Zum elften Mal hat das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation den nationalen Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“ veröffentlicht. Eine zentrale Erkenntnis: die soziale Herkunft ist weiterhin entscheidend für eine erfolgreiche schulische und berufliche Laufbahn.
Wenn über Bildungsungleichheiten gesprochen wird, steht meist die Schule im Mittelpunkt der Diskussion. Der aktuelle Bildungsbericht betont allerdings, dass das Fundament für herkunftsbedingte Unterschiede bereits viel früher, nämlich im Säuglings- und Kleinkindalter geschaffen wird. So wachsen Kinder abhängig von ihrer sozialen Herkunft mit unterschiedlichen Ressourcen auf, die die Lernbedingungen und Aktivitäten innerhalb der Familie prägen. Diese Ressourcen sind dabei nicht nur finanzieller und materieller Natur, sondern schließen auch emotionale Aspekte mit ein. So belegen Studien, dass die Qualität von Eltern-Kind-Interaktionen, also ob und wie Eltern auf ihre Kinder und deren Signale reagieren, zentral für kindliche Lern- und Entwicklungsprozesse ist.
Tatsächlich gehen geringe sozioökonomische Ressourcen oft mit einem weniger anregenden Interaktionsverhalten einher. So zeigen Befunde aus der Neugeborenenkohorte des Nationalen Bildungspanels bereits im Alter von zwei Jahren deutliche Unterschiede im Wortschatz der Kinder: Während Kinder von Müttern mit niedriger Bildung im Mittel 97 Wörter verwendeten, lag der mittlere Wortschatz bei Kindern mit mittlerer Bildung der Mutter bei 138 Wörtern und bei Kindern mit hoher Bildung der Mutter bei 159 Wörtern.
Diese bereits früh einsetzenden Bildungsungleichheiten setzten sich in vielen Fällen über die weitere Bildungslaufbahn fort. Kinder aus von Armut betroffenen Familien besuchen demnach wesentlich seltener eine Kindertagesbetreuung als solche aus Familien mit Bildungs- und Vermögensvorteilen. So besuchen in der Altersgruppe der unter 3-Jährigen etwa 39% der Kinder, deren Eltern einen hohen Bildungsabschluss aufwiesen, eine Kindertagesbetreuung außerhalb der Familie, während es bei Kindern aus sozial schwächeren Familien nur rund 20% sind.
Zum Zeitpunkt der Einschulung zeigen sich bereits bedeutende Kompetenzunterschiede zwischen Kindern aus Elternhäusern mit niedriger, mittlerer und hoher Bildung, die über den weiteren Bildungsverlauf vergleichsweise stabil bleiben. In der 9. Jahrgangsstufe weisen Schüler/-innen aus sozioökonomisch privilegierten Familien durchschnittlich höhere Kompetenzen in den sprachlichen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern auf. Interessanterweise zeigt sich, dass Schüler/-innen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien ähnliche Kompetenzzuwächse wie ihre Mitschüler/-innen aus sozioökonomisch privilegierten Familien erzielen. Dass Sie auch zum Ende ihrer Schullaufbahn niedrigere Kompetenzen aufweisen, liegt vor allem daran, dass sie mit schlechteren Voraussetzungen in die Schule kommen und den Vorsprung, mit dem Kinder aus sozioökonomisch privilegierten Familien bei der Einschulung starten, nicht aufholen können.
Auf Länder- und Bundesebene gibt es eine Vielzahl an Maßnahmen, die auf eine Verringerung von Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft abzielen. Die Auswertung des Bildungsberichts zeigt, dass die Relevanz des Problems erkannt und breit bearbeitet wird, an vielen Stellen jedoch ein klarer systematischer Ansatz oder eine wissenschaftliche Begleitung sowie Evaluation fehlt. Zudem konzentrieren sich die meisten Maßnahmen auf den schulischen Bereich, obwohl Ungleichheiten aus Sicht der Autor/-innen dort nicht vorrangig entstehen, sondern vor allem sichtbar werden. Maßnahmen in der frühen Bildung könnten hingegen effektiver in der Prävention von Kompetenzunterschieden sein. Hier setzt beispielsweise der Berliner Willkommensgutschein für Kinder ab drei Jahren an.
Entscheidend ist zudem, Prävention und Kompensation systematisch aufeinander abzustimmen, d. h. frühe Ungleichheitsentstehung zu begrenzen und zugleich spätere Verfestigungen gezielt aufzubrechen. Der Bericht betont darüber hinaus, dass Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft aus einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren hervorgehen, die zu einem erheblichen Teil auch außerhalb des Bildungssystems liegen. Eine Verringerung herkunftsbedingter Bildungsungleichheiten setzt deshalb auch Veränderungen in den sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen voraus, unter denen Kinder und Jugendliche aufwachsen.