Tempelhof: Vom Franckepark zum Ullsteinhaus

18.01.2014

Kiezspaziergang vom 18.01.2014 mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler

Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler begrüßt die Teilnehmenden des Kiezspazierganges
Angelika Schöttler begrüßt die Teilnehmenden

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Bürgerinnen und Bürger,

ich freue mich, Sie zum zehnten Kiezspaziergang begrüßen zu dürfen.
Ich denke, dass es heute noch nicht zu spät ist, Ihnen ein gutes neues Jahr zu wünschen. Sie hatten sicherlich einen guten Start, so dass wir frohen Mutes die Reihe der Kiezspaziergänge im Jahr 2014 fortsetzen können.

Nachdem wir beim letzten Spaziergang Lichtenrade durchstreift haben, werden wir heute einen Teil Tempelhofs kennenlernen.
Gemeinsam ist beiden Spaziergängen, dass wir wieder in der Nähe der Bundesstraße 96 beginnen. Sie heißt hier Tempelhofer Damm, weiter südlich Mariendorfer Damm und dann im weiteren Verlauf Lichtenrader Damm und Kirchhainer Damm. Im Norden geht der Tempelhofer Damm in den Mehringdamm über.
Zwei markante Bauwerke begrenzen den Tempelhofer Damm:
Im Norden – am Platz der Luftbrücke – das Lüftbrückendenkmal, die sogenannte „Hungerkralle“.
Im Süden setzt das Ullsteinhaus ein Ausrufezeichen, bevor der Tempelhofer Damm seinen Namen in Mariendorfer Damm ändert. Das Ullsteinhaus werden wir heute noch näher kennenlernen, zumal wir Gelegenheit haben werden, hinein zugehen.
Bis 1949 hieß der Tempelhofer Damm übrigens Berliner Straße. Tempelhof war bis zur Gründung Groß-Berlins mit seinen damals 20 Bezirken selbstständig und es war die Hauptstraße in Richtung Berlin.

Geschichte Tempelhofs

Da wir – wie schon gesagt – heute durch Tempelhof spazieren gleich einige Informationen zur Geschichte Tempelhofs.
Tempelhof verdankt seinen Namen den Tempelherren. Die christlichen Ordensritter errichteten zu Beginn des 13. Jahrhunderts am Nordrand des Teltower Höhenzuges die Komturei (Ordenshaus eines geistlichen Ritterordens) Tempelhof. 1312 ging der Besitz an den Orden der Johanniter über, der das Gebiet 1435 an die Städte Berlin und Cölln verkaufte.
Tempelhof entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte langsam. Ende des 18. Jahrhunderts gab es etliche Landhäuser und mit der Eröffnung der Potsdamer Bahn und der Anhalter Bahn 1838 und 1840 verstetigte sich die Entwicklung. Es entstanden etliche Villen und vornehme Mietshäuser.
Entscheidende Bedeutung für die weitere Entwicklung waren einerseits die Eröffnung der Ringbahn 1872 mit einem Bahnhof mitten im Dorf und eine Pferdestraßenbahn von Berlin nach Tempelhof.
Andererseits die Tatsache, dass der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. auf dem Tempelhofer Feld einen Exerzierplatz anlegen ließ. Nach und nach entstanden etliche Kasernen und 1878 auch ein Militärlazarett, das heutige Wenckebach-Krankenhaus.

Wappen Tempelhof
Wappen Tempelhof

Mit der Industrialisierung und dem Wachsen der Bevölkerung der Stadt Berlin stiegen auch die Bewohnerzahlen in Tempelhof und natürlich auch die Dichte der Bebauung.

Mit der Gründung „Groß-Berlins“ im Jahr 1920 wurde Tempelhof einschließlich der Ortsteile Marienfelde, Mariendorf und Lichtenrade zum Bezirk Tempelhof, einer von damals 20 Bezirken Berlins.

Der Ortsteil Tempelhof hat heute rund 58.000 Einwohner.

