Zeugnisse jüdischen Lebens in Schöneberg

Kiezspaziergang mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler vom 21.11.2015

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Bürgerinnen und Bürger,

ich begrüße Sie zu unserem 28. Kiezspaziergang. Ausgangspunkt des heutigen Kiezspazierganges ist der Viktoria Luise Platz. Der Viktoria-Luise-Platz liegt am nördlichen Rand des Wohngebietes “Bayerisches Viertel” im Ortsteil Schöneberg und ist – wie Sie sehen können – einer der schönsten Plätze Berlins.

U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz

Zugang zum U-Bahhof Viktoria-Luise-Platz

Wir befinden uns hier am südwestlichen Zugang zum U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz an der Motzstraße.

Der U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz ist einer der 5 Bahnhöfe der U-Bahnlinie 4, die sich ausschließlich auf Schöneberger Gebiet befindet.
Als die damalige Stadt Schöneberg den Bahnhof 1910 eröffnete, besaß dieser nur einen Bahnsteig von 45 Meter Länge, was damals als ausreichend angesehen wurde. Nur 10 Jahre später wurde der Bahnsteig jedoch auf 90 Meter verlängert, um auf die anstehende Einbindung in das übrige Streckennetz vorbereitet zu sein.

Bis 2003 gab es nur diesen einen Zugang zum Bahnhof. Er entsprach voll und ganz den Schöneberger Repräsentationsbedürfnissen einer reichen Stadt mit schönen Schmuckplätzen. Und ein solcher war der Viktoria-Luise-Platz schon immer. Während der Bahnhof nach einheitlichen Plänen gestaltet wurde und von Friedrich Gerlach stammt, wurde der Zugang von Ernst Denecke mit seiner schönen halbovale Pergola, die hauptsächlich aus Muschelkalkstein besteht, entworfen.
Er hat einige Verzierungen angebracht, die allegorischen Charakter haben.
So kann man an der einen Seite ein sich küssendes Paar entdecken. Dies soll den elektrischen Funken symbolisieren.

Eine Frau, die auf einem Seeungeheuer reitet, symbolisiert auf der anderen Seite den Kurzschluss.

Im 2. Weltkrieg wurde der Bahnhof beschädigt. Der Vorhallenbereich wurde daraufhin vereinfacht wieder aufgebaut. Es heißt, dieser Bahnhof hätte viele Jahrzehnte keine Bahnhofsuhr besessen. 1977 erhielt er sie.
Wegen Einsturzgefahr musste die Pergola 1995 abgerissen werden, wurde aber originalgetreu wieder aufgebaut und der Zugang konnte sich so über all die Jahre seinen Charme bewahren.

Wir gehen zur Mitte des Platzes

Viktoria-Luise-Platz

Der Platz trägt den Namen der einzigen Tochter von Kaiser Wilhelm II. und wure 1899 von dem Gartenarchitekten Fritz Encke entworfen, der auch den Rudolph-Wilde-Park am Rathaus Schöneberg gestaltet hat.
Der Viktoria-Luise-Platz entstand um 1900 und war umgeben von hochherrschaftlichen Mietshäusern für das Großbürgertum, auch Prinzessin Viktoria Luise besaß an “ihrem” Platz eine Wohnung.

Der Krieg hatte hier schlimme Spuren hinterlassen. Der ursprünglich wunderschöne Platz glich einer Schuttwüste. Er wurde in den Folgejahren stark vereinfacht wieder hergerichtet und auch viele der alten Häuser konnten erhalten werden. Erst als der Viktoria-Luise-Platz unter Denkmalschutz gestellt wurde, konnte eine historisch angelehnte Rekonstruktion in Angriff genommen werden, die ca. 1981 abgeschlossen wurde. Heute gehört der Viktoria-Luise-Platz zu den begehrten Adressen Berlins.

Prägend für den Platz ist neben den Kolonnaden an der einen und dem Bahnhof an der gegenüberliegenden Seite der Brunnen in der Mitte mit seiner hohen Fontäne. Leider kann ich sie Ihnen zu dieser Jahreszeit nicht präsentieren.
An diesem Platz findet auch alljährlich die Eröffnung der Brunnensaison in Berlin statt.

