Mehr als 700 Anfragen erreichten die Berliner SektenInfo im vergangenen Jahr. Dies geht aus dem aktuellen Jahresbericht hervor. Beratungsfälle nehmen dabei nicht nur in ihrer Anzahl, sondern auch in ihrer Komplexität zu. Wir sprachen mit dem Team der SektenInfo über Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven im Informations- und Beratungsalltag.
Die SektenInfo verzeichnete 2025 einen neuen Rekordwert an Anfragen. Erleben Sie auch abseits der absoluten Zahlen eine Veränderung in der Art der Anfragen?
Ja, definitiv. Mit 702 Anfragen erreichten wir 2025 den höchsten Wert seit Beginn der Datenerfassung. Mindestens ebenso auffällig ist, dass viele Beratungsfälle mehrere Problemlagen und betroffene Lebensbereiche zugleich umfassen.
Ratsuchende nehmen zunehmend informiert Kontakt auf, oft nach eigener Recherche u.a. mit KI-Tools. Das erleichtert die erste Einordnung, führt aber auch zu komplexeren Erstkontakten. Anliegen sind zudem häufiger mehrschichtig und berühren mehrere Lebensbereiche gleichzeitig, was eine differenziertere Einordnung erfordert. Teilweise ist eine Kooperation mit anderen Behörden wie beispielsweise den bezirklichen Jugendämtern notwendig, weil geklärt werden muss, ob eine Gefährdung des Kindeswohls vorliegt.
Dazu kommt eine paradoxe Entwicklung: Das Berliner Hilfesystem ist gewachsen und es gibt mehr spezialisierte Anlaufstellen. Diese Entwicklung begrüßen wir. Die Angebotspalette macht es aber für Ratsuchende schwerer, die für ihr Anliegen richtige Stelle zu finden. Wir übernehmen daher verstärkt die Funktion, eine orientierende und wegweisende Erstberatung durchzuführen. Unsere Kolleg/-innen müssen deshalb die Berliner Beratungs- und Versorgungslandschaft gut kennen und sich in Netzwerkrunden mit anderen Akteuren austauschen. Damit einher geht zeitlicher Mehraufwand. Das gehört aus unserer Sicht aber zu einer professionellen Beratungstätigkeit dazu.
Wer bittet Sie konkret um Hilfe?
Der größte Teil der Menschen kommt aus dem privaten Umfeld: 531 der 2025 registrierten Anfragen stammten von Privatpersonen. Institutionell melden sich vor allem psychosoziale Dienste, Bildungsträger und Medien, gefolgt von Behörden und Schulen.
Bei direkt Betroffenen versus Angehörigen zeigt unsere Statistik: Von 862 Betroffenheitserfassungen im Jahr 2025 – eine Anfrage kann mehrere Betroffene beinhalten – bildet die Gruppe der Angehörigen mit 571 Anfragenden den größten Anteil. 291 sind primär Betroffene mit eigenen Gruppenerfahrungen, hierzu zählen wir auch Aussteigende aus Gruppen. Ergänzt wird das Bild durch Fachkräfte aus Schulen, psychosozialen Einrichtungen und Behörden – das zeigt die große Bandbreite unserer Zielgruppe.
Wie kann man sich einen Beratungsfall konkret vorstellen? Wo fängt die Arbeit der SektenInfo an und wo hört sie auf?
Im Klasse Berlin Podcast haben wir in Folge 12 einen entsprechenden Beratungsfall vorgestellt, um das anschaulich zu machen. Anhand eines fiktiven Coaching-Angebots wird erläutert, wie bestimmte Mechanismen und Gruppenstrukturen Abhängigkeiten fördern können und woran sich überzogene Erfolgsversprechen erkennen und kritisch einordnen lassen.
Es gibt also keinen prototypischen Fall?
Grundsätzlich kommt es immer stark auf den Einzelfall an. Viele möchten zunächst Hintergrundinformationen zu einer Gruppe erhalten, andere suchen Unterstützung in der Kommunikation mit Angehörigen, die in einer Gruppe eine neue Lebensweise gefunden haben. Hier entwickeln wir gemeinsam Umgangsstrategien. Wir verstehen uns als zentrale Anlaufstelle, die auch auf andere passende Angebote in Berlin hinweist. Dauer und Nachgespräche hängen ebenfalls vom Einzelfall ab, von einem Gespräch bis zu mehrschrittigen Prozessen mit kontinuierlicher Begleitung.
Und wo liegen die inhaltlichen Schwerpunkte Ihrer Beratungsarbeit?
Den größten Bereich bilden weiterhin Anfragen zu evangelikalen, pfingstkirchlichen und christlich-fundamentalistischen Gruppierungen (132 Anfragen), gefolgt von Psychomarkt/Lebenshilfe – wie unseriöse Coaching-Programme oder mehrstufige Kurssysteme mit wachsender finanzieller und persönlicher Abhängigkeit – sowie allgemeinen Informationsanfragen (jeweils 87 Anfragen). Es folgen alte christliche Sondergruppen – etwa die Zeugen Jehovas oder die Mormonen, die sich bereits im 19. Jahrhundert von den bestehenden christlichen Kirchen abgespalten haben –, esoterische Angebote sowie Fälle ohne klaren Gruppenzusammenhang. Das war auch schon in den Vorjahren ähnlich, die Fälle werden aber eben zunehmend komplizierter. Neben klassischen Gruppierungen treten verstärkt hybride, schwer zuordenbare Angebote auf. Besonders bei Scientology zeigt sich ein Anstieg: Nach Jahren rückläufiger Zahlen (2021: 10, 2022: 7) haben wir 2025 wieder 25 Anfragen registriert, vermutlich bedingt durch die erhöhte
Präsenz im Stadtbild durch Kampagnen. Vermeintlich rückläufige Themen können so situativ wieder an Bedeutung gewinnen. Verschwörungstheorien werden aktuell weniger nachgefragt, wir vermitteln hier meist direkt an spezialisierte Berliner Fachstellen wie entschwört – Beratung zu Verschwörungsmythen im persönlichen Umfeld (ein Projekt der pad gGmbH), veritas Berlin, das Interdisziplinäre Zentrum für Radikalisierungsprävention und Demokratieförderung (IZRD) e.V. oder weitere.
Seit 2025 erweitert eine moderierte Angehörigengruppe das Angebot der SektenInfo. Können Sie diese etwas genauer vorstellen?
Wir haben die Gruppe 2025 gegründet, weil Angehörige von Menschen in konfliktträchtigen Gruppen oft selbst stark belastet sind, es dafür in Berlin aber bislang kein moderiertes Austauschformat gab. Die Gruppe trifft sich in der Regel einmal monatlich online, die Sitzung wird von einer Fachkraft moderiert. Inhaltlich geht es darum, wie Angehörige mit Kontaktabbrüchen und eigenen Belastungen umgehen, aber auch wie sie sich gegenüber missionierendem Verhalten durch ihre Angehörigen abgrenzen können. Die Themen der einzelnen Sitzungen werden aber letztlich von den Teilnehmenden selbst bestimmt. Die Teilnahme an der Gruppe ist gut nachgefragt, aktuell gibt es eine Warteliste. Besonders freuen wir uns über die Erfolge im Kleinen. Eine Teilnehmerin fand neue Wege im Umgang mit ihrem Angehörigen und konnte die Gruppe inzwischen wieder verlassen. Wenn das Angebot irgendwann weniger gebraucht wird, hat es seinen Zweck erfüllt.