Vom Lette-Verein zum Pestalozzi-Fröbel-Haus

Kiezspaziergang mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler vom 18.03.2017

„Liebe Kiezspaziergängerinnen und Kiezspaziergänger,

ich darf Sie herzlich begrüßen zu unserem ersten Kiezspaziergang in diesem Jahr. Ich freue mich sehr, dass Sie heute mit mir den Spaziergang durch Schöneberg machen.“

Mit diesen Worten leitete Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler den 37. Kiezspaziergang im Bezirk Tempelhof-Schöneberg ein. Nicht nur die Bezirksbürgermeisterin, auch die vielen Besucher_innen waren sichtlich erfreut, dass der Kiezspaziergang nach der verlängerten Winterpause wieder zur Erkundung des Bezirks einlud. Wer anscheinend nicht informiert wurde, war der Wettergott Petrus, der leider nicht für Sonnenschein sorgte.

So trafen sich bei sehr ungemütlichem Wetter um 14 Uhr die Teilnehmenden auf dem Viktoria-Luise-Platz und trotz der durch das Sturmtief Eckhardt verursachten Sturmböen warteten schließlich 140 Interessierte, darunter viele langjährige Fans der Kiezspaziergänge, auf die Begrüßung durch Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler.

Die Route für diesen Kiezspaziergang wurde, wie schon im letzten Jahr, von der Veranstaltungsreihe Frauenmärz beeinflusst. Den ganzen Monat März hindurch finden im Bezirk Tempelhof-Schöneberg seit 1986 verschiedene Veranstaltungen statt, dieses Jahr unter dem Motto:

„Mutter, Mut, Mutterschaft, … Mutter schafft?!“

In den Veranstaltungen werden die Identitätskonflikte der modernen Frau thematisiert: Wie können Frauen dem Ideal der fürsorglichen Mutter entsprechen und zugleich selbstbestimmt und finanziell unabhängig sein?

Anlässlich des Frauenmärz waren der Lette-Verein am Viktoria-Luise-Platz und das Pestalozzi-Fröbel-Haus in der Karl-Schrader Straße die beiden Hauptstationen des Kiezspaziergangs. Diese beiden Berliner Institutionen waren Vorreiter in der beruflichen Emanzipation von Frauen. Als das noch gesellschaftlich verpönt war, wurde den Berlinerinnen dort bereits ermöglicht, einen Beruf zu erlernen und dadurch finanziell unabhängig zu sein.

Sowohl der Lette-Verein als auch das Pestalozzi-Fröbel-Haus waren im Vorfeld sehr erfreut über diese Wahl und unterstützten Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler freundlicherweise mit der Expertise der Archivarinnen der beiden Häuser, Frau Haase und Frau Sander.

Lette-Verein

Der Eingang des Vereins befindet sich am Viktoria-Luise-Platz Nummer 6 und das imposante Portal wird von dem Wappen des Vereins geschmückt. Gestaltet wurde das Wappen von dem Architekten Alfred Messel, der auch das vom Lette-Verein mit Unterstützung von Kaiserin Friedrich sowie namhafter Berliner Bürger erworbene Grundstück in Schöneberg von 1900 bis 1902 mit einem modernen Schulgebäude bebaute.

Das Wappen setzt sich aus Symbolfiguren zusammen, die für den Vereinszweck stehen:

  • In der Mitte befinden sich drei Bienen, die für Fleiß oder Frauenstaat stehen könnten, aber auch – folgen wir der antiken Mythologie – für Handel, Kommunikation und Gesundheit.
  • Um die Bienen herum sehen wir den Hermeshut für die Handels- und Gewerbeschule. Sie war die erste Schulgründung des Lette-Vereins von 1872, die den Frauen Beruf und der Berliner Textilindustrie gut ausgebildete Angestellte geben sollte.
  • Ein Kochherd, ein Kochtopf und ein Kochlöffel repräsentieren die Kochschule die als eine weitere Schulgründung das Bewusstsein für gesunde Ernährung verbreitete.
  • Mit einer Zeichenpalette enthält das Wappen weiterhin ein Symbol für die Zeichenschule. Hier werden zusammen mit der Photographischen Lehranstalt Fachkräfte für bildgebende Verfahren in Industrie, Gewerbe, Wissenschaft und Kunst ausgebildet.
  • Abschließend steht der Webrahmen für das Handarbeits- und Gewerbelehrerinnenseminar.