Weltweit bekannt ist Tempelhof wegen des Flughafens.
Er war einer der ersten Verkehrsflughäfen Deutschlands und nahm 1923 den Betrieb auf.
Von Juni 1948 bis Mai 1949 leistete er im Rahmen der „Luftbrücke“ lebenserhaltende Dienste für die West-Berliner Bevölkerung.
Am 31. Oktober 2008 wurde er geschlossen.

U-Bahn-Linie 6

U-Bahnhof Kaiserin-Augusta-Straße
U-Bahnhof Kaiserin-Augusta-Straße

Lassen sie mich noch ein paar Sätze zur U-Bahn-Linie 6 sagen, da wir hier am Bahnhof Kaiserin-Augusta-Straße stehen.
Bereits um 1900 gab es Pläne für eine Untergrundbahn im damaligen Berlin von Norden nach Süden. Bedingt durch den 1. Weltkrieg verzögerte sich allerdings die Umsetzung.

Der erste Streckenabschnitt wurde 1923 vom Naturkundemuseum bis zum Halleschen Tor eröffnet. Nach und nach kamen weitere Streckenabschnitte sowohl Richtung Norden als auch Richtung Süden hinzu.
Im Jahr 1966 eröffnete der Regierende Bürgermeister Willy Brandt den letzen Abschnitt von Tempelhof bis nach Mariendorf.
Noch im selben Jahr fuhr die letzte Straßenbahn (Linie 96) den Tempelhofer Damm entlang. Sie wurde durch Busse ersetzt.
Erwähnenswert ist noch, dass die U 6 nach dem Mauerbau zum Teil durch sogenannte „Geisterbahnhöfe“ fuhr. Auf Ost-Berliner Gebiet durften die Züge nicht halten. Ausnahme war der Bahnhof Friedrichstraße. Hier war ein Umsteigen in die S-Bahn oder die Nutzung des Grenzüberganges möglich.
Erst ab 1990 halten die Züge auch wieder in den Bahnhöfen im Ostteil der Stadt.

Auf geht´s zum Franckepark
Auf geht´s zum Franckepark

Dieser Bahnhof ist – ebenso wie die etwas weiter südlich gelegene Straße – nach Kaiserin Augusta (1811 bis 1890) benannt. Sie war Prinzessin von Sachsen-Weimar und heiratete 1829 den Prinzen von Preußen,
der 1861 König von Preußen und 1871 mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches erster Deutscher Kaiser wurde.

Die Albrechtstraße, in der wir stehen und deren Verlauf wir auch gleich folgen werden, hat ebenso einen Bezug zum Deutschen Adel. Albrecht, Friedrich Heinrich Prinz von Preußen (1809 bis 1872) war der vierte Sohn des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III.

Wir werden jetzt die Albrechtstraße entlanggehen und dann in den Franckepark eintauchen.

Franckepark

Hier wird wieder einmal mehr deutlich wie dicht in Berlin Hektik der Großstadt und Idylle beieinander liegen. Ich habe dies in den etlichen Kiezspaziergängen ja schon mehrfach festgestellt.
Der Park liegt in unmittelbarer Nähe des Tempelhofer Damms und ist durch das Rathaus Tempelhof und die Häuser der Theodor-Francke-Straße abgeschirmt.

Der Park und die Straße sind nach dem Kaufmann Theodor Francke (1830 bis 1896) benannt. Er betrieb seinerzeit in Tempelhof einen Elfenbeinhandel. 1863 erwarb Francke das Gelände und nutzte es als Lagerfläche und zur Elfenbeinbleiche. Im Jahr 1875 ließ er das Gelände zum Privatpark umgestalten. Insbesondere ließ er für seine Kinder einen Rodelhügel errichten. Seine Erben verkauften den Park 1924 an den Bezirk Tempelhof.
In den Jahren 1925 bis 1928 wurde dann die bis heute erhaltene Grundstruktur geschaffen. Es wurde ein Rosengarten und ein Damwildgehege angelegt. Außerdem gab es ein Parkcafe mit einer Tanzfläche.