Viele berühmte Persönlichkeiten lebten an diesem repräsentativen Platz. Unter Ihnen:

  • Rudolf Bernauer
    Er lebte im Haus Nummer 1 (das Originalhaus steht nicht mehr) von 1907 bis 1933 und verfasste den Text zur Schöneberger Hymne “Es war in Schöneberg, im Monat Mai” . Aber auch der Text des Liedes „Die Männer sind alle Verbrecher“ stammt von ihm.
    Die Musik zu diesen Texten schrieb Walter Kollo, der nicht weit von hier, in der Schwäbischen Straße 26 wohnte.
  • Billy Wilder
    Von 1927 bis 1928 wohnte im Haus Viktoria-Luise-Platz 11. Wir kennen ihn als Regisseur von vielen amerikanischen Film-Komödien, z.B. „Manche mögen’s heiß oder „1,2,3“. Er wurde mit insgesamt 6 Oscars für sein Werk ausgezeichnet.

Lette-Verein

Hier am Viktoria-Luise-Platz hat auch der Lette-Verein seinen Sitz.
1866 rief Wilhelm Adolf Lette den „Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts“ ins Leben. Zur Zeit der Gründung hatten unverheiratete Frauen aus dem Bürgertum nur wenige Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt angemessen zu verdienen. Ihnen blieben meist nur die Berufe Lehrerin oder Gouvernante.
Der Verein unterstützte die Öffnung weiterer Berufsfelder für Frauen. Dazu förderte er Ausbildungsstätten und –institutionen.

Heute ist der Lette-Verein eine Stiftung des öffentlichen Rechts und Träger von drei Berufsfachschulen sowie zwei Lehranstalten:

  • der Berufsfachschule für Design (Foto-, Grafik- und Modedesigner)
  • der Schule für Ernährungs- und Versorgungsmanagement
  • der Technischen Berufsfachschule sowie
  • der Schulen des Gesundheitswesens für Medizinisch-Technischen Assistenten (MTA) und Pharmazeutisch-Technische Assistenten (PTA).

Wer nachgerechnet hat, wird sicherlich bemerkt haben, dass der Verein im kommenden Jahr bereits sein 150-jähriges Bestehen feiert.

Wir gehen weiter zur Landshuter Straße

"Orte des Erinnerns" im Bayerischen Viertel

In Schöneberg lebten zu Beginn der NS-Herrschaft 1933 über 16.000 jüdische Einwohner, das waren 7,35% aller Schöneberger Einwohner. Besonders beliebt als Wohnquartier im Bezirk war das Bayerische Viertel. Während der NS-Zeit wurden über 6.000 jüdische Bewohner vor den Augen ihrer Nachbarn aus Schöneberg deportiert. In Tempelhof lebten damals 2.300 jüdische Bürger (2,03%), von ihnen wurden 230 deportiert.

Die schrittweise Entrechtung und Ausgrenzung der Juden hatte nur wenige Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten begonnen. Immer neue Gesetze und Verordnungen hatten entwürdigende Auswirkungen auf ihr Leben. Durch Berufsverbote und Enteignungen von Betrieben wurde ihre wirtschaftliche Existenz nach und nach vernichtet. Sie wurden aus dem öffentlichen Leben verdrängt: Für Juden bestanden Ausgehbeschränkungen, Kinder durften keine öffentlichen Schulen mehr besuchen, das Betreten von Theatern, Kinos oder Museen war ihnen verboten.

Hier an dieser Straßenecke (Landshuter Straße/ Barbarossastraße) zitiert eine Tafel des Denkmals “Orte des Erinnerns” eines der Verbote:
“Berliner Badeanstalten und Schwimmbäder dürfen von Juden nicht betreten werden. 3.12.1938”

Es ist eine von 80 Tafeln des Denkmals “Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel: Ausgrenzung und Entrechtung, Vertreibung, Deportation und Ermordung von Berliner Juden in den Jahren 1933 bis 1945”.

Dieses Denkmal wurde 1992 von einer Jury aus 96 Einsendungen zu einem Ideenwettbewerb ausgewählt und im Sommer 1993 realisiert. Die Tafeln stammen von Renata Stih und Frieder Schnock und sind über das gesamte Bayerische Viertel verteilt. Jede der Tafeln trägt auf der einen Seite einen Text mit Datum zu einer antisemitischen Maßnahme und auf der Rückseite ein Bild.
Ein kleines Zusatzschild unter jeder Tafel weist darauf hin, dass es sich um ein Denkmal im wörtlichen Sinn handelt: “Denk mal darüber nach!”

Inzwischen ist dieses Denkmal weltberühmt und Ziel von unzähligen Rundfahrten, Stadtspaziergängen und Besichtigungen.
Es ist eines der ersten Beispiele konzeptueller Kunst, das die Aussage widerlegt hat, man könne sich mit dem Nationalsozialismus nicht mit künstlerischen Mitteln auseinandersetzen. Dieses dezentrale Denkmal ist zugleich ein Kunstwerk und eine Auseinandersetzung mit unserer Geschichte. In gewisser Weise ist es ein Vorläufer der von dem Künstler Gunter Demnig erfundenen Stolpersteine.

