Vor mehr als 15 Jahren entstand das Berliner Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund. Wir sprachen anlässlich des Jubiläums mit der Landeskoordinatorin Secil Olcaytürk über Ursprünge, Arbeit und Ziele des Netzwerks.
Frau Olcaytürk, das Berliner Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund hat gerade sein Jubiläum gefeiert. Wie ist die Initiative entstanden?
Das erste Netzwerk für Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte entstand bereits 2007 in Nordrhein-Westfalen als Reaktion auf die wachsende Diversität an Schulen, um Lehrkräfte mit Migrationshintergrund besser zu unterstützen und den Anforderungen einer vielfältigen und vielsprachigen Schülerschaft gerecht zu werden.
2010 erfolgte auf Initiative der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie die Gründung des „Berliner Netzwerks für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund – Vielfalt bildet Berlin“. Die Etablierung des Netzwerks war für die Berliner Lehrkräftebildung ein Wendepunkt. Man erkannte, dass dringend mehr Lehrkräfte mit Migrationshintergrund benötigt wurden. Schließlich fungieren diese als Rollenvorbilder und beeinflussen die wahrgenommenen Erfolgsmöglichkeiten der vielfältigen Schülerschaft positiv. Gleichzeitig gibt es einen Zusammenhang zwischen der Förderung eines vielfältigeren Kollegiums und der Reduktion institutioneller Diskriminierung gegenüber Lernenden und Lehrenden.
Was genau gehört zur Arbeit des Netzwerks und was wollen Sie erreichen?
Das Netzwerk, in dem sich Lehrkräfte, Lehramtsanwärterinnen und -anwärter sowie Lehramtsstudierende mit Migrationshintergrund ehrenamtlich engagieren, setzt sich einerseits für die Förderung, Beratung und Qualifizierung von Lehrkräften ein. Darüber hinaus arbeitet es auf eine stärkere Berücksichtigung und Sensibilisierung für einen diskriminierungskritischen und diversitätsorientierten Umgang in allen Phasen der Lehrkräftebildung hin. Wir unterstützen und beraten Schülerinnen und Schüler bei der Studienwahl, begleiten sie im Studium und im Vorbereitungsdienst und stehen ihnen auch während ihrer Tätigkeit als Lehrkraft unterstützend zur Seite.
Welche Themen beschäftigen Menschen mit Migrationshintergrund an der Schule aus Ihrer Erfahrung heraus besonders?
Ein zentrales Thema ist die Chancengleichheit im Bildungswesen. Soziale Herkunft, sprachliche Anforderungen oder geringere Erwartungen aus dem Umfeld stellen strukturelle Barrieren dar, die es zu überwinden gilt. Vor diesem Hintergrund unterstützt das Netzwerk angehende Lehrkräfte aus sozioökonomisch schwächeren Familien als Ansprechpartner und Wegweiser. Eng damit verbunden ist das Thema Identität und Zugehörigkeit. Fragen wie „Wo gehöre ich dazu?“ oder „Welche Rolle spielt meine Herkunft in der Schule oder Hochschule?“ werden zunehmend reflektiert und in gesellschaftlichen Debatten über Diversität und Teilhabe thematisiert. Schülerinnen und Schüler sind beispielsweise besonders durch Leistungszuschreibungen oder eine frühzeitige Selektion belastet, wenn diese stärker auf ihrer Herkunft als auf ihren Fähigkeiten basieren.
Ein weiteres wichtiges Thema sind Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassismus. Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte berichten, dass sie häufig nicht als Fachpersonen, sondern vor allem als „kulturelle Vermittlerinnen und Vermittler“ wahrgenommen werden oder ihre fachliche Kompetenz stärker unter Beweis stellen müssen als Kolleginnen und Kollegen ohne Migrationsgeschichte.
Zugleich kommt der Ressourcenorientierung eine große Bedeutung zu. Für viele stellen Mehrsprachigkeit, interkulturelle Kompetenzen und eigene Migrationserfahrungen Stärken dar, die sie bewusst in Lernprozesse und pädagogische Arbeit einbringen möchten. Oft empfinden Lehrkräfte es als besonders sinnstiftend, als Vorbild zu agieren und Schülerinnen und Schüler mit vergleichbarem Hintergrund zu ermutigen. Denn was immer wieder deutlich wird: Für Menschen mit Migrationsgeschichte ist Schule nicht nur ein Lernort, sondern auch ein Raum intensiver persönlicher, sozialer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.
Über welche Kanäle und Formate schafft das Netzwerk Zugänge für junge Menschen mit Migrationshintergrund?
Wir arbeiten sehr eng mit den Schools of Education sowie dem Zentrum für künstlerische Lehrkräftebildung (zfkl) der vier Berliner Universitäten sowie mit den Teams der Berufs- und Studienorientierung in den verschiedenen Bezirken zusammen. Hinzu kommt die Kooperation mit weiteren Partnern wie Vereinen, Institutionen und Initiativen, die die Berliner Bildungslandschaft maßgeblich mitgestalten und unterstützen.
Der Austausch erfolgt sowohl über persönliche als auch über virtuelle Treffen sowie über regelmäßige Newsletter, die über Workshops, Fortbildungen und weitere Gelegenheiten zum Informationsaustausch informieren. Ein direkter Austausch wird zudem durch Veranstaltungen wie Studien- und Berufsmessen an Schulen sowie öffentliche Messen in Berlin ermöglicht.
Darüber hinaus bieten wir in Kooperation mit den vier Universitäten und der Senatsverwaltung jedes Jahr im Frühjahr den „Zukunftscampus – Neue Lehrkräfte für Berlin“ an. Die Austragungsorte wechseln zwischen der Freien Universität und der Humboldt-Universität. Der Zukunftscampus richtet sich an Schülerinnen und Schüler, die vor der Entscheidung stehen, ob ein Lehramtsstudium für sie infrage kommt. Er bietet eine breit gefächerte Informationsvermittlung – von Fächerkombinationen über die Bewerbung und Finanzierung bis hin zum Verlauf des Studiums.
Das Förderprogramm „Become a Teacher“ richtet sich speziell an Schüler/-innen und junge Menschen, die sich für ein Lehramtsstudium interessieren. Können Sie das Programm und seine Inhalte etwas näher vorstellen?
Das Jahresprogramm „Become a Teacher“ richtet sich an Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationsgeschichte ab der 10. Klasse. Im Rahmen des Programms werden Workshops angeboten, die aufzeigen, wie vielfältig das Studium und der Beruf als Lehrkraft sind. Zu den Workshops gehören unter anderem: Bewerbung an der Universität, Stipendien für Lehramtsstudierende, „Mein Auftritt als zukünftige Lehrkraft – Stimme und Präsenz“, Vielfalt in der Schule sowie „Ein Blick hinter die Kulissen“ mit Schulbesuchen, die von ehrenamtlichen Lehrkräften des Netzwerks begleitet werden. Die Angebote sollen dabei helfen, für sich zu klären, ob der Beruf als Lehrkraft die passende Berufswahl darstellt und junge Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte ermutigen, diesen Weg zu gehen.