Frau Haase aus dem Lette-Verein führte die Teilnehmenden durch das Portal über die Höfe in das Foyer des Neubaus und erläuterte die Geschichte und das aktuelle Angebot des Lette-Vereins.

Der Lette-Verein existiert bereits seit 1866. Er wurde von dem preußischen Beamten und Abgeordneten Wilhelm Adolf Lette als erstem Vereinsvorsitzenden gegründet und hatte in einer Zeit der Industrialisierung, der gesellschaftlichen Umbrüche und Kriege das Ziel, den Frauen, die sich nicht durch Heirat wirtschaftlich absichern konnten, zu Arbeit und Ausbildung zu verhelfen.

Wilhelm Adolf Lette, dessen Porträtbüste über der Tür im großen, 2016 denkmalgetreu sanierten Innenhof des bienenwabenförmigen Gebäudes zu sehen ist, engagierte sich in vielen Berliner Vereinen und unterstütze Stellenvermittlung, Wohnheim und Ausbildungsangebote für junge Frauen.
Nach seinem Tod 1868 wurde seine Tochter Anna Schepeler-Lette, die vorher schon in Frankfurt am Main in Frauenvereinen engagiert war, im Berliner “Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts” aktiv und benannte ihn nach ihrem Vater. Sie begann mit der Gründung von eigenen Schulen.
Als sie 1898 als Vereinsvorsitzende starb, wurde im Garten der Haushaltungsschule – damals noch in der Nähe des Alexanderplatzes – eine von Alexander Tondeur gefertigte Porträtbüste aufgestellt. Die Büste wurde 2014 vom Stadtmuseum Berlin restauriert und im heutigen Neubaufoyer des Lette-Campus wieder aufgestellt.

2016 war die Büste von Anna Schepeler-Lette in der Ausstellung “Berlin – Stadt der Frauen” im Stadtmuseum zu sehen. Ebenso zu sehen waren in der Ausstellung Fotos und biografische Dokumente über Marie Kundt, die 1913-32 Direktorin der Photographischen Lehranstalt des Lette-Vereins war und viele auf fotografischer Technik basierende Frauenberufe entwickelt hat. Auf sie geht die Ausbildung zur medizinisch-technische Assistentin für Radiologie und für Labor, zur Metallographin und zur wissenschaftlichen Photographin zurück.

Gemeinsam mit Lilly Hauff hat sie zu Beginn der 1930er Jahre auch noch den Beruf der Assistentin für chemisch-biologische Laboratorien zur Anerkennung gebracht. Zwischen 1917 und 1933 haben Marie Kundt mit ihrer Lebensgefährtin, der Schöneberger Abgeordneten Carola Lohde, und Lilly Hauff mit ihrem Bruder, dem Landtagsabgeordneten Bruno Hauff, in Dienstwohnungen des Vorderhauses Viktoria-Luise-Platz 6 gewohnt.

Die von diesen Frauen geschaffenen Ausbildungsgänge haben sich weiterentwickelt und werden immer wieder den aktuellen Erfordernissen angepasst. Auch neue Ausbildungsrichtungen sind hinzugekommen und so bildet der Lette-Verein, der seit 1944 eine Stiftung des öffentlichen Rechts ist, auch im Jahr 2017 noch junge Menschen zu gefragten Fachkräften aus.

  • Das sind im Bereich Technik die technischen Assistent_innen für Medieninformatik, chemisch-biologische Laboratorien und Metallographie.
  • Im Bereich Gesundheit werden die medizinisch-technischen Assistent_innen für Radiologie und für Labor sowie die pharmazeutisch-technischen Assistent_innen ausgebildet.
  • Im Bereich Ernährung bietet der Lette-Verein Ausbildungsgänge für den Beruf der Assistent_innen für Ernährung und Versorgung und der Betriebswirt_innen für Ernährungs- und Versorgungsmanagement.
  • Der Bereich Design bringt Foto-, Grafik- und Modedesigner_innen hervor.