Lassen Sie uns ein Stück weitergehen.

Hier vor dem Haus Barbarossastraße 36 verdeutlicht diese Tafel, wie weit die Ausgrenzung und Entrechtung bis zum Jahr 1938 vorangeschritten war.

Auf der Tafel des Denkmals “Orte des Erinnerns” steht:
„Der Besuch von Kinos, Theater, Oper und Konzerten wird Juden verboten. 12.11.1938”

Gehen wir nun weiter – zur Treuchtlinger Straße 5!

Vor diesem Haus (früher Haberlandstraße 11) liegen drei Stolpersteine für die einstige Weltklassesportlerin Lilli Henoch, ihren Bruder Max und für ihre Mutter Rose Mendelsohn.

Stolperstein für Lili Henoch

Lilli Henoch wurde als zweite Tochter des Kaufmanns Leo Henoch und seiner Frau Rose am 26. Oktober 1899 in Königsberg geboren. Nachdem Lillis Vater 1912 starb, zog ihre Mutter Rose 1919 mit den Kindern nach Berlin und heiratete den Versicherungsdirektor Mendel Mendelsohn. Ihren neuen Wohnsitz hatte die Familie in der Haberlandstraße 11.
Die sportbegeisterte Lilli wurde Mitglied im Berliner-Sport-Club (BSC), sie war eine außergewöhnlich erfolgreiche Sportlerin: Zwischen 1922 und 1926 wurde sie Deutsche Meisterin im Kugelstoßen, Diskuswurf, Weitsprung und mit der 4-mal-100-Meter-Staffel des BSC. Sie stellte dabei vier Weltrekorde auf.
Nachdem sie als Jüdin aus dem BSC ausgeschlossen wurde, war sie ab 1933 Turnlehrerin in der Jüdischen Volksschule in der Rykestraße.

Nach der Schließung der Schule zum 30. Juni 1942 musste sie als Erntehelferin in dem der SS unterstellten ehemaligen Auswandererlehrgut Neuendorf bei Fürstenwalde arbeiten.
Seit Mai 1941 lebte sie mit ihrer Mutter zur Untermiete in der Kleiststraße 36. Zuvor musste sie ihre eigene Wohnung im Bayerischen Viertel mit vier Untermietern zu teilen, die ihnen von auf Befehl Gestapo von der jüdischen Gemeinde zugewiesen wurden. Im Spätsommer 1942 erhielten Lilli Henoch und ihre Mutter Rose Mendelsohn die Aufforderung zur »Evakuierung«. Beide wurden mit dem 19. Osttransport nach Riga deportiert. Als Todesdatum verzeichnet das Gedenkbuch den 8. September 1942, und als Ort ist Riga genannt. Ihr Bruder Max Henoch wurde am 19. April 1943 nach Auschwitz deportiert und starb wenige Tage vor der Befreiung am 2. April 1945 im Konzentrationslager Buchenwald.

Zu Ehren von Lilli Henoch wurde 2005 im Bezirk Tempelhof-Schöneberg die Turnhalle der Spreewald-Grundschule zur “Lilli-Henoch-Sporthalle am Winterfeldtplatz” umbenannt.

Stolperstein für Max Krause

Direkt an der nächsten Ecke – Treuchtlinger Straße/ Haberlandstraße – erinnert vor dem Haus Treuchtlinger Straße 10 ein Stolperstein an Max Krause.

Max Krause gehörte den Zeugen Jehovas an, die von den Nationalsozialisten verfolgt und vielfach in Konzentrationslagern eingesperrt wurden. Aufgrund seiner Glaubensgrundsätze war er Wehrdienstverweigerer. Er wurde verhaftet und zunächst im Gefängnis Tegel eingesperrt. Am 25. Oktober 1941 wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Haberlandstraße

Die Haberlandstraße wurde nach dem Unternehmer Salomon Haberland benannt. Er und sein Sohn Georg Haberland haben die Entwicklung Berlins und insbesondere die Entwicklung Schönebergs und Wilmersdorfs entscheidend geprägt. Im 19. Jahrhundert wurde dieses Gebiet landwirtschaftlich genutzt. 1898 kauften Salomon und Georg Haberland die Grundstücke und erschlossen sie für die Bebauung.
Georg Haberland war Direktor der Berlinischen Boden-Gesellschaft. Er entwarf das Straßennetz, ließ die Kanalisation anlegen, sorgte für den U-Bahn-Bau und verkaufte die erschlossenen Grundstücke an die Bauherren.

