In den drei zentralen Kompetenzbereichen Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik erzielen 15-jährige Schüler/-innen in Deutschland die niedrigsten Ergebnisse aller bisherigen PISA-Erhebungen. Damit setzt sich der Abwärtstrend seit 2012 fort. Im internationalen Vergleich liegen Schüler/-innen in Deutschland im Durchschnitt.
Immer mehr Jugendliche erreichen keine ausreichenden Basiskompetenzen mehr. Dies geht aus dem am 8. September vorgestellten Bericht „Pisa 2025: Bildung im Spannungsfeld von Innovation und Transformation“ hervor. Demnach verfügen 21 Prozent der 15-Jährigen über keine sicheren Basiskompetenzen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Zugleich ist der Anteil der Schüler/-innen mit starken Kompetenzen über alle drei Kernbereiche hinweg auf drei Prozent gesunken.
Im Jahr 2025 verfügten 27 (Naturwissenschaft), 32 (Lesen) und 34 (Mathematik) Prozent der Schüler/-innen nicht über ausreichende Basiskompetenzen. Betrachtet man die Kompetenzbereiche isoliert, konnten nur bei sieben (Lesen), acht (Mathematik) und neun (Naturwissenschaften) Prozent der 15-jährigen Schüler/-innen hohe Werte festgestellt werden. Nachdem bis 2015 bedeutende Kompetenzzuwächse erzielt wurden, liegen die Kompetenzen in den Kernbereichen Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik nun so niedrig wie noch nie seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000.
Insgesamt bewegt sich Deutschland in allen drei Kernbereichen leicht oberhalb des Durchschnitts aller EU-Staaten und OECD-Länder. Prof. Samuel Greiff, wissenschaftlicher Leiter der Pisa-Studie in Deutschland, übersetzte das schlechteste Ergebnis für Deutschland seit Beginn der PISA-Untersuchungen in konkrete Lernrückstände. „Das, was die Jugendlichen heute mit 15 Jahren können, das konnten sie vor zehn Jahren schon mit 13 Jahren.“
Anders als im OECD- und im EU-Durchschnitt haben die Kompetenzunterschiede nach sozialer Herkunft in Deutschland seit 2015 wieder zugenommen. Sie sind heute so ausgeprägt wie seit der ersten PISA-Erhebung im Jahr 2000 nicht. Das heißt: Schüler/-innen aus Familien mit einem höheren sozialen Status erreichen im Durchschnitt höhere Kompetenzen als Schüler/-innen aus Familien mit einem geringeren sozialen Status. Die sozioökonomische Position der Familien ist auch bei Berücksichtigung weiterer Ungleichheitsdimensionen wie Zuwanderungshintergrund oder Geschlechterunterschiede der wichtigste Faktor bei den Bildungsungleichheiten in Deutschland. Dies wirkt sich auch auf den Sozialraum Schule aus. Schüler/-innen mit niedriger sozialer Herkunft haben dem Pisa-Bericht zufolge ein deutlich geringeres schulisches Zugehörigkeitsgefühl und berichten häufiger von Mobbing und Bullying.
Im Vergleich dazu fallen die Kompetenzunterschiede nach Zuwanderungshintergrund deutlich geringer aus, bleiben aber für die 29 Prozent der Schüler/-innen mit Zuwanderungshintergrund relevant. Auch Geschlechterunterschiede bestehen fort. Mädchen erreichen höhere Kompetenzen im Lesen, Jungen in Mathematik und im modellbasierten Problemlösen. In den Naturwissenschaften wurden keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Geschlechtern festgestellt.
Bei der Pisa-Erhebung 2025 wurde das modellbasierte Problemlösen erstmalig erfasst, neben dem selbstregulierten Lernen am Computer eine Teilkompetenz des Lernens in der digitalen Welt. Untersucht wurde, inwiefern Jugendliche Wissen, das sie sich beim Arbeiten mithilfe digitaler Werkzeuge und Methoden angeeignet haben, eigenständig anwenden können. Dabei geht es nicht primär um technische Kenntnisse, sondern um Denk- und Arbeitsweisen, die etwa beim Durchführen von Experimenten am Computer, beim Auswerten von Daten und Grafiken oder beim Erstellen und Nutzen von Computerprogrammen erforderlich sind. Hier erreicht etwa ein Viertel der Jugendlichen keine ausreichenden Basiskompetenzen, ein ähnlich großer Anteil erreicht aber auch die hohen Kompetenzstufen. Auch hier liegt Deutschland im internationalen Vergleich – also im Vergleich zu den EU- und OECD-Ländern – im Durchschnitt.
