Elke Buchmann, Leiterin der bezirklichen Jugendverkehrsschulen in Reinickendorf, ist eine der Preisträger/-innen des diesjährigen Engagementpreises „Fahrrad Berlin“, der durch die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt vergeben wird. Sie wurde für Ihr langjähriges Engagement auf organisatorischer und pädagogischer Ebene ausgezeichnet. Wir sprachen mit ihr über die Bedeutung der Jugendverkehrsschulen für eine gelungene Mobilitätsbildung und Verkehrserziehung von Kindern.
Frau Buchmann, Sie leiten seit vielen Jahren die Reinickendorfer Jugendverkehrsschulen. Was genau bieten die Jugendverkehrsschulen (JVS) an?
Die Berliner Jugendverkehrsschulen bieten insbesondere auf den Rad- und Fußverkehr ausgerichtete Übungs- und Trainingsangebote für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene an. Der Parcours, wir nennen ihn auch den Schonraum, da er von der Umgebung abgegrenzt und damit sicher ist, ist dem realen Straßenverkehr nachgebildet. In unseren Jugendverkehrsschulen bieten wir neben Radfahr-, Tretroller- und Kettcar-Übungen für Kitakinder auch Fahrrad- und Tretrollertraining für Hortgruppen der Klassen 1 bis 4 an. In der 4. Klasse beziehungsweise in Förderzentren in der 6. Klasse kommen die Grundschulen für die klassische Radfahrausbildung zu uns, die die Kinder mit einer Radfahrprüfung abschließen. Darüber hinaus gibt es gezieltes Fahrradtraining für Schüler/-innen aus Willkommensklassen, die bereits zwischen 13 und 18 Jahren alt sind, sowie Pedelec-Kurse für Erwachsene und Senioren. Ebenfalls möglich sind Projekttage und Workshops zu verschiedenen Themen, Lehrkräftefortbildungen
oder auch gezieltes Schulwegtraining, wobei die Angebote von Bezirk zu Bezirk variieren.
Wie sieht eine gelungene Mobilitätsbildung und Verkehrserziehung Ihrer Erfahrung nach aus?
Die Jugendverkehrsschulen sind in der Regel der Ort im Bezirk für die Durchführung der praktischen Radfahrausbildung der Berliner Schulen. Wir stellen die erforderlichen Ressourcen bereit und begleiten die Ausbildung der Schüler/-innen. Mit theoretischen und praktischen Angeboten wollen wir ein sicheres, regelgerechtes, rücksichtsvolles, selbständiges sowie umwelt- und gesundheitsbewusstes Mobilitätsverhalten fördern. Damit konzentrieren sich die Jugendverkehrsschulen auf die gleichen Grundfähigkeiten und -fertigkeiten, die auch im Rahmenlehrplan der Schulen für das übergreifende Thema Mobilitätsbildung und Verkehrserziehung beschrieben werden. Auf diese Weise verknüpfen wir schulische und außerschulische Angebote unter einem Leitgedanken und betreiben praktische Verkehrssicherheitsarbeit mit unseren Partnern, insbesondere der Polizei. Ich würde mir im Sinne der Fragestellung wünschen, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene in regelmäßigen Abständen in den Jugendverkehrsschulen
mit dem Rad Verkehrssituationen üben – quasi im Sinne eines lebenslangen Lernens. Um das am Ende umsetzen zu können, müssten allerdings erst die Ressourcen der Jugendverkehrsschulen erweitert werden.
Gerade in einer Großstadt wie Berlin ist eine fundierte Verkehrsausbildung enorm wichtig. Welche Kompetenzen brauchen Kinder in Berlin und wie lassen sich diese am besten vermitteln?
Jugendverkehrsschulen konzentrieren sich in erster Linie auf den Fuß- und Radverkehr. Für eine Teilnahme am Straßenverkehr ist es sehr wichtig, dass die Kinder motorische Fähigkeiten und Fertigkeiten auf dem Fahrrad entwickeln, dass Radfahren lernen und dieses sicher beherrschen. Nur eine „Automatisierung“ des Fahrens ermöglicht eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr und macht den Kopf frei für die Verkehrsregeln.
Hier kann man schon sehr früh im Kita-Alter ansetzen, und das nicht nur bei uns in den Jugendverkehrsschulen, sondern auch mit den Eltern auf abgesperrten Arealen, auf dem Schulhof oder an anderen geeigneten Orten. Das Engagement der Eltern ist in diesem Zusammenhang enorm wichtig. Sie haben eine entscheidende Rolle als Helfende und Vorbilder und entwickeln sich so oft gemeinsam mit ihren Kindern zu sicheren Verkehrsteilnehmern. Wichtig ist allerdings: Nicht auf der Straße üben! Viele Eltern wissen nicht, dass Kinder bis zur Vollendung des achten Lebensjahres auf dem Fußweg fahren müssen, es sei denn es gibt einen baulich von der Fahrbahn getrennten Radweg.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Schulen und Kindertageseinrichtungen?
Die Zusammenarbeit mit Kitas und Schulen bei uns im Bezirk ist sehr gut. Das Thema Verkehrserziehung ist fester Bestandteil der Bildungsarbeit in den Berliner Schulen und das unabhängig von temporären Förderprogrammen. So kommen z.B. alle Grundschulen für die praktische Radfahrausbildung in die Jugendverkehrsschulen ihres jeweiligen Bezirkes. Auch in den meisten Kitas ist Verkehrserziehung vorgesehen.
Die Verkehrssicherheitsberater der Berliner Polizei unterstützen Schulen zusätzlich bei der Radfahrausbildung. Arbeiten Sie als Jugendverkehrsschule mit weiteren außerschulischen Partnern zusammen?
Die Polizei ist unser wichtigster Partner bei der Radfahrausbildung. Des Weiteren kooperieren wir mit Mitarbeiter/-innen des freien Trägers Schildkröte GmbH, der Landesverkehrswacht und dem BUND.
Vielerorts lassen sich mit Segways und E-Scootern neue Fahrzeugtypen beobachten, die sich gerade bei Jugendlichen großer Beliebtheit erfreuen. Gibt es vonseiten der Jugendverkehrsschulen auch in diesem Zusammenhang Angebote zum Verkehrssicherheitstraining?
Segway-Angebote finden in unseren Jugendverkehrsschulen wegen mangelnder Nachfrage und erheblichen Lern- und Kostenaufwands nicht statt. Ab Sommer 2025 bieten wir aber E-Scooter-Kurse für Interessierte ab 14 Jahren bei uns in Reinickendorf an.
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In Berlin gibt es über die Bezirke verteilt insgesamt 25 Jugendverkehrsschulen. Sie leisten einen entscheidenden Beitrag dazu, gerade Kinder und junge Menschen darauf vorzubereiten, sich sicher und umsichtig im Berliner Straßenverkehr zu bewegen. Allein im Jahr 2024 konnten die Jugendverkehrsschulen mehr als 300.000 Besucher/-innen begrüßen.