Das Bayerische Viertel wurde zwischen 1900 und 1914 von der Berlinischen Boden-Gesellschaft planmäßig mit gutbürgerlichen Wohnhäusern mit oft weitläufigen Wohnungen bebaut.
Die Planung der Häuser erfolgte durch Architekten, die sich auf den süddeutschen Renaissancestil verstanden, die sogenannte „Alt-Nürnberger Bauweise“.
Die Gebäude wurden dabei mit verzierte Türmchen, gestufte Giebel und Sprossenfenstern geschmückt. Viele Straßen rund um den Platz erhielten bayerische Namen.

Auch das Gebiet um den Viktoria-Luise-Platz wurde von Georg Haberland entwickelt sowie die Wilmersdorfer Rheingau-Siedlung rund um den Rüdesheimer Platz, wo er ebenfalls für den Bau der U-Bahn-Linie sorgte.

Alle diese Projekte gelten als vorbildliche Siedlungen des späten Kaiserreichs. Haberland war zeitweilig Mitglied der Wilmersdorfer Gemeindeverwaltung und seit 1910 Berliner Stadtverordneter. Er starb 1933.

Die Y-förmige Haberlandstraße wurde 1938 von den Nationalsozialisten geteilt und in Treuchtlinger Straße und Nördlinger Straße umbenannt. Erst 1996 wurde die Nördlinger Straße wieder in Haberlandstraße rückbenannt.

Hier an der Straßenecke wird auf Tafel des Denkmals „Orte der Erinnerung“ auch das Thema Straßenumbenennung aufgegriffen.

Auf der Tafel steht: „Straßen, die Namen von Juden tragen, werden umbenannt. Die nach dem Gründer des bayerischen Viertels benannte Haberland Straße wurde in Treuchtlinger und Nördlinger Straße umbenannt.“

Gedenken an Rudolf Breitscheid und Albert Einstein

Vor den Häusern der Haberlandstraße 8/8a, wird mit zwei Gedenksteinen an berühmte ehemalige Bewohner des Viertels erinnert.

Der erste ist dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Rudolf Breitscheid gewidmet, der nach dem Reichstagsbrand 1933 von den Nationalsozialisten verfolgt wurde und 1944 im KZ Buchenwald ums Leben kam.

Rudolf Breitscheid galt bei den Nationalsozialisten wegen seines Einsatzes für eine Verständigung mit Frankreich als Verfechter der sogenannten ‘Erfüllungspolitik’. 1933 wanderte er nach Frankreich aus, wo er für eine breite Volksfront gegen Hitler arbeitete. 1941 wurde er an die Gestapo ausgeliefert. Nach der Haft im Gestapo-Gefängnis wurde er in das KZ Sachsenhausen und schließlich in das KZ Buchenwald verlegt. Dort kam er bei einem Bombenangriff ums Leben.

Auf dem Gedenkstein steht:
“Hier wohnte von 1932 bis März 1933 Rudolf Breitscheid
Preußischer Innenminister von 1918 bis 1919
Führender sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter von 1920-1932
Geb. 1874 in Köln, umgekommen 1944 im KZ Buchenwald.”

Rechts davon liegt im Vorgarten ein Gedenkstein, der an den wohl berühmtesten Schöneberger erinnert: Albert Einstein. Das Haus, in dem er lebte und an dieser Stelle stand, hatte damals die Hausnummer 5.

Der Text auf dem Stein lautet:
“Hier wohnte in dem früheren zerstörten Hause
von 1918 bis 1933
Albert Einstein
Physiker und Nobelpreisträger
Geb. 1879 Gest. 1955.”

Angemerkt sei gleich, dass Albert Einstein hier von 1917 bis 1932 wohnte und nicht wie auf dem Gedenkstein vermerkt von 1918 bis 1933. Auf Initiative eines Anwohners wurde 2013 eine Denktafel aufgestellt, die neben dieser noch viele zusätzliche Informationen über Albert Einstein bietet.

Albert Einstein wurde 1879 in Ulm geboren. Seit 1896 lebte er in Zürich und kam 1914 an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin. Schon 1920 wurde er in Deutschland wegen seiner jüdischen Herkunft angefeindet.

