Vom Tempelhofer Hafen zum Bosepark

18.10.2014

Kiezspaziergang vom 18.10.2014 mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler

Liebe Kiezspaziergängerinnen und Kiezspaziergänger,

ich begrüße Sie recht herzlich an diesem verhangenen Herbsttag!

Bildvergrößerung: Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler begrüßt ihre Gäste vor dem Ullsteinhaus
Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler begrüßt ihre Gäste vor dem Ullsteinhaus

Einmal mehr treffen wir uns an der B 96.
Sie ist nun mal die große Magistrale, die von Norden nach Süden durch den ganzen Bezirk geht. Sie bietet sich als Treffpunkt an, da sie verkehrlich gut zu erreichen ist. Außerdem kann man links und rechts, also westlich und östlich dieser Achse den Bezirk trefflich entdecken. Und aufgrund ihrer Länge sind auch die jeweils angrenzenden Kieze sehr unterschiedlich – je nachdem, ob die B 96 Tempelhofer Damm, Mariendorfer Damm, Lichtenrader Damm oder an der südlichen Stadtgrenze Kirchhainer Damm heißt.

Heute werden wir zunächst westlich der B 96 in den Hafen Tempelhof hinabsteigen, um dann östlich der
B 96 – parallel dazu – die Gegend bis zum U-Bahnhof Alt Tempelhof kennenzulernen.

Im Übrigen: Der Ursprung der Bezeichnung „B 96“ liegt in der Einführung von „Fernverkehrsstraßen“ (FVS) durch die Weimarer Republik im Jahre 1932.

Zwei „Wahrzeichen“ des Ortsteils Tempelhof befinden sich auf diesem Straßenzug. Zum einen am Platz der Luftbrücke die Hungerharke (das Luftbrückendenkmal) und zum anderen das Ullsteinhaus, vor dem wir hier stehen.

Die Ausstrahlungskraft dieses Gebäudes, die vor allem durch den Turm geprägt ist, wird allerdings gerade durch die Einrüstung getrübt.

Sie erinnern sich, dass der Kiezspaziergang im Januar 2014 hier endete und wir sogar die Gelegenheit hatten, im Gebäude einiges über die Vergangenheit und Zukunft des Ullsteinhauses zu hören.

Ullsteinhaus

Ganz kurz zur Erinnerung:
Der Architekt Professor Eugen Schmohl entwarf dieses erste Stahlbeton-Hochhaus Berlins mit einem
77 Meter hohen Turm für den Ullsteinverlag. Es wurde in den Jahren 1925 bis 1927 errichtet.
Bauherr war der Ullsteinverlag, der hier etliche Zeitungen, wie z.B. die Morgenpost, druckte.
Die jüdische Familie Ullstein wurde 1934 von den Nazis enteignet. Nachdem der Besitz 1952 zurückgegeben war, verkaufte ihn die Familie an den Axel Springer Verlag, der bis 1985 hier Zeitungen und Zeitschriften drucken ließ.

Heute gehört das Haus der Becker & Kries-Gruppe. Es ist an verschiedene Dienstleistungsunternehmen vermietet. Unter Bezugnahme auf den ursprünglichen Zweck und die Tradition des Hauses soll hier ein Deutsches Pressemuseum entstehen.

Stubenrauchbrücke

Bildvergrößerung: Zum Tempelhofer Hafen geht es über die Stubenrauchbrücke
Zum Tempelhofer Hafen geht es über die Stubenrauchbrücke

Die Stubenrauchbrücke überspannt den Teltow-Kanal, an dem das Ullsteinhaus errichtet wurde. Sie ist benannt nach dem Teltower Landrat Ernst von Stubenrauch, auf dessen Initiative der Bau des Teltowkanals zurückgeht.

Das Bemerkenswerte an dieser Brücke ist die Tatsache, dass in einem Hohlkörper unter der Brücke – und zwar nur im östlichen Teil – die U-Bahnlinie 6 verläuft.
Im Zuge des Baues dieser U-Bahn-Linie musste die Brücke völlig neu konstruiert werden – eine große technische Herausforderung.

Um den Teltow-Kanal zu queren, gab es die Möglichkeit, ihn zu unterfahren oder ihn zu überqueren. Aus Kostengründen gab es nur die Lösung, die U-Bahn über den Kanal hinweg zuführen. Die U-Bahn fährt deshalb vor dem Bahnhof Ullsteinstraße in einen Kasten, der unter der Brücke hängt. In diesem Kasten befindet sich auch der Bahnhof. Deshalb liegt der östliche Teil der Brücke auch höher als der westliche Teil.