Bezirksbürgermeisterin am Brunnen im Franckepark
Bezirksbürgermeisterin am Brunnen im Franckepark

Ich habe uns nicht umsonst zu diesem Platz mit dem Brunnen geführt.
Auf diesem Brunnen, der 1930 geschaffen wurde, stand bis 1942 die Plastik eines Ziegenböckchens. Dieses wurde allerdings 1942 eingeschmolzen.
Im Jahr 1964 wurde dann als Ersatz die Plastik einer Eule auf den Brunnen gesetzt. Sie stammte von dem Bildhauer Egon Stolterfohlt, der auch noch andere Figuren für Berliner Parks geschaffen hat. Diese Figur ist seit dem 13. April 2013 verschwunden. Vermutlich ist sie von Metalldieben gestohlen worden.
Das Bezirksamt (Fachbereich Grünflächen) prüft gerade, wie eine neue Gestaltung des Brunnens aussehen könnte. Vor allem muss mit dem Denkmalamt geklärt werden, ob nicht wieder eine Nachbildung der ursprünglichen Figur, nämlich ein Ziegenböckchen, den Brunnen zieren soll.
Im Übrigen gibt es in der angrenzenden Gartenkolonie einen Künstler, der zwischenzeitlich eine selbst gefertigte Holzeule auf den Brunnen gesetzt hat. Er überlegt, eine Spendenaktion zugunsten einer neuen Brunnenfigur zu initiieren. Denn bei den Überlegungen für eine neue Gestaltung des Brunnens spielt natürlich Geld auch eine wichtige Rolle.

Heute noch erhalten ist ein Damwildgehege, das wir uns gleich ansehen werden. Es liegt in einer Senke und man hat von oben einen guten Blick auf die Rehe und Hirsche. Ich erzähle dies schon jetzt, weil ich vermeiden will, dass die Tiere durch den Lautsprecher irritiert werden.
Zur Zeit leben 13 Tiere in dem Gehege. Da die Fläche aber nach heutigen Erkenntnissen nur für 10 Tiere geeignet ist, werden in diesem Jahr wieder 3-4 Tiere entnommen und nach Brandenburg gebracht.
Bemerkenswert ist noch, dass in der Senke, in der heute die Tiere relativ ungestört leben, sich bis 1906 ein Teich befand, in dem auch gebadet wurde.
Durch den Bau des Teltowkanals und einem dadurch sinkenden Wasserspiegel fiel der Teich aber trocken.

Nach einen kurzen Stopp oberhalb des Geheges und einigen Blicken auf die Tiere werden wir in Richtung Wenckebach-Krankenhaus weitergehen.

Wenckebach-Krankenhaus

Wenckebach-Krankenhaus
Wenckebach-Krankenhaus

Wir stehen jetzt vor der Büste des Namensgebers des Krankenhauses.
Die Architekten Martin Gropius (1824 bis 1880) und Heino Schmieden erhielten vom Kriegsministeriums den Bauauftrag für das Garnisonslazarett II.
Zuvor hatten sie den Bau des Krankenhauses Friedrichshain vollendet.
Martin Gropius war ein Großonkel von Walter Gropius (1883 bis 1969). Walter Gropius gilt als Gründer des „Bauhauses“ und hat als Architekt unter anderem die Gropius-Stadt gebaut.
Das ehemalige Kunstgewerbemuseum und heutige Gebäude für wechselnde Ausstellungen in der Nähe des Potsdamer Platzes trägt heute den Namen „Martin-Gropius-Bau“!
In der Zeit von 1875 bis 1878 wurde das Krankenhaus errichtet. Sie stellten das Ökonomiegebäude in die Mitte der Anlage und verbanden es durch Gänge mit den umgebenden vier Krankenblocks.