In seiner geräumigen Wohnung in der Haberlandstraße (sieben Zimmer plus Nebenraum) in großbürgerlichem Ambiente mit Portier und Fahrstuhl, gingen viele bekannte Leute ein und aus: Max Planck, Carl von Ossietzky, Max Liebermann oder Heinrich Mann. Charlie Chaplin, der Einstein 1931 hier besuchte, fand dessen Wohnung jedoch „klein und bescheiden“. Er war aus Amerika andere Dimensionen gewohnt: „Man könnte die gleiche Wohnung auch in der Bronx finden, ein Wohnzimmer, das auch gleichzeitig als Esszimmer diente. Auf dem Fußboden lagen alte, abgetretene Teppiche. Das wertvollste Möbelstück war der schwarze Flügel, auf welchem er jene historischen ersten Notizen über die vierte Dimension gemacht hat.“

Hier in der Haberlandstraße erreichte 1921 Einstein auch die Nachricht, dass ihm der Nobelpreis für seine Entdeckung des Gesetzes des fotoelektrischen Effektes verliehen wird.
1933 reiste er in die USA und kehrte aufgrund der nationalsozialistischen Machtergreifung nicht mehr nach Deutschland zurück. 1955 verstarb er in Princeton (New Jersey, USA).

Wenn wir nun hinüber zur Haberlandstr. 3 gehen, kann ich Ihnen eine weitere berühmte Persönlichkeit vorstellen, die hier in der Straße wohnte.

Gisèle Freund

Die berühmte Fotografin Gisèle Freund wurde 1908 in dem früher hier stehenden Haus, das damals die Hausnummer 7 trug, geboren.

Ihr Vater, der Kunstsammlers Julius Freund, weckte in ihr schon früh den Sinn für Bilder und schenkte ihr zum Abitur eine Leica. 1933 emigrierte sie nach Paris und wurde als Protrait-Fotografin unzähliger Schriftsteller und Künstler berühmt. Auf Einladung unseres Kunstamtes war sie 1996 zusammen mit Mitgliedern der Familie Haberland, die nach Schweden ins Exil gegangen waren, bei der Rückbenennung der Haberlandstraße anwesend. Im Alter von 91 Jahren starb sie im Jahr 2000 in Paris.

Häusern aus der Gründerzeit

Hier an der Ecke zur Landshuter Straße erhalten Sie anhand von einigen erhalten gebliebenen Häusern aus der Gründerzeit einen guten Eindruck vom Bayerischen Viertel in seinem Originalzustand. Die zeitgenössische Architekturkritik empfand es damals als ein wenig altmodisch und nannte es auch spöttisch “Klein-Nürnberg”.

Bereits 1902 wurde die Landshuter Straße nach der bayerischen Stadt benannt.

Wir gehen weiter zur Rosenheimer Straße und passieren auf dem Weg zwei weitere Tafeln des Denkmals “Orte des Erinnerns”:

“Berufsverbote für jüdische Schauspielerinnen und Schauspieler. 5.3.1934”

“Juden dürfen keine Zeitungen und Zeitschriften mehr kaufen.17.2.1942”

Wandbild in der Rosenheimer Straße

Das Wandbild an dieser Häuserwand (Rosenheimer Straße/Ecke Landshuter Straße) zeigt den Bayerischen Platz um 1910.

Die Künstlerin Christine Nestler entwarf das Bild im Jahr 1979 im Auftrag der Wohnungsbaugesellschaft DeBauSie. An die Wand gebracht wurde es es durch die Künstler Rafael Serrano und Erich Weger-Wladimir.

Wir gehen weiter zur Heilbronner Straße

Evangelische Kirchengemeinde Zum Heilsbronnen

Die neugotische Kirche zum Heilsbronnen in der Heilbronner Straße 20 wurde von dem Architekten Ernst Deneke errichtet. Die Grundsteinlegung für die Kirche und das Gemeindehaus – auf dem letzten freien Grundstück in der Heilbronner Straße 20 – erfolgte am 26. September 1911. Am 22. Dezember 1912 wurde die Kirche eingeweiht.

Von Ernst Deneke stammt auch die Königin-Luise-Gedächtniskirche auf dem Gustav-Müller-Platz.

Unsere nächste Station ist in der Penzberger Straße

Penzberger Mordnacht

Hier sehen wir einen Gedenkstein, der an die sogenannte „Penzberger Mordnacht“ erinnert. Wichtig zu wissen ist, dass Penzberg seit 1964 eine Partnerstadt des Bezirks Schöneberg (heute Tempelhof-Schöneberg) ist.

Um die Geschehnisse um die Penzberger Mordnacht zu verstehen, ist eine ergänzende Texttafel aufgestellt.

Lassen sie mich den Text vorlesen:
„Der 28. April 1945 ist für die ehemalige Bergarbeiterstadt Penzberg ein zentrales Datum zum geschichtlichen Selbstverständnis. Daher wurde dieser Gedenkstein im Rahmen der seit 1964 bestehenden Städtepartnerschaft zwischen Berlin Tempelhof-Schöneberg und Penzberg errichtet.