Wir gehen nun hinab zum Hafen und sammeln uns an der östlichen Seite.

Teltowkanal

Der Hafen ist Bestandteil des Teltow-Kanals, so dass ich hier zunächst etwas über den Kanal sagen will.

Bildvergrößerung: Bei einem Blick entlang des Teltow-Kanals lässt sich auch der an der Stubenrauchbrücke angebrachte U-Bahntunnel erkennen.
Bei einem Blick entlang des Teltow-Kanals lässt sich auch der an der Stubenrauchbrücke angebrachte U-Bahntunnel erkennen.

Die fortschreitende Industrialisierung ab etwas Mitte des 19. Jahrhunderts und die schnell wachsende Stadt Berlin weckten bald das Bedürfnis, eine neue Wasserstraße zu bauen. Oder und Elbe sollten miteinander verbunden werden und die stark belasteten Wasserstraßen, die mitten durch die Stadt führten, entlastet werden.
Und so erfolgte am 22. Dezember 1900 in Anwesenheit des Kronprinzen bei Schloss Babelsberg der erste Spatenstich für den Teltowkanal. Die feierliche Einweihung fand am
02. Juni 1906 statt.

Die Länge der Wasserstraße beträgt 37,8 Kilometer. Die Breite liegt bei durchschnittlich 27,5 Meter.
Neben 9 Eisenbahnbrücken mussten
46 Straßenbrücken gebaut werden.

Ursprünglich durfte der Kanal von den Schiffen nicht mit eigener Triebkraft befahren werden. Treidellokomotiven zogen die Schiffe von Land mit einer Geschwindigkeit von 4 km/h den Kanal entlang.
Mit der Eröffnung des Teltowkanals war es möglich, Kohle, Rohstoffe und Materialien kostengünstig anzuliefern. Es war daher folgerichtig, dass sich entlang des Kanals, so auch in Tempelhof – vor den Toren der Stadt Berlin – Industrie ansiedelte.

Mit der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn, die wiederum eine Verbindung zur Ringbahn hatte, war es darüber hinaus möglich, die fertigen Produkte über Land zu transportieren. So entstand rund um den Teltowkanal ein großes Industriegebiet, das im Norden bis zur Ringbahn bzw. zum Rand des Tempelhofer Feldes reicht.

Natürlich gab es in den letzten hundert Jahren immer wieder strukturelle Anpassungen.
Das Gebiet hat sich jedoch als gefragter Industriestandort behauptet.
Heute sind hier rund 550 Betriebe mit mehr als 13.000 Arbeitsplätzen ansässig.

Tempelhofer Hafen

Bildvergrößerung: Heute befindet sich im ehemaligen Speicherhaus am Tempelhofer Hafen ein Shopping-Center und Ärztezentrum.
Heute befindet sich im ehemaligen Speicherhaus am Tempelhofer Hafen ein Shopping-Center und Ärztezentrum.

Kurz nach der Eröffnung des Teltowkanals wurde auch das Speicher- und Lagerhaus am Hafen Tempelhof gebaut.
Das Speicherhaus war an die damalige Berliner Straße (heute Tempelhofer Damm) angebunden und hatte auch einen Gleisanschluss. 1908 wurde es eröffnet.

Das Bauwerk wurde nach dem Vorbild historischer Speichergebäude alter Hafenstädte gebaut. Das Gebäude ist 120 Meter lang und 25 Meter breit. Vorrangig wurden Getreide, Mehl, Zucker, Tabak, Öle und Stückgut umgeschlagen. Die vor Ort eingerichtete Zollstation sorgte dafür, dass auch
Im- und Exporte abgewickelt werden konnten.

Während des Zweiten Weltkrieges lagerten hier Lebensmittel. In der Blockade-Zeit war der Hafen Verteilerstation für Güter der Luftbrücke. Nach dem Ende der Blockade wurden dort weiterhin Vorräte der „Senatsreserve“ gelagert. Nach dem Fall der Mauer wurde die „Senatsreserve“ aufgelöst und es musste eine neue Nutzung gefunden werden.

Bildvergrößerung: Krananlagen - ein Überbleibsel von der ursprünglichen Hafennutzung.
Krananlagen - ein Überbleibsel von der ursprünglichen Hafennutzung.