1878 wurde es mit 504 Betten eröffnet und über 6 Jahrzehnte als Militärkrankenhaus genutzt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde es seit Mitte 1945 als Zivilkrankenhaus des damaligen Bezirks Tempelhof genutzt.

Büste von Karel Frederik Wenckebach
Büste von Karel Frederik Wenckebach

1951 wurde es nach Karel Frederik Wenckebach (1864 bis 1940) benannt. Er war Internist und erwarb sich besondere Verdienste um die Erforschung der Herz- und Kreislaufstörungen. Auch die Wenckebachstraße ist nach ihm benannt.

Nach baulichen und strukturellen Umgestaltungen in den 1970iger Jahren gehört das Haus heute zum Vivantes-Klinikum-Konzern und dient mit 438 Betten der Grund- und Regelversorgung.
Besondere Schwerpunkte am Wenckebach-Krankenhaus sind

ein Zentrum für Altersmedizin und ein onkologisches Zentrum.

Seit 2012 befindet sich hier auch das Vivantes-Hospiz für die ganzheitliche Versorgung sterbenskranker Menschen.

Rund 100 Ärzte und 210 Pflegekräfte sind hier insgesamt beschäftigt.
Jährlich versorgt das Krankenhaus 21.000 Patienten, davon 11.000 ambulant und 10.000 stationär.

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen wird der hohe Stellenwert der wohnortnahen medizinischen Versorgung deutlich. Umso wichtiger war der Widerstand, der auch vom Bezirk geleistet wurde, als im Jahr 2008 Schließungspläne bekannt wurden.
Ich bin froh, dass diese Pläne nicht umgesetzt wurden

Wir gehen weiter über die Friedrich-Wilhelmstraße – Ordensmeisterstraße in die Colditzstraße. Dabei werden Sie erkennen, dass sich mit wenigen Schritten der Charakter der Gegend abermals ändert. Wir kommen nämlich in das Industriegebiet Tempelhofs.

Franz Hessel

Sie wissen, dass ich gern Franz Hessel zitiere, der insbesondere durch sein Buch „Ein Flaneur in Berlin“ bekannt geworden ist, und für den in der Lindauer Straße 8 in Schöneberg eine Gedenktafel hängt.

Er schreibt 1929:

Wohnhaus-Fassade in der Wenckebachstraße
Wohnhaus-Fassade in der Wenckebachstraße

„Das heutige Tempelhof ist einer der schrecklichen Eilbauten aus der Zeit nach 1870 im Bauunternehmer- und Maurermeistergeschmack, wie deren noch allzuviel rings um Berlin lagern und erst allmählich von den neuen Wohnblöcken ohne Seitenflügel und Quergebäude, ohne Berliner Zimmer und Fassadenschmuck verdrängt werden.
Dafür gibt es aber zwei Momente der neuen Zeit, das Ullsteindruckhaus mit seinem stolzen sechzehn Stockwerk hohen Turm und den gewaltigen Komplex der Sarotti-Werke, beide am Teltowkanal gelegen. In dem einen wird der in den Redaktionen und Setzereien der Kochstraße gesammelte Geist auf dem Wege über allerlei Rotation, Schnellpressen, Falz-, Heft- und Zusammentragemaschinen zu Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und Büchern, in dem andern wird die in den Tropen gesammelte, weither gewanderte Kakaobohne auf dem Weg über Bürstenwalzen, Brech-, Schäl-, Reinigungs- und Eintafelungsmaschinen zu hübsch verpackter Schokolade.
Es ist erstaunlich, wie der trübe Niederschlag und Satz unserer Einfälle aufschwillt zu unendlichen, wohlbedruckten Papiermassen und wie die verstaubten, in runzeligen Säcken zusammengeduckten Bohnen zu unzähligen säuberlichen Tafeln und Pralinen werden.“

Sarotti-Werke

Die Zeilen Franz Hessels verlangen, dass zu Sarotti ebenso etwas gesagt wird wie zum Teltowkanal und dem Ullsteinhaus.

