Seit 2019 beraten Mitarbeitende des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) im Vivantes-Klinikum Friedrichshain im Rahmen des Projekts „Inklusionsbegleitung“ Berliner Grundschulen bei der Arbeit mit Kindern mit Förderbedarfen. Wir sprachen mit Dr. med. Ute Mendes, Leiterin des SPZ, über die Ursprünge und Erfahrungen des Projekts.
Frau Dr. Mendes, wie kam es dazu, dass Mitarbeitende eines Sozialpädiatrischen Zentrums an Berliner Grundschulen gehen, um dort zu schulischer Inklusion zu beraten?
In den Sozialpädiatrischen Zentren kümmern sich Ärzt/-innen, Psycholog/-innen, Therapeut/-innen und Pädagog/-innen gemeinsam um Patient/-innen und ihre Familien. Seit vielen Jahren merken wir, dass wir nur dann hilfreich für Kinder und Jugendliche sein können, wenn wir uns über die medizinisch-therapeutische Zuwendung hinaus zusätzlich mit ihrem sozialen Lebensraum vernetzen. Die Schule ist dabei besonders wichtig. Deshalb saßen wir bereits vor Beginn des Projekts regelmäßig mit Lehrer/-innen, Eltern und, je nach Alter, Patient/-innen selbst zusammen. Bei unseren Fachaustauschgesprächen erlebten wir viele dankbare Lehrkräfte. Dankbar deshalb, weil wir oft eine konkrete Beratung für ein konkretes Problem anbieten konnten, dankbar auch, weil durch die Vernetzung Hilfe von „außen“ kam und die Lehrkräfte damit entlastet wurden.
Daraus entstand die Idee, diese Art der Zusammenarbeit intensiver zu gestalten. Also schrieben wir Berliner Grundschulen an und fragten, ob sie eine auf zwei Jahre angelegte wöchentliche Begleitung wünschen. Die Schulen wollten das und die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie bot uns erfreulicherweise eine Finanzierung an.
Können Sie etwas mehr zu den Rahmenbedingungen sagen?
Im ersten Projektdurchlauf berieten wir jede Woche Lehrkräfte an insgesamt fünf Berliner Grundschulen. Wir verbrachten zu fest verabredeten Zeiten jede Woche 45 Minuten bei Hospitationen im Unterricht. An die Hospitation schloss sich dann ein jeweils 45-minütiges Beratungsgespräch an. Auf diese Weise konnten wir beobachten, was Kindern half, wo sich Hindernisse auftaten und gemeinsam überlegen, wie Situationen und Bedingungen verbessert werden können. Die Begleitung einer Lehrkraft und einer Klasse über den gesamten Projektzeitraum von zwei Jahren war meist gar nicht nötig, stattdessen wechselten wir im Projektzeitraum in andere Klassen und berieten dort weiter.
Die Auswahl der Schulen war von einigen Voraussetzungen abhängig: sowohl Lehrkräfte als auch Schulleitung mussten Inklusion wollen und unterstützen und diese gemeinsam voranbringen. Die Schulen sollten auch tatsächlich inklusiv im Klassenverband mit mindestens zwei inklusiv beschulten Kindern arbeiten und bereit sein, die betreffenden Lehrer/-innen für unsere Beratung vom Unterricht auszuplanen. Im zweiten Projektdurchlauf von 2022 bis 2024 war auch die Bildung eines schulischen Inklusionsteams eine der Voraussetzungen für die Teilnahme, damit die Schulen nachhaltiger vom Projekt profitieren können.
Was sind die grundlegenden Ziele, die das Projekt verfolgt?
Das ganz übergeordnete Ziel, das unser Projekt verfolgt, ist die verbesserte schulische und soziale Teilhabe von Kindern mit Förderbedarf. Das geht nur dann, wenn Lehrkräfte unterstützt werden, schulische Inklusion zu leben und zu gestalten. Wirklich nachhaltig werden die Projektinhalte dann, wenn sich die Mitarbeitenden an einer Schule austauschen, gemeinsam Konzepte entwickeln und sich Hilfe von außen holen. Aus unserer Sicht ist es dafür wichtig, sich regelmäßig zu vernetzen: mit den Eltern und mit den Fachkräften, die das Kind außerhalb der Schule begleiten und betreuen. In den Netzwerktreffen, die einmal pro Schulhalbjahr stattfinden, beraten wir deshalb zu Vernetzung, Austausch und auch zur Gestaltung von Übergängen, damit einmal gefundene Lösungen auch nach einem Klassenstufenwechsel beibehalten werden.
