Mit ihrer neuen Jugendaktion „Move Smart“ wollen der Deutsche Verkehrssicherheitsrat, die Unfallkassen und die Berufsgenossenschaften Schüler/-innen und Auszubildende für Gefährdungen auf ihren Wegen zu Schule und Ausbildungsbetrieb sensibilisieren. Im Fokus stehen mit Fahrrad und E-Scooter dabei Verkehrsmittel, die gerade von jungen Menschen vermehrt genutzt werden. Wir sprachen mit Manfred Wirsch, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates, über Gefahrenquellen und Sicherheitsmaßnahmen in diesem Zusammenhang.
Herr Wirsch, die jüngsten Unfallzahlen zeigen, dass junge Menschen auf dem Fahrrad und mit dem E-Scooter besonders gefährdet sind. Fast die Hälfte aller verunglückten E-Scooter-Fahrer/-innen ist unter 25 Jahre alt, das mit Abstand häufigste in Unfälle verwickelte Verkehrsmittel unter Schüler/-innen ist das Fahrrad. Können Sie diese Zahlen einordnen?
Wenn wir auf die rund 102.000 Verkehrsteilnehmenden unter 25 Jahren blicken, die im Jahr 2025 im Straßenverkehr verunglückten, zeigt sich ein differenziertes Bild: 43 % waren mit dem Pkw unterwegs, 20 % mit dem Fahrrad oder Pedelec und 8 % mit dem E-Scooter. Das Auto spielt statistisch gesehen also weiterhin die größte Rolle.
Gleichzeitig sind die Unfallzahlen junger Menschen auf Fahrrädern, Pedelecs und E-Scootern besorgniserregend. Diese Verkehrsmittel sind für Schülerinnen, Schüler und Auszubildende wichtige Bausteine eigenständiger Mobilität. Umso wichtiger ist es, die Verkehrssicherheit von Rad und E-Scooter gezielt zu verbessern und gleichzeitig junge Menschen für Risiken zu sensibilisieren.
In einem städtischen Raum wie Berlin stehen an fast jeder Ecke Fahrräder, E-Bikes und E-Scooter zur kurzfristigen Miete zur Verfügung. Gelten für diese Miet-Fahrzeuge die gleichen Vorsichtsmaßnahmen wie bei einem eigenen Fahrrad, E-Bike oder E-Scooter oder müssen hier zusätzliche Dinge beachtet werden?
Grundsätzlich gelten vor jeder Fahrt die gleichen Vorsichtsmaßnahmen – unabhängig davon, ob das Fahrzeug einem selbst gehört oder gemietet ist. Bei Mietfahrzeugen sollte man sich allerdings nicht blind darauf verlassen, dass sie stets technisch einwandfrei sind. Deshalb ist ein kurzer Sicherheitscheck wichtig: Funktionieren Bremsen und Beleuchtung? Sind Reifen, Lenker und andere sichtbare Bauteile unbeschädigt? Bei E-Scootern sollte zudem geprüft werden, ob sich der Beschleunigungshebel leichtgängig bedienen lässt.
Auch das Fahrverhalten von Rädern, Pedelecs und E-Scootern kann sich je nach Modell unterscheiden. Deshalb sollte man zunächst an einem sicheren Ort langsam und vorsichtig anfahren, sich mit dem Brems- und Lenkverhalten vertraut machen und erst dann am fließenden Verkehr teilnehmen.
Ablenkung durch Handy, Musik, Podcasts oder Gespräche mit anderen scheinen beim Rad- und E-Scooterfahren eine größere Rolle als bspw. beim Autofahren zu spielen. Warum unterschätzen junge Menschen die Gefahr der Ablenkung häufig, und was kann konkret helfen, während der Fahrt konzentriert zu bleiben?
Das Smartphone ist aus der Lebenswelt junger Menschen nicht mehr wegzudenken. Doch schon ein kurzer Blick aufs Display kann im Straßenverkehr verheerende Folgen haben. Auch Musik, Podcasts oder Gespräche können die Aufmerksamkeit beeinträchtigen. Weil Fahrräder und E-Scooter oft als einfach zu bedienen wahrgenommen werden, entstehen schnell eine trügerische Sicherheit und eine Unterschätzung der eigenen Geschwindigkeit. Deshalb gilt: Das Smartphone bleibt während der Fahrt außer Reichweite. Wer telefonieren oder Nachrichten lesen möchte, hält zunächst an einem sicheren Ort an.
Auch Fußgänger/-innen sieht man häufig mit gesenktem Blick auf das Handy ¬– und zum Teil mit Kopfhörern auf den Ohren – durch die Straßen gehen. Warum sollen Fahrrad- oder E-Scooter-Fahrer/-innen sich da anders verhalten?