Lassen Sie mich mit den Sarotti-Werken beginnen:
Gegründet wurde die Schokoladenfirma bereits 1852 in der Berliner Friedrichstraße. Nach mehreren Standortverlagerungen ließ die Firma ab 1911 in der Teilestraße in unmittelbarer Nähe zum Teltowkanal eine für die damalige Zeit hochmoderne Produktionsstätte bauen. Wenn wir den Teltowkanal überqueren, liegt sie linker Hand. Ausschlaggebend für die Standortentscheidung war der Teltowkanal, der seit 1906 fertig gestellt war und ein Anschluss an die Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn.
Der Bau der Sarotti-Werke kostete 3,5 Millionen Mark. 1913 wurde mit rund 2.000 Mitarbeitern die Produktion aufgenommen. Wegen der Dimensionierung des Werkes (56 Meter breit und 84 Meter lang) war in der Öffentlichkeit von „Größenwahn“ die Rede. Dennoch war die Produktion bald ausgelastet.
Der Erste Weltkrieg und die Seeblockade der Engländer verhinderten aber, dass vor allem der benötigte Rohkakao Deutschland erreichte. Sarotti musste sich daher mit der Produktion von „Kriegsmarmelade“ und „Kriegskeksen“ begnügen.

Zwischenstopp in der Colditzstraße
Zwischenstopp in der Colditzstraße

Das Jahr 1922 markierte dann einen dramatischen Einschnitt in der Firmengeschichte. Ein Brand legte das Fabrikgebäude vollständig in Trümmer. Der Brand brach am 20. Januar 1922 aus und dauerte 3 Tage und zwei Nächte. Der Feuerwehr gelang es nicht, den Brand zu löschen. Glücklicherweise forderte die Katastrophe keine Todesopfer. Die Fabrik wurde unmittelbar danach wieder aufgebaut und bereits 1923 konnte die Produktion wieder aufgenommen werden.
Fast ebenso dramatisch wirkte sich der Zweite Weltkrieg auf die Firma aus. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges war das Verwaltungsgebäude weitgehend zerstört. Die Maschinen und Anlagen waren zu 85 % demontiert.
1949 begann die Produktion in der Teilestraße mit rund 800 Mitarbeitern.

Bereits 1929 hatte Nestlé die Hälfte der Sarotti-Aktien übernommen.
1998 verkaufte Nestlé die Marke Sarotti an Stollwerck. Die Produktion wurde danach vollständig nach Marienfelde verlagert, wo die Firma Stollwerck produzierte. Dies bedeutete das Ende des Sarotti-Werkes in Tempelhof.
Im Juli 2011 wurde die Stollwerck GmbH (mit der Marke Sarotti) an einen belgischen Süßwarenhersteller verkauft.

Teltowkanal

Die fortschreitende Industrialisierung ab etwas Mitte des 19. Jahrhunderts und die schnell wachsende Stadt Berlin weckten bald das Bedürfnis, eine neue Wasserstraße zu bauen. Oder und Elbe sollten miteinander verbunden werden und die stark belasteten Wasserstraßen, die mitten durch die Stadt führten, entlastet werden.
Und so erfolgte am 22. Dezember 1900 in Anwesenheit des Kronprinzen bei Schloss Babelsberg der erste Spatenstich für den Teltowkanal. Die feierliche Einweihung fand am 02. Juni 1906 statt.
Die Länge der Wasserstraße beträgt 37,8 Kilometer. Die Breite liegt bei durchschnittlich 27,5 Meter. Neben 9 Eisenbahnbrücken mussten 46 Straßenbrücken gebaut werden. Ursprünglich durfte der Kanal von den Schiffen nicht mit eigener Triebkraft befahren werden. Treidellokomotiven zogen die Schiffe von Land mit einer Geschwindigkeit von 4 km/h den Kanal entlang.

