Mit dem Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer legt Berlin als erstes Bundesland eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung dazu vor, wie Lehrkräfte und Schüler/-innen Konflikte, Gewalt, Diskriminierung und Konformitätsdruck an Schulen wahrnehmen. Am Montag wurden erste Ergebnisse vorgestellt.
Gut vier von fünf Schüler/-innen der Klasse 6 und mehr als neun von zehn Schüler/-innen in Klassenstufe 9 haben in diesem oder letztem Schuljahr Gewalt durch Mitschüler/-innen erfahren. Dies geht aus dem Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer vor, das am Montag vorgestellt wurde. Das Spektrum der Gewalterfahrungen reicht dabei von verbaler Gewalt wie Beleidigen oder Anschreien, über soziale Gewalt wie Lästern, die Verbreitung von Lügen oder Ausgrenzungen bis hin zu körperlicher Gewalt – Schubsen, Schlagen, Treten oder Boxen und Verprügeln –, sexualisierter Gewalt wie sexistischen Kommentaren oder unangemessenen Berührungen sowie Erpressungen und Bedrohungen mit Waffen.
Ein Einblick in die Ergebnisse der befragten Neuntklässler/-innen veranschaulicht die Wahrnehmung unter Schüler/-innen: Die meisten Gewalterfahrungen gehen auf Lästern (71 %), Beleidigungen (63 %), Schubsen (61 %), Schreien (56 %) und Blamieren (49 %) zurück. Aber auch Mobbing (26 %), Schläge (25 %), sexistische Kommentare (20 %), Bedrohungen (16 %), unangemessene Berührungen (16 %) und Erpressungen (9 %) werden in der Schule erlebt. Fünf Prozent der Befragten berichten sogar von Bedrohung durch Waffen, vier Prozent davon, dass sie von Mitschüler/-innen verprügelt worden sind.
Auch Berliner Lehrkräfte nehmen die Gewalt unter Schüler/-innen zunehmend als ein großes (38 %) oder sehr großes Problem (18 %) wahr. Das zeigen die repräsentativen Ergebnisse des Berliner Konflikt- und Gewaltbarometers. 39 % des befragten Schulpersonals nehmen Gewalt als weniger großes Problem wahr, 4 % als gar kein Problem. Deutlich stärker betroffen sind Grundschulen, integrierte Sekundarschulen ohne Oberstufe sowie Gemeinschaftsschulen, weniger stark betroffen sind berufliche Schulen und Gymnasien. 61 % der befragten Lehrkräfte und pädagogisch Mitarbeitenden, die seit über fünf Jahren an ihrer Schule sind, sprechen von einer Zunahme der Gewalt an ihrer Schule.
„Die Befunde bestätigen Entwicklungen, die wir auch aus nationalen und internationalen Untersuchungen kennen. Vor allem der Schultyp spielt eine große Rolle, aber auch das Belastungsprofil der Schüler“, sagte der Leiter des Zentrums für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter Prof. Dr. Ullrich Bauer von der Universität Bielefeld. Auffällig sei zudem die hohe Gewaltbelastung und die sehr genaue Problemwahrnehmung des pädagogischen Personals. „Schulklassen sind zumeist nicht homogen, sondern es hängt von der Anzahl derjenigen ab, die gewaltförmig agieren.“
An Schulen, an denen das pädagogische Personal eine hohe Gewaltbelastung unter Schüler/-innen konstatiert, bindet der Umgang mit dieser Gewalt nach Einschätzung von 79 % des pädagogischen Personals so viele Ressourcen, dass der reguläre Schulbetrieb in hohem Maße leidet. Gleichzeitig bleibt an Schulen mit hoher Gewaltbelastung die Präventionsarbeit auf der Strecke. 27 % der befragten Pädagog/-innen gaben an, dass sie an ihrer Schule derart mit der akuten Bewältigung von Konflikten unter SchülerInnen beschäftigt sind, dass für Präventionsarbeit keine Zeit bleibt.