Seit 1982 sind alle Ausbildungsgänge koedukativ. Insbesondere in den technischen Ausbildungsgängen sind junge Frauen aber besonders willkommen.

Voraussetzung für die Ausbildungen ist mindestens der Mittlere Schulabschluss. Für die Ausbildungsgänge in den Bereichen Gesundheit und Design gibt es Aufnahmeprüfungen, sodass eine rechtzeitige Bewerbung etwa ein halbes Jahr vor Ausbildungsbeginn wichtig ist.
Für die Bereiche Technik und Ernährung gibt es Aufnahmen bis zum Beginn des Ausbildungsjahres. Im Bereich Ernährung kann auch der Mittlere Schulabschluss nachgeholt werden.

Besonders interessant ist für viele der Bereich Technik mit seiner Möglichkeit gleichzeitig Berufsabschluss und Fachhochschulreife zu erwerben, denn für viele junge Menschen und für viele Firmen ist der Weg zum Studium über eine praktische Ausbildung mit anwendungsorientiertem Wissenserwerb sehr attraktiv.

Informationen zu den Ausbildungen gibt es täglich zwischen 9 und 16 Uhr im Empfangssekretariat am Haupteingang zweiter Innenhof des Lette-Vereins. Für historisch Interessierte könnten dagegen auch die Bibliothek und das Archiv im Neubau von Interesse sein.

Viktoria-Luise-Platz

Nach der Führung durch den Lette-Verein versammelten sich die Teilnehmenden des Kiezspaziergangs wieder auf dem Viktoria-Luise-Platz. Schon Kaiser Wilhelm der 2. bezeichnete zu Lebzeiten die Gestaltung des reich bepflanzten Schmuckplatzes als: „Sehr geschmackvoll!“, und auch heute gilt der am 9. Juni 1900 mit einer aufwendigen und außergewöhnlichen elektrischen Beleuchtung eröffnete Viktoria-Luise-Platz als einer der schönsten Plätze in Berlin.

Dass die Berliner_innen auch heute noch in den Genuss dieser aufwendigen Gestaltung kommen, haben sie einem Beschluss des Bezirksamtes zu verdanken, dass sich 1978 die Wiederherstellung des Viktoria-Luise-Platzes zum Ziel setzte. Nach den ursprünglichen Entwürfen wurden die Zerstörungen des zweiten Weltkrieges beseitigt. Insbesondere die Bombardierungen der Alliierten hatten den Viktoria-Luise-Platz, wie im Übrigen das gesamte Bayerische Viertel, stark verwüstet.

Seit 1982 steht der restaurierte Platz unter Denkmalschutz. Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler berichtete den Kiezspaziergänger_innen erfreut, dass in diesem Jahr glücklicherweise ein Kompromiss mit dem Denkmalschutz gefunden wurde, um wieder eine Bepflanzung des Platzes zu ermöglichen. Im letzten Jahr stellte ein denkmalgerechter Pflanzplan nach den ursprünglichen Vorstellungen die Finanzen des Bezirkes vor zu große Probleme. Mit dem diesjährigen Kompromiss ist gesichert, dass der Viktoria-Luise-Platz nach der Eröffnung der Brunnensaison durch Bezirksbürgermeisterin Schöttler und die Sponsoren der Wall GmbH am 23 März genauso schön und vor allem grün ist, wie das vom Architekten des Platzes Fritz Encke ursprünglich beabsichtigt war.

Auch die U-Bahn-Station Viktoria-Luise-Platz bietet etwas Einzigartiges. Sie ist in Berlin der einzige Bahnhof, der gleichzeitig auch als Fotogalerie fungiert. Auf dem U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz wurden im letzten Jahr aus Anlass des 150 jährigen Bestehens des Lette-Vereins 16 Werke von Absolvent_innen ausgestellt. Zusätzlich wurden die Rückseiten der Bänke mit Zitaten aus der Geschichte des Lette-Vereins versehen. Weil die Ausstellung so positiv aufgenommen wurde, werden die Werke den U-Bahnhof auch in diesem Jahr verschönern.