Mit der Eröffnung des Teltowkanals war es möglich, Kohle, Rohstoffe und Materialien kostengünstig anzuliefern. Es war daher folgerichtig, dass sich entlang des Kanals, so auch in Tempelhof – vor den Toren der Stadt Berlin – Industrie ansiedelte. Mit der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn, die wiederum eine Verbindung zur Ringbahn hatte, war es darüber hinaus möglich, die fertigen Produkte über Land zu transportieren.
So entstand rund um den Teltowkanal ein großes Industriegebiet, das im Norden bis zur Ringbahn bzw. zum Rand des Tempelhofer Feldes reicht.

Natürlich gab es in den letzten hundert Jahren immer wieder strukturelle Anpassungen. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte der Sarotti-Werke.
Das Gebiet hat sich jedoch als gefragter Industriestandort behauptet. Heute sind hier rund 550 Betriebe mit mehr als 13.000 Arbeitsplätzen ansässig. Die dominierenden Branchen sind Metall und Elektrotechnik, Optik, Medizin- und Messtechnik sowie Ernährung.
Besonders erwähnen sollte man die bekanntesten Unternehmen:
Proctor & Gamble mit der Produktion der Gillette-Rasierklingen und Bahlsen als Keks- und Süßwarenhersteller. Beide Unternehmen operieren weltweit und haben in den letzten Jahren in diese Standorte erheblich investiert.

Wir werden nun die Colditzstraße weiter laufen und an der Ecke Volkmarstraße halten.

Flüchtlingslager

Ehemaliges Flüchtlingslager in der Volkmarstraße
Ehemaliges Flüchtlingslager in der Volkmarstraße

Wir stehen jetzt vor einem Fabrikgebäude, das von 1952 bis 1961 als Flüchtlingslager für Menschen aus der damaligen DDR diente.
Einige von Ihnen werden sich erinnern, dass wir im April 2013 im Rahmen des Kiezspazierganges das Notaufnahmelager Marienfelde besucht haben. Seit 1948 zogen zunehmend Menschen aus der damaligen Sowjetischen Besatzungszone, später der DDR, in die Westzonen bzw. nach West-Berlin. Für Berlin war dieser Zustrom angesichts der katastrophalen Versorgung mit Wohnraum ein großes Problem. Nachdem zunächst eine Aufnahmestelle in Charlottenburg eingerichtet worden war, wurde im August 1953 das neu gebaute zentrale Notaufnahmelager in Marienfelde die zentrale Anlaufstelle für alle Flüchtlinge. Hier wurden sie untergebracht, verpflegt und durchliefen das Aufnahmeverfahren.

Die Zahl der Flüchtlinge wurde jedoch von Tag zu Tag größer, so dass der Standort Marienfelde bald nicht mehr ausreichte. In Marienfelde mussten zwar weiterhin alle das Aufnahmeverfahren durchlaufen, die Unterbringung erfolgte aber in Außenstellen. So gab es bis Mitte der 60-iger Jahre 90 Wohnheime und Außenlager in West-Berlin. Das größte Lager war in diesem Gebäudekomplex untergebracht. Es wurde vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) betrieben. Zeitweilig waren hier bis zu 4.000 Menschen untergebracht.

Anlässlich einer Ausstellung über das Notaufnahmelager erinnerte sich der damalige stellvertretende Leiter des Lagers (Wolf Rothe, heute 88 Jahre alt):
“Das waren aus heutiger Sicht gesehen doch wohl eher Elendsquartiere. Für die meisten war es ein Schock hier anzukommen.“
Nach dem Mauerbau versiegte der Flüchtlingsstrom und das Lager wurde noch 1961 aufgelöst. Heute erinnert – ebenso wie an die meisten anderen Standorten – nichts mehr an diese Zeit.

Wir gehen nun weiter bis zum Ullsteinhaus

Ullsteinhaus

Angelika Schöttler lädt ins Ullsteinhaus ein.
Angelika Schöttler lädt ins Ullsteinhaus ein.