Anders als Berlin überstand die kleine oberbayerische Bergarbeiterstadt Penzberg das Ende des Zweiten Weltkrieges ohne große Zerstörungen. Traumatisch aber war der 28. April 1945, der einen verstörenden Einbruch von Vernichtung und Gewalt brachte.
Die „Freiheitsaktion Bayern“ verbreitete am frühen Morgen des 28.4.1945 über den Rundfunk die Nachricht über das Ende des Krieges. Voreilig hieß es, sie habe die Macht übernommen und die Bevölkerung wurde aufgerufen, die Produktionsanlagen vor Ort vor der Zerstörung im Sinne des „Nero“-Befehls zu bewahren.
Daraufhin riskierte der ehemalige sozialdemokratische Bürgermeister Hans Rummer, der die Geschicke der Stadt von 1919 bis 1933 gelenkt hatte, an diesem Morgen in Begleitung weiterer Sozialdemokraten und Kommunisten auch in Penzberg die Macht im Rathaus wieder zu übernehmen und das Bergwerk vor einer geplanten Zerstörung zu schützen.

Eine durchziehende Abteilung der Wehrmacht beendete diesen Aufstand und noch am selben Nachmittag wurden die sechs Männer erschossen.
Gegen Abend zog ein Werwolfkommando in die Stadt, das der Gauleiter Giesler aus München zu einem Vergeltungsakt für den Aufstand der „Freiheitsaktion Bayern“ geschickt hatte. Die ganze Nacht über zogen Werwolfgruppen durch die Stadt, um „Verschwörer“ zu verhaften und durch Hängen umzubringen. Flucht, Verfolgung, Schüsse, Motorlärm zum Übertönen der Schreie konnten viele Penzberger zuhause hinter geschlossenen Läden hören – es herrschte strikte Ausgangssperre, jeder war isoliert. Es war eine gezielte Terroraktion, die Angst in der Bevölkerung verbreiten sollte. Ihr fielen 16 Männer und Frauen zum Opfer, viele konnten sich durch Flucht retten.

Beim Kirchgang am nächsten Morgen (Sonntag) entdeckte man die aufgeknüpften Leichen in den Bäumen.

Am Montag, dem 30.4.1945, marschierten die Amerikaner ein.“

Löcknitz-Grundschule - Denk-Stein-Mauer und Synagoge

Hier in der Münchner Straße 37 stehen wir an der Rückseite der Löcknitz-Grundschule.

Die Schöneberger Grundschulen wurden nach märkischen Landschaften benannt. Die Löcknitz-Grundschule erhielt ihren Namen nach einem Nebenfluss der Spree.
Für ihre knapp 400 Schüler_innen hat die Schule als Leitbild formuliert:

“Wir sind eine Schule, die die Vergangenheit nicht verdrängt, die Gegenwart mutig gestaltet und die Zukunft verantwortungsvoll vorbereitet.”

Getreu dieses Leitbildes leistet die Schule einen wichtigen Beitrag zur Gedenkkultur in Tempelhof-Schöneberg, hier speziell im Bayerischen Viertel.

Denk-Stein-Mauer

Nach einer Anregung des Kasseler Künstlers Horst Hoheisel entstand im Schuljahr 1994/95 im Rahmen der Unterrichtseinheit „Nationalsozialismus“ die Idee, für jüdische Bürger_innen des Bezirks Schöneberg eine Denksteinmauer
auf dem Gelände der Schule zu errichten. Jeder Mauersteine trägt den Namen und das Todesdatum eines Opfers jener Zeit.

Jedes Jahr werden von den Schüler_innen des jeweiligen 6. Jahrgangs neue Denksteine hinzugefügt. Die Schüler_innen, die den Stein gestalten, erinnern damit meist an Menschen, die vor ihrer Deportation in der derselben Straße wohnten oder am gleichen Tag Geburtstag hatten wie sie selbst.
Inzwischen besteht die Mauer aus über 1000 Steinen und die Denk-Stein-Mauer wird weiter wachsen.

Synagoge

Wir stehen hier vor einem Gedenkstein für die Synagoge, die auf dem heutigen Schulgelände stand. Auf einer Bronzetafel am Fuß ist erläutert:

“Hier stand von 1909-1956 eine Synagoge.
Sie wurde während der Reichspogromnacht am 9. Nov. 1938 wegen ihrer Lage in einem Wohnhaus nicht zerstört.
Nach der Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger durch die Nationalsozialisten verlor sie ihre Funktion und wurde 1956 abgerissen.”