Die Besucher_innen folgten Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler gerne zu einem kleinen Galeriebesuch und wurden dabei selber erstaunt von den Fahrgästen der U-Bahn wahrgenommen.

Bilder einer Ausstellung

zur Bildergalerie

Den Katalog zur Ausstellung im U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz gibt ebenfalls im Empfangssekretariat des Lette-Vereins.

„Autofreundliche Stadt“ am Beispiel der Hohenstaufenstraße

Vom Viktoria-Luise-Platz führte Bezirksbürgermeisterin Schöttler den Kiezspaziergang über die Winterfeldtstraße zur Kreuzung Martin-Luther-Straße

Diese Kreuzung erwies sich an diesem Tag als besonders zugig. Nachdem alle Teilnehmenden ein halbwegs windschattiges Plätzchen gefunden hatten, konnte Frau Schöttler von der kuriosen Geschichte des Hauses mit der Hausnummer 22 in der Hohenstaufenstraße berichten:

Ursprünglich sollten die Hohenstaufenstraße und die folgende Pallasstraße auf ganzer Länge mehrspurig ausgebaut werden, um die Verbindung zwischen Hohenzollerndamm und Yorkstraße zu verbessern. Diese Nachkriegsplanung wurde unter dem Gesichtspunkt der „Autofreundlichen Stadt“ entworfen. Dass sie nicht vollständig umgesetzt wurde, ist dem Besitzer des Hauses Hohenstaufenstraße 22 zu verdanken. Dieses Haus sollte eigentlich vom Senat gekauft und abgerissen werden, steht aber auch heute noch. Nach wie vor ist die Hohenstaufenstraße an dieser Stelle nur einspurig befahrbar und der Verkehr kurvt um die Nummer 22 herum.

Verantwortlich für diese Situation ist, wie erwähnt, der Besitzer des Hauses, der sich als Grundstückspekulant versucht hat. In Erwartung des Straßenausbaus hatte er sich das Haus Nummer 22 rechtzeitig gesichert und wollte es nicht an den Senat verkaufen. Stattdessen wollte er es nur gegen ein anderes, wertvolleres Haus tauschen, das sich im Besitz des Bezirks befand.
Dies scheiterte am Widerstand der Mieter des Tauschhauses. Sie befürchteten, dass ihre Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden und verhinderten mit ihrem öffentlichen Widerstand und der Berichterstattung in der Presse den Tausch.

Letztendlich entschied der Senat 1980 nach drei Jahren, in denen der Verkehr schon um die Nummer 22 herumkurvte, dass diese Lösung auch dauerhaft funktioniere und die einfachste sei. Und so ist es noch heute.

JUXIRKUS

An der Hohenstaufenstraße befindet sich auch Gelände des JUXIRKUS. Der JUXIRKUS ist der älteste Kinder- und Jugendzirkus in Berlin, wo alle ab 10 Jahren Zirkusluft schnuppern können.

In offenen Gruppen werden Fähigkeiten wie Akrobatik, Jonglieren oder Hochseillaufen unterrichtet und wer möchte kann sein Talent auch in den regelmäßigen Zirkusvorstellungen unter Beweis stellen.
Das Projekt wurde 1988 von zwei Mitarbeitern des ehemaligen Nachbarschaftsheims „Kiezoase“ im Pestalozzi-Fröbel-Haus ins Leben gerufen, um für Stadtkinder ein außergewöhnliches Angebot und ein Gefühl von Abenteuer zu schaffen. Ganz bewusst werden hier keine Gebühren erhoben, um allen Kindern die Teilnahme zu ermöglichen.

