Familien zur Selbsthilfe stärken, Herausnahme von Kindern vermeiden: Evaluation bestätigt Wirksamkeit des Familienrats

Pressemitteilung vom 14.08.2026

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie und das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf haben heute die Ergebnisse der Evaluation zum Familienrat in Marzahn-Hellersdorf vorgestellt. Das zentrale Ergebnis: Der Familienrat wirkt. Er hilft Familien dabei, in schwierigen Situationen gemeinsam Lösungen zu entwickeln und Unterstützung aus ihrem persönlichen Umfeld zu nutzen. Dadurch können Familien stabilisiert und Hilfen besser auf ihre Bedürfnisse abgestimmt werden. In einigen Fällen trägt der Familienrat dazu bei, eine stationäre Unterbringung zu vermeiden und den Verbleib der Kinder in ihrer Familie zu ermöglichen.

Katharina Günther-Wünsch, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie: „Der Familienrat zeigt, was gute Jugendhilfe leisten kann: Wir sprechen nicht über Familien, sondern finden gemeinsam mit ihnen Lösungen. Dabei stärken wir Eltern und Kinder und beziehen gezielt die Menschen ein, die ihnen nahestehen. So können Familien eigene Ressourcen nutzen und tragfähige Wege aus schwierigen Situationen entwickeln. Die Evaluation zeigt, dass dieser Ansatz wirkt: In 31 von 95 untersuchten Fällen konnte eine Herausnahme der Kinder aus ihren Familien vermieden werden, in 42 Prozent der Fälle wurden ergänzend professionelle Hilfen vereinbart. Diese Erfahrungen wollen wir für ganz Berlin nutzen. Unser Ziel ist es, den Familienrat in den Bezirken verbindlicher zu verankern und berlinweit einheitliche Qualitätsstandards zu schaffen.“

Gordon Lemm, Bezirksstadtrat für Jugend, Familie und Gesundheit in Marzahn-Hellersdorf: „Marzahn-Hellersdorf hat seit längerer Zeit einen hohen Bedarf an Unterstützung für Familien. Wir haben die meisten Alleinerziehenden, wir haben Regionen mit Armut und schlechter Bildung und sind der Bezirk, der als Jugendamt am meisten in Familien unterstützt. Seit längerer Zeit sehen wir uns als elternaktivierendes Jugendamt. Am erfolgreichsten ist es, wenn Familien von sich aus oder mit wenig Hilfe in der Lage sind, für das gute und gesunde aufwachsen unserer Kinder zu sorgen. Dazu trägt der Familienrat ganz explizit bei. Bevor wir mit externen Fachkräften in die Familien gehen oder sogar die Kinder aus Familien herausnehmen müssen, nutzen wir das Instrument des Familienrates und setzten dort an, wo die größten Bedarfe in der Lebensrealität unserer Familien sind. Wir versuchen die Ursachen zu bekämpfen, nicht nur die Wirkungen abzumildern. Das ist pädagogisch, ökonomisch und bildungspolitisch der beste Weg. Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen meines Jugendamtes, die diesen Weg mit uns gegangen sind und dazu beigetragen haben, den Familienrat zu einem Erfolgsprojekt für ganz Berlin werden zu lassen und der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie sowie der Senatsverwaltung für Finanzen, die uns auf diesem Weg finanziell unterstützen.“

Beim Familienrat entwickelt eine Familie gemeinsam mit Menschen, denen sie vertraut – etwa Verwandten, Freundinnen und Freunden oder anderen Bezugspersonen – einen Plan für die Lösung einer schwierigen Situation. Dabei wird sie von speziell qualifizierten Koordinatorinnen und Koordinatoren unterstützt. Das Jugendamt bleibt verantwortlich und stellt sicher, dass der Schutz und die Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt werden.

Im Bezirk Marzahn-Hellersdorf wurden im Zeitraum von Februar 2022 bis März 2026 insgesamt 567 Familien ein Familienrat angeboten. Die Evaluation untersuchte, wie der Familienrat auf Familien und junge Menschen wirkt, wie sich der Implementierungsprozess im Bezirk vollzogen hat, wie der Familienrat im Kontext des Kinderschutzes eingesetzt wird, welche fiskalischen Wirkungen sich zeigen und welche Gelingensbedingungen konturiert werden können.

Heinz Müller, Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz gGmbH (ism): „Der Familienrat ist mehr als eine weitere Methode: Er schließt eine häufige Lücke zwischen dem Alltag der Familien und professioneller Hilfe. Unsere Evaluation zeigt, wie Sorgen, Probleme und Konflikte in konkrete und verbindliche Vereinbarungen übersetzt werden. Diese werden von der Familie und ihrem sozialen Netzwerk erarbeitet; Fachkräfte unterstützen den Prozess und sichern den fachlichen Rahmen. Dadurch können Hilfen passgenauer und alltagsnäher werden. In geeigneten Fällen können stationäre Hilfen verkürzt oder auch vermieden werden. Der Familienrat ersetzt professionelle Hilfe nicht, sondern sorgt dafür, dass sie gezielter ansetzen kann. Gerade angesichts wachsender Hilfebedarfe ist das eine gute Nachricht und ein wichtiger Impuls für die strukturelle Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe auch bei knappen Kassen, weit über Berlin hinaus.“

Marzahn-Hellersdorf hat den Familienrat in den vergangenen Jahren gezielt gestärkt. Der Bezirk erhält dafür jährlich zusätzlich eine Million Euro aus dem Flexibudget. Seit Anfang 2026 können Familien zudem in der offenen Sprechstunde des Bezirksamtes einen Gutschein für einen Familienrat erhalten und sich damit direkt an das Familienratsbüro wenden. So können sie frühzeitig Unterstützung bekommen, bevor sich Probleme weiter verschärfen.

Die Nachfrage ist deutlich gestiegen: Bis Ende Juli 2026 gab es bereits mehr als 200 Anfragen. Für das gesamte Jahr rechnet das Jugendamt mit rund 400 Familienräten. Wartelisten gibt es derzeit nicht.

Wie der Familienrat ganz konkret helfen kann, zeigte sich bei der Vorstellung der Evaluation auch anhand einer Familiengeschichte aus Marzahn-Hellersdorf. In einer schwierigen Lebensphase entwickelte sie mit Unterstützung des Familienrats sowie von Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld einen gemeinsamen Plan. Die Situation konnte sich stabilisieren und für die Kinder wurde eine Lösung gefunden, die ihnen ein weiteres Zusammenleben mit ihrer Familie ermöglichte.

Familienräte gibt es bereits in zehn Bezirken: Friedrichshain-Kreuzberg, Pankow, Tempelhof-Schöneberg, Reinickendorf, Mitte, Steglitz-Zehlendorf, Lichtenberg, Treptow-Köpenick, Neukölln und Marzahn-Hellersdorf. Dafür stehen berlinweit mindestens 3,6 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung.

Die Evaluation zeigt zugleich weiteren Entwicklungsbedarf. Insbesondere Kinder und Jugendliche sollen im Familienrat noch verlässlicher beteiligt werden – durch altersgerechte Informationen, eine eigene Vorbereitung, bei Bedarf eine Vertrauensperson und nachvollziehbare Rückmeldungen zu ihren eingebrachten Wünschen und Sichtweisen.

Der vollständige Evaluationsbericht steht online https://www.berlin.de/sen/jugend/familie-und-kinder/hilfe-zur-erziehung/abschlussbericht_evaluation-familienrat-m-h.pdf als PDF zum Download bereit.