Teile des Hafengeländes wurden nun von einem Schrotthändler genutzt, der seine Ware mit dem Schiff transportierte. Speditionsunternehmen mieteten einen Teil der Räume für die Lagerhaltung. Die Hafenanlage und die Gebäude verfielen zunehmend.

n den Jahre 2007 bis 2009 wurde mit einem Investitionsvolumen von über 100 Mio € das heutige Shopping-Center geschaffen. Etwa
70 Fachgeschäfte sorgen für ein breitgefächertes Angebot. Auch ein Ärztezentrum mit 13 Fachrichtungen befindet sich in dem Gebäude.

Insgesamt ist ein interessantes Shopping-Center entstanden, das einen Besuch allemal lohnt. Vor allem die Lage am Wasser – an einem alten Hafen – hebt den Standort von den anderen Einkaufsmeilen ab. Es ist hier möglich, einen Liegeplatz auf Dauer zu mieten oder auch nur für einige Stunden anzulegen. Wie man sieht, ist hier tatsächlich ein „Hafenflair“ entstanden.

Trotz der zeitgemäßen Nutzung des Hafens ist doch der „alte“ Charakter, nicht zuletzt wegen der beeindruckenden Krananlagen, erhalten geblieben. Und mit dem gegenüberliegenden Ullsteinhaus gibt es einen weiteren Blickfang.
Auch im Inneren des ehemaligen Speichergebäudes sind Elemente der ursprünglichen Hafennutzung zu finden.

Wir gehen jetzt durch das Shopping-Center wieder auf die Brücke und werden dann nach einigen Minuten die ufaFabrik erreichen.

ufaFabrik

Die ufaFabrik befindet sich auf dem ehemaligen Gelände der UFA-Film Kopierwerke.
1979 sollten die Gebäude abgerissen werden. Dies wurde durch Besetzer und Besetzerinnen verhindert. Mit viel Idealismus, Kreativität und Durchsetzungswillen ist es den Gründerinnen und Gründern gelungen, ein einzigartiges Kulturzentrum aufzubauen.

Heute finden hier die vielfältigsten Veranstaltungen statt. Es gibt eine Biobäckerei und Konditorei, ein Cafe, eine Kindercircusschule, einen Kinderbauernhof und ein Nachbarschafts- und Stadtteilzentrum (NUSZ).

Aber lassen wir die Macher und Macherinnen selbst zu Wort kommen.
Die Geschäftsführerin Frau Renate Wilkening und das „Urgestein und Gesicht“ der ufaFabrik „Juppi“ (Josef Becher) werden uns führen.

Vielen Dank an Renate Wilkening und an „Juppi“ für die Einblicke, die Sie uns gewährt haben.

Wir gehen jetzt weiter zur Kaiserin-Augusta-Straße zum Askanischen Gymnasium.

Gedenktafel für Albrecht Kunth (Kaiserin-Augusta-Straße 19-20)

Hier eine Gedenktafel für Albrecht Kunth.
Er wurde am 10. Juni 1842 geboren, starb am 21. Januar 1871 und war ein bekannter deutscher Geologe.

Bildvergrößerung: Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler berichtet aus dem Leben von Albrecht Kunth.
Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler berichtet aus dem Leben von Albrecht Kunth.

1865 fand er in einer an dieser Stelle gelegenen Kiesgrube
über 200 verschiedene Arten fossiler Lebewesen, darunter das nach ihm benannte Leitfossil der ersten Zwischeneiszeit, die Schnecke
,,Paludium diluviana Kunth“. Mit diesen Funden konnte Kunth die Eiszeitforschung wesentlich befördern.

Eine Berliner Gedenktafel erinnert an den bereits mit 29 Jahren verstorbenen Kunth und seine Forschung. Die Gedenktafel wurde am 17. April 1989 enthüllt.

An ihrer Gestaltung erkennt man, dass es sich um eine Tafel des „Berliner Gedenktafel-Programmes“ handelt, die alle das gleiche Aussehen haben. Die Porzellantafeln werden nach einem prämierten Entwurf des Grafikdesigners Wieland Schütz exklusiv von der Königlichen Porzellan Manufaktur (KPM) angefertigt.

Die Tafeln werden derzeit durch die GASAG gesponsert und von der Historischen Kommission Berlin wissenschaftlich begleitet.

Askanisches Gymnasium

Bildvergrößerung: Das Eingangsportal des Askanisches Gymnasiums
Das Eingangsportal des Askanisches Gymnasiums

Heute steht auf der Kiesgrube, in der Albrecht Kuhnt die erwähnten eiszeitlichen Schnecken fand, das Gebäude des Askanischen Gymnasiums.