Der Synagogenverein Schöneberg erwarb 1909 dieses Grundstück, das heute zum Gelände der Löcknitz-Grundschule gehört. Es wurde ein Vorderhaus mit Wohnungen gebaut, in dem sich Schulräume, ein Rabbinerzimmer sowie ein Betsaal befanden. Die eigentliche Synagoge wurde auf dem Hof errichtet. Durch diese Lage entging die Synagoge der Zerstörung im November 1938.
Der fast quadratische Kuppelraum, der Platz für 836 Menschen bot, wurde aber nach 1938 von den Nationalsozialisten als Sammelstelle für die von der jüdischen Bevölkerung abzugebenden Wertgegenstände benutzt.

Das Vorderhaus wurde während des Weltkrieges zerstört. Die Synagoge wurde 1956 abgerissen. Der Bezirk Schöneberg erwarb das Grundstück von der nur noch sehr kleine Jüdische Gemeinde zur Erweiterung des Schulhofs der Löcknitz-Grundschule. Heute steht der Schulpavillon etwa an der Stelle der Synagoge.

Auf Initiative der Bezirksverordnetenversammlung von Schöneberg wurde am 8. November 1963 der Gedenkstein des Bildhauers Gerson Fehrenbach eingeweiht. Er ist eines der ersten öffentlichen Denkmale in Berlin, das an die Verbrechen an den Berliner Juden erinnert.
Jedes Jahr findet hier am 9. November eine Gedenkveranstaltung statt.

Wir gehen nun weiter zum Bayerischen Platz.

Bayerischer Platz

1907 wurde der Bayerische Platz nach dem damaligen Königreich Bayern benannt. Der Entwurf für die Gestaltung des Platzes stammte von Fritz Encke. Wir haben vorhin ein Wandbild mit der damaligen Aussehen des Platzes gesehen. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Platz verwüstet und die meisten Häuser rund um den Platz zerstört. An den vielen Häusern hier, die im Aufbauprogramm in den 1950er Jahren oder auf private Initiative in den 1960er Jahren entstanden sind, kann man das gut erkennen.
Im Februar 1945 trafen drei Fliegerbomben den U-Bahnhof, während zwei Züge dort hielten. 63 Menschen wurden dabei getötet. Nach der Trümmerbeseitigung stand auf dem Platz nur noch ein Zeitungskiosk. Auch von der überirdischen Bahnhofsanlage sind heute nur noch die Nebenausgänge erhalten.

Die Grünanlage wurde 1958 von Karl-Heinz Tümler mit vier Springbrunnen in einem Kunststeinbecken im damaligen Zeitgeschmack neu gestaltet. Der bayerische Löwe auf Stelzen stammt von Anton Rückel und wurde 1958 hier aufgestellt.

1967 wurde der U-Bahn-Pavillon abgerissen und 1971 durch ein blau-weiß gestaltetes Gebäude ersetzt. Nachdem dieser Bahnhofsbau sanierungsbedürftig geworden war, entschloss sich die BVG, das Gebäude abzureißen und neu zu bauen, als sich herausstelle, dass eine Sanierung zu aufwändig geworden wäre.

An gleicher Stelle ist nun ein moderner Gesamtbau entstanden, der mit einem Themencafé im gläsernen Dachpavillon weit mehr ist als nur ein Bahnhofsgebäude. Seit der Wiedereröffnung im September des vergangenen Jahres hat das Bayerische Viertel damit wieder einen attraktiven Kiezmittelpunkt.

Gern möchte ich etwas näher auf das Café im gläsernen Dachpavillion eingehen, denn das Café Haberland ist ein besonderes, bisher in Berlin einmaliges Café, in dem kostenlos Informationen zum umliegenden Quartier bereitgestellt werden: Kurzfilme, Hörstationen und Berichte als Vor- oder Nachbereitung für einen Spaziergang durch das Bayerische Viertel. Außerdem gibt es in dem gläsernen Pavillon regelmäßig Veranstaltungen, die der Verein Quartier Bayerischer Platz e.V. organisiert.

Gemeinsam mit dem Verein Frag doch! e.V. gestaltete das Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart e.V. im Café Haberland ein „Zeithistorisches Portal Bayerisches Viertel“, finanziert durch die Stiftung Deutsche Kassenlotterie.

Es soll den in- und ausländischen Besucherinnen und Besuchern des Quartiers einen Zugang schaffen zur Geschichte des Bayerischen Viertels, zu seinen prominenten und weniger bekannten Bewohnern und Bewohnerinnen.