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) bezeichnete die Ergebnisse als „dramatisch“. „Zu viele Jugendliche erreichen nicht die erforderlichen Basiskompetenzen, die sie für ihren weiteren Bildungsweg brauchen“, so Prien. Gleichzeitig hänge der Bildungserfolg in Deutschland weiter viel zu stark von der sozialen Herkunft ab. Die Ergebnisse führten vor Auge, dass Bildung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Im Vergleich zum Pisa-Schock 2000 sei man aber besser vorbereitet. „Anders als damals kennen wir heute die Antworten und müssen sie konsequent und nachhaltig umsetzen. Mit dem Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz stärken wir deshalb die frühe Bildung, erkennen Förderbedarfe früher und unterstützen Kinder gezielt für einen guten Start vom ersten
Schultag an.“
Anna Stolz (CSU), Präsidentin der Bildungsministerkonferenz und Bayerische Staatsministerin für Unterricht und Kultus, bezeichnete die Ergebnisse von Pisa 2025 als „inakzeptabel“, überraschend seien sie jedoch nicht. Die Länder hätten bereits wichtige Maßnahmen ergriffen. Jetzt sei entscheidend, „diesen Weg mit aller Kraft fortzuführen, die Wirkung der Maßnahmen genau in den Blick zu nehmen und erfolgreiche Ansätze in die Breite zu bringen.“
„Von einem deutlichen Arbeitsauftrag“, sprach Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU). „Die PISA-Ergebnisse bestätigen einen Trend, den wir auch aus anderen Vergleichsstudien und Lernstandserhebungen wie VERA kennen. Auch wenn PISA keine Ergebnisse für Berlin ausweist, haben wir aus diesen Befunden längst Konsequenzen gezogen“, teilte die Senatorin mit. Entscheidend sei, früh anzusetzen: mit guter frühkindlicher Bildung, früher Förderung und gelingenden Übergängen in die Schule. „Mit unserer Qualitätsstrategie setzen wir diesen Ansatz entlang der gesamten Bildungsbiografie fort: Wir stärken die Basiskompetenzen, investieren in qualifizierte Lehrkräfte und entwickeln Schule und Unterricht konsequent datengestützt weiter“, sagte die Senatorin. Mit dem Startchancen-Programm würden zudem gezielt Schulen in herausfordernden sozialen Lagen unterstützt. „Und unsere Qualitätsstrategie setzt deutlich früher an – mit Willkommensgutschein und Kita-Chancenjahr, früher
Sprachförderung und einem verbindlichen Übergang in die Schule.“
Berlin mache „Schluss mit dem Prinzip Hoffnung“, so die Senatorin „Wir wollen wissen, wo unsere Schülerinnen und Schüler stehen, welche Förderung wirkt und wo wir nachsteuern müssen“, sagt Günther-Wünsch, die zugleich betonte, dass Maßnahmen Zeit brauchen, um zu wirken. „Wer heute in der Kita oder in der ersten Klasse ansetzt, kann die Wirkung nicht morgen bei Pisa ablesen.“
Dirk Zorn, Bildungsdirektor bei der Bertelsmann-Stiftung, nannte die Pisa-Ergebnisse „ernüchternd“. Da die Leistungen aber international zurückgegangen seien, warnte er vor Alarmismus. Sorgen bereite ihm aber die starke soziale Ungleichheit. „Ein Bildungssystem darf sich mit einem solchen Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg nicht abfinden.“ Er forderte bei der Umsetzung von Hilfsmaßnahmen mehr Konsequenz. Gute Bildung entstehe „durch verlässliche Ziele, bedarfsgerechte Ressourcen und gemeinsames Lernen aller Akteure über viele Jahre.“
Der Leiter der Vereinigung der Berliner Grundschulleitungen Guido Richter betonte im Tagesspiegel, dass „die frühkindliche Bildung als relevante Bildungszeit“ begriffen werden müsse. „Kindern, die aus den Kitas zu uns an die Grundschulen kommen, fehlen zunehmend existenzielle Basiskompetenzen, insbesondere im Bereich Sprache.“ Auch in der Motorik und der emotional-sozialen Entwicklung gebe es häufig große Schwierigkeiten. Richter forderte deshalb eine Stärkung der Grundschulen, etwa durch ein mittleres Management, wie es weiterführende Schulen haben, durch Medienpädagog/-innen, Psycholog/-innen und Gesundheitsfachkräfte sowie zusätzliche Stellen für die Schulsozialarbeit.