Der JUXIRKUS ist für Schöneberg eine wichtige Einrichtung: Neben den motorischen Fähigkeiten wird mit den Kindern auch das soziale Verhalten trainiert und gerade für die Kinder im Übergang von Kind-Sein zu Pubertät gab es lange Zeit nur begrenzt Angebote. Das hat sich beispielsweise mit der Einführung der Ganztagsschulen gebessert, aber für viele Kinder ist der JUXIRKUS zu einer zweiten Heimat geworden und auch heute so beliebt wie eh und je.

Pestalozzi-Fröbel-Haus

Anschließend setzte sich der Kiezspaziergang über die Schwäbische Straße fort und erreichte über den Barbarossaplatz das Pestalozzi-Fröbel-Haus in der Karl Schrader Straße.

Im Pestalozzi-Fröbel-Haus wartete bereits Frau Sander, die Archivarin des Hauses, auf Bezirksbürgermeistering Angelika Schöttler und die Besucher_innen des Kiezspaziergangs. Die kräftigen Windböen machten den Bäumen im Hof des Pestalozzi-Fröbel-Hauses doch sehr zu schaffen und um sicherzustellen, dass niemand von einem heruntergefallenen Ast getroffen wird, wurde der Vortrag von Frau Sander kurzerhand in die Aula des Pestalozzi-Fröbel-Hauses verlegt.

Ebenso wie im Lette-Verein stießen auch die Geschichte und das heutige Angebot des Pestalozzi-Fröbel-Hauses auf reges Interesse.

Das Pestalozzi-Fröbel-Haus wurde 1873/74 gegründet, der Trägerverein war zunächst der „Berliner Verein für Volkserziehung“.

Ebenso wie im Lette-Verein stießen auch die Geschichte und das heutige Angebot des Pestalozzi-Fröbel-Hauses auf reges Interesse.

Das Pestalozzi-Fröbel-Haus wurde 1873/74 gegründet, der Trägerverein war zunächst der „Berliner Verein für Volkserziehung“.

Maßgeblich geprägt und gestaltet wurde das Pestalozzi-Fröbel-Haus von drei Frauen:

  • Henriette Schrader-Breyman
  • Hedwig Heyl
  • Alice Salomon

Diese drei Frauen lagen altersmäßig jeweils eine Generation auseinander und gehörten zur sogenannten alten bürgerlichen Frauenbewegung. Dort wurde in der damaligen Gesellschaft für die Gleichberechtigung von Frauen gekämpft. Alle drei übten Kritik an den bestehenden Vorstellungen vom „Wesen der Frau“ und besonders an der mangelnden Bildung und Ausbildung von Frauen. Daher entwickelten sie unter anderem verschiedene Berufsausbildungsgängen für Frauen im sozialpädagogischen, im sozialen und im hauswirtschaftlichen Bereich.

Henriette Schrader-Breyman legte als Älteste im wahrsten Sinne des Wortes den Grundstein des Pestalozzi-Fröbel-Hauses: Als Großnichte, Schülerin und Mitarbeiterin des Kindergartenpädagogen Friedrich Fröbel entwickelte sie aus einem kleinen Kindergarten ein großes sozialpädagogisches Modellprojekt für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Kombination mit einer Bildungs- und Ausbildungsstätte für Frauen. Sie nannte die Institution nach ihren beiden pädagogischen Vorbildern, dem Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi und Friedrich Fröbel, Pestalozzi-Fröbel-Haus. Es handelte sich dabei tatsächlich um ein reales „Haus“. Das erste „Pestalozzi-Fröbel-Haus” befand sich zunächst in der Steinmetzstr. 16. 1898 konnte dann das heutige Gelände gekauft und genau für die Zwecke der Einrichtung bebaut werden.

Durch Hedwig Heyl wurde 1885 dem Pestalozzi-Fröbel-Haus als zweite Abteilung eine Koch- und Hauswirtschaftsschule angeschlossen und als “Haus II” bezeichnet.

Über Alice Salomon, der Begründerin der modernen Sozialarbeit in Deutschland, wurde das Angebot des Pestalozzi-Fröbel-Haus um den Bereich der Sozialen Arbeit erweitert. 1925 wurde die 1908 gegründete Soziale Frauenschule im Haus III organisatorisch Bestandteil des Pestalozzi-Fröbel-Haus.