Auch zu Fuß ist es gefährlich, mit gesenktem Blick auf das Smartphone oder mit Kopfhörern unterwegs zu sein. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Geschwindigkeit: Wer Fahrrad oder E-Scooter fährt, legt pro Sekunde deutlich mehr Strecke zurück als ein Fußgänger. Dadurch bleibt bei unerwarteten Situationen weniger Zeit, Gefahren zu erkennen und rechtzeitig zu reagieren. Hinzu kommt, dass Rad- und E-Scooter-Fahrende bei einer Kollision nicht nur sich selbst, sondern auch andere Verkehrsteilnehmende massiv gefährden können.
Das Tragen von Kopfhörern ist zwar nicht verboten, darf die Wahrnehmung des Straßenverkehrs aber nicht beeinträchtigen. Aus Sicherheitsgründen ist es daher am besten, beim Fahrrad- und E-Scooter-Fahren auf Kopfhörer zu verzichten.
Bei der richtigen Wegenutzung gibt es gerade beim E-Scooter klare Regeln – etwa zum Fahren auf Radwegen, Fahrbahnen und Gehwegen. Welche Regelverstöße beobachten Sie besonders häufig, und warum können sie gerade im Mischverkehr gefährlich werden?
Die Unfallstatistik für 2025 zeigt, dass die vorschriftswidrige Nutzung von Gehwegen oder Fahrbahnen eine wichtige Rolle spielt. 22 % der Unfälle von E-Scooter-Fahrenden wurden dieser Ursache zugeordnet. Rund 11 % der Fälle entfielen auf Fahren unter Alkoholeinfluss und etwa 8 % auf eine nicht an die Verkehrslage angepasste Geschwindigkeit.
Gerade im dichten Stadtverkehr treffen Fußgänger, Radfahrende, E-Scooter-Fahrende und Autofahrende auf engem Raum aufeinander. Verkehrsregeln schaffen hier Orientierung und schützen alle Beteiligten. Wer beispielsweise unerwartet auf dem Gehweg fährt, die vorgeschriebene Verkehrsfläche wechselt oder sich nicht an die Fahrtrichtung hält, wird für andere plötzlich schwer einschätzbar. Dadurch steigt das Risiko gefährlicher Konflikte und Unfälle.
Die Materialien betonen, dass nicht nur hohe Geschwindigkeit, sondern auch Zeitdruck und fehlende Vorbereitung das Unfallrisiko erhöhen können. Wie können junge Menschen ihre Wege so planen, dass sie gar nicht erst in Zeitdruck geraten?
Hektik und Zeitdruck entstehen meist lange vor Fahrtantritt. Wer seinen Weg vorausschauend plant, kann unnötigen Stress vermeiden. Dazu gehört, Tasche, Helm und Schlüssel am Vorabend bereitzulegen, die Route bei Bedarf vorher zu prüfen und genügend Zeit für den Weg einzuplanen. Ein Puffer von fünf bis zehn Minuten kann helfen, Verspätungen oder unerwartete Situationen abzufangen. Auch Wetter, Dunkelheit und Verkehrsaufkommen sollten berücksichtigt werden.
Wichtig ist, verlorene Zeit nicht durch schnelleres Fahren, riskante Überholmanöver oder das Missachten von Verkehrsregeln aufzuholen. Wer in Eile ist, nimmt Gefahren oft später wahr und reagiert unüberlegter. Deshalb gilt: Lieber etwas später ankommen, als die eigene Sicherheit und die anderer zu gefährden.
Mit Ihrer Jugendaktion „Move Smart“ wollen Sie junge Menschen auf ein sicheres Verhalten auf ihren Schul- und Ausbildungswegen aufmerksam machen. Was sind Ihre drei wichtigsten Hinweise, die Jugendliche beim Fahrrad- oder E-Scooter-Fahren beachten sollten?
Mein erster Appell lautet, stets aufmerksam zu fahren, weshalb das Smartphone in die Tasche gehört und der Blick sich auf den Verkehr richtet. Zweitens gilt es, regelkonform unterwegs zu sein, die vorgesehenen Verkehrsflächen zu nutzen, Verkehrsregeln einzuhalten und auf dem Fahrrad oder E-Scooter einen Helm zu tragen. Drittens fordere ich dazu auf, vorausschauend zu agieren und mit Zeitpuffer zu fahren, um weder sich noch andere in Gefahr zu bringen.
Im Rahmen der Aktion „Move Smart“ stehen Lehrkräften und Ausbilder/-innen auch Lehr- und Lernmaterialien zur Verfügung, die niedrigschwellig in den Schulunterricht, in Ausbildungspläne oder Projekttage eingebunden werden können.