Das askanische Gymnasium befand sich zur Zeit seiner Gründung 1875 im heutigen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg – unweit des Askanischen Platzes. Nach mehreren Verlegungen und Zusammenlegungen befindet es sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges an diesem Ort.

Das Gymnasium hat heute über 600 Schülerinnen und Schüler, die von fast 60 Lehrkräften unterrichtet werden. Als Besonderheit gibt es hier die Möglichkeit, die Fremdsprache Chinesisch zu lernen.

Eine der berühmten Persönlichkeiten, die die Schule besuchten, war Rudi Dutschke. Seine Abiturarbeit in Deutsch wurde übrigens mit der Note „Eins“ bewertet – die beste Arbeit der Klasse.
Rudi Dutschke (geb. 1940 / gest.1979) machte zunächst 1958 in der DDR Abitur, musste dies aber wiederholen, da es in West-Berlin nicht als Hochschulreife anerkannt wurde.

Wir überqueren jetzt die Straße und bleiben in der Friedrich-Franz-Straße vor der Glaubenskirche stehen.

Glaubenskirche

Bildvergrößerung: Der Kiezspaziergang sammelt sich vor der Glaubenskirche
Der Kiezspaziergang sammelt sich vor der Glaubenskirche

Von hier aus kann man gut erkennen, dass die Glaubenskirche und das Askanische Gymnasium eine aufeinander bezogene Baugruppe sind.

Im Jahr 1909 gewannen die Architekten Köhler & Kranz einen Wettbewerb der Gemeinde Tempelhof. In der Folge wurden dann in der Zeit von 1910 bis 1915 zunächst das Gymnasium und dann die Kirche gebaut.

Mit dem Ensemble bestehend aus Schule und Kirche entwarfen sie eine Art Marktplatz. Zu beiden Seiten der Friedrich-Franz-Straße öffnen sich zwei begrünte Vorplätze, die von Kirche und Schule begrenzt werden und damit ein Zentrum für das bürgerliche Wohnviertel sein sollen.

Der Turm der Kirche und der Turm der Schule korrespondieren miteinander. Die zweigeschossige Umbauung des Vorhofes an der Friedrich-Franz-Straße mit den Pfarrhäusern und dem Gemeindehaus ergeben mit der gegenüberliegenden Schule ein harmonisches Gesamtbild.

Bildvergrößerung: Turm des Askanischen Gymnasiums
Turm des Askanischen Gymnasiums

Soviel zu den städtebaulichen Aspekten.

Der Bau der Schule und der Kirche waren dringend notwendig, weil die Bevölkerung Tempelhofs erheblich wuchs.

Vor allem die Dorfkirche, die wir heute noch erreichen werden, reichte für die vielen Tempelhofer nicht mehr aus. Im Jahr 1900 hatte Tempelhof immerhin schon rund 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner.

Heute gehört die Kirche zur evangelischen Gemeinde Alt-Tempelhof.

Bildvergrößerung: Sitzender Jüngling auf dem Ehrenmal
Sitzender Jüngling auf dem Ehrenmal

Bevor wir weitergehen noch der Hinweis auf das Ehrenmal für die Opfer des Ersten Weltkrieges. Es wurde 1922 aufgestellt.

Auf einer Stele aus Muschelkalk ruht eine Skulptur, die einen sitzenden Jüngling darstellt.
Auf seinen Knien hält er einen mit Eichenlaub bekränzten Stahlhelm.
An der Seite der Stele sind die Namen der gefallenen Gemeindemitglieder zu lesen.

Wir gehen nun die Straße hinunter bis zur Albrechtstraße und biegen dann rechts ein, um zum Friedensplatz zu kommen.

Friedensplatz und die "Spukvilla"

Einige Straßen dieses Quartiers sind nach deutschen Heerführern des 1871 beendeten Frankreichfeldzuges benannt. So z.B. die Albrechtstraße, Werderstraße, Blumenthalstraße, Bosestraße und die Manteuffelstraße.

Bildvergrößerung: Friedensplatz
Friedensplatz

Dieser Platz erhielt zum Gedenken an den Sieg über Frankreich 1871 und den anschließenden Frieden den Namen „Friedensplatz“.