Drei Frauen, drei Häuser …
Die Haus-Bezeichnungen standen sowohl für die einzelnen Abteilungen der Gesamteinrichtung Pestalozzi-Fröbel-Haus als auch für die entsprechende räumliche “Verortung“ und sind so auf dem Gelände noch immer nachvollziehbar.

Die Soziale Frauenschule wurde 1971 in eine Fachhochschule für Sozialarbeit umgewandelt und damit organisatorisch aus dem Pestalozzi-Fröbel-Haus ausgegliedert, blieb aber bis zum Umzug nach Hellersdorf 1998 zunächst auf dem Gelände. 1972 wurde die “Hauswirtschaftliche Berufsfachschule” geschlossen. Daher liegt heute der Schwerpunkt der Arbeit des Pestalozzi-Fröbel-Hauses auf dem sozialpädagogischen Bereich.

Heutzutage ist das Pestalozzi-Fröbel-Haus eine Stiftung des öffentlichen Rechts in Berlin. Das bestimmende Kennzeichen des Pestalozzi-Fröbel-Hauses ist ein Verbund von Ausbildungsangeboten im sozialpädagogischen Bereich und sozialpädagogischen Praxiseinrichtungen.
In der Fachschule für Sozialpädagogik werden die in Berlin aktuell dringend benötigten Erzieher_innen ausgebildet.
Die Fachoberschule für Gesundheit und Soziales ermöglicht dagegen den Erwerb des Fachabiturs.

Das Pestalozzi-Fröbel-Haus betreibt insgesamt neun Kitas und Ganztagsbereiche in sieben Grundschulen und zwei Sekundarschulen.
Neben sechs Familien- beziehungsweise Nachbarschaftszentren gibt es auch eine Familienberatung mit zwei Standorten. Das Pestalozzi-Fröbel-Haus engagiert sich weiterhin in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit an Schulen und bietet werkpädagogische Angebote in Kooperation mit Grund- und Sekundarschulen. Auch therapeutische Jugendwohngruppen und Tagesgruppen existieren.

Diese Menge an Angeboten erfordert natürlich eine entsprechende Zahl von Mitarbeiter_innen: Zurzeit sind rund 550 Mitarbeiter_innen angestellt. Sie werden in den sozialpädagogischen Angeboten von rund 150 ehrenamtlich Tätigen unterstützt. Ausgebildet werden ca. 600 Studierende und Schüler_innen.
Die Einrichtungen befinden sich in den Bezirken Schöneberg, Friedenau, Charlottenburg/Wilmersdorf und Kreuzberg.
Die Mensa auf dem Stammgelände Karl-Schrader-Str. 7-8 ist mittags übrigens auch für Besucher geöffnet.

Verabschiedung

Um 16 Uhr endete der Kiezspaziergang pünktlich und auch wenn die Teilnehmenden sich in der Aula des Pestalozzi-Fröbel-Hauses ein wenig aufwärmen konnten, freuten sich doch viele auf eine heiße Tasse Tee oder Kaffee. Für die meisten Teilnehmenden war es der erste Besuch im Lette-Verein beziehungsweise dem Pestalozzi-Fröbel-Haus und dementsprechend groß war die Neugier mal einen Blick hinter die Türen zu werfen, an denen man sonst nur vorbeigeht.

Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler dankt Jana Haase vom Lette-Verein und Sabine Sanders aus dem Pestalozzi-Fröbel-Haus für die Interessanten Führungen und die spannenden Einblicke in die Geschichte und die Arbeit von zwei so wichtigen Institutionen in Schöneberg.

Wir hoffen, es hat allen Kiezspaziergänger_innen gefallen und wir können sie zum nächsten Kiezspaziergang am 22. April 2017 wieder willkommen heißen. Dann werden wir, hoffentlich bei strahlendem Sonnenschein, die schöne Gartenstadt Neu-Tempelhof besuchen.