Die Wahlbeteiligung junger Menschen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren lag bei der Bundestagswahl 2025 erneut unter dem Durchschnitt in der Gesamtbevölkerung. Trotz Verbesserungen der Zahlen seit 2009 liegt die Wahlbeteiligung in diesen Alterskohorten am niedrigsten. Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung geht der Frage auf den Grund, was junge Menschen vom Wählen abhält.
Die Studie basiert auf einem Mixed-Methods-Ansatz und kombiniert sowohl quantitative als auch qualitative Methoden. Auf quantitativer Ebene wurde ein Datensatz der German Longitudinal Election Study (GLES) herangezogen, der im Zeitraum vom 23. Oktober bis 19. November 2024 erhoben wurde und insgesamt 9.934 Befragte, davon 1.668 junge Menschen im Alter von 18 bis 29 Jahren, umfasst. Neben der Auswertung dieser bestehenden Sekundärdaten basiert die Studie auf einer Reihe eigens durchgeführter Fokusgruppen-Interviews, die im September 2025 stattfanden.
Insgesamt identifiziert die Studie vier zentrale Hürden, die verhindern, dass junge Menschen wählen gehen:
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„Kann ich wählen?“ (Zugang),
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„Verstehe ich Wählen?“ (Kompetenz),
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„Will ich wählen?“ (Motivation) und
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„Wirkt mein Wählen?“ (Resonanz).
Gerade mit Blick auf den Faktor der Kompetenz kommt die Studie zu interessanten Erkenntnissen: Die Analyse auf Basis des GLES-Datensatzes zeigt, dass junge Menschen ihre politische Kompetenz grundsätzlich geringer einschätzen als ältere Menschen. Vor allem weniger wahlaffine junge Menschen, insbesondere wenn sie aus einem politikfernen Umfeld kommen, fühlen sich demnach deutlich unsicherer, politische Debatten zu verfolgen oder über ihre eigene Haltung zu sprechen. In den Fokusgruppen äußerten Teilnehmende wiederum den Wunsch nach mehr und früher einsetzenden Bildungsangeboten in diesem Zusammenhang. Unter politischer Bildung verstehen sie dabei nicht nur die Vermittlung von Wissen über Institutionen oder Wahlverfahren, sondern auch eine Befähigung, Informationen einzuordnen und sich eigenständig politische Urteile zu bilden.
In Hinblick auf den Einfluss sozialer Medien und digitaler Angebote ergibt sich ein heterogenes Bild: Zwar könnten geeignete Formate gerade bei weniger politisch interessierten jungen Menschen politisches Interesse wecken und sie zur Wahl mobilisieren, gleichzeitig werde es aber immer anspruchsvoller, sich in der Vielzahl an Informationen zurechtzufinden. Zudem bestehe die Gefahr einer verzerrten politischen Meinungsbildung. Wie jüngste Studienergebnisse zeigen, sind Parteien an den politischen Rändern auf Social Media-Plattformen, insbesondere auf TikTok, im Vergleich zu Parteien der Mitte überproportional sichtbar (Quelle: „Digitalisiert, politisiert, polarisiert?“). Gleiches gelte für digitale Tools wie Wahl-O-Mat oder Real-O-Mat. Während sie Einstiegshürden senken können, führen komplexe Inhalte, Polarisierung
und Informationsfülle gerade bei weniger politikerfahrenen jungen Menschen schnell zu Überforderung.
Hinsichtlich der Motivation junger Menschen kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass die Teilnehmenden der Fokusgruppen die Wirksamkeit politischer Institutionen, Probleme zu lösen, als sehr gering wahrnehmen, was in Teilen zur Entscheidung beiträgt, selbst nicht wählen zu gehen. Gerade bei Themen wie Lebenshaltungskosten, Mietpreisen, Inflation oder Absicherung der Altersvorsorge wurde in allen Fokusgruppen eine starke Enttäuschung über die mangelnde Wirkung politischer Entscheidungen beobachtet. Zudem nähmen viele junge Menschen gerade im Wahlkampf Versprechungen wahr, die anschließend nicht eingehalten würden. Das wirke sich wiederum negativ auf ihre wahrgenommene Fähigkeit aus, sich durch gewählte Vertreter/-innen in politische Entscheidungen einbringen zu können. Interessanterweise schilderten Teilnehmende, dass die starke Polarisierung der Debatten im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 sowie eine stark emotionalisierte Krisenrhetorik bei vielen den Wunsch ausgelöst
habe, sich zeitweise von der politischen Informationsflut zu distanzieren. Das aktive Fernbleiben von politischen Themen wurde vielfach als Schutzmechanismus beschrieben.
Trotzdem offenbart die Analyse ein großes Potenzial zur Mobilisierung junger Menschen. Viele neue Wähler/-innen begegnen politischen Prozessen mit größerem Optimismus als Ältere, haben mehr Vertrauen in zentrale Institutionen wie den Bundestag und gehen von mehr Responsivität der Politiker/-innen aus – wenn auch auf niedrigem Niveau. Um die Wahlbeteiligung junger Menschen zu steigern, spricht die Studie Handlungsempfehlungen aus, die sich an den vier identifizierten Hürden Zugang, Kompetenz, Motivation und Resonanz orientieren. Neben verständlichen Wahlinformationen, niedrigschwelligen Verfahren und einer verbindlichen politischen Bildung werden auch frühe Erfahrungen politischer Beteiligung, ggf. schulisch begleitet, genannt. Viele der Weichen müssen gleichzeitig auf politischer Ebene gestellt werden. Denn eine Politik, die zuhört, einbezieht, die Lebensrealitäten junger Menschen anerkennt und nachvollziehbar handelt, heißt es in der Studie, sei für eine
langfristige Motivation ebenso wichtig.