Das Ullsteinhaus ist mit seinem 72 Meter hohen Turm ein Wahrzeichen Tempelhofs.
Der Architekt Professor Paul Schmohl entwarf dieses erste Stahlbeton-Hochhaus Berlins für den Ullsteinverlag.
Es wurde in den Jahren 1925 bis 1927 errichtet.
Bauherr war der Ullsteinverlag, der hier etliche Zeitungen, wie z.B. die Morgenpost, druckte.

Wir werden jetzt hineingehen und von Herrn Holger Wettingfeld, dem Initiator des Projektes „Deutsches Pressemuseum im Ullsteinhaus“, einiges mehr über dieses Gebäude erfahren.

Details an der Fassade des Ullsteinhauses

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Tempelhofer Hafen

Auf der Stubenrauchbrücke
Auf der Stubenrauchbrücke

Wir stehen auf der Stubenrauchbrücke und schauen auf den Tempelhofer Hafen.
Kurz nach der Eröffnung des Teltowkanals wurde auch das Speicher- und Lagerhaus am Hafen Tempelhof gebaut. Das Speicherhaus war an die damalige Berliner Straße (heute Tempelhofer Damm) angebunden und hatte auch einen Gleisanschluss. 1908 wurde es eröffnet. Das Bauwerk wurde nach dem Vorbild historischer Speichergebäude alter Hafenstädte gebaut. Das Gebäude ist 120 Meter lang und 25 Meter breit.

Vorrangig wurden Getreide, Mehl, Zucker, Tabak, Öle und Stückgut umgeschlagen. Die vor Ort eingerichtete Zollstation sorgte dafür, dass auch Im- und Exporte abgewickelt werden konnten.
Während des Zweiten Weltkrieges lagerten hier Lebensmittel. In der Blockade-Zeit war der Hafen Verteilerstation für Güter der Luftbrücke. Nach dem Ende der Blockade wurden dort weiterhin Vorräte der „Senatsreserve“ gelagert. Nach dem Fall der Mauer wurde die „Senatsreserve“ aufgelöst und es musste eine neue Nutzung gefunden werden.
Teile des Hafengeländes wurden nun von einem Schrotthändler genutzt, der seine Ware mit dem Schiff transportierte. Speditionsunternehmen mieteten einen Teil der Räume für die Lagerhaltung. Insgesamt verfielen die Hafenanlage und die Gebäude zunehmend.

In den Jahre 2007 bis 2009 wurde mit einem Investitionsvolumen von über 100 Mio € das heutige Shopping-Center geschaffen.

Es ist ein interessantes Shopping-Center entstanden, das einen Besuch allemal lohnt. Vor allem die Lage am Wasser – an einem alten Hafen – hebt den Standort von den anderen Einkaufsmeilen ab. Trotz der zeitgemäßen Nutzung des Hafens ist doch der „alte“ Charakter, nicht zuletzt wegen der beeindruckenden Krananlagen, erhalten geblieben. Und mit dem gegenüberliegenden Ullsteinhaus gibt es einen weiteren Blickfang. Auch im Inneren des ehemaligen Speichergebäudes sind Elemente der ursprünglichen Hafennutzung zu finden.
Also, ich empfehle einen Besuch, vielleicht an einem schönen Frühlingstag!

Verabschiedung

Ich danke Ihnen, dass Sie mich wieder begleitet haben und hoffe, dass die letzten beiden Stunden für Sie informativ, unterhaltsam und bereichernd waren. Vielleicht habe ich ja auch zu der einen oder anderen „Nachfolge-Aktivität“ angeregt. Es würde mich freuen.

Der nächste Kiezspaziergang findet am 15. Februar 2014 statt.
Wegen der großen Nachfrage und weil das Rathaus Schöneberg den 100. Geburtstag feiert, werden wir durch das Rathaus Schöneberg spazieren.
Treffpunkt 14:00 Uhr in der Halle des Rathauses.

Kommen Sie gut nach Hause!