Welche Vorteile hat die inklusive Bildung?
Inklusion bedeutet, dass alle Kinder, unabhängig von ihren individuellen Fähigkeiten oder Herausforderungen, gemeinsam in einer Schule lernen. Diese Form der Beschulung bietet zahlreiche Vorteile, nicht nur für Kinder mit, sondern auch für Kinder ohne Behinderungen. Wenn Kinder mit und ohne Behinderungen die Möglichkeit haben, in einem Klassenumfeld gemeinsam zu lernen und zu interagieren, fördert dies nicht nur die sozialen Fähigkeiten dieser Kinder, sondern stärkt auch Verständnis und Akzeptanz bei den Kindern ohne Behinderungen. Studien zeigen zudem, dass alle Kinder, die in inklusiven Umgebungen lernen, ein höheres Maß an Empathie und sozialer Sensibilität entwickeln. Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass inklusive Beschulung die Leistungen von Kindern ohne Behinderungen beeinträchtigt, legen Studien außerdem nahe, dass kooperatives Lernen und die Zusammenarbeit zwischen Schüler/-innen mit und ohne Behinderungen positive Auswirkungen auf ihre schulischen Leistungen
haben.
Kinder ohne Behinderungen profitieren von der Möglichkeit, ihre sozialen und kommunikativen Fähigkeiten zu entwickeln, indem sie mit ihren Mitschüler/-innen zusammenarbeiten und ihnen helfen. Kinder ohne Behinderungen lernen durch die Zusammenarbeit ebenfalls, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, was Teamverständnis und soziale Fähigkeiten fördert und sie so auf die Herausforderungen des späteren Lebens vorbereitet.
Häufig wird kritisiert, dass inklusive Beschulung zu einer Überforderung der Lehrkräfte führen würde. Ist da etwas dran?
Es stimmt, dass Lehrer in inklusiven Klassen vor besonderen Herausforderungen stehen. Gezielte Fortbildungen und Unterstützungssysteme können aber dazu beitragen, diese Herausforderungen zu bewältigen. Genau hier wollen wir mit dem Projekt ansetzen, nicht nur aufgrund der oben genannten Gründe, sondern auch weil Lehrer/-innen, die in inklusiven Umgebungen arbeiten, oft von einer Bereicherung ihrer eigenen Lehrmethoden und einer Verbesserung ihrer pädagogischen Fähigkeiten berichten.
Das Projekt ist mittlerweile in die dritte Runde gegangen. Worauf liegt jetzt der Fokus?
Richtig, im Oktober 2025 startete das Projekt in seine dritte Runde. Wir sind dankbar, dass sich das Projekt verstetigt und setzen den Fokus noch stärker auf die Zusammenarbeit mit den Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentren, kurz SIBUZ. Ihnen vermitteln wir in zweitägigen Inhouse-Schulungen auch unseren teilhabeorientierten Ansatz. Aktuell arbeiten wir in den Stadtbezirken Pankow und Lichtenberg. Die SIBUZ-Teams suchen dabei aus den bei ihnen eingehenden Anfragen diejenigen heraus, bei denen sie unser Angebot für erfolgversprechend halten. Davon ausgehend nehmen wir Kontakt mit den Schulen auf und starten den Beratungsprozess. Dieser ist diesmal deutlich kürzer konzipiert und sollte in der Regel nach circa drei Monaten abgeschlossen sein. Bereits nach dem ersten Projektdurchlauf hatten wir die gesammelten Erfahrungen im praktisch orientierten Buch „Inklusion macht Schule“, das allen Berliner Grundschulen durch die Senatsverwaltung
zur Verfügung gestellt wurde, niedergeschrieben. In der jetzt verkürzten Beratungszeit im dritten Durchgang ist es für uns ein ganz wesentliches Arbeitsmittel, das wir in den Beratungen gezielt nutzen.
Was nehmen Sie für das SPZ aus den bisherigen Erfahrungen mit?
Für uns ist es ein großer Gewinn, seit inzwischen sieben Jahren inklusive Beschulung in Berlin fördern und begleiten zu dürfen. Wir haben in diesen Jahren viel über Schule lernen dürfen, was auch uns in unserer Arbeit im SPZ hilft und weiterbringt. Wir schätzen die enge Zusammenarbeit mit Schule und Verwaltung, die getragen ist von großer gegenseitiger Anerkennung und einem noch größeren gemeinsamen Ziel.