Die soziale Herkunft junger Menschen spielt eine entscheidende Rolle für ihre Bildungslaufbahn und persönliche Entwicklung. Patenschaften und Mentoringprogramme ermöglichen eine individuelle Begleitung junger Menschen aus herausfordernden Verhältnissen. Wir sprachen mit Jasmin Azar und Dr. Kerstin Falk, Vorständinnen im Netzwerks Berliner Kinderpatenschaften e.V., über das Patenschafts- und Mentoring-Konzept und die Bedeutung solcher Programme für Bildungserfolg und Chancengerechtigkeit von Kindern und Jugendlichen.
Frau Azar, Frau Dr. Falk, was genau macht das Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften?
Im Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften e.V. (KIPA) engagieren sich derzeit 28 Berliner Organisationen, die gemeinsam jährlich über 2.000 Patenschaften betreuen. Diese Organisationen haben sich mit dem Ziel zusammengeschlossen, die Wirkung von Patenschafts- und Mentoringprogrammen zu maximieren und ihre langfristige Qualität zu sichern. Das Netzwerk macht es sich zur Aufgabe, die Ressourcen und Expertise seiner Mitglieder zu bündeln und sie nach außen zu vertreten. Alle Projekte arbeiten nach einem Eins-zu-Eins-Prinzip, bei dem jeweils ein Erwachsener (Mentor/-in oder Pat/-in) ein Kind beziehungsweise einen Jugendlichen (Patenkind/Mentee) begleitet.
Was können die Mentorenprogramme für Kinder und Jugendliche, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen, bewirken?
Der Bildungserfolg junger Menschen hängt in Deutschland stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Gerade in einer Stadt wie Berlin, die von sozialer Ungleichheit und hoher Kinderarmut betroffen ist, sind Patenschafts- und Mentoringprogramme ein essenzieller Baustein für Chancengerechtigkeit. Junge Menschen, die ohne Abschluss und Perspektive bleiben, fühlen sich vom System im Stich gelassen. Sie ziehen sich zurück, beteiligen sich seltener am gesellschaftlichen Leben und sind politisch weniger aktiv. Studien zeigen: Bildungsarme Menschen nehmen deutlich seltener an demokratischen Prozessen teil und sind sozial weniger integriert.
Mentoringprogramme sind nachweislich erfolgreich darin, jungen Menschen den Zugang zu Bildung, Teilhabe und persönlicher Entwicklung zu ermöglichen – besonders jenen, die aufgrund ihrer Herkunft oder ihres sozialen Umfelds benachteiligt sind. Die individuelle Begleitung fördert nicht nur schulische Leistungen, sondern auch das Selbstbewusstsein und die sozialen Kompetenzen der Mentees. Studien belegen, dass die langfristige Unterstützung durch einen Mentor oder eine Patin zu besseren Bildungs- und Berufschancen führt und die Wahrscheinlichkeit verringert, dass junge Menschen in soziale Abhängigkeit geraten.
Gibt es auch für die Mentoren einen Mehrwert?
Die Mentor/-innen selbst erleben ihr Engagement als bereichernd. Sie erhalten Einblick in andere Lebenswelten, erweitern ihre eigenen sozialen Kompetenzen, gewinnen neue Perspektiven und erfahren das Gefühl, aktiv zur positiven Entwicklung eines jungen Menschen und der Gesellschaft beizutragen. Durch Patenschaften und Mentoring werden Räume der Begegnung geschaffen, in denen Menschen zusammenkommen, die sich sonst niemals miteinander austauschen oder voneinander lernen würden. Diese doppelte Wirkung – auf beiden Seiten der Beziehung – macht Patenschafts- und Mentoringprogramme zu einer der nachhaltigsten und wirkungsvollsten Formen des sozialen Engagements.
Wie kann man sich das Engagement in einer Kinderpatenschaft oder dem Jugendmentoring vorstellen?
Eine Patenschaft ist eine längerfristig angelegte Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen einem ehrenamtlich engagierten Erwachsenen und einem „Patenkind“ von in der Regel einem Jahr. In Abhängigkeit des jeweiligen Programms treffen sich Erwachsene und ihre Schützlinge einmal wöchentlich für etwa zwei Stunden, um gemeinsam Berlin zu erkunden, Unternehmungen zu machen oder kulturelle Veranstaltungen zu besuchen. Auch Unterstützung beim Lernen oder dem Erwerb der deutschen Sprache sind in dieser Zeit denkbar.
Für ein ehrenamtliches Engagement muss ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt und eines unserer Einführungsseminare besucht werden. Vorausgesetzt wird zudem ein Verständnis für die soziale Situation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sowie mit Risikolagen wie sozio-ökonomischer oder Bildungsbenachteiligung, Interesse an langfristigem und kontinuierlichem Engagement sowie am interkulturellen Dialog im Sinne eines wechselseitigen Kennenlernens.
Wo können sich Interessierte melden?
An einer Patenschaft oder am Mentoring interessierte Personen können sich über unsere KIPA-Homepage einen guten Überblick über die Organisationen des Netzwerks verschaffen und von dort aus direkt Kontakt mit einer Organisation in ihrer Nähe aufnehmen. Die Patenschaftskoordination des jeweiligen Programms lädt dann zu einem Kennenlerngespräch und anschließender Einführungsveranstaltung ein, sodass weitere Modalitäten und offene Fragen geklärt werden können.