Betreiber des Zeithistorischen Portals ist das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg. Wir arbeiten hier Hand in Hand mit der BVG und dem Verein Quartier Bayerischer Platz.
Dies ist ein weiterer Baustein in der vielfältigen Kultur des Gedenkens an die jüdischen Menschen des Bayerischen Viertels.

Nordsternhaus

Das Nordsternhaus wurde in den Jahren 1913 und 1914 vom Berliner Architekt Paul Mebes für 900 Mitarbeiter der Nordstern-Versicherung geschaffen.
Das sich mit seiner Travertin -Fassade (poröser Kalkstein) weiterhin abhebende Gebäude steht unter Denkmalschutz und beherbergt seit den 1950er Jahren die Berliner Senatsverwaltung für Justiz. In der Zeit, als das Rathaus Schöneberg Sitz der Berliner Stadtregierung war, wurde ein großer Teil der Abteilung Bauwesen des Bezirks Schöneberger hier untergebracht.

An diesem Laternenmast sehen Sie wieder eine Tafel der „Orte der Erinnerung“, auf der ein Aktenordner abgebildet ist.
Auf der anderen Seite der Tafel ist zu lesen:
“Akten, deren Gegenstand anti-jüdische Tätigkeiten sind, sind zu vernichten. 16.2.1945”

Rathaus Schöneberg

Hier vor dem Rathaus Schöneberg hielt der amerikanische Präsident John F. Kennedy am 26. Juni 1963 seine unvergessliche Ansprache an die Bevölkerung der geteilten Stadt. Hunderttausende Menschen versammelten sich in hoffnungsvoller Erwartung – geprägt von den allgegenwärtigen Auswirkungen des Mauerbaus und des Ost-West-Konfliktes. Sein Besuch in Berlin war ein politischer Akt der Entschlossenheit mit einer enormen Symbolkraft für die geteilte Stadt.

Nur ein halbes Jahr später, am 22. November 1963, wurde John F. Kennedy auf einer Wahlkampfreise durch die USA mit mehreren Gewehrschüssen während einer Fahrt im offenen Wagen durch die Innenstadt von Dallas ermordet.

Zu seinen Ehren wurde der Platz vor dem Rathaus Schöneberg noch im selben Jahr nach ihm benannt.

In Gedenken an den Todestag von John-F.-Kennedy legt der Bezirk Tempelhof-Schöneberg alljährlich vor der Gedenktafel am Rathaus Schöneberg einen Kranz nieder.

Ausstellung „Wir waren Nachbarn“

Seit 2005 wird die Ausstellung „WIR WAREN NACHBARN, Biografien jüdischer Zeitzeugen“ im Rathaus Schöneberg gezeigt. Im Juni 2015 ist die Ausstellung in die frisch renovierte große Ausstellungshalle zurückgekehrt, in der sie begonnen hat.

Die Ausstellung geht auf eine mehr als 20-jährige Zeitzeugen- und Erinnerungsarbeit zurück, bei der anfangs das Aufspüren und die Kontaktaufnahme zu den in alle Welt vertriebenen ehemaligen Schönebergern den Schwerpunkt bildete. Daraus ist dieser symbolische Denkort für die verfolgten und ermordeten jüdischen Nachbarn entstanden. Eine Besonderheit ist, dass diese Ausstellung jedes Jahr um neue biografische Alben ergänzt wird, die noch immer gemeinsam mit Zeitzeugen oder mit deren Nachkommen erarbeitet werden, mit vielen persönlichen Fotos und Dokumenten.

Meist steht ein Familienmitglied im Mittelpunkt, das in der Nazi-Zeit untertauchen oder emigrieren musste oder zu den über 6.000 jüdischen Bürgerinnen und Bürgern gehörte, die ab 1941 allein in unserem Bezirk aus ihren Wohnungen abgeholt und deportiert worden sind. Etwa ein Drittel der biografischen Alben sind prominenten jüdischen Bewohnern von Schöneberg und Tempelhof gewidmet, wie Albert Einstein, Nelly Sachs, Alice Salomon, Helmut Newton, Mascha Kaléko, Renée Sintenis und vielen anderen.

Seit der Wiedereröffnung im Juni 2015 sind über 150 Lebensgeschichten nachzulesen.

Bevor uns Frau Kaiser vom Projekt „Wir waren Nachbarn“ nun einen Einblick in dieses einmalige Projekt gewähren wird, möchte ich mich bereits von Ihnen verabschieden und mich für Ihre Aufmerksamkeit bedanken. Nehmen Sie sich im Anschluss die Zeit, sich mit den hier vorgestellten Biografien zu beschäftigen. Es lohnt sich.

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