Wir stehen hier an der Albrechtstraße 110 vor einer Villa, die durchaus auch in der Schweiz stehen könnte. In der Tat handelt es sich hier um ein Haus, das 1867 im damals beliebten Bautyp des Schweizerhauses errichtet wurde. Vor allem das Fachwerk, der hölzerne umlaufende Balkon und der Dachüberstand erinnern an Häuser aus den Bergen.

Nach einem Bebauungsplan aus dem Jahr 1863 sollte dieses Gebiet
– südlich der Dorfkirche – als Landhaus- und Villenkolonie angelegt werden. Die Villen und Landhäuser sollten in einem Straßennetz ausgehend von diesem kreisrunden Platz entstehen. Allerdings war das Projekt ein wirtschaftlicher Misserfolg. Es gelang nicht, genügend solvente Interessenten zu überzeugen, hier eine Villa bauen zu lassen.

So wurden schließlich auch hier Mietshäuser gebaut. Dieses Haus ist eines der wenigen, das an die Zeit der hochtrabenden Pläne einer Villenkolonie erinnert.

Um das Haus rankt sich eine besondere Geschichte:

Bildvergrößerung: Etwas versteckt hinter Bäumen zeigt sich die "Spukvilla"
Etwas versteckt hinter Bäumen zeigt sich die "Spukvilla"

Während der Napoleonischen Befreiungskriege 1813-1815 sollen französische Soldaten hier vorbeigekommen seien. Da sie auf der Flucht vor dem preußischen General von Bülow waren, versteckten sie die Kriegskasse in dem damals hier stehenden Gebäude. Dort sollen sie auch gefallen sein.

Beim Rückzug der Franzosen aus Berlin verblieb die Kriegskasse in Tempelhof und ist seither verschollen. Bei Umbau- und Anbauarbeiten wurden 1865 neben Waffen auch Gebeine und Uniformen gefunden. Seit dieser Zeit sollen die Geister der französischen Soldaten – die Marseillaise (französische Nationalhymne) auf den Lippen – auf der Suche nach der verschollenen Kriegskasse durch die Villa geistern.

Dieser Spukmythos hält sich hartnäckig und wurde so allmählich namensgebend.

Seit 1985 gehört das Haus dem Landesverbandes der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Berlin und ist zugleich der Sitz des Kreisverbandes Südwest der AWO Berlin. In der Villa finden viele Veranstaltungen, Lesungen und Vorträge statt, die das kulturelle Leben dieser Gegend bereichern.

Wir gehen jetzt weiter durch den Bosepark, den Lehnepark und Alten Park zur Dorfkirche Tempelhof!

Klarensee im Alten Park

Wir stehen hier in einem Grünzug, der aus drei Parks, dem Bosepark, dem Lehnepark und dem Alten Park besteht. Die Parks gehen ineinander über und sind kaum voneinander zu trennen. Dem Erholungssuchenden, der die Beschaulichkeit und die Natur genießen will, wird es sicherlich auch egal sein, in welchem Teil er sich befindet.

Der Blick geht hier über den Klarensee, der aus einem Eisloch der letzten Eiszeit entstanden ist. Auf der gegenüberliegenden Seite präsentiert sich eine Edelstahl-Skulptur. Sie wurde vom deutschen Bildhauer Karl Menzen geschaffen und trägt den Titel „Stauchung – harmonisch“!

Bevor wir zu unserem letzen Ziel, der Dorfkirche Tempelhof kommen, lassen sie mich hier – inmitten der Natur – noch ein Herbstgedicht von Wilhelm Busch (1832-1908) vortragen:

Bildvergrößerung: Kunst am See
Kunst am See

Im Herbst

Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst, der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Die ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewusst bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.

Wir gehen weiter zur Dorfkirche und treffen uns dort auf dem Kirchhof!

Dorfkirche Tempelhof

Bildvergrößerung: Die Tempelhofer Dorfkirche am Klarensee
Die Tempelhofer Dorfkirche am Klarensee

Hier, auf diesem Gelände, gründeten die Templer im frühen 13. Jahrhundert ihre Ortsniederlassung und bauten eine Komturei, also ein Ordenshaus.
Zum Komturhof gehörten Teile des umliegenden Parks und auch der Klarensee.

Durch häufigen Besitzerwechsel wurde der Hof später zu einem normalen Gutshof. Ein erster Gutspark wurde 1749 angelegt. Ein Bankier ließ dann einen Park anlegen, der im Sinne des Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné gestaltet wurde. Dieser Park bildetet die Grundlage für den ersten Gemeindepark Tempelhof und die weitere Entwicklung bis heute.