Ursächlich für die zunehmende Gewalt sind aus Sicht der Pädagog/-innen mangelnde Impulskontrolle und fehlende Frustrationstoleranz. Dies spiegelt sich auch in den Aussagen der befragten Schüler/-innen aus den Klassenstufen 9 und 12, denen zufolge sich Konflikte oft an Kleinigkeiten (42 %) oder Äußerlichkeiten (33 %) entzünden. 27 % können gar keinen Grund nennen. Aspekte wie Herkunft (16 %), Religion (7 %), die persönliche Position zum Gaza-Krieg oder dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine (7 %), Hautfarbe (6 %) oder sexuelle Orientierung bzw. Identität (4 %) spielten im Gesamtbild nur eine untergeordnete Rolle. „Innerhalb der potentiell davon betroffenen Gruppen haben solche diskriminierenden Gewaltformen aber eine sehr große Relevanz“, mahnen die Autor/-innen der Studie. Demnach berichten geschlechtlich diverse SchülerInnen fast zur Hälfte von einen Konformitätsdruck hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung bzw. Identität (48 %) und damit deutlich häufiger als männliche
(22 %) oder weibliche Schüler/-innen (28 %).
In der Zusammenfassung ihrer Ergebnisse sprechen die Autor/-innen von einer Normalisierung von Gewalt im Schulalltag. Viele Arten gewaltförmiger Interaktion wie Anschreien, Schubsen oder jemanden Auslachen würden von Schüler/-innen der Klassenstufen 9 und 12 mehrheitlich als unproblematisch empfunden. Zudem sehen die Autor/-innen weiteres Konfliktpotential durch unterschiedliche Toleranzschwellen – sowohl unter den betroffenen Schüler/-innen als auch zwischen Schüler/-innen und Lehrkräften. So zeige sich, dass Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeiter bestimmte Arten von Vorfällen, die von großen Teilen der Schüler/-innen als grenzüberschreitend empfunden werden, zum Teil als weniger gravierend einschätzen und deshalb nicht einschreiten. Über abwertende Kommentierungen von Äußerlichkeiten oder Beleidigungen sähe das Schulpersonal häufiger hinweg, „als es der Schwere der Grenzverletzung aus Sicht der Schülerschaft angemessen wäre“, heißt es in der Studie.
Die Autor/-innen empfehlen auf Basis der Befragungsergebnisse hingegen eine konsequente Umsetzung von klaren Regeln im Schulalltag. Deren konsequente Anwendung und Umsetzung seien wichtige Erfolgsfaktoren. An Schulen, an denen Gewalt unter Schüler/-innen als weniger großes oder gar kein Problem beschrieben wird, werde deutlich häufiger eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Gewalt verfolgt (48 %) als an Schulen, an denen das als sehr großes Problem wahrgenommen wird (23 %).
Katharina Günther-Wünsch, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, erklärte bei der Vorstellung der Studienergebnisse: „Die Ergebnisse dieser Studie sind ein deutliches Warnsignal. Wenn fast zwei Drittel der Lehrkräfte von einer Zunahme von Gewalt berichten und 80 % beobachten, dass Konflikte schneller eskalieren als noch vor wenigen Jahren, dann dürfen wir das nicht als normalen Schulalltag akzeptieren. Besonders besorgniserregend ist, dass viele dieser Entwicklungen bereits an Grundschulen sichtbar werden. Schule muss ein Ort des Lernens, des Respekts und der Sicherheit sein.“
Für das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer wurden 14.115 Schüler/-innen der Klassenstufen 6, 9 und 12 aus allen Schultypen schriftlich sowie 2.579 Lehrkräfte und pädagogisch Mitarbeitende über einen Online-Fragebogen zwischen November 2025 und Januar 2026 befragt. Auf Grundlage der Ergebnisse sollen konkrete Maßnahmen für mehr Sicherheit, Respekt und Zusammenhalt an den Berliner Schulen entwickelt werden. Dabei soll es vor allem um Prävention, Intervention und Repression gehen. Prävention, um Gewalt gar nicht erst entstehen zu lassen. Intervention, um Konflikte frühzeitig zu erkennen und wirksam einzudämmen. Und Repression dort, wo Grenzen überschritten werden und Gewalt nicht folgenlos bleiben darf.