI-Kompetenzen unserer Schüler/-innen schrittweise über die verschiedenen Jahrgangsstufen entwickeln. Die Grundlagen legen wir während der zweitägigen KI-Kompetenztage in der Jahrgangsstufe 7 zunächst mit einfachen Konzepten, welche wir in den höheren Jahrgangsstufen nach und nach in den dort stattfindenden, ebenfalls zweitägigen, Kompetenztagen vertiefen und erweitern. Die erworbenen KI-Kompetenzen unserer Schüler/-innen fließen in den Fachunterricht und in das in jeder Jahrgangsstufe am Käthe-Kollwitz-Gymnasium etablierte Projektlernen ein. Die erworbenen Kompetenzen werden also auch horizontal vernetzt, gefestigt und finden konkrete Anwendung. Im Unterricht setzen sich dann die Schüler/-innen zum Beispiel mit KI-generierter Kunst, der Analyse von Datenmengen im Geschichtsunterricht oder der Texterstellung im Fremdsprachenunterricht auseinander.
In welcher Form binden Sie KI als Instrument in den Schulalltag ein?
Grundsätzlich integrieren wir Künstliche Intelligenz überall dort in unseren Schulalltag, wo sie das Lernen unserer Schüler/-innen sinnvoll ergänzt und bereichert. Gleichzeitig legen wir großen Wert auf eine fundierte Grundlagenbildung, die ein differenziertes Verständnis für die Möglichkeiten, aber auch für die Grenzen und Risiken des KI-Einsatzes vermittelt.
Unser KI-Konzept umfasst insgesamt zehn eng miteinander verzahnte Bausteine. Die überfachliche KI-Grundlagenbildung findet im Rahmen der bereits genannten KI-Kompetenztage statt. Sie bilden die Grundlage dafür, dass alle Kolleg/-innen nach eigenem Ermessen und ohne Zwang KI im Unterricht sowie der Unterrichtsvor- und -nachbereitung einsetzen können. Für den datenschutzkonformen Einsatz kommt dabei die Plattform Fobizz zum Einsatz, die es beispielsweise ermöglicht, Chatbots als Unterstützung der Lehrkraft im Unterricht oder im selbstgesteuerten Lernen bereitzustellen. Besonders interessierte Schüler/-innen haben in der Oberstufe die Möglichkeit, am Zusatzkurs KI teilzunehmen. Dort betrachten sie die
Technologie vertiefend, diskutieren ethische Fragestellungen zu gesellschaftlichen Auswirkungen und finden Raum für das experimentelle Arbeiten mit nicht alltäglichen KI-Tools. Schüler/-innen der Oberstufe können zudem im StudienLab „Wissenswelten und KI“ untersuchen, wie KI wissenschaftliches Arbeiten und wissenschaftliche Praxis verändert.
Um Schüler/-innen in ihrem Umgang mit KI begleiten zu können, braucht es entsprechende Kenntnisse auch auf Seiten der Lehrkräfte. Wie stellen Sie dies sicher?
Unser Gesamtkonzept schließt ein umfassendes Fortbildungskonzept zur Förderung von KI-Kompetenzen ein, das auf zwei Pfeilern basiert. Der erste Pfeiler umfasst die passive Auseinandersetzung mit KI. Dazu zählen unter anderem Kenntnisse über die Möglichkeiten und Grenzen von KI, Fragen der Chancengleichheit sowie die Bedeutung von KI für die Qualität und Effektivität von Aufgabenstellungen. Durch schulinterne Mikrofortbildungen und externe Angebote, beispielsweise über Fobizz, ermöglichen wir allen Kolleg/-innen, diese grundlegenden Kompetenzen systematisch aufzubauen.
Der zweite Pfeiler fokussiert den aktiven Einsatz von KI, etwa in der Unterrichtsvorbereitung, -durchführung und -nachbereitung. An Studientagen, pädagogischen Nachmittagen sowie in fachspezifischen Mikrofortbildungen, etwa im Rahmen von Fachkonferenzen, findet ein kontinuierlicher Austausch zwischen erfahrenen und weniger erfahrenen Kolleg/-innen statt. Dieser wird gelegentlich durch Impulse externer Referent/-innen ergänzt.
Ein zentrales Prinzip unseres Gesamtkonzepts ist, dass die KI-Grundlagenbildung an den Kompetenztagen ausschließlich von Lehrkräften durchgeführt wird, die sich freiwillig dazu bereit erklären und hierfür in separaten, internen Schulungen gezielt vorbereitet werden. Auf diese Weise stellen wir sowohl eine hohe fachliche Qualität als auch eine klare Entlastung des Kollegiums sicher.
Künstliche Intelligenz wird immer wieder auch kritisch beäugt, zum Beispiel wenn es um die unhinterfragte Nutzung von Inhalten geht. Wie schaffen Sie hier klare Regeln und Grundsätze?
Die kritische Reflexion von KI und ihrer Bedeutung für die Schule ist ein Herzstück unseres Konzepts. Deshalb haben wir von Beginn an versucht, ein gemeinsames Verständnis in der Schulgemeinschaft zu schaffen, das sich in den Leitlinien zur KI-Nutzung für Schüler/-innen und Lehrkräfte niederschlägt. Dabei verstehen wir KI als Werkzeug, das die Schüler/-innen reflektiert einsetzen und das ihre eigenen Kompetenzen nicht ersetzt. Diese Grundsätze werden den Schüler/-innen im Rahmen der KI-Kompetenztage vermittelt und im Fachunterricht genauso wie beim Projektlernen angewandt. Im Rahmen von Projekten wie dem „StudienLab Wissenswelten und KI“ oder unserem Podcast scienceCLASH eröffnen wir zudem Möglichkeiten, darüber nachzudenken, wie KI beispielsweise die Wissenschaft und die
Arbeitswelt verändert.
Erst Ende letzten Jahres gewann ihr Podcast „scienceCLASH” den MINT-EC -Schulpreis. Die nun geförderte zweite Staffel steht unter dem Motto „KI trifft Neurobiologie”. Auf was dürfen sich Hörer/-innen hier einstellen?
scienceCLASH ist ein Wissenschaftspodcast mit Rollentausch: Nicht die Forschenden erklären den Schüler-innen ihre Arbeit, sondern Schüler/-innen präsentieren Forschenden ihre eigene Forschung. So entstehen sofort eine gemeinsame Sprache und ein Gespräch auf Augenhöhe. In der neuen Staffel „KI trifft Neurobiologie“ dreht sich alles um die Frage, wie Lernen und Forschen in Zeiten von KI funktionieren: Wie lernen Gehirne? Wie lernen Maschinen? Und wie verändert KI wissenschaftliche Arbeit und Berufsbilder? Die Perspektive der Schüler/-innen steht dabei im Mittelpunkt. Sie besuchen dafür Forschende an der Charité, der Humboldt-Universität und der Medical School Berlin, sammeln Laborerfahrung und bringen O-Töne mit. Dank der Förderung durch MINT-EC und die Dr. Hans-Riegel-Stiftung dürfen sich die Hörer/-innen auf einen professionell produzierten und journalistisch weiterentwickelten Podcast freuen.
Der KI-Schulpreis ist eine Initiative von Deutschland – Land der Ideen , gefördert durch die Deutsche Telekom Stiftung und die Dieter Schwarz Stiftung.