Berlin stärkt den Kinderschutz und baut Unterstützungsangebote für besonders belastete Kinder und Jugendliche weiter aus. Auf einer Pressekonferenz stellte Katharina Günther-Wünsch, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, nun zentrale Neuerungen in vier Schwerpunktbereichen vor
Die Neuerungen betreffen konkret die Verbesserung der psychologischen Versorgung in stationären Einrichtungen, Reformen in der Pflegekinderhilfe, das Platzausbauprogramm Jugend sowie die Schaffung sogenannter Flexwohnungen zur Stabilisierung hochbelasteter junger Menschen.
Neuerungen in der Pflegekinderhilfe
Seit diesem Jahr profitieren Pflegepersonen von einer neuen Zuständigkeitsverteilung der Jugendämter. Während die Zuständigkeit bisher beim Jugendamt am Wohnort der Ursprungsfamilie lag, ist künftig das Jugendamt am Wohnort der Pflegeeltern zuständig, wenn ein Pflegekind länger als zwei Jahre in einer Pflegefamilie lebt. Mit der Neuregelung erhalten Pflegefamilien eine dauerhafte, wohnortnahe Begleitung. Auch der „Startbonus Pflegekind” wird fortgeführt und vom Modellprojekt dauerhaft in den Landeshaushalt überführt. Pflegeeltern, die ein Kind neu aufnehmen, erhalten eine monatliche Unterstützung von 924 Euro zur finanziellen Entlastung in der Anfangsphase des Pflegeverhältnisses. Der Startbonus hat sich als wirksames Instrument zur Gewinnung neuer Pflegefamilien erwiesen: Seit seiner Einführung zum 1. Januar 2025 konnten 76 neue Pflegefamilien gewonnen werden, was erstmals nach mehreren Jahren rückläufiger Zahlen wieder einen Zuwachs bedeutete. Um die Leistungen Berliner
Pflegefamilien darüber hinaus zu würdigen, fand im Januar 2026 erstmals ein großer Jahresempfang für Berliner Pflegeeltern statt, an dem rund 700 Pflegepersonen teilnahmen.
Ebenfalls neu ist das Konzept der Bereitschaftskrisenpflege, bei dem in allen Bezirken zusätzliche Krisenpflegestellen geschaffen werden, die insbesondere jungen Kindern in akuten Krisensituationen eine kurzfristige und sichere Unterbringung sowie eine verlässliche Versorgung ermöglichen sollen. Geplant ist, in jedem Bezirk mindestens zwei entsprechende Krisenpflegestellen einzurichten. Zudem werden die etablierten Schlüsselprozesse wie Überprüfung, Vermittlung und Beratung inhaltlich geprüft, weiterentwickelt und um den eigenständigen Prozess Kinderschutz ergänzt.
Verbesserungen im Berliner Notdienst Kinderschutz (BNK)
Durch die Eröffnung neuer Außenstellen und der Schaffung von zusätzlichen Personalstellen im Berliner Notdienst Kinderschutz (BNK) wurden bereits im letzten Jahr die Weichen für eine nachhaltige Stärkung gestellt. Allein an den zentralen Standorten wurden zuletzt 15 zusätzliche Stellen geschaffen, hinzu kommen rund 36 weitere Vollzeitstellen in den neu eingerichteten Außenstellen. Neben den Bestandsstandorten Kindernotdienst, dem Jugendnotdienst und der Kontakt- und Beratungsstelle mit Notübernachtung Sleep In gehören heute auch die neu eingerichteten spezialisierten Außenstellen wie das Mädchen-Schutzhaus, eine intensivpädagogische Gruppe des Kindernotdienstes sowie eine Außenstelle des Jugendnotdienstes zum festen Bestandteil der BNK-Struktur. Der BNK sichert außerhalb der Dienstzeiten der Jugendämter den Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung und hält berlinweit 51 Plätze mit Aufnahmeverpflichtung vor. 2025 wurden insgesamt 1.354 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen.
Mehr Plätze in der stationären Jugendhilfe und neues Wohnprojekt „Flexwohnen“
Das Platzausbauprogramm Jugend wird im Doppelhaushalt 2026/2027 fortgeführt. Im Rahmen des Programms baut Berlin gezielt spezialisierte stationäre Angebote für Kinder und Jugendliche mit komplexem Unterstützungsbedarf an der Schnittstelle zur Psychiatrie sowie für junge Menschen in akuten Krisensituationen aus. Für diese Zielgruppe schafft die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie drei neue Flexwohnungen mit jeweils einem Intensivplatz. Diese stationären Plätze ermöglichen besonders belasteten Jugendlichen, die in Gruppensettings nicht betreut werden können, ein individuell zugeschnittenes und stabiles Hilfesetting inklusive Wohnraum und fachlicher Intensivbetreuung.
Das Förderprogramm wurde 2024/2025 für zusätzliche Plätze in der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe aufgelegt. Insgesamt entstanden so 79 neue Plätze. Entwickelt wurde das Programm von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in enger Abstimmung mit den bezirklichen Jugendämtern und der LIGA der freien Wohlfahrtspflege.
Stärkung der psychologischen Versorgung in stationären Einrichtungen
Seit 2026 richtet sich das neue Projekt KOMPASS der Psychologischen Hochschule Berlin an psychisch stark belastete Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren im betreuten Wohnen oder in Kriseneinrichtungen, insbesondere in den Übergangsphasen. KOMPASS bietet kurzfristig verfügbare, niedrigschwellige psychotherapeutische Beratung mit durchschnittlich zwölf kostenfreien Sitzungen, auch ohne Krankenversicherung. Ziel ist die Stabilisierung in Krisen, die Begleitung von Übergängen etwa von der Psychiatrie in eine Wohngruppe und die nachhaltige Betreuung in einer Wohnform. Für das Projekt stehen jährlich rund 200.000 Euro zur Verfügung, womit rund 120 Kinder und Jugendliche erreicht werden können.