Bezogen auf die Kirche konnte bei Ausgrabungen nachgewiesen werden, dass sie einen durch Brand zerstörten Vorgängerbau hatte, der vermutlich um 1200 entstanden ist. Seitdem ist die Kirche im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zum Teil erneuert oder ergänzt worden. Einen Turm erhielt sie 1751.

Bei Bombenangriffen 1943 und 1944 brannte die Kirche aus, so dass zum Kriegsende nur noch die Umfassungsmauern standen. In den Jahren 1954 bis 1956 wurde sie in dem heutigen Erscheinungsbild wiederaufgebaut.
Eine Rekonstruktion des alten Zustandes wurde abgelehnt, so dass ein zeitgemäßes Bauwerk entstand, das sich an romanische Bauweisen anlehnt.

Bildvergrößerung: Ein Grabkreuz der Familie Berlinicke
Ein Grabkreuz der Familie Berlinicke

Bemerkenswert sind hier – Sie haben sie bereits entdeckt – die eindrucksvoll gestalteten Grabkreuze.

Hinweisen will ich noch auf den Grabstein für Dr. Eduard Greve. Er war seit 1874 der erste niedergelassene praktische Arzt in Tempelhof. Außerdem war er von 1881 bis 1887 Mitglied des Deutschen Reichstags für die Deutsche Fortschrittspartei.
Daneben ist das imposante Familiengrab der Familie Berlinicke.

Johann Gottlieb Berlinicke (1805 bis 1880) war Gutsbesitzer und
15 Jahre lang bis 1874 ehrenamtlicher Gemeindevorsteher der Landgemeinde Tempelhof.

Wir gehen weiter um die Kirche herum!

Gedenkstein für die Opfer des Tsunami

Der Tsunami vor der Küste Thailands am 26. Dezember 2004 ist eines der Ereignisse, die sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben. Damals sind 230.000 Menschen ums Leben gekommen.

Bildvergrößerung: Ein Ort der Erinnerung an die Opfer der Naturkatastrophe von vor fast zehn Jahren
Ein Ort der Erinnerung an die Opfer der Naturkatastrophe von vor fast zehn Jahren

Eine Selbsthilfegruppe von Hinterbliebenen aus Berlin und Brandenburg hat die Errichtung dieses Gedenksteins initiiert.

Pfarrer Jörg Kluge, der zur Gemeinde Alt-Tempelhof gehörte und als Notfallseelsorger den Hinterbliebenen zur Seite stand, sowie das Rote Kreuz ermöglichten dann schließlich die Aufstellung zum 1. Jahrestag des Unglückes.

Auf dem Stein sind die 47 Namen der Opfer aus Berlin und Brandenburg zu lesen.

Verabschiedung

An dieser Stelle will ich mich von Ihnen verabschieden. Wir haben eine Menge geschafft:
Einen Hafen, die ufaFabrik, drei Parks, zwei Seen und zwei Kirchen.
Eine beachtliche Leistung. Insofern danke ich, dass Sie wieder dabei waren.

Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler verabschiedet sich auf dem Kirchhof von den Teilnehmenden
Bild: Pressestelle Tempelhof-Schöneberg

Wenn Sie in die Luise-Henriette Straße gehen, werden sie nach wenigen Metern auf den Tempelhofer Damm gelangen und dann schon den
U-Bahnhof Alt-Tempelhof sehen.

Der nächste Kiezspaziergang findet am
15. November 2014 statt.
Wir treffen uns am S-Bahnhof Lichtenrade.
Dieser Kiezspaziergang steht – knapp eine Woche nach dem 09. November – unter dem Motto „25 Jahre Mauerfall“.

Wir werden deshalb entlang des ehemaligen Mauerstreifens zum Kirchhainer Damm zum benachbarten Landkreis Teltow-Fläming laufen.
Die Landrätin des Landkreises, der mit dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg durch eine Partnerschaft verbunden ist, wird uns begleiten.

Gegen etwa 15 Uhr werden wir die Grenze zum Landkreis erreichen und dort mit Bürgerinnen und Bürgern aus dem Landkreis bei Musik, Bratwurst, Blechkuchen und Getränken die Maueröffnung vor 25 Jahren feiern. Mit dem Bus 275 kann man von dort wieder zum S-Bahnhof Lichtenrade gelangen.

Also ein Kiezspaziergang der etwas anderen Art, aber 25 Jahre Mauerfall ist ja auch kein alltägliches Ereignis.

Ich hoffe, wir sehen uns.